Acht Wege durch ein dunkles Jahrzehnt

Abschied von einer Ära: 9/11 hat die Welt verändert wie kaum ein anderer Terroranschlag zuvor in der Geschichte. profil folgt den Biografien von Menschen, deren Schicksal die historischen Dimensionen des 11. September 2001 und seiner Folgen widerspiegelt.

Es war einmal: 9/11. Soll, kann, darf man das sagen – nur zehn Jahre nach einem Terroranschlag, der seinesgleichen in der Geschichte sucht?

Die Attentate des 11. September 2001 haben drei Kriege ausgelöst: zwei davon, jene in Afghanistan und im Irak, fanden tatsächlich statt; der dritte, jener zwischen dem Islam und der westlichen Welt, zumindest in Millionen von Köpfen. Die Attentate führten zu einem globalen Wandel des Gesellschaftsklimas, der seinen Ausdruck unter anderem im Aufstieg des Anti-Islamismus und in einem schleichenden Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte fand. Sie bereiteten letztlich aber auch den Boden für den arabischen Frühling. Sie haben die Welt so tief greifend und nachhaltig erschüttert, dass für ihre Bedeutung das Prädikat „historisch“ durchaus angebracht ist.

Zehn Jahre danach ist die Ära von 9/11 dennoch zu Ende: Osama Bin Laden, der Auftraggeber der Anschläge – tot. Der Krieg gegen den Terror – abgeschlossen. Der Islamismus – ein Auslaufmodell. Der Kampf der Kulturen – abgesagt, ehe er begonnen hatte.

Zum ersten Mal kann 9/11 als abgeschlossene Geschichte erzählt werden. profil begleitet acht Personen, von denen die Epoche geprägt oder deren Leben von den Ereignissen mitgerissen wurde, durch das Jahrzehnt des Terrors. In ihren Biografien spiegeln sich Wucht, Schicksalhaftigkeit und ­Absurdität eines globalen Dramas.

Dienstag, 11. September 2001
Wien, Österreich

Als sie am Nachmittag aus der Schule nach Hause kommt, läuft im Wohnzimmer der Fernseher. Mutter, Vater und Geschwister sitzen davor, sie sind aufgewühlt: Der Bildschirm zeigt keine der üblichen Nachmittagsserien, sondern verstörende Filmsequenzen, immer und immer wieder – Explosionen, einstürzende Hochhäuser, sterbende Menschen. Die Nachrichten sind voll von Opferzahlen und Mutmaßungen über die Täter: Das, was später mit der Chiffre „9/11“ beschrieben wird, bohrt sich als Endlosschleife unaufhaltsam in die Welt der Migrantenfamilie aus dem dritten Wiener Gemeindebezirk.

Sie ist 14 Jahre alt und besucht die fünfte Klasse des Gymnasiums Hegelgasse. Eine ältere Schwester wohnt in San Francisco, die Familie hat auch Verwandte in New York. Aus einem weiteren Grund fühlt sich das Mädchen von den Ereignissen betroffen: Schon bald ist die Rede davon, dass muslimische Terroristen für die Katastrophe verantwortlich seien. Der Vater, ein ägyptischer Einwanderer und Muslim, hat seinen Glauben an die Kinder weitergegeben. Tägliche Gebete, der Ramadan, der Hadsch nach Mekka, all das ist Teil des Familienlebens. Sollte ihre Religion eine Quelle grausamer Gewalt sein?

Sie ist schockiert und verwirrt. Abends liegt sie lange wach, die Ereignisse im fernen Amerika gehen ihr nicht aus dem Kopf. Sie weiß noch nicht, dass ihr 9/11 ein paar Jahre später sehr, sehr nahe sein wird – und sie dafür ins Gefängnis gehen muss.

Ihr Name: Mona S.

*

Sarasota, Florida, USA

Er hat den Tag begonnen wie immer. In der Bibel lesen, danach eine Runde laufen, anschließend Frühstück und ein Blick in die Zeitungen. Dann ist er mit einigen Mitarbeitern zusammengesessen und hat sich über die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunden informiert. Nichts deutet an diesem Tag auf eine unmittelbar drohende Gefahr hin, er macht sich auf den Weg zu einer Volksschule, in der er eine Ansprache halten soll. Knapp vor der Ankunft erfährt er, dass ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Center gerast ist. Noch glaubt er an einen tragischen Unfall.

Knapp 20 Minuten später ist alles anders. Während er im Klassenzimmer sitzt, flüstert ihm ein Mitarbeiter ins Ohr, dass ein zweites Flugzeug im Südturm des Gebäudes explodiert ist.

„Mein Blut kochte“, wird er später schrei­ben. „Wir würden herausfinden, wer das getan hatte – und ihm in den Arsch treten.“

Dieses Bedürfnis bestimmt sein Handeln die nächsten acht Jahre lang. Danach bleibt ihm letztlich eine Hoffnung: dass ihm die Geschichte in ferner Zukunft irgendwann doch Recht gibt.

Sein Name:
George W. Bush

*

Provinz Khost, Afghanistan

Es ist früher Abend im Osten Afghanistans, und er ärgert sich, dass der Fernseher nicht funktioniert. Seine Freunde haben das Gerät extra in die Berge geschleppt, weil er die Nachrichten mit ihnen hier, in aller Abgeschiedenheit, verfolgen will. Und jetzt nützt alles Fummeln an der Satellitenschüssel nichts: Der Bildschirm zeigt nur weißes Rauschen.

Das Radio muss einspringen; hier findet einer seiner Freunde schließlich gegen halb sechs Uhr Ortszeit den arabischen Service der BBC. Dort läuft ein Bericht vom ersten Einschlag im World Trade Center. Die Männer jubeln, preisen Allah und fallen einander in die Arme. Nur er bleibt ruhig. „Geduld“, sagt er – wissend, dass das erst der Anfang ist.

An diesem Abend sieht er sich als Feldherr am Beginn eines weltweiten Feldzugs, der in einem Sieg des Islam über den Westen enden wird. Dieser Feldzug wird tatsächlich stattfinden, allerdings ganz anders, als er sich das ausmalt. Knapp zehn Jahre danach liegt er tot am Grund des Indischen Ozeans.

Sein Name: Osama Bin Laden

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New York City, USA

Ein paar Stunden nach den Anschlägen irrt sie weinend durch Manhattan: Ihr Verlobter, ein Investment-Banker, hatte sein Büro in der 104. Etage des Südturms, sie selbst arbeitet für die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Statt nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs sofort loszurennen wie seine Kollegen, hat er sie angerufen: Es gehe ihm gut, sagte er ihr. Ob er für Bloomberg einen Augenzeugenbericht liefern könne, fragte sie. Kurz darauf wurde der Südturm vom zweiten Flugzeug ge­troffen.

Jetzt verteilt sie auf der Straße kopierte Zettel mit dem Foto des Vermissten an Passanten.

Journalisten werden auf die verzweifelte junge Frau aufmerksam, sie wird fotografiert und selbst zur Story: Ein berührendes Foto, das die „New York Post“ veröffentlicht, geht um die Welt.

Anders als viele Angehörige von 9/11-Opfern verschwindet sie nicht in der Anonymität. Sie bleibt der Öffentlichkeit auf sehr seltsame Weise erhalten – unter anderem im Zusammenhang mit einem Sexskandal, der die USA erschüttert.

Ihr Name: Rachel Uchitel

*

Kairo, Ägypten

Er weiß genau, was er zu tun hat. Im September 2001 ist er schon fast 20 Jahre lang an der Macht, und er will es noch sehr lange bleiben. Am Tag nach den Anschlägen wendet er sich an sein – mehrheitlich muslimisches – Volk und an die USA, seinen Verbündeten. Er verurteilt die Attentate und alle Formen des Terrors. Außerdem spricht er US-Präsident George W. Bush und dem amerikanischen Volk sein Beileid aus.

Seine Bedeutung als westlicher Verbündeter in der muslimischen Welt steigt in der Folge. Den Machtzuwachs nutzt er, um die Repression gegen Islamisten im eigenen Land zu erhöhen – von ihnen fühlt er seine Herrschaft am stärksten bedroht. Dass die Gefahr für sein Regime nach 9/11 aus einer anderen Richtung kommt, bemerkt er dabei nicht.

Sein Name: Hosni Mubarak

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Sarajevo,
Bosnien-Herzegowina

Er hat sein Karate-Training für diesen Tag beendet und plaudert mit seinen Teamkollegen im Coffeeshop des Fitnesscenters im Zentrum Sarajevos, in dem er Kampfsport betreibt. Der Fernsehapparat läuft – ohne Ton. Auf dem Bildschirm sieht er, wie ein Flugzeug in ein Hochhaus kracht. Ein Film, denkt er. Die Gespräche gehen weiter. Auch die anderen im Lokal sehen die Szene. Auch sie reagieren nicht. Niemand ist aufgeregt.

Als der 31-jährige bosnische Com­putertechniker algerischer Herkunft abends nach Hause kommt, schaltet er, wie jeden Abend, den Fernsehapparat ein, um die Nachrichten auf dem arabischen Fernsehkanal Al Jazeera zu sehen: auch da jene Katastrophensequenz, die er im Gym für eine Spielfilmsequenz gehalten hat. Aber Al Jazeera ist ein Nachrichtensender. Er zappt zu anderen Sendern, auf CNN, auf BBC. Überall die gleiche Szene in Endlosschleife, dann in sich zusammensackende Türme, Sterbende. Da weiß er: Das ist nicht Fiktion. Er kann es immer noch nicht fassen. Alles wirkt so unwirklich. Islamistische Terroristen sollen die monströsen Attentate begangen haben, wird berichtet. Er glaubt das nicht und sagt seiner Frau: „Für Muslime sind solche Mordtaten verboten. Ein Muslim macht so etwas nicht.“

Er ahnt noch nicht, dass der Flugzeuganschlag von New York unmittelbare und gravierende Auswirkungen auf sein Leben haben wird: Sieben Jahre wird er in Einzelhaft auf der Karibik-Insel Kuba verbringen.

Sein Name: Mustafa Ait Idir

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Langley, USA

Sie ist eine aufstrebende Agentin beim amerikanischen Geheimdienst CIA. Sie hat zahlreiche Geheimoperationen im arabischen Raum geleitet und gilt als Expertin auf dem Gebiet der Nichtverbreitung von Atomwaffen. Als das dritte von islamischen Terroristen gekaperte Flugzeug um 9.37 Uhr ins US-Verteidigungsministerium in Washington rast, sitzt sie wahrscheinlich gerade hinter ihrem Schreibtisch im CIA-Hauptquartier in Langley, keine 13 Kilometer vom Pentagon entfernt.

Ihre Aufgabe besteht darin herauszufinden, ob der irakische Diktator Saddam Hussein tatsächlich über ein Atomwaffenprogramm verfügt. Zwei Jahre später wird die Agentin zum Opfer eines von neokonservativen Politikern und Think Tanks aufgeheizten Wahns der nationalen Einheit, dem zu diesem Zeitpunkt selbst die kritischen, liberalen Medien erliegen. Die Agentin verliert ihren Job und wird in der Öffentlichkeit als Amerika hassende Anti­patriotin abgestempelt.

Ihr Name: Valerie Plame

*

Alexandria, Ägypten

Zwei Stunden lang starrt der 15-jährige Junge fassungslos auf den Fernsehapparat. Bis heute glaubt er nicht, dass hinter dem Anschlag vom 11. September 2001 muslimische Terroristen steckten. „An diesem Tag waren viel mehr Leute auf Urlaub als sonst. Vielleicht wussten viele schon, was passieren wird.“ Und: „Bin Laden hat sich nie zu dem Anschlag bekannt. Da ist so viel nicht geklärt.“ Er verachtet nicht die Amerikaner, sondern die Politik der
US-Regierungen, vor allem jene von George W. Bush.

Zehn Jahre später wird der angehende Anwalt auf die Straße gehen, um gegen den Langzeitherrscher Hosni Mubarak und für mehr Demokratie im Land zu demonstrieren. Er reist in die Hauptstadt Kairo, hilft mit, die Massenproteste auf dem Tahrir-Platz zu organisieren. Gemeinsam mit Millionen anderen Ägyptern wird er das Regime stürzen – und damit die Ära 9/11 ein für alle Mal beenden.

Sein Name:
Mohammed El Dokhimsky

*

Mustafa, die Hölle
und ein versteckter Terrorist

Drei Tage war Mustafa unterwegs, von Sarajevo über die nordbosnische Stadt Tuzla und eine US-Militärbasis in der Türkei bis Guantanamo. Als er am 22. Jänner 2002 im US-Gefangenenlager auf Kuba ankommt, hat er starke Nierenschmerzen. In der Türkei musste er, an Füßen und Händen gefesselt, stundenlang fast nackt auf verschneitem Boden sitzen. Als ihm nach drei Tagen zum ersten Mal die Augenbinden und Ohrenschützer abgenommen werden, befindet er sich – wie viele andere Männer auch – in einem kleinen Käfig. Er uriniert Blut. „Einige hatten den Arm gebrochen, andere ein Bein“, erinnert er sich. In den darauf folgenden sieben Jahren wird er gefoltert und gefühlte 500-mal verhört. Was ihn an diesen Ort der Qualen gebracht hat, bleibt Mustafa lange Zeit verborgen.

Mustafa, 1970 in eine wohlhabende Berber-Familie in Algier geboren, hat Computertechnik studiert. Er spricht mehrere Sprachen: Berberisch, Arabisch, Französisch und Englisch. Später auch Serbokroatisch. Er ist seit Mitte der neunziger Jahre bosnischer Staatsbürger, hat eine bosnische Muslimin geheiratet, mit der er zum Zeitpunkt seiner Festnahme zwei kleine Kinder – Mohammed und Hamsa – hat. Ab 1997 ­arbeitet er in Sarajevo bei einer arabisch finanzierten Hilfsorganisation. Sein letzter Arbeitgeber ist Taibah, eine von saudischen Universitätsangehörigen in Washington gegründete Hilfsorganisation. Nebenbei arbeitet Mustafa, der den schwarzen Karategürtel trägt und dalmatinischer Meister wird, als Trainer.

Am 17. Oktober 2001, etwas mehr als einen Monat nach 9/11, läutet es um Mitternacht an seiner Tür. Bosnische Polizisten und drei Beamte der Interpol stehen mit einem Durchsuchungsbefehl draußen. Sie beginnen, die Wohnung auf den Kopf zu stellen, suchen nach Waffen. Sie nehmen mit: Papiere, Computer-DVDs, alle Handys der Familie. Nach zwei Stunden Arbeit ziehen sie ab. Ein bosnischer Polizeioffizier kommt kurze Zeit später zurück und sagt, Mustafa müsse mitkommen, man habe noch ein paar Fragen, dann werde man ihn nach Hause bringen – nach Hause bringen werden ihn bosnische Sicherheitsbeamte erst sieben Jahre danach.

Was man ihm konkret vorwirft, ist ihm zunächst nicht klar. Es geht um weitere fünf Muslime, von denen er einige kennt, andere nicht. In der amerikanischen Botschaft sind in diesen Tagen Bombendrohungen eingegangen. Kamen sie von Mustafa und seinen Freunden? Im Verlauf der Verhöre wird offenbar, dass man ihn noch anderer Missetaten verdächtigt: Mitglied von Al Kaida zu sein, mit der algerischen Terrorgruppe GIA im Bunde zu stehen und die Absicht gehabt zu haben, nach Afghanistan zu reisen, um dort mit den Taliban und den Anhängern Bin Ladens gegen die Amerikaner zu kämpfen. Für nichts von alledem können die bosnischen Untersuchungsbehörden seriöse Hinweise finden. Auf die Frage an eine Untersuchungsrichterin, warum er nicht sofort freikomme, habe diese ihm geantwortet: „Dieser Fall ist größer als Sie.“

Die Richterin behält Recht. Mustafa bleibt in bosnischer Haft. Dann, Anfang Jänner, heißt es: Er sei unschuldig. Dar­auf wird er entlassen. Dass dies aber nicht das Ende seines Leidenswegs sein werde, ahnt Mustafa bereits im bosnischen Gefängnis. Dort darf er fernsehen. Am Tag seiner Enthaftung sieht er die Nachrichten des bosnischen TV: Sein Anwalt sagt vor einer Menschenmenge, die auf die Freilassung von Mustafa wartet, dass die Amerikaner den Algerier nach Guantanamo bringen wollen. Kaum hat er seine Zelle verlassen, kommen mehrere Personen in der Uniform der bosnischen Spezialeinheit der Polizei auf ihn zu. Drei von ihnen sprechen amerikanisches Englisch. Sie nehmen ihn fest. Jetzt beginnt seine „Reise in die Hölle“, wie Mustafa im Rückblick sagt.

Osama Bin Laden ist inzwischen die Flucht gelungen, aber es war knapp. Bereits Anfang Oktober 2001 haben US-Spezialeinheiten mit Militäroperationen in Afghanistan begonnen, in der Folge ­wurden seine bisherigen Schutzherren, die Taliban, von der Macht vertrieben. Ende 2001 waren amerikanische Truppen dem Al-Kaida-Gründer in den Höhlen von Tora Bora in Ostafghanistan dann so dicht auf den Fersen, dass er bereits sein Testament aufsetzte. „Ich habe die Sorgen und Nöte aller Muslime auf meine Schultern geladen“, schreibt er darin. Dann verlor sich seine Spur jedoch.

In Wien leidet Mona S. immer mehr darunter, dass der Islam in ihren Augen schlechtgemacht wird. Sie findet es dumm, dass mit Afghanistan ein ganzes Land bombardiert wird, nur um einen Mann zu finden. Sie ist gegen den Krieg und beginnt, in Zeitungen und am Computer ihres Bruders alles über den Islam und den Krieg gegen den Terror zu lesen. Sie nimmt an Antikriegsdemonstrationen teil. Die junge österreichische Muslimin erfährt ihre politische Prägung.


George, eine Invasion und Schüler als Verschwörungstheoretiker

„Am Mittwoch, 19. März 2003, begab ich mich in ein Meeting, von dem ich gehofft hatte, das es nicht notwendig sein würde“, schreibt US-Präsident George W. Bush über jenen Tag, an dem er dem Irak den Krieg erklärte. „Für den Weltfrieden und zum Nutzen und für die Freiheit des irakischen Volks gebe ich hiermit Befehl, die Operation Iraqi Freedom auszuführen“, zitiert ihn das Protokoll des Weißen Hauses.

Tatsächlich hat Bush, angestachelt von den Neokonservativen in seinem Kabinett, lange auf diesen Augenblick hingearbeitet. Schon kurz nach 9/11 wies er das Verteidigungsministerium an, Kriegspläne für den Irak zu entwerfen. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Motiven, die den US-Präsidenten treibt: Strategische und energiewirtschaftliche Gründe zählen ebenso dazu wie die aus ideologischer Verblendung entstandene Überzeugung, Amerika sei verpflichtet und imstande, der Demokratie im Nahen Osten zum Durchbruch zu verhelfen – notfalls mit Waffen­gewalt.

Bush ist seiner Sache sicher. Hat er erst einmal eine Entscheidung getroffen, gibt es kein Zurück mehr. Mit der Invasion, die im März 2003 anläuft, drängt er sein Land zunächst aber nur in einen verlustreichen Krieg, der nicht nur Tausende Soldaten und Zehntausende Zivilisten das Leben kostet, sondern die USA auch eine Menge Reputation.

Der Ansehensverlust rührt vor allem daher, dass die Bush-Administration auf der Suche nach einer Rechtfertigung für den Einmarsch die durch nichts zu beweisende Behauptung in die Welt gesetzt hat, die Saddam-Diktatur verfüge über Massenvernichtungswaffen und sei bereit, sie einzusetzen.

„Wer nicht für uns ist, ist für den Terrorismus“, sagte Bush unmittelbar nach 9/11. Im Juli 2003 muss CIA-Agentin Valerie Plame schmerzlich erfahren, dass das Weiße Haus diese Drohung ernst gemeint hat. Als sie die „Washington Post“ aufschlägt, findet sie sich dort vor aller Welt als CIA-Agentin geoutet. Es ist eine Racheaktion, weil ihr Mann – ein Diplomat – in der „New York Times“ die Geschichte von Saddams Atomwaffen angezweifelt hat.

In Alexandria diskutiert Mohammed mit seinen Schulkameraden über 9/11: Sie vermuten eine westliche Verschwörung dahinter.

Valerie, ein Outing und ein Gefolterter in Guantanamo

Am 14. Jänner 2004 beginnt in Washington, D. C., ein Strafprozess, an dessen Ende einige der mächtigsten Mitarbeiter der Bush-Regierung zu Gefängnisstrafen verurteilt werden oder zurücktreten müssen. Angestrengt hat ihn ­Valerie Plame, eine ehemalige CIA-Agentin und Expertin für Nuklearwaffenhandel.

Gegen alle Widerstände will sie herausfinden, wer sie enttarnt hat. Als Quelle gab der Autor des „Washington Post“-Artikels „zwei Regierungsbeamte“ an. Warum aber soll ausgerechnet die US-Regierung ihre eigenen Agenten outen? Rache scheint das einzig plausible Motiv: Valerie Plame ist verheiratet mit Joseph Wilson, einem Ex-Botschafter unter Bill Clinton. Wilson widerlegte in einem Artikel für die „New York Times“ die Behauptung von Präsident Bush, Saddam Hussein habe im Niger Uran für den Bau von Massenvernichtungswaffen kaufen wollen. 2002 war Wilson im Auftrag der CIA in den Niger gereist, um diese Gerüchte zu überprüfen – er fand dort keinen einzigen Beweis dafür und schrieb das auch in der „New York Times“. „Wir sind damals durch die Hölle gegangen“, sagt Valerie Plame im Interview mit profil. „Wir bekamen Droh­anrufe, wurden als Amerika hassende Kommunisten beschimpft. Ich hatte Angst um unsere Kinder.“

Das Ehepaar beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen, und fordert eine Untersuchung. Die Spur führt direkt ins Weiße Haus, zu Vizepräsident Dick Cheney, seinem damaligen Stabschef Lewis „Scooter“ Libby und zu Karl Rove, dem engsten politischen Berater des Präsidenten Bush. „Fast alle US-Medien haben am Anfang ihre demokratische Aufgabe nicht wahrgenommen und blind wiedergegeben, was die Regierung behauptete“, erzählt Plame.

Das Gerichtsverfahren signalisiert auch den Beginn eines gesellschaftlichen Umbruchs in den USA. Immer mehr Amerikaner beginnen, ihrem ­Präsidenten zu misstrauen, und hin­terfragen den von ihm angezettelten Krieg gegen den Terror. Und die liberalen US-Medien bemühen sich plötzlich mit Hochdruck, all jene Recherchen nachzuholen, die sie – im Banne ­nationaler Einheit und Sicherheit – seit 9/11 unterlassen haben. Die Chef­redaktion der „New York Times“ entschuldigt sich am 26. Mai 2004 dafür, zahlreiche Regierungsberichte über den Irak-Krieg unhinterfragt übernommen zu haben.

In Wien hat Mona die Modeschule abgebrochen und sich in eine Abendschule eingeschrieben. Der Islam wird immer wichtiger in ihrem Leben. Sie betreibt eine Art Privatstudium, liest im Internet Texte von Gelehrten und tauscht sich in Foren mit Gleichgesinnten aus. Schließlich genügt ihr das Kopftuch nicht mehr. Eine echte Muslimin müsse sich ganz verschleiern, erklärt sie ihrer Familie. Sie besorgt sich einen Niqab, den Gesichtsschleier. Mona, inzwischen 17 Jahre, war einmal ein aufmüpfiges Mädchen, das früher gern auch die Schule schwänzte. Jetzt ist sie das, was man eine religiöse Fundamentalistin nennt.

In Madrid kommen bei einer Serie von Anschlägen auf Nahverkehrszüge 191 Menschen ums Leben. Der islamistische Terror, scheint es, hat Europa erreicht.

In Guantanamo wird Mustafa misshandelt. „Ich habe Folter erlebt“, sagt er heute und zeigt dem Besucher seine linke Hand. Der kleine Finger steht ab. „Den haben sie mir gebrochen.“ Eines Tages – Mustafa hat in der Isolationshaft jedes Gefühl für Zeit verloren – kommt ein Mann vom Bewachungspersonal in die Zelle und sprüht ihm ein Betäubungsmittel ins Gesicht. Als er aufwacht, liegt er, die Hände am Rücken gefesselt und mit einer Kette an die Füße gebunden, seitlich auf dem Boden. Die linke Gesichtshälfte ist auf den Schotter gepresst. Ein Wärter springt mit dem Knie auf seine rechte Gesichtshälfte. Mustafa wird sofort ohnmächtig. Wieder bei Bewusstsein, stellt er fest: Eine Seite ist gelähmt. Beim Trinken rinnt ihm die Flüssigkeit unkontrolliert aus dem Mund. Geblieben sind ihm bis heute ein taubes Gefühl von den Füßen bis zum Kopf und eine Beeinträchtigung des Bewegungsapparats. Ein Arzt stellt fest: Einige Nervenstränge wurden zerstört.

George W. Bush kandidiert in diesem Jahr zum zweiten Mal als Präsident. Der Krieg im Irak droht nach einem anfänglichen Erfolg zum Desaster zu werden, der Folterskandal von Abu Ghraib fliegt auf. „Ich fühlte mich beschissen, wirklich beschissen“, wird er später in seinen Memoiren schreiben. Im Wahlkampf spielt der „Krieg gegen den Terror“ eine untergeordnete Rolle. Es geht vor allem um „God, guns and gays“ (Gott, Waffen und Schwule), die religiöse Rechte stärkt Bush den Rücken.

Eine Woche vor der Wahl setzt Osama Bin Laden eine neue Drohung ab: Er verspricht den USA ein „weiteres Manhattan“. George W. Bush gewinnt überlegen gegen seinen demokratischen Herausforderer John Kerry.


Hosni, die ­Diktatur und eine Wienerin mit Schleier

24 Jahre: Das ist das Durchschnittsalter in Ägypten. Im Jahr 2005 ist Hosni Mubarak seit genau 24 Jahren an der Macht. Millionen seiner Landsleute haben nie etwas anderes kennen gelernt als die Herrschaft des ehemaligen Luftwaffenoffiziers, der 1981 Staatspräsident von Ägypten geworden ist. Seit diesem Jahr gilt im Land der Ausnahmezustand, allgegenwärtige Sicherheits- und Geheimdienste halten jede Opposition gnadenlos nieder.

Wenn es nach Mubarak geht, soll sich das auch nicht ändern; dafür steht zu viel auf dem Spiel, nicht nur politisch, sondern auch finanziell. Die Kleptokratie, zu der sein Clan und der Klüngel um ihn herum verkommen sind, müsste um ihr Vermögen bangen und möglicherweise auch um ihr Leben. Damit ist Mubarak kein Einzelfall in der arabischen Welt. Andere Langzeitmachthaber wie Ben Ali in Tunesien oder Bashar al-Assad in Syrien befinden sich in einer ähnlichen Situation.

Mubarak weiß aber, dass er im Gegensatz zu ihnen auf einen wichtigen Vorteil bauen kann. Er gilt nicht nur als unverbrüchlicher Verbündeter der USA, sondern auch als verlässlicher Partner Israels. Um Ägyptens Status als stabilen Faktor in der Region nicht zu gefährden, sieht ihm die internationale Gemeinschaft vieles nach.

9/11 passte Mubarak ausgezeichnet ins ideologische Konzept. Bereits zuvor pflegte er seine autoritäre Herrschaft mit der Gefahr zu rechtfertigen, die von islamistischen Gruppen ausgehe. Der Terror in den USA diente ihm als Beweis für die Richtigkeit seines Vorgehens. In mehreren Interviews nach dem 11. September behauptete Mubarak gar, seine Geheimdienste hätten die USA vor einem Mordanschlag auf Präsident Bush gewarnt.

Nach außen hin sitzt Mubarak fest im Sattel. Seinem Machtapparat ist aber nicht verborgen geblieben, dass sich im Land etwas zusammenbraut. Das Regime versucht, durch vorgebliche Demokratisierungsschritte Druck abzubauen. Mubarak lässt bei der für September 2005 anberaumten Präsidentschaftswahl erstmals Gegenkandidaten zu, stellt aber gleichzeitig sicher, dass sie keine Chance haben. Die Wahl, die im September 2005 abgehalten wird, verläuft wie geplant. Die Proteste der internationalen Gemeinschaft gegen offenkundige Manipulationen bleiben sehr verhalten.

Währenddessen hat sich Rachel Uchitel äußerlich stark verändert. Die hübsche Frau stylt sich jetzt als „Knockout Party-Girl“ (die Zeitung „The Daily Mail“). Sie zieht nach Las Vegas und wird „VIP host“ in dem Nachtklub „Tao“. Sie kümmert sich demnach um die nicht näher definierte Zufriedenheit prominenter Gäste und wird angeblich die bestbezahlte Mitarbeiterin dieser Art.

In London sterben bei Bombenanschlägen in öffentlichen Verkehrsmitteln am 7. Juli 2005 insgesamt 56 Menschen.

In Wien verlässt Mona S. das Haus inzwischen nicht mehr ohne den Gesichtsschleier. Im Internet stößt sie auf Gruppierungen, die sich dem Widerstand verschrieben haben. Es sind ­dschihadistische Organisationen, die unter „Widerstand“ oft das verstehen, was man üblicherweise als „Terror“ bezeichnet.

Mona, der Terror und späte Genugtuung für eine Agentin

Am frühen Morgen des 12. September 2007 bricht eine Spezialeinheit der Wiener Polizei die Tür zu jener Wohnung auf, in der Mona S. sechs Jahre zuvor 9/11 erlebt hat. Die Beamten verhaften die mittlerweile 20-Jährige, gleichzeitig wird auch ihr Ehemann Mohammed in Gewahrsam genommen. Der Verdacht ist schwerwiegend: Das Paar soll in Kontakt mit der Al Kaida stehen.

Mona hat Mohammed über das Internet kennen gelernt. Unter dem Eindruck der Militärinterventionen im Irak und in Afghanistan hatte sie beschlossen, „den Menschen in den Kriegsgebieten zu helfen und etwas für den Widerstand zu tun“. Sie übersetzt Texte aus dem Internet aus dem Englischen ins Deutsche, „um der Öffentlichkeit klarzumachen, wie es dem Volk im Irak geht“. Die Pamphlete veröffentlicht sie auf der Webseite der „Globalen Islamischen Medienfront“ (GIMF), einer Art Online-Nachrichtenagentur, die der Al Kaida nahesteht.

Eines Tages wird Mona von Mohammed kontaktiert, der ihre Übersetzungen gelesen hat. Er ist wie Mona Muslim, in Österreich geboren und ägyptischer Abstammung. Was beide nicht wissen: Die Polizei observiert längst ­Mohammeds Computer mittels einer geheimen Überwachungssoftware. Der 21-Jährige wird verdächtigt, für ein Drohvideo verantwortlich zu sein, das im März 2007 dem ORF zugespielt wurde. Darin wird Österreich aufgefordert, seine – insgesamt drei – Soldaten, die als Verbindungsoffiziere an der Militär­intervention in Afghanistan teilnehmen, abzuziehen.

Mona, das Mädchen, das als 14-Jährige ungläubig auf die Bilder der Terroranschläge gestarrt hatte, ist in extremistische Kreise geraten und vielleicht selbst zur Extremistin geworden.

Die Aufregung ist groß. „Jetzt wissen wir, dass der Terror nicht nur näher gerückt, sondern in Österreich angekommen ist“, schreibt die „Kronen Zeitung“. Der Fall wird in den darauffolgenden Monaten zum Beweis dafür hochstilisiert, dass sich im Schatten der Gesellschaft unaufhaltsam ein gewaltbereiter, düsterer Islamismus ausbreite.

Die junge Frau, die das ganze Land nun als „Mona S.“ kennt, wird zum Symbol, das die Wut der Öffentlichkeit auf sich zieht und die Islam-Debatte in Österreich anheizt. „Solchen Leuten gehört die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt und sie in das Land ihrer Großväter geschickt“, heißt es in einem Leserbrief an die „Krone“. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nimmt die Causa zum Anlass, von den Muslimen als „Zeichen des gelebten Integrationswillens“ einen Verzicht auf die Errichtung von Minaretten zu fordern.

2007 ist aber auch das Jahr, in dem eine groß angelegte Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts PEW zum Ergebnis kommt, dass in der islamischen Welt die Zustimmung zu Terroranschlägen messbar zurückgeht. In ­Afghanistan kehren, wie aus dem Nichts, die Taliban zurück. Und George Bush nähert sich dem Stadium der „lame duck“ – so nennt man Präsidenten, die vor dem Ende ihrer zweiten Amtszeit stehen, nicht mehr zur Wahl antreten und daher auch keine weit reichenden Entscheidungen mehr treffen können.

In Washington bekommen Valerie Plame und ihr Ehemann späte Genugtuung: Gegen Lewis Libby, der sie verraten hat, wurde inzwischen Anklage erhoben. 2007 wird er von einem Geschworenengericht in Washington schuldig gesprochen und zu 30 Monaten Haft verurteilt. Karl Rove reicht im August 2007 seinen Rücktritt ein – ebenfalls eine Folge des „Plamegate“-Skandals.

Mohammed und Mona verbringen das ganze Jahr 2007 in U-Haft. 2008 werden die beiden verurteilt – Mohammed zu vier Jahren, Mona wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten ohne Bewährung.

Mustafa Ait Idir und zwei seiner algerisch-bosnischen Freunde werden Ende Dezember 2008 aus Guantanamo entlassen – sie sind damit die Ersten, die nach einem zivilen Gerichtsverfahren freikommen. Mehr noch: Es ist der als konservativ geltende Washingtoner Richter Richard J. Leon, der diese Entscheidung nach einer nur 20 Minuten dauernden, per Video über Satellit geführten Verhandlung getroffen hat und die US-Regierung auch drängt, nicht in Berufung zu gehen: Sieben Jahre auf ein Gerichtsverfahren zu warten, um dann freigesprochen zu werden, sei genug. Die Anklagebehörde konnte keinen einzigen Hinweis dafür bringen, dass Mustafa tatsächlich ein „unlawful combatant“ ist, für den die Genfer Konvention nicht gilt. Das Verhandlungsprotokoll bleibt geheim. Nach dem Richterspruch wird Mustafa noch etwa zehnmal verhört, erst dann freigelassen. Bei der Rückreise nach Sarajevo ist er genauso gefesselt wie bei seinem Trip nach Guantanamo sieben Jahre zuvor. Und wieder werden ihm die Augen verbunden.

Rachel, ein Tiger und eine nachdenkliche Fundamentalistin

Rachel Uchitel ist jetzt wieder in den Schlagzeilen. Das neue Bild von ihr hat auf den ersten Blick zwar nichts mehr mit 9/11 zu tun, trägt ihre damalige Verzweiflung aber auf bizarre Weise in sich, weil es das eine ohne das andere nicht geben würde.

Aus „New York’s Tragic Face“ (die „New York Post“) ist „Tigers Gespielin Nr. 1“ geworden – eine Celebrity, deren Promifaktor jetzt höher ist als unmittelbar nach dem 11. September 2001. Im November 2009 berichtet die Boulevardzeitung „National Enquirer“ über eine Affäre mit Tiger Woods, dem zu diesem Zeitpunkt besten Golfspieler der Welt.

Der verheiratete Woods und die „Köpfe verdrehende Nachtclub-Promotorin“ Uchitel („Time“) leugnen zunächst, doch als sich bald mehr als ein Dutzend weiterer Frauen glaubhaft als Woods’ Mätressen outen, erscheint diese Strategie hinfällig. Die Liaison mit Woods ist eine Folge ihrer Karriere als öffentliche Figur, die Uchitel auf Basis ihrer Bekanntheit durch 9/11 gestartet hat. Von Woods erhält sie nun eine kolportierte Summe von acht bis zehn Millionen Dollar, damit sie gegenüber der Öffentlichkeit keine Details über ihre Liebesbeziehung ausplaudert.

Uchitel tritt in der Sendung über Angehörige von 9/11-Opfern auf und schreibt eine Abschiedsbotschaft an die Toten, die sie in eine Flasche steckt und unter Tränen in einen Teich im New Yorker Central Park wirft. Für die Teilnahme an der Show erhält sie 500.000 Dollar. Als Folge ihres TV-Auftritts muss sie das Schweigegeld, das sie von Tiger Woods bekommen hat, zurückzahlen. Nach Ansicht seiner Anwälte hat sie gegen die Vereinbarung verstoßen, obwohl sie seinen Namen in der Sendung nicht erwähnt hat.

Mona S. ist inzwischen zwar auf freiem Fuß, ihr Fall ist aber noch immer nicht abgeschlossen: Der Prozess muss wegen Verfahrensmängeln wiederholt werden. Inzwischen hat sie sich besonnen und ihre Haltung überdacht: „Ich habe für Leute übersetzt, deren Meinung ich nicht vertrete“, sagt sie 2009 in einem Interview mit profil.

Osama, eine Schlinge und ein Präsident in Pension

Er ist alt geworden, müde und vielleicht auch unvorsichtig. Der Osama Bin Laden des Jahres 2010 ist nur noch ein Schatten des Terrorfürsten von 9/11. Freilich weiß das zu dieser Zeit niemand außer den wenigen Familienmitgliedern und Vertrauten, die Zugang zu ihm haben. Bin Laden lebt bereits seit einiger Zeit in Abbottabad, einer ruhigen, kleinen Stadt in Pakistan – buchstäblich unter den Augen der Behörden, weil ganz in der Nähe einer wichtigen Militärbasis.

Wo er sich die Jahre zuvor aufgehalten hat, wissen nur er und sein engster Kreis. Vermutlich konnte er in den pakistanischen Stammesgebieten, in denen die Regierung des Landes kaum etwas zu sagen hat, auf die Hilfe von Sympathisanten zählen.

In Abbottabad verlässt er das Haus, in dem er sich versteckt hält, nur selten und das Anwesen nie. Manchmal sieht er sich alte Videos von sich selbst an: Ein graubärtiger Mann, der in eine dicke Decke gehüllt am Boden kauert, vor sich einen kleinen Fernseher auf einem klapprig wirkenden Schreibtischchen.

Der Einfluss Bin Ladens ist zu diesem Zeitpunkt längst geschwunden: Mit den Anschlägen nach 9/11 stand er höchstens indirekt in Verbindung, seine Drohbotschaften erzeugen von Mal zu Mal weniger Angst. In Pakistan hatten 2005 noch 52 Prozent der Befragten erklärt, Bin Laden Vertrauen entgegenzubringen – 2010 tun das nur noch 18 Prozent.

Vom Milliardenvermögen seiner Familie in Saudi-Arabien ist er längst abgeschnitten, die Staatsbürgerschaft wurde ihm ebenfalls entzogen.

Bin Laden kann nicht ahnen, dass sich die Schlinge um ihn bereits zusammenzieht. Im Sommer hat die CIA einen Mann ausgespäht, der als Kurier des Al-Kaida-Chefs arbeitet, und ist ihm per Satellit bis nach Abbottabad gefolgt. Im August 2010 hat der Geheimdienst genügend Informationen gesammelt, um US-Präsident Barack Obama über den vermutlichen Aufenthaltsort von Bin Laden zu informieren. Unmittelbar danach hat die Planung für einen Militärschlag auf das Gebäude begonnen.

Es sind jene Tage im August, in denen Obama auch den Krieg im Irak für beendet erklärt. In Österreich wurde Mona S. nach Verbüßung einer Reststrafe gerade wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Sie besucht Mohammed in der Strafvollzugsanstalt Wien-Simmering und lässt sich so von ihm scheiden, wie sie ihn 2007 geheiratet hat: nach islamischem Recht.

Mohammed, eine ­Revolution und das Ende einer Ära

Am 1. Februar 2011 nimmt Mohammed El Dokhimsky, 25, ein angehender Rechtsanwalt aus Alexandria, den Nachtzug nach Kairo. Seine Freunde von der Muslim-Bruderschaft, der größten islamischen Organisation Ägyptens, haben ihn am Tag zuvor angerufen: Er soll sofort auf den Tahrir-Platz in der Kairoer Innenstadt kommen und sich den Demonstrationen gegen Hosni Mubarak anschließen. Mohammed hätte auch unter dem Präsidenten Mubarak seinen Weg gemacht. Er kommt aus bürgerlichem Haushalt, hat seinen Master in Rechtswissenschaften abgeschlossen und arbeitet bereits in einer Anwaltskanzlei. Dennoch zögert er keine Sekunde. „Hier gibt es die Chance für einen ägyptischen Neuanfang. Hier kann dieses System der Unterdrückung, der Gewaltherrschaft, der Korruption und Ungerechtigkeit beendet werden“, sagt er im Gespräch mit profil.

Zehn Tage und zehn Nächte harrt Mohammed auf dem Tahrir-Platz aus. Er verteilt Essen unter den Demonstranten, führt Listen über die Vermissten und Getöteten. Tröstet verzweifelte Mütter, die nach ihren Kindern suchen. Am 10. Februar kehrt er völlig erschöpft nach Alexandria zurück und schließt sich dort den Protestmärschen an. Einen Tag später wird Hosni Mubarak als ägyptischer Präsident zurücktreten. Mohammed und Millionen andere ägyptische Aufständische feiern ihren Sieg frenetisch. Es war eine demokratische Revolution des ägyptischen Volks, bei welcher der Islam keine Rolle gespielt hat.

Es ist der Beginn einer neuen Ära, die auf den Trümmern von 9/11 wachsen kann. Inzwischen ist Osama Bin Laden tot, erschossen am 3. Mai 2011, also fast zehn Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center, von Soldaten einer US-Spezialeinheit in seinem Haus in Abbottabad. Seine Leiche wurde wenig später im Indischen Ozean versenkt. Mit seinem Tod hat das, was vom Mythos der Al Kaida geblieben ist, weiter an Kraft verloren. Vor seinem Tod musste er noch miterleben, wie sich die arabische Welt erhob – allerdings nicht, wie er hoffte, unter der Flagge eines fundamentalistischen Islam, sondern mit Transparenten, auf denen Freiheit und Demokratie gefordert wurden.

Ex-Präsident Hosni Mubarak, ein ­Opfer dieses Aufstands, steht derzeit
vor Gericht, nachdem er im Februar 2011 durch Massendemonstrationen aus dem Amt vertrieben wurde. Zum ersten Verhandlungstermin musste er in einem Krankenbett gekarrt werden.

George Bush lebt mit seiner Frau auf einer Ranch nahe Dallas im US-Bundesstaat Texas. Er hat seine Memoiren unter dem Titel „Decision Points“ verfasst und äußert sich nicht mehr zu aktuellen Angelegenheiten. In seinen Memoiren gibt er der Hoffnung Ausdruck, dass erst spätere Generationen den wahren Wert seiner Politik erkennen werden: „Was immer das Urteil über meine Präsidentschaft ist, ich kann gut mit der Tatsache leben, dass ich nicht mehr hier sein werde, um es zu hören.“

Die Geschichte von Valerie Plame wurde von Hollywood unter dem Titel „Fair Game“ verfilmt. Die Ex-Agentin hat die CIA endgültig verlassen und schreibt nunmehr Spionageromane.

Mustafa lebt in Sarajevo und trainiert wieder Karate. Bloß kann er damit seine Familie – er hat inzwischen vier Kinder – nicht ernähren. Weder die Amerikaner noch die Bosnier haben Entschädigung für die sieben Jahre Guantanamo gezahlt. Eine Anstellung als Computerdesigner findet er nicht. Von offizieller Seite wird Firmen, die bereit sind, ihm einen Job zu geben, davon abgeraten. „Man versucht, mich hier einfach loszuwerden“, sagt er. Verbittert ist er aber nicht. Er will sich selbstständig machen und mithilfe von Spenden – der ehemalige Hohe Repräsentant in Bosnien, der österreichische Diplomat Wolfgang Petritsch, sammelt für ihn – einen Copyshop im Zentrum der bosnischen Hauptstadt eröffnen. Und er freut sich über die Ereignisse in Ägypten, Tunesien, Jemen, Libyen und Syrien: „Endlich erwachen die Araber.“

Mona verfolgt die Revolutionen in den arabischen Staaten aufmerksam, aber mit Skepsis. Sie sei immer froh, wenn ein Tyrann gestürzt wird, aber ob sich danach Gerechtigkeit durchsetzen wird, will sie erst einmal abwarten. Sie betreibt Arabistik im Fernstudium und möchte im Wintersemester nebenbei ein Lehramtsstudium für Englisch und Französisch beginnen. Ihre Vorstrafe und ihre Vergangenheit als provokante Islamistin machen ihr schwer zu schaffen. Sie hat sich bei mehreren Unternehmen beworben, aber noch keine einzige Jobzusage bekommen. Zu 9/11 hat sie ihre eigene Meinung. Viele der „angeblichen Attentäter“ seien später lebend gefunden worden, ist sie überzeugt. Sie hätten mit den Anschlägen nichts zu tun gehabt. Auch Bin Laden habe sich nur damit gebrüstet. In Wahrheit steckten Geheimdienste dahinter. Der Islam sei immer noch das zentrale Element in ihrem Leben sagt, sie. Immer noch legt sie Wert darauf, ihr Haar in „in einer meiner Umgebung angemessenen Weise“ zu bedecken. Aber die Vollverschleierung, durch die sie in Österreich berühmt geworden ist, hat sie abgelegt.

Manchmal tut es eine Mütze oder eine Kapuze auch.