Alfred Adler: Das Genie im Schatten

Vor 100 Jahren begründete ­Alfred Adler die Individualpsychologie und revolutionierte die moderne Seelen­forschung. Mit Sigmund Freud verband den Erfinder des Minderwertigkeitskomplexes eine erbitterte Feindschaft.

Für einen Judenbuben aus einem Wiener Vorort ist ein Tod in Aberdeen, Schottland, eine unerhörte Karriere und ein Beweis, wie weit er es gebracht hat. Wirklich hat ihn die Mitwelt für das Verdienst, der Analyse widersprochen zu haben, reichlich entlohnt.“

26 Jahre nach dem Bruch mit seinem Dissidenten Alfred Adler konnte selbst die Nachricht von dessen Tod Sigmund Freud nicht versöhnlich stimmen. Seiner hämischen Freude darüber, dass er seinen ärgsten und jüngeren Widersacher überlebt hatte, ließ er in einem Brief an den deutschen Schriftsteller Arnold Zweig freien Lauf.

Alfred Adler war am 28. Mai 1937 im Alter von 67 Jahren auf dem Weg von seinem Hotel zur Universität in Aberdeen, wo er eine seiner zahlreichen Vortragsreihen beenden wollte, nach einem Herzinfarkt zusammengebrochen. Sein letztes Wort lautete „Kurt“, der Name seines einzigen Sohns. Mit seiner Frau ­Raissa, einer freigeistigen und radikal avantgardistisch denkenden Frauenrechtlerin russischer Herkunft, hatte er noch drei Mädchen. Adler hatte bereits seit 1934 mit seiner für ihn inzwischen merklich abgekühlten Ehefrau in New York im Hotel Gramercy Park Dauerquartier bezogen und betreute dort auch seine Patienten. Lange vor dem Anschluss hatte er erkannt, dass die Nazis in Österreich einmarschieren und einen Weltkrieg lostreten werden. Er hielt jeden für „verrückt“, der „seine Familie nicht sofort ­herausholte“, wie er einen Wiener Kollegen bei einem Treffen in London 1937 warnte.

Sein Todesjahr war für Adler auch eine Zeit quälender Angst gewesen: Von seiner in Moskau lebenden 39-jährigen Tochter Valentine, die eine glühende Kommunistin war, hatte sich plötzlich jede Spur verloren. Leo Trotzki selbst war während seines Wiener Exils um 1908 häufiger Gast in der Wohnung der Adlers gewesen. Die Bronschteins (so Trotzkis ursprünglicher Familienname) gingen sonntags, inklusive aller Kinder, mit den Adlers in den Stadtpark zum Fußballspielen, Raissa liebte die Schachpartien mit dem geflohenen Revolutionär. Adler, der als Einziger der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war (aber nicht mit Victor Adler verwandt), sollte sich bei „dem alten Herrn“, wie Adler Freud gerne nannte, nichts als kalte Füße holen, als er 1909 in der Berggasse den politisch enthusiastischen Vortrag „Zur Psychologie des Marxismus“ hielt. Politischer Gesinnungseifer war Freud genauso suspekt wie Religiosität.

Adlers Sorge um sein verschwundenes Lieblingskind 28 Jahre später sollte sich als berechtigt erweisen: Wegen „trotzkistischer Aktivitäten“ und der früheren Bekanntschaft der Eltern mit Stalins panisch gefürchtetem Feind war seine Tochter im Jänner 1937 von Stalins Geheimpolizei verhaftet und im September zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Solche Lager waren oft tödlich, auch „Vali“ sollte 1942 ihre Haft nicht überleben, wie die Familie auf Intervention Alfred Einsteins hin zehn Jahre später erfahren sollte. Alfred ­Adler starb noch in ängstlicher Ungewissheit um seine Tochter.
Zum Zeitpunkt seines Todes war der Sohn eines Getreidehändlers mit ungarischen Wurzeln längst ein ­Superstar der Psychologie. Sein ganzheitlicher Ansatz, der den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist begriff und Adler zum wichtigsten Wegbereiter der Psychosomatik machte, besaß Sogwirkung. Im Höllentempo und rücksichtslos gegen sich selbst war „der Handlungsreisende der Individualpsychologie“ durch die USA und Europa getourt, um seine Ansichten vom Menschen als sozialem, in permanenten Wechselbeziehungen stehendem Individuum, das gegen seine Minderwertigkeit und Schwäche zielgerichtet anzukämpfen versucht, zu predigen.

In das kollektive Bewusstsein ging Alfred Adler als – neben C. G. Jung – wichtigster Freud-Dissident ein, der seine Berühmtheit vor allem dem emotional aufgeladenen Exodus aus dem eingeschworenen Zirkel um Sigmund Freud verdankte. Ein tragisches Schicksal, dessen Adler sich schon vor seinem Bruch mit Freud 1911 durchaus bewusst war. Bei einer früheren Aussprache nach hitzigen Kontroversen über Freuds Triebtheorie als zentralen Motor jeder Existenz, dem Adler seine Theorie über das Minderwertigkeitsgefühl als Ursprung jeder Neurose entgegensetzte, fragte er seinen einstigen Gönner: „Warum sollte ich meine Arbeit immer in Ihrem Schatten verrichten?“

Freud selbst hatte Adler, der seine Arztpraxis nahe dem Prater betrieb und dort häufig auch Zirkusartisten und Varietékünstler zu seiner nicht zahlungskräftigen Klientel zählte, vermutlich aufgrund seiner progressiven sozialmedizinischen Publikationen per Postkarte 1902 zu jener berühmten „Mittwochgesellschaft“ geladen, aus der später die Psychoanalytische Vereinigung entstehen sollte.

Bei Kaffee, Gebäck und reichlich Zigarren und Zigaretten beging Adler insofern einen fundamentalen und lange angekündigten „Vatermord“, als er 1911 die Sexualität nicht als Ursprung und Zentrum jeder Neurose klassifizierte. Es kam zum Eklat, Freud diffamierte seinen Dissidenten öffentlich als „vor Ehrgeiz wahnsinnig“, außerdem würde er „an einem paranoiden Verfolgungswahn leiden“.

Adler konterte mit dem Terminus „Freud’scher Hühnerstall und sein Gegacker“, gründete den Verein für „freie psychoanalytische Forschung“ und prägte den Begriff „Individualpsychologie“ für seine Lehre, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Das Jubiläum ist Anlass für einen internationalen Kongress in Wien und die Heimkehr der lange als verschollen geltenden Urne mit der Asche Alfred Adlers – 74 Jahre nach seinem Tod. Der lange Weg zur Anerkennung: Erst 2009 war in Wien eine Straße nach dem Erfinder des Minderwertigkeitskomplexes benannt worden.

„Er war der erste Mann, der sich Freud kreativ widersetzte. Was er damit erreichte, war nicht weniger als eine kopernikanische Wende. Der Mensch konnte nicht länger als Produkt und Opfer von Instinkten angesehen werden“, hielt Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse, die Bedeutung seines Mentors hoch. In der Rezeptionsgeschichte erlitt Adler das klassische Schicksal des tragischen Zweiten, dessen Visionen bis heute die Seelenforschung prägen.

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So modern war Adler: die wichtigsten Theorien


Die Produktivität der Schwäche: der Minderwertigkeitskomplex

Den Begriff selbst benutzte Adler nur selten, dennoch ist er, wie die Freud’sche "Verdrängung“ oder "Fehlleistung“, zum Allgemeingut geworden. Die zentrale Theorie der Individualpsychologie geht "von einem Verständnis des Minderwertigkeitsgefühls des Kindes aus“, so Adler in seinem Hauptwerk "Über den nervösen Charakter“ (1912). Die Stimulierung dieser Gefühle wecke "alle Kräfte und psychische Energie, um Kompensationen zu erzwingen oder einen Vorstoß in diese Richtung zu machen“. Adler selbst war in seiner Kindheit tief geprägt von einem Gefühl der Schwäche und Unzulänglichkeit: Er litt an Rachitis und wäre im Alter von fünf Jahren beinahe an einer Lungenentzündung gestorben. Damals, auch unter dem Eindruck des Todes seines jüngeren Bruders, so beweisen Selbstzeugnisse, fasste er den Entschluss, Arzt zu werden, und wandelte seine Schwäche in Produktivität um. Krankheiten und andere Defizite bezeichnete Adler als "Organminderwertigkeit“. Im Gegensatz zu Freuds These, wonach der Mensch "nicht Herr im eigenen Haus“, sondern der Macht des Unbewussten ausgesetzt ist, glaubte der Sozialist Adler an die Kraft des Individuums, sein Leben selbst in die Hand nehmen und zielgerichtet gestalten zu können. "Diese Ziele können auch einen neurotischen Lebensstil präsentieren“, so die Individualpsychologin Christine Rosche. Als Beispiel für eine Bilderbuchkompensation erwähnt Adler immer wieder Demosthenes, der durch einen Sprachfehler stark beeinträchtigt war. Sein Minderwertigkeitsgefühl (diesen Begriff benutzt Adler am häufigsten) stimulierte ihn dazu, Steine in den Mund zu nehmen und gegen die tosende Brandung anzureden. Diese Kompensationsfähigkeit machte ihn schließlich "zum größten Redner der Antike“.

Kopfweh ist nicht gleich Kopfweh: Adlers psychosomatischer Ansatz

Adler verstand den Menschen als unteilbare Einheit und wandte sich damit gegen Freuds Auffassung des dreigeteilten psychischen Apparats. Wenn einer seiner Patienten über Kopfweh klagte, konterte er, dass das Kopfweh ein Symptom für eine psychische Ursache sein könne. Adler hat somit die moderne Psychosomatik konzepiert und dafür den Begriff "Organsprache“ entwickelt. Adler, so der Individualpsychologe Wilfried Datler, wusste von "körperlichen Prozessen, die keine organische Ursache hatten, sondern aus dem Unbewussten entstanden waren“.

Narzissmus: Wie Adler die häufigste Persönlichkeitsstörung der Gegenwart skizzierte.

"Ich würde vielleicht sagen, dass jede Neurose Eitelkeit ist, aber das könnte zu einfach sein, um es zu verstehen“, erklärte Adler seinem Gastgeber Rex Knight einen Tag vor seinem Tod im Mai 1937 in Aberdeen. Rückblickend leistete Adler zu den späteren, international anerkannten Narzissmus-Theorien von Otto Kernberg und Hans-Peter Hartmann wesentliche Vorarbeit. Laut Adler strebe das Kind nach Anerkennung und sozialer Resonanz, um sich von seinem geringen Selbstwertgefühl zu befreien. Wird ihm diese Aufwertung seines Minderwertigkeitsgefühls von der Außenwelt verwehrt und er von seinen engsten Bezugspersonen kontinuierlich abgewertet, kompensiert das Kind diese Verunsicherung mit Geltungsbedürfnis, fehlender Empathie und - im schlimmsten Fall - mit einer Beziehungs- und Liebesunfähigkeit. Aus diesem Kontext heraus kann man auch Adlers Eitelkeitsneurosentheorie nachvollziehen.

Adlers Aktualität: Analyse an der Borderline

Wo Sigmund Freud nur "schlampige Neurosen“ sah, erkannte Adler auch die Möglichkeit von "gemischten Symptomatiken“: Nicht jede seelische Krankheit ist eindeutig. Die reine Fallgeschichte à la Freud existiert bei Adler nicht. Eben darin liegt ein zentraler Grund für dessen Aktualität, vor allem in der Behandlung neuer, komplexer, eben uneindeutiger Krankheitsbilder: "In einzelnen Textpassagen finden sich bei Adler Beschreibungen von Persönlichkeitsstörungen, die einem Borderline-Syndrom entsprechen“, erklärt die Individualpsychologin Christine Rosche. Ihr Kollege Wilfried Datler ergänzt: "Er hat die Grundzüge dieser Störung erkannt, die sich durch ein starkes Splitting zwischen Idealisierung und Abwertung manifestiert. Ambivalenz existiert in dieser Gefühlswelt nicht. Es gibt nur die totale Entwertung oder die totale Überhöhung.“ Laut der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO handelt es sich um den Fall einer emotional instabilen Persönlichkeit "mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren“. Dazu kommen Störungen des Selbstbildes und eine hohe Neigung zur Selbstverletzung. Mit den klassischen Methoden der Psychoanalyse ist das Borderline-Syndrom kaum zu behandeln. Die Individualpsychologin Margot Matschiner-Zollner sieht hier Adlers Ansatz im Vorteil: "Borderliner spalten zwischen Gefühl und Intellekt. Das macht eine Analyse, die nur auf Verstandesebene abläuft, problematisch. Adler aber meinte, dass das Beziehungsverhältnis zum Therapeuten in der Analyse den Ausschlag gibt. Genau da setzen wir heute an: Die Beziehung wird zum Gegenstand der Analyse.“ Borderline-Patienten analysieren in der individualpsychologischen Behandlung weniger ihre Kindheitserfahrungen oder Triebstrukturen als vielmehr konkrete, gegenwärtige Beziehungsmuster - nicht zuletzt gegenüber dem Therapeuten. Die Berliner Individualpsychologin und Adler-Biografin Almuth Bruder-Bezzel sieht darin einen entscheidenden Fortschritt: "Ich glaube, dass Adlerianer für die Behandlung von Borderline-Erkrankungen prädestiniert sind, weil sie realitätsbezogener vorgehen als Freudianer: Das Individuum erscheint nicht als triebgesteuertes Bündel, sondern als Teil eines sozialen Umfelds - und kann damit auch selbst daran arbeiten.“

Beziehungsweise: Der Mensch als soziales Wesen

Alfred Adler, ganz Rhetoriker und Pädagoge, pflegte ein gewisses Faible für anschauliche Beispiele. Eine Kostprobe aus dem Jahr 1929: "Wenn wir uns eine Kiefer ansehen, die in einem Tal wächst, so werden wir feststellen, dass sie sich von einer, die auf dem Berggipfel wächst, unterscheidet. Es ist dieselbe Art von Baum, eine Kiefer, aber es liegen zwei verschiedene Lebensstile vor. Der Lebensstil eines Baumes ist seine Individualität, die sich in einer Umgebung ausdrückt und in ihr formt. (...) Bei den Menschen ist es fast ebenso.“

Das Beispiel soll einen grundlegenden Unterschied zwischen Adlers Individualpsychologie und der Freud’schen Lehre verdeutlichen: Das Unterbewusste formiert sich bei Adler nicht im Widerstreit von Ich, Es und Über-Ich, sondern durch konkrete, vor allem frühkindliche Umwelteinflüsse und Erfahrungen. Der Mensch ist durch sein soziales Umfeld geprägt - aber auch dadurch, wie er selbst damit umzugehen lernt. Almuth Bruder-Bezzel: "Das war ein zentrales Postulat Adlers: Wir erleben nicht passiv, sondern aktiv. Adler sagt: Das Individuum ist Kunstwerk und Künstler in einem.“ Mit anderen Worten: Der Mensch ist nicht nur triebpsychologisch determiniert, ein Stück Freiheit ist ihm durchaus zuzutrauen. Adler wendete die Psychoanalyse ins Optimistische und gestand dem Menschen ein Stück Autonomie zu. Margot Matschiner-Zollner: "Die Individualpsychologie sagt: Der Mensch hat auch einen Willen. Er ist nicht nur Opfer seiner unbewussten Vorgänge.“ Konkrete Erfahrungen entwickeln sich unbewusst zu dem, was Adler "Lebensstil“ nannte: Der Mensch arrangiert sich mit seinem sozialen Umfeld, seinen Wünschen und deren Hindernissen. Wenn diese Anpassung misslingt, entstehen psychische Krankheiten. In dieser Erkenntnis liegt für Matschiner-Zollner die große therapeutische Chance, die Adler erschloss: "Wenn ich in der Therapie meinen Lebensstil erkannt und erkundet habe, wo ich hinwill und warum ich dort hinwill, dann verändert das meinen Freiheitsgrad.“

Das Kind im Menschen: Adlers Pädagogik

Im Roten Wien der zwanziger Jahre gehörte Alfred Adler, der Nervenarzt und ehemalige Sozialist, zum inneren Kreis der Schul- und Bildungsreformer um den sozialdemokratischen Stadtschulrat Otto Glöckel und den Wiener Landesschulinspektor (und Adlerianer) Carl Furtmüller. Er beriet die Politiker, gründete Bildungsberatungsstellen für Volksschullehrer, hielt Hunderte pädagogische Vorträge. Das Engagement hatte auch medizinische Hintergründe. Es beruhte auf Adlers These, dass neurotische Erkrankungen ihren Ursprung häufig in der Kindheit haben. Anders als Freud hielt er dabei nicht die kindliche Sexualität für ausschlaggebend, sondern die soziale Resonanz, die Kleinkinder und Säuglinge erleben und die ihren Lebensstil prägt. Unbewusst richtet sich das Kind einen "geheimen Lebensplan“ zurecht: Es kompensiert seine Minderwertigkeitsgefühle durch konkrete Verhaltensmuster, die ihm Anerkennung und Macht verschaffen - je größer das Minderwertigkeitsgefühl, desto zwanghafter das Verhaltensmuster. In diesem sozialen Verhältnis zwischen dem Kind und seiner Umwelt liegt die Wurzel neurotischer Erkrankungen. Adler war Pragmatiker: Er wollte nicht nur heilen, sondern auch vorbeugen. Und er war sich der Tatsache bewusst, dass man auf Familienverhältnisse kaum Einfluss nehmen konnte, sehr wohl aber auf das schulische Umfeld von Kindern: "Deshalb wurde der Plan geboren, die Lehrer zu lehren; denn durch die Schule konnte ich Hunderte von Kindern auf einmal erreichen.“ Heute wird dieser Ansatz in der Oskar-Spiel-Schule gepflegt, einer individualpsychologisch orientierten integrativen Volksschule in Wien, sowie - im akuten Krisenfall - in dem individualpsychologischen Ambulatorium für Kinder und Jugendliche "Die Boje“.

Lesen Sie im profil 26/2011 ein Interview mit Afred Adlers Enkelin Margot Adler über das wissenschaftliche Vermächtnis ihres Großvaters und sein Verhältnis zu Freud.