Wir Angsthasen

Noch nie wurden die Menschen so alt und blieben so lange gesund wie heute. ­Trotzdem werden wir von irrationalen Ängs­ten geplagt: vor möglicherweise ­giftigen Subs­tanzen im Essen; vor ­exotischen Viren, die uns irgendwann den Garaus machen könnten; vor ­Terroristen im Urlaubsflieger; vor ständig drohenden Katastrophen auf dem ­Kinderspielplatz. Gefahren lauern angeblich überall, und ein Sturzhelm kann niemals ­schaden. Warum sind wir bloß solche Feiglinge geworden?

Der Sport ist extrem gefährlich. Er verursacht unter anderem Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen, Riss-Quetsch-Wunden, Blutergüsse und heftige Prellungen. Pro Jahr verletzen sich in Österreich fast 150.000 Menschen so schwer, dass sie im Spital behandelt werden müssen. Obwohl die Gefahren an sich bekannt sind, verweigern die Anhänger dieser hochriskanten Leibesertüchtigung sämtliche Sicherheitsmaßnahen: Sie tragen keinen Helm, keine Ellbogen- oder Knieschützer und oft genug nicht einmal geeignetes Schuhwerk. Der Allgemeinheit entstehen durch den Leichtsinn solcher Hasardeure Kosten in Milliardenhöhe.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass der Gesetzgeber dem apokalyptischen Treiben mit strengen Regeln ein Ende setzt. Aber das ist leider nicht so einfach. Verursacht wird das Blutbad nämlich nicht durch eine neue Trendsportart, sondern einfach dadurch, dass Menschen ein Bein vor das andere setzen. „Gehen, allgemein“ heißt das in der Sprache des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) – und es handelt sich dabei um die gefährlichste Tätigkeit, die man in Österreich ausüben kann.

Wer, nur als Beispiel, in der Werbepause von der Fernsehcouch aufsteht, um sich in der Küche ein Bier zu holen, riskiert buchstäblich Kopf und Kragen. Ein aufgebogener Teppichrand, ein schlecht verlegtes Kabel, ein unsichtbarer Olivenölfleck auf den Fliesen: Schon muss die Rettung kommen. „Und trotzdem gibt es in Österreich noch kein koordiniertes Programm mit klaren Zielen und Strategien, das auf eine Reduktion der Heim- und Freizeit­unfälle ausgerichtet ist“, klagt Othmar Thann, Direktor des KfV, im Vorwort der aktuellen Unfallstatistik. Er würde, erklärt Thann weiter, gerne daran arbeiten, „dass Unfallprävention in allen Lebensbereichen ein höherer Stellenwert zukommt“.

Wie er sich das vorstellt, erklärt Thann leider nicht. Denkt er an Warnhinweise auf Perserteppichen? Eine Kampagne gegen blank polierte Parkettböden? Ausgangssperren für amtsbekannte Tollpatsche bei Regen und Glätte?

Man kann, ganz ohne Polemik, aus den Daten der Unfallstatistik auch einen
völlig anderen Schluss ziehen als das KfV: Absolute Sicherheit bleibt eine Illusion.

Ihr nachzujagen macht nur unglücklich. Wenn simples Geradeausgehen die Einwohnerzahl einer durchschnittlichen österreichischen Landeshauptstadt flachlegt, empfiehlt sich nicht mehr Vorsicht, sondern mehr Gelassenheit.
Aber genau die fehlt uns völlig.

Über Tausende von Jahren blieb der Menschheit nichts anderes übrig, als sich mit den Unwägbarkeiten ihrer physischen Existenz abzufinden. Der Einzelne hatte kaum Einfluss darauf, ob den Raubtieren in der Gegend gerade der Magen knurrte, eine tödliche Seuche grassierte, kriegerische Nachbarn einen Angriff planten oder die Kartoffelernte verfaulte und eine Hungersnot ins Haus stand. Erst in den vergangenen paar Jahrzehnten machte sich in weiten Teilen der entwickelten Welt die Überzeugung breit, dass immerwährende Unversehrtheit und eiserne Gesundheit grundsätzlich erreichbare Trainingsziele sind, solange jeder brav aufpasst.

Mittlerweile herrscht gesellschaftlicher Grundkonsens darüber, dass man gar nicht vorsichtig genug sein kann. Angst wurde zum gemeinsamen Lebensgefühl einer ganzen Generation, die praktisch überall nur noch Gefahren sieht – und versucht, sich dagegen zu wappnen: Als in Fukushima der Kernreaktor brannte, waren im 9000 Kilometer entfernten Österreich die Geigerzähler ausverkauft, und japanische Restaurants klagten über Besucherschwund. Ein paar Durchfalltote in Deutschland sorgten jüngst auch in Österreich (wo es keinen einzigen EHEC-Fall gab) für schwere Einbußen auf dem Gemüsemarkt und zwei Millionen verrottete Gurken. Im Frühling verfügte Verkehrsministerin Doris Bures eine Radhelmpflicht für unter Zwölfjährige, die so exzessiv befolgt wird, dass immer mehr Kinder den Helm nicht einmal beim Schaukeln auf dem Spielplatz abnehmen dürfen.

Immerhin jeder fünfte Österreicher hat laut einer Umfrage des Gallup-Instituts im vergangenen Juli Angst vor einem Attentat, 80 Prozent der Bevölkerung waren laut Oekonsult schon im Mai überzeugt davon, dass die Terrorgefahr extrem hoch sei. Gar nicht mehr extra erwähnen muss man das Rauchen, das schon seit Jahren auf dem Index steht. Praktisch jede Woche erscheint eine neue Studie, die den Süchtigen noch schlimmeres Siechtum vorhersagt.

Die Bedienungsanleitung eines durchschnittlichen Toasters umfasst heutzutage ein paar Dutzend Seiten. Der Platz wird gebraucht, um auf Gefahren hinzuweisen, von denen der Besitzer nicht einmal wusste, dass es sie gibt. „Sollte eine Brotscheibe in Brand geraten, löschen Sie niemals mit Wasser“, heißt es etwa im Begleittext des Standardmodells von Tchibo. Empfohlen wird stattdessen die gute alte Löschdecke – ein Utensil, das bekanntlich bei keinem Sonntagsfrühstück fehlen darf. Und vor zwei Wochen schaffte es eine Meldung auf das Internet-Nachrichtenportal ORF.at, wonach sich die EU-Kommission nun endlich des bisher unterschätzten Krisengebiets Kindergeburtstag angenommen hat. In den „erläuternden Leitlinien“ zur Spielzeug-Sicherheitsrichtlinie heißt es: „(Luft-)Ballons aus Latex müssen mit einem Warnhinweis versehen sein, dass Kinder unter acht Jahren beaufsichtigt werden müssen und defekte Ballons zu entsorgen sind“, heißt es. Völlig auf sich allein gestellt könnten die lieben Kleinen nämlich Teile des Ballons verschlucken.

Kann man das alles wirklich noch für normale, vernünftige Vorsichtsmaßnahmen halten? Oder handelt es sich einfach um selbst gemachten Terror, der niemanden sicherer, aber alle dauerhaft panisch macht?

Ein Blick in die Statistiken offenbart, dass wir allen Grund hätten, uns zu entspannen. Noch nie wurden Menschen so alt und blieben so lange gesund wie heute. Allein in den vergangenen 50 Jahren stieg die Lebenserwartung in Österreich von 66,5 Jahren bei Männern und 72,8 Jahren bei Frauen auf 77,7 und 83,2 Jahre. Fast alle potenziellen Gefahrenherde sind deutlich entschärft worden. Völlig konträr zum allgemeinen Sicherheitsempfinden sank etwa das Risiko, Opfer von Mord, Totschlag oder Körperverletzung zu werden, seit 1980 um drei Viertel. Vor 30 Jahren gab es fast 38.000 Straftaten wegen Delikten gegen Leib und Leben, 2010 waren es nur noch 9300. Die Zahl der Krebstoten pro Jahr nahm im selben Zeitraum um 30 Prozent ab, Infektionskrankheiten wie die einst gefürchtete Tuberkulose sind nahezu ausgerottet.

Der Rückgang körperlicher Gewalt ist in fast allen westlichen Staaten festzustellen. Experten wissen zwar nicht, warum weniger geprügelt und gemordet wird. Aber man kann sich ja ausnahmsweise auch einmal grundlos über etwas freuen.

Die deutlich robuster gewordene Gesundheit der Bürger lässt sich dagegen sehr wohl erklären – allerdings nur am Rande mit individuellen Vorsichtsmaßnahmen. Es schadet vermutlich nicht, grundsätzlich auf dem Biomarkt einzukaufen und sich in Grippezeiten öfter mal die Hände zu waschen. Aber wirklich geholfen hat die moderne Medizin. Sie schaffte es sogar, die Sterberate aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dramatisch zu senken – und das, obwohl beim Heißhunger bekanntlich alle Vorsicht endet und die Menschen im Schnitt immer dicker werden.

Lebensverlängernd wirkten außerdem technische Innovationen, die das Dasein nicht nur leichter machten, sondern auch erheblich sicherer. Im österreichischen Straßenverkehr sterben derzeit rund 550 Menschen pro Jahr – das ist nicht einmal ein Fünftel des Werts in den vergleichsweise verkehrsarmen siebziger Jahren. Selbst nach Ansicht des Kuratoriums für Verkehrssicherheit ist das hauptsächlich auf bessere Straßen, stabilere Karosserien, Airbags und Überrollbügel zurückzuführen, nicht auf das Wohlverhalten der Autofahrer.

Trotz dieser eigentlich überzeugenden Faktenlage hat sich die Meinung durchgesetzt, dass es auf der Welt noch nie so gefährlich zugegangen sei wie jetzt. Vor allem mit Kindern und Jugendlichen macht die Besorgnisindustrie kurzen Prozess. Ihnen wird heute nahezu alles verboten, was für ihre Eltern früher ganz selbstverständlich zum Aufwachsen gehörte. „Wir waren Helden“ ist der Titel ­eines Internetscherzes, der sich rasend schnell verbreitete, weil er offenbar einen Nerv traf. Der Text richtet sich an alle heute Erwachsenen und listet dann auf, wie unfassbar abenteuerlich das Leben einst war. „Wenn du als Kind in den siebziger oder achtziger Jahren lebtest, ist es kaum zu glauben, dass du so lange überleben konntest.“ Raufen, herumtollen, den ganzen Tag draußen spielen, auf eigene Faust den besten Freund besuchen, gelegentlich einen Wurm verspeisen: All das kommt in vielen Kinderbiografien nicht mehr vor, weil Eltern ihre Betreuungspflicht mit totaler Überwachung verwechseln.

Jürgen Einwanger, Seminarleiter beim Österreichischen Alpenverein, schrieb sich jüngst in einem Beitrag für das Vereinsmagazin den Frust von der Seele. „Sollen Kinder und Jugendliche sukzessive in allen Lebensbereichen entmündigt werden, weil ihnen die Fähigkeit zum verantwortungsvollen Handeln kollektiv abgesprochen wird?“ Im Gespräch mit profil erzählt Einwanger von 14-Jährigen, die noch nie barfuß durch einen Bach gehen durften. Andere Teenager sind total verunsichert, wenn sie beim Zeltlager ein Taschenmesser in die Hand nehmen sollen, ohne dass Mama und Papa danebenstehen und kreischen. Die Konsequenzen dieser Erziehung sieht Einwanger jeden Tag. „Kinder werden immer dicker und immer ungeschickter. Das ist ja auch kein Wunder, wenn sie keinen Schritt mehr ohne Aufsicht machen dürfen.“

Zur Angst der Eltern kommt die Überfürsorge des Gesetzgebers, der sich ständig neue Sicherheitsvorschriften ausdenkt. Die „Richtlinien für die Durchführung von bewegungserziehlichen Schulveranstaltungen“ etwa, herausgegeben 2009, listen auf mehreren Laufmetern Papier auf, war­um es eigentlich klüger wäre, daheimzubleiben: Schwimmen in einem Teich ist nur erlaubt, wenn eine Rettungsausrüstung dabei ist. Boot fahren darf nur, wer schwimmen kann und eine Schwimmweste trägt. Beim Nordic Blading (Inline-Skaten mit Stöcken) muss darauf geachtet werden, dass „Stöcke zum Einsatz kommen, die nicht die Vibrationen verstärken, welche (…) die Arm- und Handgelenke schädigen“. Selbstverständlich ist nach Ansicht des Unterrichtsministeriums für fast jede Form der Bewegung an der frischen Luft ein Helm zwingend erforderlich.

Wie die Akropolis in Athen für die Hochblüte der griechischen Kultur steht der Sturzhelm als Symbol für die Angst­hasengesellschaft des 21. Jahrhunderts. Ein paar Jahre intensive PR-Beschallung durch die Sportartikelindustrie reichten aus, um das Gros der Hobbysportler von der Notwendigkeit einer zweiten Schädeldecke zu überzeugen. Wer heute ohne Helm vor einem Skilift ansteht, gilt als unbelehrbarer Nichtsnutz, der die öffentlichen Kassen bald mit den Behandlungskosten eines Schädel-Hirn-Traumas belasten wird.

Es gibt Studien, die den Nutzen eines Helms belegen und mit weniger schweren Kopfverletzungen argumentieren. Es gibt allerdings auch Studien, die eine erhöhte Unfallhäufigkeit nachweisen: Ein Helm verändert Körpergefühl und Risikowahrnehmung; gut möglich, dass es öfter kracht, wenn alle einen tragen. Die Wahrheit ist, dass sich solche Fragen auf moralisch vertretbare Weise nicht klären lassen. Für eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung müsste man zwei Gruppen von Testpersonen – eine mit und eine ohne Hartschalen-Kopfbedeckung – dem exakt gleichen Risiko aussetzen. Das geht nicht, weshalb der Nutzen wohl eine Glaubensfrage bleiben wird, aus der sich der Gesetzgeber besser raushalten sollte. Bestens geeignet sind die Helme jedenfalls, um den Herdentrieb des Menschen abzubilden. Wir tun, was wir tun, oft nur deshalb, weil genügend andere es auch tun.

Unter anderem mit diesem Phänomen beschäftigt sich Walter Krämer, Professor für Statistik an der Universität Dortmund, in seinem vor Kurzem erschienenen Buch „Die Angst der Woche“. Er geht diversen Lebensmittelskandalen der jüngeren Vergangenheit ebenso nach wie Horrormeldungen über angeblich krebsauslösende Subs­tanzen in Textilien und der galoppierenden Chemie-Phobie. Krämers Resümee: „Angst als solche ist ja durchaus positiv und hat die Menschheit am Leben erhalten. Aber wir beschäftigen uns mit Pseudoge­fahren.“. Das Orientieren an der Mehrheitsmeinung sei fest in unseren Genen verankert, schreibt Krämer, der Umgang mit Risiko deshalb auch ein soziales Phänomen. Wenn sich Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen oder die Experten im Fernsehen fürchten, dann fürchten wir uns vorsorglich mit.

Deshalb funktioniert auch die Panikmache mit überschrittenen Grenzwerten irgendwelcher Giftstoffe in Lebensmitteln so gut. Krämer nennt als Beispiel die Aufregung um leicht erhöhte Dioxinwerte in Hühnereiern und Schweinefleisch, die den Deutschen zu Jahresbeginn ordentlich den Appetit verdarb. Nach vier Wochen war der Spuk vorbei, und es stellte sich heraus, dass für die Konsumenten zu keinem Zeitpunkt eine gesundheitliche Gefährdung bestanden hatte. Bei Eiern liegt der gesetzlich festgelegte Dioxin-Grenzwert mit drei Billionstel Gramm je Gramm Fett nämlich besonders niedrig. Fetter Fisch darf 40-mal mehr Dioxin enthalten, ohne dass sich jemand aufregt oder zu Konsumboykott aufruft. Die Fisch-Lobby war in dieser Hinsicht offenbar erfolgreicher als die Eier-Lobby.

Sterbetafeln und statistische Excel-Sheets gelten zu Recht als wenig prickelnder Lesestoff. Aber sie sind enorm informativ. In der österreichischen Todesursachenstatistik lässt sich etwa die Karriere des Melanoms, der gefährlichsten Form von Hautkrebs, nachvollziehen: 1970 starben daran je 100.000 Einwohner 1,6 Menschen. Heute sind es 2,4. Das ist zweifellos eine Steigerung. Von einer Volkskrankheit ist das Melanom aber doch ziemlich weit entfernt. Dennoch halten es heimische Dermatologen für notwendig, alljährlich im Frühling die dramatische Entwicklung dieser Krebsart zu beklagen und vor jedem Sonnenstrahl zu warnen. Aufgeklärte Bürger verbringen folglich ihre Ferien unter einer dicken Schicht von Creme mit Lichtschutzfaktor 50 und trauen sich mittags kaum aus dem Haus.

Dabei ist Hautkrebs – wie die meisten Krebsarten – in erster Linie eine Alterskrankheit. Wer ganz sichergehen will, dass er nicht zur Beute eines Melanoms wird, stirbt am besten jung.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre den Menschen das Leben, das ihre Nachkommen heute führen, wie das Paradies vorgekommen. Seuchen sind – zumindest in der westlichen Welt – praktisch ausgerottet, aus dem Wasserhahn kommt sauberes Wasser, in den Geschäften türmen sich frische Lebensmittel, die Luftqualität wird kontinuierlich besser, seit Jahrzehnten gab es keinen Krieg mehr, und wenn es irgendwo im Körper zwickt, lässt sich fast immer mit ein paar Pillen Abhilfe schaffen. Selbst die herannahende nächste Wirtschaftskrise stellt keine existenzielle Bedrohung dar: Letztlich geht es nur um unsere Sparbücher, nicht um das nackte Leben.

Bürger des 21. Jahrhunderts haben sehr viel Zeit, sich die verschiedensten Gefahren auszumalen, weil es kaum noch echte Gefahren gibt, vor denen sie sich fürchten müssten. Außerdem erhalten sie Unterstützung durch Legionen von Experten, die ganz genau wissen, dass sie es mit einer Horrormeldung eher in die Abendnachrichten schaffen als mit einer Entwarnung. Der Psychologe Peter Vitouch nennt das einen „pseudogefährlichen Kindergarten“ und gibt den Medien einen großen Teil der Schuld daran. Jeder Unfall und jede negative Konsequenz eines Ereignisses werden genüsslich ausgewalzt. Stellt sich zur Abwechslung heraus, dass ein Risiko doch nicht so hoch ist wie bisher angenommen, hat das meist nicht mal in der Randspalte Platz. „Es ist ein Teufelskreis“, meint Vitouch. „Je mehr schlechte Nachrichten das Publikum hört, umso mehr verstärkt sich das subjektive Bedrohungsszenario, und umso mehr Interesse gibt es dann wieder für die schlechten Nachrichten.“

Das erklärt etwa das ungebrochen hohe Panikpotenzial des internationalen Terrors – und zwar auch in Gegenden, in denen das Problem nur vom Hörensagen und aus dem Fernsehen bekannt ist. In Österreich fand der letzte Terroranschlag im Jahr 1985 statt. Vier Tote waren damals bei einem Attentat auf dem Wiener Flughafen zu beklagen. Doch seit 9/11 gebärden sich heimische Innenminister, als stünde die konzertierte Sprengung von Riesenrad und Stephansdom unmittelbar bevor. Mehrfach wurden einschlägige Gesetze verschärft, und die Bürger akzeptierten das ohne Murren. Man kann ja nie wissen, ob nicht doch mal etwas passiert.

So paradox es klingt: Die kollektive Angst vor Krankheiten, Unfällen, Terror und Siechtum ist letztlich auch eine Konsequenz der längeren Lebenserwartung. Senioren sind nun mal furchtsamer als junge Leute. Eine Gesellschaft, in der die Rentner den Ton angeben, neigt schon aus biologischen Gründen dazu, immer das Schlimmste anzunehmen.

Deshalb wird der Film „Contagion“, der am vergangenen Freitag in den österreichischen Kinos anlief, mit Sicherheit sein Publikum finden. Es geht darin um ein Grippevirus, das innerhalb kürzester Zeit 50 Millionen Menschen tötet. Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow, eine der Darstellerinnen, erklärte jüngst in einem Interview, dass dies keineswegs nur Hollywood-Fiktion sei. „Alles, was Sie in dem Film sehen, ist möglich.“
Zu Beginn der Grippewelle im richtigen Leben klingt das wie eine sehr gefährliche Drohung.