Zwischen Kunst und Vandalismus: Street Art in Österreich

Zwischen Kunst und Vandalismus: Street Art in Österreich

Graffiti-Künstler erregen in Österreichs Städten Aufsehen – und oft massiven Unmut. Die Szene ist klein, aber hochaktiv. Eine Spurensuche zwischen Kunst und Vandalismus, Legalität und Kriminalität.

Von Hannah Schifko

Wenn die Straßenbahn mit der Nummer 67 die Wiener Raxstraße passiert, sieht man das Monument zum ersten Mal. Wie eine Festung blitzt es hinter Schrebergartenhäuschen und Heckengrün hervor, wie würfelförmiges Katzengold baut es sich vor einem auf, wird größer, sperriger, immer wuchtiger, um bei der Haltestelle Sahulkastraße schließlich in seiner glanzlosen Pracht zu erstrahlen: der Karl-Wrba-Hof, jener Gemeindebau, den man auch „Senfkistl“ nennt – ein verwinkelter, verschachtelter Komplex aus den 1980er-Jahren, mit Balkonen, Terrassen und Türmen, mittendrin ein Kindergarten, eine Volksschule, mehrere Arztpraxen. Eine Stadt in der Stadt, mit 3000 Einwohnern in bis zu achtstöckigen Flachbauten: außen senfbraun, innen senfbraun, dazwischen betongrau und etwas grasgrün – Farben, gegen die sich zu behaupten nicht einfach ist. Im Bewohnerzentrum des Gemeindebaus hat man es mehrmals versucht, hat ein paar Wände rot, grün und blau streichen lassen. Ohne große Wirkung.

„Man wird sie nie aus der Stadt bekommen“
Zwei junge Männer wollen das nun ändern. Sie nennen sich El Jerrino und StoneOne. Seit Wochen erdenken die beiden Graffiti-Künstler Motive, brüten über Skizzen, schleppen Sprühdose um Sprühdose in den Hof. Ihr Auftrag scheint simpel: Sie sollen eine graue Wand bemalen, sechs Meter hoch, 14 Meter breit – eher unscheinbar, wäre da nicht ein schwarzer Schriftzug: Das mysteriöse Wort „Goldenberg“ – möglicherweise die Reviermarkierung einer Gang aus Innerfavoriten – steht da zu lesen, in hastig hingeschmierter Kalligrafie. „Hässlich“ findet manch Anrainer dies, für „Vandalismus“ halten es die Eigentümer. Andere nennen es Kunst. Am Thema Graffiti scheiden sich auch 2014 noch die Geister. An dieser Wand wird vieles, was über Malerei im öffentlichen Raum gesagt, gedacht und geschrieben wird, wieder virulent: Sie steht für die Diskrepanz zwischen legalem und wildem Sprayen, auch für die Kommerzialisierung der Street Art und für die Kontroversen, der sich die Stadtverwaltungen seit Jahrzehnten immer wieder stellen müssen. Soll das unerlaubte Anbringen von Graffiti kriminell sein? Sind diese Bilder Kunst oder Nichtkunst, Ausdruck bloßer Egomanie oder soziale Botschaft? Die Genres Street Art und Graffiti sollte man übrigens nicht miteinander vermischen: Die visuell komplexere, auch mit Pinseln, Stickern oder Postern produzierte, oft geradezu skulpturale Straßenkunst geht über den aus den New Yorker Ghettos importierten Graffiti-Stil weit hinaus.

Für Nicholas Platzer, Inhaber der Wiener Street-Art-Galerie „Inoperable“, sind Graffiti wie Autos: „Man wird sie nie aus der Stadt bekommen.“ Seit sieben Jahren holt der gebürtige Amerikaner deshalb Künstler wie „Numskull“ aus Sydney oder „EVER“ aus Buenos Aires nach Wien, zahlt ihnen Flug, Logis und Farbe – und lässt sie im Gegenzug Wände bemalen. Auf Messen erzielen solche „Murals“ mittlerweile erkleckliche Preise. Der renommierte britische Street-Artist Banksy verkauft seine Werke ab 150.000 Euro. Das Genre, das der Kulturwissenschafter Dieter Schrage noch „Volkskunst“ nannte, ist zur Hochkultur avanciert; Graffiti finden sich in Galerien, sie dienen Städten als Marketing-Tool, zur Gentrifizierung, auch als Gelegenheit, Fassaden zu renovieren oder als Schutz vor Taggings, den meist banalen Signaturen geltungsbedürftiger Sprayer.

In Wien findet man Graffiti-Kunst aber nicht nur in den hippen Bobo-Vierteln. Im zehnten Bezirk etwa, wo auch der Karl-Wrba-Hof steht, haben Platzer und seine Geschäftspartnerin Nathalie Halgand einiges vor. Für sie gibt es im öffentlichen Stadtraum nur zwei Möglichkeiten: Werbeplakat oder Mural. Platzer und Halgand wollen durchaus Geld mit der Straßenkunst verdienen. Deshalb sind Messen wie die Kölner Blooom oder die Münchner Stroke ihre nächsten Ziele. Die städtische Service-Einrichtung Wohnpartner Wien verfolgt mit der Street Art einen weniger kommerziellen Plan. Er entstand, als Wohnpartner-Leiter Josef Cser einst ratlos vor einer tristen Mauer stand. Eine nachhaltige Begrünung war zu teuer, so entschied sich Cser für ein großes Mural. Warum? „Um eine zeitgemäße Kunstform zu fördern“, sagt er. Aber auch, um mehr Akzeptanz für den Umgang mit der Sprühfarbe zu erwirken. Denn die Aerosoldose ist vorbelastet, wird meist mit jung, cool und illegal verbunden.

Das „Recht auf Stadt“
Den Kriminalitätsstempel brauchen El Jerrino und StoneOne nicht. Sie bieten neben praktischer Wandbemalung auch Sprüh-Workshops für die Bewohner an. „Da lernt man, dass das nicht jeder kann“, sagt Cser. Für den Stadtforscher Markus Maicher, der an der Wiener TU lehrt, haben derartige Projekte viel Potenzial, vor allem, wenn es darum geht, das „Recht auf Stadt“ einzufordern. „Solche Aktionen können dazu beitragen, einen multi-symbolischen Raum zu schaffen, welcher der Heterogenität der Stadtbevölkerung viel eher gerecht wird als gereinigte, homogene Räume“, sagt der Soziologe Maicher. Wandkunst sei zwar ein demokratisierendes Element, im Gegensatz zu digitalen Medienfassaden aber kommerziell schwer nutzbar. Dabei will die Street Art oft nur ein Kunstmoment für den Augenwinkel sein. So sehen das auch El Jerrino und StoneOne. Sie stehen vor „ihrer“ Wand, beginnen mit Malerrollen weiße Striche aufzutragen. Jedes Bild braucht ein Gerüst. Für die Nachbarn und Passanten gibt der erste Arbeitsschritt wenig her. Um dem klassischen „Was soll das einmal werden?“-Misstrauen vorzubeugen, klebt der fertige Entwurf des Gemäldes am schwarzen Brett des Wohnpartner-Zentrums – gleich neben der Eingangstür zum Müllraum: Malerei in Hellgelb, Orange, Weinrot und Violett, mit bräunlichen Senfklecksern und etwas Schwarz-Weiß darin. Eine Sprühdose spuckt Farbziegel in Richtung Himmel, sie verwandeln sich unterwegs in klobige Quader. Das Bild erinnert an die würfelförmige Architektur der Wohnsiedlung.

Eine Nachbarin mit zwei Hunden bleibt in der Nähe der Maler stehen. „Ich warte auf das Endergebnis“, sagt die Dame etwas skeptisch. Sie möchte wissen, ob die Künstler noch genug Farbe haben, um all die Tags an den anderen Wänden verschwinden zu lassen. „Ghetto 10“ ist eines davon, „Real Eyes, Realize, Real Lies“ ein anderes. Was die Wände des Gemeindebaus erzählen, klingt aufgeladen, oft untergriffig. „Tina ist eine Schlampe“, ist da zu lesen, anderswo wurde ein „Rapid Ultras“-Tag durchgestrichen.

Der Graffiti-Forscher Thomas Northoff studiert seit vielen Jahren alles, was an Hausmauern, Klotüren und Parkbänken geschrieben steht. Er weiß, dass Graffiti auch eine Frage der Zeit sind. „Wer in den 1980er-Jahren all die Wandsymbole und -worte studierte, konnte an ihnen nicht nur den Rechtsruck in der Bevölkerung ablesen, sondern auch die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien“, erklärt der Ethnologe. Graffiti gab es schon im alten Pompeji oder um 1900, als die Wiener Toilettenfrau Wetti Himmlisch Latrinensprüche sammelte, die ihre Kundinnen dem stillen Örtchen hinterließen. Sie sind Spiegel des jeweiligen Zeitgeschehens, aber auch die Sprache der Ausgeschlossenen, der Unterdrückten – und Widerstand gegen die Verregelung der Welt.

Der Besitzer des Lebensmittelgeschäfts im Wrba-Hof bekundet Interesse an einem künstlerischen Werk, das seine Ladenfassade vor lästigen Tags schützen soll. „Wie viel kostet so etwas?“, will er von StoneOne wissen, während dieser – Kapuze auf dem Kopf, Farbspritzer an der Hose – eine Zigarette raucht. Wer denkt, Sprayer seien eine homogene Gruppe oder nur eine Bande von „Lausbuben“, wie Michael Braun, Pressesprecher der ÖBB-Holding, konstatiert, vergisst, dass Graffiti wie Rockmusik sind. Sicher, es gibt den jungen Abenteurer, der sich nach Adrenalin sehnt und seinen Namen in der ganzen Stadt lesen will. Aber ebenso bemalen gestandene Männer und sogar ein paar Frauen mit ganz seriösem Berufsleben in ihrer Freizeit Wände oder U-Bahnen. In Wien gibt es rund 30 Menschen, die sich das verbotene Hobby des Sprühens antun – abseits der zahlreichen Graffiti-Touristen und legalen Maler. Als Freizeitbeschäftigung ist das Sprayen mit Stress verbunden. Denn die Graffiti-Kunst wird in Wien immer weniger toleriert, deutliches Zeichen dafür: die Null-Toleranz-Politik der Wiener Linien und der ÖBB.

„Die Polizei hat das sicherlich erlaubt, oder?“
Das Phänomen Puber unterstreicht diese Entwicklung. So nennt sich der vielleicht bekannteste Sprayer Wiens, der durch die tausendfache kunstlose Reproduktion der fünf Buchstaben seines Namens zur Persona non grata wurde. Er sitzt seit mehreren Wochen wegen Sachbeschädigung in U-Haft. Für den Stadtforscher Markus Maicher stellt sich jedoch die Frage, was genau beschädigt wurde: das jeweilige Objekt selbst oder vielmehr die politische Kontrolle des öffentlichen Raums? Die Maler im Senfkistl machen sich darüber momentan keine Gedanken. Sie übermalen das „Goldenberg“-Tag, erläutern nebenbei einer Traube euphorischer Wrba-Kids ihre Sprühtechnik. Sie arbeiten anders als wilde Sprayer, die oft sehr schnell vorgehen müssen, ihre Schauplätze lange ausspähen, dabei nie etwas Strafbares bei sich tragen, um nicht verdächtig zu wirken. Graffiti sind selten Ergebnis spontaner Aktionen, bedürfen langer Planung und eines soliden Teams, das sich ohne Geräusche etwa in den Schächten der U-Bahn zu orientieren versteht. Wer dabei erwischt wird, muss mit Haft und hohen, manchmal existenzbedrohenden Strafen rechnen.

„Da wurde bei manchem schon ein Mittelklassewagen fällig“, weiß Michael Braun von der ÖBB-Holding. Das Bahnunternehmen gibt für Übermalungsarbeiten jährlich 1,2 Millionen Euro aus. Darin inkludiert: Reinigung, Personalkosten, Zugausfälle und -überstellungen. Als Gegner urbaner Kunst verstehen sich die Eisenbahner dennoch nicht. Derzeit wird ein 170 Quadratmeter großes Street-Art-Werk am neuen Wiener Hauptbahnhof installiert – ein Bild von „The Stencil Network“ und „Stinkfish“. Jeden nicht legitimierten Graffiti-Fall aber verfolgen die ÖBB ebenso wie die Wiener Linien, wenn es sein muss, bis vor Gericht. In jüngster Zeit häufen sich die Anzeigen – ein Problem, das man mit Videoüberwachung, Kontrollgängen und Aufklärungskampagnen eindämmen will. Andererseits schaffen Graffiti urban-kreative Identität. Bestes Beispiel: der Donaukanal, wo legales Malen an einigen (mit der Wiener Taube gekennzeichneten) Wänden erlaubt ist. Die modische Flaniermeile mit Strandbars, Joggern und Sportplätzen findet sich in vielen Reiseführern. Was mit den Wandarbeiten am Kanal passieren wird, ist noch unklar. Die Architektin Gabu Heindl, die für Wiens Canal grande ein Entwicklungsleitbild erarbeitete, weiß bis jetzt nur so viel: „Wir haben nicht vor, Graffiti-Wände wegzunehmen, auch die historische Setzung von Murals entlang der U4-Linie soll beibehalten werden.“ Mehr Information gibt es dazu aber noch nicht. Das Magistrat prüft.

Im Karl-Wrba-Hof sind die Nachbarn skeptisch, wie lange ihr neues Wandprunkstück, das Mitte Juni präsentiert werden soll, bestehen wird. Manch einer ahnt schon die nächste „Goldenberg“-Attacke. Ein junger Mann kann es gar nicht mehr erwarten. „Warum können wir nicht sprühen?“, fragt er El Jerrino und StoneOne. Und einer seiner Freunde stellt die nicht unwichtige Frage: „Die Polizei hat das sicherlich erlaubt, oder?“

+++ Lesen Sie hier: „Puber hat uns geschadet“ - Ein Gespräch über Sucht-Kicks, Mal-Drang und Kunstwertvernichtung +++

Foto: Peter M. Mayr