Anti-Aging-Medizin: Methusalem-Kompott - Um 3 Jahre jünger in nur wenigen Monaten?

Der Leiter des profil-Wissenschaftsressorts Robert Buchacher über seinen dreimonatigen Anti-Aging-Selbstversuch, der ihm eine biologische Verjüngung um mindestens drei Jahre bringen soll. – Das verspricht jedenfalls sein Coach, der Hormonguru Johannes Huber.

So heiter war die Redaktionskonferenz schon lange nicht. Meine Ankündigung, jetzt mit einer dreimonatigen Anti-Aging-Kur zu beginnen und darüber in profil zu berichten, erzeugt bei uneingeweihten Kollegen sichtlich Vergnügen. Schließlich gelobe ich, mindestens 90 Tage lang keinen Tropfen Alkohol zu trinken, täglich ab 16 Uhr streng zu fasten, dreimal wöchentlich Ausdauersport zu betreiben und das Ganze mit einer vollen Kiste Anti-Aging-Medikamente zu unterstützen. Die Wissenschaft, so erkläre ich, habe – bisher zwar nur in Tierversuchen – bewiesen, dass eine deutlich reduzierte Nahrungsaufnahme, regelmäßige Bewegung sowie bestimmte Biochemikalien, darunter etliche sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, das Altern deutlich bremsen können. „Und du kommst jetzt gleich nach der Maus“, sorgte einer der Kollegen für allgemeines Gelächter.

Nein. Zwischen der Maus und mir schwimmt neuerdings die Brasse. An diesem Vertebraten, wie die wissenschaftlich korrekte Familienbezeichnung lautet, haben italienische Forscher den in Weintraubenschalen und im Rotwein vorkommenden Inhaltsstoff Resveratrol getestet. Seit Langem nämlich vermutet die Wissenschaft, dieser Wunderstoff könnte dafür verantwortlich sein, dass die schlemmenden und sich durchaus fettreich ernährenden Franzosen viel weniger Herz-Kreislauf-Leiden entwickeln als andere Erdenbewohner – ein Phänomen, das unter dem Begriff „French paradoxon“ in die wissenschaftliche Literatur Eingang fand. Die Franzosen trinken zum Essen eben viel Rotwein, lautete daher die gängigste Erklärung, die Hobbywissenschaftern wie mir von Anfang an höchst plausibel und sympathisch klang.

Wie die italienischen Forscher unter Leitung von Dario R. Valenzano (Universitäten Pisa und Rom) vor nicht allzu langer Zeit im Fachjournal „Current Biology“ (Vol. 16 v. 7. Februar 2006) berichteten, hatten sie den künstlich hergestellten Pfanzeninhaltsstoff Resveratrol in drei verschiedenen Konzentrationen in die Nahrung von Tieren unterschiedlicher Entwicklungsstufen gemischt. Dabei zeigte sich zunächst, dass Resveratrol, abhängig von der Dosierung, die Lebensdauer von an und für sich kurzlebigen Nichtvertebraten wie dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans oder der Fruchtfliege Drosophila deutlich zu steigern vermochte. Dann kletterten die Forscher auf der Leiter der Evolution noch um einige Entwicklungsstufen höher und testeten ihr Wundermittel an einem Fisch – eben der Brasse. Und siehe da, es zeigte sich das gleiche Phänomen wie schon zuvor bei den Würmern und der Fruchtfliege: Je höher die Dosierung des in die Fischnahrung gemischten Resveratrol, desto länger lebten die Brassen – weit über ihre normale Lebenszeit hinaus.

Nun könnte einer sagen: gut und schön, ein nettes Experiment, aber was bringt das, außer dass wir jetzt wissen, was wir ohnedies schon wussten – dass man nie genug Rotwein trinken kann? Rechtfertigt das einen Selbstversuch, bei dem sich ein 62-jähriger profil-Redakteur erstens um seine mühsam angezüchtete Leibesfülle bringt, zweitens entgegen den wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Tropfen Alkohol mehr trinken will und sich drittens ohne große Not jedes Vergnügens entschlägt? profil-Gourmet-Kritiker Christoph Wagner würde eher verzweifelt reagieren.

Aber wenigstens einmal in meinem Schreiberleben will ich es den Wissenschaftern gleichtun und den steinigen

Pfad in Richtung Erkenntnisgewinn selber gehen. Die Anti-Aging-Wissenschaft verlange dringend danach, wie profil-Herausgeber Christian Rainer klar erkannte, als er mir schon vor Monaten in einem Gespräch über Anti-Aging-Medizin beiläufig die Frage stellte: „Warum machst du nicht einen Selbstversuch und berichtest darüber in profil?“ Schließlich stößt die Wissenschaft bei ihren Forschungen über den Alterungsprozess und seine Beeinflussbarkeit allmählich an eine Grenze. Noch vor etwa 15 Jahren waren die Forscher in der Vorstellung gefangen, dass der Mensch altert wie ein Auto, bei dem durch allmähliche Abnützung und Materialermüdung eine nach der anderen Funktion erlischt, was sich durch Wartung und Ersatzteile eine Zeit lang hinauszögern lässt, bis das Vehikel als Ganzes den Geist aufgibt. Mittlerweile weiß die Medizin jedoch aufgrund zahlreicher, an biologischen Modellen verschiedener Entwicklungsstufen durchgeführter Experimente, dass das Altern ein gesteuerter und beeinflussbarer Prozess ist und dass dieser Befund auf alle bisher untersuchten Lebewesen bis hinauf zu Menschenaffen zutrifft.

Bei ihren Untersuchungen sind die Wissenschafter auf eine Reihe bemerkenswerter Phänomene gestoßen, die zeigen, dass der Alterungsprozess in der Biologie kein unumstößlicher Vorgang ist, ja, dass die Biologie selbst Verjüngungsstrategien kennt. Wir altern nämlich nicht an den Genen, wie die Wissenschaft lange Zeit angenommen hat, sondern nur an der „Verpackung der Gene“, dem epigenetischen Code, der einer Veränderung unterliegt, beispielsweise ausgelöst durch Viren, durch ultraviolette Bestrahlung oder durch Chemikalien. Nur durch Veränderung der Genverpackung ist beispielsweise erklärbar, warum es innerhalb ein und derselben Tierart, nämlich bei den Bienen, drei unterschiedliche Erscheinungsformen mit höchst unterschiedlichen Lebensspannen gibt. Alle drei – Königin, Drohne und Arbeiterin – sind mit dem genau gleichen Genbausatz ausgestattet, dennoch sehen sie anders aus und leben unterschiedlich lang. Während die Königin mehrere Jahre alt wird, bringt es die Arbeiterin lediglich auf ein paar Wochen oder Monate. Das Geheimnis der Bienenkönigin liegt im Gelée royale verborgen, das imstande ist, den epigenetischen Code, also die Genverpackung, zu verändern und mit ihm Körpergröße und Lebensspanne.

Eine im Mittelmeer lebende Quallenart, die Turritopsis nutricula, ist überhaupt unsterblich, wenn sie nicht gefressen wird, denn sie ist in der Lage, die Verpackung ihrer Gene zu verändern und sich so permanent zu verjüngen. Die Wissenschaft zeigt sich an derartigen Phänomenen besonders interessiert, weil sie hofft, die dahinterliegenden Mechanismen bis ins Detail aufklären und irgendwann für die Medizin nutzbar machen zu können. Das vorrangige Ziel dabei ist nicht die medikamentös herbeigeführte Schönheitsverjüngung, wie sie die im Wellness-Fahrwasser schwimmende Pseudo-Anti-Aging-Medizin für viel Geld verspricht, sondern ein Paradigmenwechsel in Richtung Präventionsmedizin: Wenn es gelänge, den menschlichen Körper auch in der zweiten Lebenshälfte gesund, jugendlich und geistig wie körperlich fit zu erhalten, könnte man sich die teure Reparaturmedizin und viel Leid ersparen.

Eines der mittlerweile bestuntersuchten Phänomene der Anti-Aging-Forschung ist die in zahlreichen Tierversuchen angewandte, so genannte „restriction of calories“, also die Verringerung des Nahrungsmittelangebots, die bei allen Testlebewesen zu einer nachhaltigen Steigerung der Fitness, Vitalität und Beweglichkeit sowie zu einem mitunter dramatischen Anstieg der Lebenserwartung geführt hat. Berühmt geworden sind in diesem Zusammenhang vor allem die von der Molekulargenetikerin Cynthia Kenyon von der University of California in San Francisco durchgeführten Experimente mit Fadenwürmern des Typs C. elegans. Durch Genmanipulation und Kalorienrestriktion ist es Kenyon gelungen, die durchschnittliche Lebenszeit der Würmer zu versechs- und im Extremfall sogar zu verzehnfachen. Ähnliche Experimente wurden an verschiedenen US-Universitäten mit Labormäusen durchgeführt, bei denen zumindest eine Verdoppelung der normalen Lebenszeit erzielt werden konnte.

Basis dieses Phänomens sind von der Evolution in allen bisher getesteten Lebewesen entdeckte „Longevity genes“, also Langlebigkeitsgene, die jeweils in Hungerphasen aktiviert werden – eine Art Überlebensversicherung für den Fall, dass für längere Zeit nicht ausreichend Nahrung verfügbar sein sollte. Über solche Langlebigkeitsgene, die sich durch Fasten aktivieren lassen, verfügt auch der Mensch, der ja nach Evolutionsmaßstäben bis vor nicht allzu langer Zeit noch Jäger und Sammler war, also nicht zu allen Zeiten über ein gleichmäßiges Nahrungsmittelangebot verfügte. Im Gegenteil: Er hatte immer wieder Hungerphasen zu überleben, entweder ausgelöst durch klimatische oder jahreszeitliche Schwankungen oder durch Naturkatastrophen. Daher ist der menschliche Organismus von seiner genetischen Ausstattung her eher für das Fasten eingerichtet als für die Völlerei. Er ist auch klar auf Bewegung ausgerichtet und nicht auf das Sitzen im Büro, was das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Ende Jänner in seiner Titelgeschichte „Fit wie in der Steinzeit“ beschrieben hat.

Noch nie zuvor in der Evolution hatte der Mensch Nahrungsmittel in derartigem Überfluss und in derartiger Qualität zur Verfügung wie die heutigen Bewohner westlicher Industriestaaten. Zugleich war der Alltag nie zuvor in der Evolution derart bewegungsarm wie heute. Die Folge davon sind Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Altersdiabetes. Die Zuckerkrankheit tritt allerdings immer häufiger auch in jüngeren Altersgruppen auf. Ursache für diese Krankheit des 21. Jahrhunderts ist ein durch überreiche Nahrungsaufnahme und mangelnde Bewegung erhöhter Glukosespiegel. Der Blutzucker ist der wahrscheinlich stärkste Alterungsmotor.

Ein zentraler Punkt sinnvoller Anti-Aging-Maßnahmen ist daher die Senkung des Glukosespiegels im Blut, am besten durch eine Kombination aus verringerter Nahrungsaufnahme und regelmäßigem Ausdauertraining, wie wir das im profil-Anti-Aging-Test versuchen werden. „Darüber hinaus wollen wir aber auch das Langlebigkeitsgen SIRT 1 anheizen“, erklärt der Wiener Hormon- und Anti-Aging-Forscher Johannes Huber, wissenschaftlicher Planer und Betreuer meines Selbstversuchs.

Die Versuchsanordnung ist eine Premiere, denn es hat wohl zahlreiche Tierexperimente, aber bisher noch keinen wissenschaftlich betreuten Menschenversuch gegeben. Der US-Pathologe David Sinclair, Anti-Aging-Forscher an der Harvard Medical School, erklärte im Vorjahr in einem Interview mit PBS-NewsHour: „Wir sind nun an einem Punkt angelangt, wo wir untersuchen können, ob das, was wir in diesen simplen Organismen entdeckt haben, auch beim Menschen funktioniert.“ Doch anders als bei sonstigen klinischen Studien ist das ein schwieriges Unterfangen. Wer soll sich für so einen Menschenversuch, der sinnvollerweise über Jahrzehnte laufen müsste, zur Verfügung stellen? Die Forscher begnügten sich daher notgedrungen mit Versuchen an Tiermodellen, bei denen die Ergebnisse nach wenigen Monaten vorlagen und nicht erst nach Jahrzehnten.

Wir wollen mit unserem vergleichsweise bescheidenen Versuch natürlich nur einen Anstoß für die Wissenschaft geben. Das Ziel ist dennoch präzise und hoch gesteckt: Innerhalb von drei Monaten wollen wir mein biologisches Alter messbar um mindestens drei Jahre senken.

Messbar heißt: Es muss ein Vorher- und ein Nachher-Status mit Parametern erhoben werden, die mein biologisches Alter ausweisen. Wichtigste Punkte dabei sind das Verhältnis von Fett- und Muskelmasse, ein sportmedizinischer Leistungstest sowie eine genaue Blutanalyse samt Hormonstatus.

Zunächst wurde im Wiener Institut Menox eine so genannte DXA-Body-Composition-Messung durchgeführt. Ein spezielles, computergestütztes Röntgengerät, das gewöhnlich zur Messung der Knochendichte eingesetzt wird, scannt dabei den ganzen Körper und errechnet dann den Fett-, Muskel- und Knochenanteil des gesamten Körpers beziehungsweise auch einzelner Körperregionen (Kopf, Rumpf etc.). Je mehr Fett- und je weniger Muskelmasse, desto höher ist das biologische Alter.

Die mit zunehmendem Alter schwindende Muskelmasse hat auch Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Mein Gesamtfettanteil beträgt laut Messung 28,6 Prozent, gar nicht schlecht für einen 62-Jährigen, behauptet die freundliche Ärztin, die den Computer bedient. Höher ist mit 30,6 Prozent der wichtigere, nur am Rumpf gemessene Fettanteil, das ist der berühmte Schwimmreifen, der sich mit zunehmendem Alter auch aufgrund des schwindenden Nebennierenhormons DHEA aufbaut. Der muss in den nächsten Wochen weg.

Den Leistungstest absolviere ich beim Internisten und Sportmediziner Paul Haber, der in Wien-Hernals ein Zentrum für medizinische Trainingstherapie betreibt. Nach dem Ruhe-EKG steige ich verkabelt auf das Ergometer und strample. Nach Alter, Körpergröße und Gewicht errechnet Haber den Sollwert mit 171 Watt Leistung (100 Prozent). Ich habe vor 15 Jahren mit dem Rauchen aufgehört, vor neun Jahren mit dem Lauftraining begonnen und schaffe 183 Watt (107 Prozent).

Schließlich wird im Wiener AKH eine genaue Blutanalyse durchgeführt. Bis auf einen erhöhten Harnsäurewert von 7,6 (Referenzwert bis 7,0) sind alle Werte innerhalb des Sollbereichs, zum ersten Mal seit 20 Jahren auch die Cholesterinwerte – ebenfalls Resultat meines Lauftrainings. Das Ergebnis des im Institut Menox erhobenen Hormonstatus stand bei Redaktionsschluss noch aus. Darüber werde ich im kommenden Heft im Rahmen einer kleinen wöchentlichen Kolumne berichten, wo ich eine Art Tagebuch über meine beim Selbstversuch gemachten Erfahrungen führen werde.

Auch der zu Beginn und am Ende des Selbstversuchs erhobene Hormonstatus ist ein Parameter für das biologische Alter. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang das männliche Geschlechtshormon Testosteron, ein Jugendhormon, das auch im weiblichen Körper, wenn auch in geringerer Konzentration, vorhanden ist. Mit zunehmendem Alter verwandelt sich das Testosteron in das weibliche Geschlechtshormon Östradiol, was zum Muskelschwund führt. Durch Fasten und regelmäßiges Ausdauertraining lässt sich dieser Prozess bremsen, dadurch steigt der Testosteronspiegel wieder, das Körperfett wird ab- und die Muskelmasse aufgebaut. Mehr Testosteron bedeutet auch vermehrte Libido und Potenz.

Durch das Fasten am Abend schüttet außerdem die Hypophyse ab Mitternacht mehr Wachstumshormon aus, ein Stoff, der die Neubildung von Stammzellen und damit die Gewebsreparatur fördert. Die jungen Kollegen können sich auf etwas gefasst machen: In drei Monaten dürfen sie gegen mich im Stiegenhaus antreten. Wer ist als erster im fünften Stock? Dann bin ich 63 – aber in Wahrheit um Jahre jünger.