Affäre: Palais Schlaff

Wirbel um Martin Schlaffs „Post-Villa“. Die Stadt Wien hat dem schillernden Geschäftsmann den Bau einer Garage für bis zu 14 Privatautos bewilligt – mitten in Grünland.

Der durchschnittliche Wiener lebt auf nicht ganz 71 Quadratmetern, und das nicht allein. Weshalb ihm netto allenfalls die Hälfte an Wohnnutzfläche bleibt. Der durchschnittliche Wiener hat ein halbes Auto und wohnt in Bezirken wie Favoriten, Floridsdorf oder Donaustadt. Den Nobelbezirk Döbling kennt er allenfalls vom Heurigenbesuch, weil der durchschnittliche Wiener dann und wann gern ein Vierterl trinkt.

Martin Schlaff ist alles, nur kein durchschnittlicher Wiener. Der Geschäftsmann gilt mit einem sehr vorsichtig geschätzten Privatvermögen von zwei Milliarden Euro als einer der reichsten Männer Europas. Neben Privatjet, Yacht, schweren Limousinen und einer der größten privaten Gemäldesammlungen Österreichs verfügt der Freund von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer über Immobilien in der Schweiz, den USA und Österreich, darunter die sagenumwobene „Post-Villa“ im Döblinger Bezirksteil Obersievering. Der repräsentative Bau inmitten eines 16.000 Quadratmeter großen Parks hatte seinerzeit der jüdischen Bankiersfamilie Reitzes gehört. 1942 wurde die Liegenschaft von der Deutschen Reichspost beschlagnahmt, nach Ende des Krieges der Österreichischen Post übertragen und auch in den Jahrzehnten später nie restituiert. Ehe Schlaffs MS Privatstiftung die Villa 2001 um kolportierte 15 Millionen Euro kaufte, war sie auch als Amtssitz des mittlerweile verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil im Gespräch.

Und weil Schlaff kein Durchschnittsbürger ist, wird das Gebäude – nach langer Vorbereitungsphase – nun von Grund auf saniert.
Mit tatkräftiger Unterstützung der Stadt Wien.

Wie profil in Erfahrung brachte, ist es dem Geschäftsmann im Sommer gelungen, der zuständigen Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 eine Bewilligung für Erdaushubarbeiten riesigen Ausmaßes zu entsteißen. So sollen in unmittelbarer Nähe des weiß getünchten Palais gleich zwei unterirdische Etagen eingezogen werden – eine 800 Quadratmeter große Garage für bis zu 14 Privatautos sowie ein „Haustechnikgeschoߓ mit etwa 230 Quadratmetern. Zugleich soll das Nebengebäude „Gartenvilla“ auf einer Fläche von 711 Quadratmetern neu errichtet werden. Dazu müsste allerdings das Bodenniveau laut Einreichung auf einer Fläche von 1600 Quadratmetern um „durchschnittlich mehr als einen Meter“ verändert werden.

Der Haken: Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Areals ist, wie es im Behördendeutsch so schön heißt, als „Grünland, Schutzgebiet, Parkschutzgebiet“ gewidmet. Die Villa liegt schließlich an den Ausläufern des Wienerwalds, Naherholungsgebiet des durchschnittlichen Wieners.

Expressbescheid. Die MS Privatstiftung hatte das Bauvorhaben am 20. April dieses Jahres bei der Magistratsabteilung 22 eingereicht. Die Bewilligung kam – auch das ist in Wien keine Selbstverständlichkeit – nach nur acht Wochen. Der mit 22. Juni datierte Bescheid liegt profil vor. Darin heißt es unter anderem: „Durch die geplanten Geländeveränderungen und unterirdischen Einbauten sind keine wesentlichen Beeinträchtigungen des Landschaftshaushaltes, der Landschaftsgestalt und der Erholungswirkung der Landschaft zu erwarten“ (siehe auch Faksimile). Dessen ungeachtet erteilte die Behörde nachgerade ulkig anmutende Auflagen: Baubeginn und Fertigstellung müssten schriftlich angezeigt, die Bäume im Baustellenbereich geschützt, die zu fällenden Bäume durch „einheimische, standortgerechte“ ersetzt werden. Und schließlich: „Baumfällungen dürfen nur zwischen 15. August und 1. März (das heißt außerhalb der Vogelbrutzeit) durchgeführt werden.“

Schlaff, Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien, darf also mitten in Grünland die Bagger auffahren lassen. Und die Stadt hat offenbar nichts dagegen einzuwenden. Ingrid Luttenberger, Sprecherin von SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl, verweist, von profil darauf angesprochen, auf SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima. Deren Sprecherin Anita Voraberger wiederum verweist auf die zuständige MA 22. Und dort heißt es lapidar: „Das Bauvorhaben wurde sowohl von uns als auch von der weisungsfreien Umweltanwältin streng geprüft. Wir haben uns an geltendes Recht gehalten. Und das gilt selbstverständlich für alle Wienerinnen und Wiener.“ Von einer politisch motivierten Entscheidung könne „keine Rede“ sein.

Fraglich ist indes, ob Martin Schlaff den Prunkbau jemals beziehen wird. Er steckt mitten in einem delikaten Scheidungsverfahren. Noch-Gattin Andrea beansprucht neben der Kleinigkeit von 200 Millionen Euro Cash ausgerechnet diese Villa.

Von Michael Nikbakhsh