Amateurklassen: Sportler als Politiker

Amateurklassen: Sportler als Politiker

Prominenz statt Kompetenz: Gernot Bauer über Rekrutierung, Chancen und Scheitern von Spitzensportlern als Politiker.

Dank Otto Konrad verfügt nun auch das Team Stronach über Politpersonal mit Bekanntheitsgrad. Bisweilen tat sich ja sogar der Parteichef beim namentlichen Memorieren seiner Mitstreiter schwer. Der frühere Nationalgoalie wird als Nummer zwei der Kandidatenliste des Teams Stronach bei der Salzburger Landtagswahl am 5. Mai antreten. Seinen Job als Tormanntrainer beim Österreichischen Fußballbund musste Konrad aus Unvereinbarkeitsgründen zurücklegen. Das war wahrscheinlich auch im Sinne Frank Stronachs, der Angestellte im öffentlichen und staatsnahen Dienst – oder was er dafür hält, wie Rundfunk, Raiffeisen und wahrscheinlich auch den ÖFB – generell so schätzt wie den gewerkschaftlichen Linksblock oder das österreichisch-kanadische Doppelbesteuer­ungsabkommen.

Spitzensportler zu engagieren, deren hauptsächliche Kompetenz in Prominenz liegt, ist kein ganz neues parteitaktisches Konzept. Das Spektrum der Verpflichtungen reicht vom Fußball-Nationaltormann über die Slalomweltcupsiegerin bis zum Schwimmer. Boxer, Ringer oder Gewichtheber werden seltener rekrutiert. Offenbar mangelt es Kraftsportlern an Attraktivität und Breitenwirksamkeit.

Wettbewerbserfahrung oder gar Medaillen bei EM, WM und Olympia garantieren freilich nicht automatisch politischen Erfolg. Manche Athleten scheiterten schon vor Amtsantritt, andere erst in der Tiefgarage. Generell gilt: Je länger die Sportlerkarriere zurückliegt, desto höher sind die Erfolgsaussichten in der Politik.

I. Sportler als verhinderte Politiker
Kaum eine Partei zeigte in der Vergangenheit so viel Mut zur selbst verschuldeten Blamage wie die Wiener ÖVP. Vor der Gemeinderatswahl 2010 präsentierte die Partei den Schwimmstar Dinko Jukic als Spitzenkandidaten für den tiefroten zwölften Gemeindebezirk. Dies sei „eine bewusste Kampfansage an die SP֓, verkündete VP-Wien-Chefin Christine Marek.

Da Jukic' Chancen im Schwimmbecken sogar gegen US-Star Michael Phelps ungleich höher lagen als jene gegen die SPÖ in Meidling, erwies sich Mareks „Kampfansage“ nach den Wahlen als Autosuggestion. Jukic scheiterte genauso wie Anja Richter. Die frühere Weltklasse-Turmspringerin war für die SPÖ angetreten. Dass sie den Einzug in den Gemeinderat verpasste, ersparte ihr zumindest den Erklärungsnotstand, warum die „Sportstadt Wien“ (Michael Häupl, Renate Brauner, Christian Oxonitsch et al.) nach der missglückten Sanierung des Stadthallenbads über kein trainingstaugliches Indoor-Becken verfügt.

Während Jukic und Richter an nicht beeinflussbaren Faktoren wie Wählern oder innerparteilichen Naturgesetzen bei der Listenerstellung scheiterten, vergurkte Klaus Lindeberger es in Eigenverantwortung. Der Teamtorhüter (41 Einsätze zwischen 1982 und 1990) sollte 1994 als oberösterreichischer Spitzenkandidat für die FPÖ in den Nationalrat einziehen. Nach Vorwürfen, er habe 44.000 Schilling Arbeitslosengeld zu Unrecht bezogen, dankte er vorzeitig ab. Der damalige FPÖ-Generalsekretär und nebenberufliche Kicker-Vermittler Walter Meischberger kritisierte daraufhin „die gesteuerte Schmutzkübelkampagne“ und „Menschenjagd“ auf den Ex-Goalie.

II. Sportler als blamierte Politiker
Fußballer werden nach Ende ihrer Karriere gern Tankstellenpächter oder Trafikanten. Skistars erhalten von ihrer Gemeinde ein Gratisgrundstück und werden Hoteliers. Manche sind es schon als aktive Sportler, wie der Zauchenseer Michael Walch­hofer und Patrick Ortlieb. Der „Faxe“ (©Armin Assinger) aus Oberlech hatte 1992 in Albertville die olympische Goldmedaille im Abfahrtslauf gewonnen – was, umgelegt auf die Politik, dem „Groß-Stern des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich“ entspricht, der allein dem Bundespräsidenten vorbehalten ist. Vom rot-weiß-roten Sportolymp aus kann es nur noch bergab gehen, im Falle Ortliebs sogar bis in die Unterwelt der Tiefgarage des Innsbrucker Flughafens. Dort hatte der Olympiasieger, seit 1999 FPÖ-Nationalratsabgeordneter, im März 2001 eine junge Dame ohne Unterwäsche, dafür mit einem Tausender (Schilling) in der Hand in verwirrtem Zustand zurückgelassen, was zwar gerichtlich nicht strafbar, der weiteren Karriere aber nicht zuträglich war. Nach den Wahlen 2002 beendete Ortlieb sein politisches Abenteuer bei den Freiheitlichen, das für den damals noch aktiven Hürdenläufer Elmar Lichtenegger (Hallen-Vizeeuropameister 2002) im selben Jahr erst begann.

Im August 2003 wurde der Leichtathlet positiv auf Metaboliten von Norandrosteron getestet. Da das Doping auf ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel zurückzuführen war, wurde Lichtenegger nur für sechs Monate gesperrt – vom Ordnungsreferenten des Leichtathletik-Verbandes, nicht vom Nationalratspräsidium. Im Jahr 2006 war die politische Laufbahn vorbei, ein Jahr später auch die sportliche. Lichtenegger wurde erneut positiv getestet und erklärte seinen Rücktritt.

III. Sportler als unauffällige Politiker
In der Weltrangliste schaffte es die Tennisspielerin Judith Wiesner bis auf Platz zwölf (1997). Im Jahr 1999 wurde sie ÖVP-Gemeinderätin in der Stadt Salzburg und stieg zur Klubobfrau und damit zur Nummer eins auf. Ingrid Wendl war Dritte bei Olympia 1956, danach ORF-Kommentatorin. Von 2002 bis 2006 saß sie für die ÖVP im Nationalrat.
Die ÖVP als Land-, Wirte- und Bauernpartei dürfte auf Wintersportler besondere Anziehungskraft ausüben. Die Rad­städterin Roswitha Steiner, Slalom-Gesamtweltcupsiegerin, war Sportsprecherin der ÖVP im Salzburger Landtag.

Für die FPÖ saß Bob-Olympiasieger Ingo Appelt neun Jahre lang im Tiroler Landtag.

Die Judokämpferin Gerda Winklbauer – berühmt für ihre Würgegrifftechnik – war 1987 vom Wiener ÖVP-Chef Erhard Busek in den Gemeinderat geholt worden. Die Läuferin Theresia Kiesl sitzt für die ÖVP im Landtag in Linz, wo bis 2009 Schwimm-Europameisterin Vera Lischka die SPÖ vertrat.

IV. Sportler als erfolgreiche Politiker
Wer die Politik als dritten Lebensabschnitt betritt, kommt in ihr auch nicht so leicht um. Franz Vranitzky war Basketball-Nationalspieler und Olympiateilnehmer, Bankdirektor und Bundeskanzler. Martin Bartenstein spielte Basketball in der Bundesliga, war Industrieller und Wirtschaftsminister. Franz Voves stand im Eishockey-Nationalteam, war Versicherungsmanager und ist seit 2005 steirischer Landeshauptmann.
Liese Prokop (1941 bis 2006), Silbermedaillengewinnerin im Fünfkampf bei Olympia 1968 in Mexico, ist die wohl erfolgreichste Sportlerin, die direkt (1969 als ÖVP-Landtagsabgeordnete) in die Politik wechselte. Prokops österreichische Rekorde im Weitsprung und Kugelstoßen wurden erst 1998 und 1999 gebrochen. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits Landeshauptmann-Stellvertreterin in Niederösterreich. 2004 wurde Prokop erste Innenministerin. Wahrscheinlich konnte nur eine Frau mit der psychischen Stärke einer Weltklasse-Fünfkämpferin so dominante Charaktere wie Gunnar Prokop (ihr Ehegatte), Erwin Pröll (ihr Landeshauptmann) und Wolfgang Schüssel (ihr Bundeskanzler) dauerhaft ertragen.

V. Fazit
Historisch betrachtet war die ÖVP bei der Rekrutierung von Spitzensportlern am erfolgreichsten, was von einer Partei, die sich programmatisch zu Wettbewerb und Leistungsprinzip bekennt, auch zu erwarten war. Die SPÖ punktete weniger mit Athleten als – ihrem Partei-Naturell entsprechend – mit Sportfunktionären: Rudolf Edlinger (Finanzminister, Rapid-Präsident), Erwin Lanc (Außenminister, Präsident des Handballbunds), Karl Sekanina (Bautenminister, ÖFB-Präsident), Beppo Mauhart (ÖFB-Präsident). Die FPÖ engagierte nicht nur aus dem Bereich der Heizungs-, Sanitär- und Lüftungstechnik (Gernot Rumpold, Walter Meischberger), sondern auch aus dem Sport mehrere Glücksritter mit Skandalpotenzial. Die Grünen waren und sind spitzensportlerfrei, obwohl zur Wiener Landespartei ein Radfahrer (Obacht: Dopinggefahr!) gut passen würde. Immerhin: Grünpolitikerin Ulrike Lunacek holte bei den Eurogames der Lesben und Schwulen 2004 in München sechs Medaillen in den Schwimmbewerben.