„Schulz & Böhmermann“: Um Kopf und Kragen

Schulz und Böhmermann. Stakkatoartiges Dauerplaudern.

Schulz und Böhmermann. Stakkatoartiges Dauerplaudern.

Wer nicht aufpasst, kommt unter die Räder: Die ZDFneo-Plaudersendung „Schulz & Böhmermann“ führt äußerst amüsant vor, wie TV-Talksendungen funktionieren.

Es wird geredet. Viel, viel geredet. Manchmal fliegen die Wörter wie Granatsplitter durch den Sendesaal. Im Geschäft der TV-Talkrunden wird die Suche nach der richtigen Phrase zur Schlacht, die Rede zum Krieg. Als Zuseher kann man nur froh sein, dass die 3D-Technik aus dem Kino noch nicht im einfachen TV-Geschäft angekommen ist. Man müsste doch glatt in Deckung gehen. Bei der neuen Talksendung von Olli Schulz und Jan Böhmermann wird nicht nur geredet, als würde es um Kopf und Kragen gehen, sondern auch möglichst viel geraucht und getrunken. Eine Flasche Whisky steht auf dem Tisch, ein paar Aschenbecher sowie alte Stabmikrofone.

Und hier soll alles anders sein?

Mit der Gesprächsendung „Schulz & Böhmermann“ versuchen der Satiriker Böhmermann (34) und der Singer/Songwriter Schulz (42), ein wenig Chaos und Anarchie in das Fernsehen der gleichförmigen Promi- und Befindlichkeits-Plauderrunden zu bringen. Fast zwanzig Talkshows gibt es aktuell im deutschen Fernsehen.
Und hier soll alles anders sein? Runder Tisch, verdunkeltes Studio, ein loses Thema; dazu Gäste, die etwas zu erzählen haben. In der ersten Folge geben sich Ex-Wettermoderator Jörg Kachelmann, der Gangsta-Rapper Kollegah und der Arzt-Hochstapler Gert Postel die Klinke in die Hand. Dazu gibt es keine fixe Redezeit. Wer nicht aufpasst, kommt unter die Räder – oder wird eben nicht gehört. In der ersten Folge erwischt es Anika Decker, die wohl kommerziell erfolgreichste Drehbuchautorin Deutschlands („Keinohrhasen“), eiskalt. Bei soviel Plapperwahnsinn wird sie zur leisen Zuseherin, und die Talksendung zur Ego-Show.

Für Jan Böhmermann, der im Öffentlich-rechtlichen donnerstags auch die Satire-Show „Neo Magazin Royal“ laufen hat, dient das gute, alte Fernsehen ohnehin nur als Hebel. Böhmermann, der letztes Jahr mit seinem Varoufakis-Stinkefinger-Coup das Schlüsselereignis im deutschen Fernsehen produziert hat, weiß ganz genau, dass die jüngeren Zuseher ohnehin lieber die TV-Schnipsel auf YouTube ansehen, als am Sonntag Abend vor der Glotze zu hängen. Das Fernsehen ist tot, sagt er immer wieder mit einem Augenzwinkern. Dass er mit seinem Kollegen Schulz jetzt nur auf der Fernseh-Spielwiese ZDFneo herumtollen darf, dürfte ihn nicht weiter stören.

Schulz und Böhmermann. Einfach mal die Klappe halten.

Das stakkatoartige Dauerplaudern von Schulz und Böhmermann hat Methode. Im Radio sind die beiden seit 2012 jeden Sonntag zu hören. In „Sanft und Sorgfältig“, der aktuell wohl besten deutschen Radiosendung, trainieren sie Woche für Woche für den Ernstfall. Auch hier geht es um die Banalitäten des Alltags. Kochen, Fernsehen, Kinder, Kita, die Medien, „Bild“-Zeitung, „Dschungelcamp“ und, natürlich, Musik. Aber weil die beiden ganz genau wissen, dass sich im Alltag auch das große Ganze, die Welt im Kleinen widerspiegelt, geht es eben auch um die Fragen: Wie wollen wir leben? Wie gehen wir mit den aktuellen Herausforderungen um? Was passiert mit den ganzen Flüchtlingen? Kann man nach Paris und Köln noch ohne schlechtes Gewissen eine Satiresendung im Radio bringen? Kommt zuerst das Fressen, oder doch die Moral?

Ganz neu ist die Idee vom Anarcho-Talk nicht. Jan Böhmermann hat sich bereits 2012 mit der Ex-Moderatorin und Autorin Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) in der Disziplin des unerhörten Wettredens gematched. Nach zwei Staffeln war aber Schluss. Angeblich hat es zwischen den beiden Ego-Talkern nicht gefunkt. Persönliche Differenzen, so hört man, die nicht mal ein paar begehrte Fernsehpreise (unter anderem der Deutsche Fernsehpreis) aus dem Weg räumen konnten.

Genau dieser Gegenpart fehlt dann auch an manchen Stellen bei „Schulz & Böhmermann“. Eine Stimme, die den einstündigen Talktrip einordnet, kanalisiert und auch manchmal auf den Boden bringt. Olli Schulz redet sich in Rage, während Böhmermann versucht, den halbwegs seriösen Journalisten zu mimen. Die Autorin Sibylle Berg, die aus dem Off die Gäste vorstellt, verschafft dem Zuseher zumindest ein wenig Zeit, das Gehörte einzuordnen.

Was ist ein gutes Gespräch? Schulz und Böhmermann liefern dazu keine Antworten. Dennoch geht das Konzept der beiden Buddies auf, da die Gesprächsrunde viel näher an einer gemütlichen Plauderei mit Freunden ist. Bei „Schulz & Böhmermann“ werden keine Floskeln bedient, keine Pressemappe heruntergebetet und auch keine Klatschpausen eingehalten. Es werden Fehler gemacht, man verspricht sich und schneidet kritische Szenen einfach raus. Am Ende steht die Erkenntnis, dass nicht jeder Satz eine Pointe braucht.

Und wenn es eben mal nichts zu sagen gibt, kann man auch einfach mal die Klappe halten.

"Schulz & Böhmermann" , sonntags, 22:45 auf ZDFneo

Schulz & Böhmermann