Vea Kaiser, Zadie Smith, Judith Hermann: Marketinginstrument „Fräuleinwunder”

Vea Kaiser, Zadie Smith, Judith Hermann: Marketinginstrument „Fräuleinwunder”

Was wurde aus dem literarischen "Fräuleinwunder“, das vor Jahren den deutschen Buchmarkt überstrahlte? Die sexismusnahe Vermarktung junger Schriftstellerinnen hält an.

Neulich im Internet: In einem Blog diskutieren deutsche User, wie man sich in einem Wiener Café richtig zu verhalten habe. Darf man die traditionelle Anrede "Herr Ober“ und "Fräulein“ denn noch verwenden? Wenn der "Herr“ einen Frack trägt und das "Fräulein“ eine Schürze, dann dürfe man das, findet einer der Diskutanten. Eine andere Kaffeehausgeherin meint, ihr gefalle ein lockeres, neutrales "Tschuldigung!“ deutlich besser.

„Das ist Ihr Problem”
Brennende Fragen wie diese lässt man inzwischen gern von Benimm-Profis klären. Etikette-Experte Thomas Schäfer-Elmayer formulierte es im Vorjahr im deutschen Wochenblatt "Die Zeit“ auf die Frage, ob "Fräulein“ denn nicht diskriminierend klinge, folgendermaßen: "Das ist Ihr Problem; sagen Sie ‚Hallo!‘ oder ‚Entschuldigung!‘ - und das Fräulein lässt Sie in der Ecke schmoren.“ Eine erstaunliche Diskussion angesichts der Tatsache, dass der Ausdruck "Fräulein“ für eine unverheiratete Frau im Beamtendeutsch bereits 1971 gestrichen wurde.

„Fräuleinwunder”
Noch Anfang der Nullerjahre wurde ausgerechnet der altbackene Begriff "Fräuleinwunder“ zum Dauerbrenner: zu einem Schlagwort, mit dem Verlage Werbung machten und den Journalisten eifrig rauf und runter beteten. Lieblich arrangierte Bilder von hübschen jungen Autorinnen wurden in Serie angefertigt. Sie zierten Buchumschläge und Verlags-Websites. Sie begannen dermaßen inflationär zu werden, dass man sich ernsthaft fragen musste: Was war zuerst da, das vielversprechende Bild oder das interessante Buch? Es war ein deutscher Kritiker, der den Begriff "Fräuleinwunder“ 1999 in einer Sammelbesprechung im deutschen Magazin "Der Spiegel“ prägte. Volker Hage lobte, dass junge Schriftstellerinnen "weniger verzagt und umstandskrämerisch als ihre männlichen Kollegen“ arbeiteten. Er attestierte Literatinnen wie Karen Duve, Judith Hermann oder Nadine Barth eine "poetische Unbefangenheit“, eine neue Lust am Erzählen, die man sonst nur aus dem angelsächsischen Raum kannte. In der Folge wurden zahlreiche Autorinnen in diesen Topf geworfen, Hauptsache jung, egal, welchen Stil sie pflegten, welche Themen sie behandelten: von Zoë Jennys lakonischen Familiengeschichten bis zu Jenny Erpenbecks altkluger Großmutter-Recherche, von Julia Francks Prosa, die in der Kritik als besonders sinnlich wahrgenommen wurde, bis zu Alexa Hennig von Langes verquasselten Party-Exzess-Beschreibungen.

Kein Nischenprodukt mehr
Entscheidend war nur eines: Deutsche Literatur verkaufte sich plötzlich wieder, sie war kein Nischenprodukt mehr. Sogar das Mainstream-Medium Fernsehen hatte Gefallen an Literaturdiskussionen gefunden, die vorher als Ladenhüter galten. Der Dauerbrenner "Literarisches Quartett“, erstmals 1988 ausgestrahlt, brachte eine starke Meinung zur Gegenwartsliteratur bequem an den Endverbraucher. Überraschung für alle Beteiligten: Mit Literatur konnte man Quote machen. Der "Fräuleinwundertrend“ markierte punktgenau den Aufbruch in ein neues Medienzeitalter: Eine nie geahnte Bilderflut, die sich auch über das Internet zu verbreiten begann, veränderte die Literaturlandschaft nachhaltig. Im Rückblick mag die damalige Aufregung rührend erscheinen, heute sind Facebook und andere Onlineforen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber in den Nullerjahren überforderte diese mediale Lust an unverbrauchten neuen Literaturgesichtern viele Künstlerinnen.

Orientierungslose Großstadt-Bohémiens
Bei keiner Autorin ließ sich das besser beobachten als bei der Berlinerin Judith Hermann, die gerade 28 war, als sie mit ihrem Debüt "Sommerhaus, später“, einer Elegie über orientierungslose Großstadt-Bohémiens, schlagartig berühmt wurde. Großkritiker Marcel Reich-Ranicki lobte ihr Schreiben im Fernsehen überschwenglich als den Sound einer Generation. Auf dem Buchumschlag konnte man ein malerisches Schwarzweißfoto Hermanns sehen, das ihr Image als verträumte, melancholische Autorin, die wie aus der Zeit gefallen wirkte, zementierte. Die femme fragile, schön, zart und müde, stand hoch im Kurs. Jahre später, nach einer längeren Schreibpause, meinte Hermann, sie habe sich damals in der "merkwürdigen Zwangssituation“ befunden, diesem Bild entsprechen zu müssen. Es sei die schrecklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Ein Besucher habe im Rahmen einer ihrer Lesungen zu ihr gesagt, es sei schön, sie tatsächlich auf dem Podium sitzen zu sehen, denn auf ihrem Autorenfoto sehe Hermann nämlich aus, als wäre sie schon lange tot. Rückblickend musste die Autorin zugeben, ihr sei damals gar nicht bewusst gewesen, dass ein simples Foto den Blick der Leser und Medien dermaßen lenken könnte.

„Boom der Bildlichkeit”
Mittlerweile ist diese Art von Naivität freilich unvorstellbar: Sekundenschnell lässt sich inzwischen von fast jedem, ob prominent oder gänzlich unbekannt, im Internet ein Bild googeln. Es gilt schon als eher suspekt, wenn jemand keine Details aus seinem Privatleben öffentlich preisgibt. "Meine Generation ist mit dem Boom der Bildlichkeit groß geworden“, sagt etwa die österreichische Autorin Vea Kaiser, Jahrgang 1988, die mit ihrem Debüt "Blasmusikpop“ 2013 enormes Medienecho auslöste. "Ich verstehe auch, dass Leser und Buchhändler Labels brauchen. Der Konsument vor dem Kühlregal will schließlich wissen, wo die Leichtmilch, wo die Buttermilch, wo die laktosefreie Milch steht. Das ist in der Literatur nicht anders.“ Kaiser sieht das pragmatisch: "Es gibt wahnsinnig viele junge Autorinnen und Autoren. Ob sich jemand durchsetzen kann, entscheidet sich nicht nur zwischen den Buchdeckeln. Wir leben nun einmal in einer personifizierenden Gesellschaft.“

„Wunderkind der österreichischen Literatur”
In den 1990er-Jahren steckte die Praxis der Eingliederung von Literatur in eine allumfassende Marketingmaschinerie noch in den Kinderschuhen. Junge Autorinnen waren von den Umbrüchen am stärksten betroffen. Mit ihnen ließ sich am besten Werbung betreiben. Das musste jedenfalls Bettina Galvagni erfahren, eine Südtiroler Autorin, die mittlerweile als Ärztin in Paris lebt. Ihr erster Roman, "Melancholia“, wurde als autobiografische Krankengeschichte eines magersüchtigen Mädchens gelesen, als das hypochondrische Tagebuch einer sensiblen Schülerin. Sie wurde als "Wunderkind der österreichischen Literatur“ gefeiert. Sogar die eher puristische Literaturzeitschrift "Manuskripte“ zeigte 1997 ein Foto der blutjungen Autorin als durchsichtige Schmerzensfrau. Die "Süddeutsche Zeitung“ schrieb tatsächlich: "Diese Frau ist keine gewöhnliche Frau, aber sie ist sehr schön.“ Galvagni sorgte für jenen Medienhype-Super-GAU, der stets dann eintritt, wenn sich starke autobiografische Verbindungen zwischen einer Autorin und ihrem Erzählstoff herstellen lassen. Ähnlich ging es Judith Hermann ein paar Jahre später: Ihre traumverlorene Selbstinszenierung passte perfekt zum somnambulen Schwebezustand ihrer Figuren. Bingo!

„Authentizitätsbomben”
Autorinnen werden in solchen Fällen zu "Authentizitätsbomben“, wie der deutsche Kritiker Andreas Schäfer zu "Melancholia“ in der "Berliner Zeitung“ schrieb. Karen Duve, einst selbst Vorzeige-"Fräuleinwunder“, entzog sich diesen Labels geschickt: Sie wechselte mit jedem Buch das Genre und die öffentliche Pose. Zeigten sie ältere Bilder noch frech im Bademantel vor einer Bücherwand, posiert sie seit ihrem Ernährungsselbstversuch "Anständig essen“ gemütlich mit Hühnern auf dem Sofa. Freilich änderten sich in den vergangenen Jahren Bilder und Themen: Auf die Fräuleins folgten die "Literaturluder“ - der deutsche TV-Kritiker Denis Scheck rief 2003 diesen Trendwechsel aus, den die dauergrinsende Charlotte Roche mit ihren "Feuchtgebieten“ (2008) auf die Spitze trieb. Statt der verträumten jungen Damen inszenierte sich hier ein freches Viva-Girl, das sich kein Blatt vor den Mund nahm. Sogar "Bild“-Zeitungsleser blieben vom Roche-Dauerfeuer nicht verschont. "Reich dank Sex-Buch - So ekelt Charlotte Roche ihr Konto voll“, titelte das - von der Autorin oft heftig opponierte - Boulevard-Blatt rachelüstern.

Junge Autorinnen setzen sich heute zwar entspannter medial in Szene, sonderlich viel Lust, Erwartungshaltungen zu brechen, ist aber nicht zu beobachten. Vea Kaiser posiert auf der Website des Verlags Kiepenheuer & Witsch in einem Sommerkleid auf grüner Wiese. Ein Zufall, meint die Autorin, man habe verschiedene Orte ausprobiert, dieses Foto sei am schönsten geworden. Die Angst vor falscher Außenwahrnehmung sei für sie ohnehin kein Thema. "Bevor mein Debüt erschien, meinte der Autor Maxim Biller zu mir, die Öffentlichkeit sei wie ein Spiegel auf dem Rummelplatz“, erinnert sich Kaiser: "Einer der Spiegel zieht dich in die Breite, der andere streckt dich, der nächste macht dich schöner. Ich beschäftige mich deshalb nicht allzu sehr mit meinem Image.“

Dennoch sind gerade junge, attraktive Literatinnen vor unangenehmen Überraschungen auch heute nicht gefeit. Die britische Schriftstellerin Zadie Smith, Jahrgang 1975, galt lange als eine Art "britisches Fräuleinwunder“. Der Roman "White Teeth“ (2000, auf Deutsch: "Zähne zeigen“) machte sie international berühmt. Ihr jüngstes Werk, "London NW“, das gerade auf Deutsch erschienen ist (Kritik siehe Kasten), wurde in England mit viel Lob bedacht. Mit Vorurteilen hat die Autorin aber nach wie vor zu kämpfen. Erst jüngst ereiferte sich Smith öffentlich über den Frauenhass im Literaturbetrieb. Medien unterstellen ihr bisweilen immer noch gern, dass sie viel zu hübsch sei, um künstlerisch Herausragendes leisten zu können. Judith Hermann hatte einst von Reich-Ranicki den Rat bekommen, ja kein Kind zu kriegen, denn Mütter würden literarisch nichts mehr zustande bringen.

Viel scheint sich zumindest an dieser Front nicht getan zu haben. Auch in der US-Zeitschrift "The Atlantic“ wurde Künstlerinnen kürzlich empfohlen, maximal ein Kind zu planen, sollten sie ihre Kreativität behalten wollen. Nachwuchs und Schreiben, das gehe unter keinen Hut. Smith, selbst Mutter von zwei Kindern, konterte: "Dickens hatte zehn Kinder - und ich glaube, bei Tolstoi war es ähnlich. Verschwendet eigentlich irgendjemand einen Gedanken daran, ob Männer wie diese zu sehr in ihrer Vaterrolle aufgehen könnten, um weiterhin tolle Autoren zu sein?“