Apokalypse: Wie Crash-Propheten an der Wirtschaftskrise verdienen

Apokalypse: Wie Crash-Propheten an der Wirtschaftskrise verdienen

Apokalyptische Reiter: Die anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise ist für Crash-Propheten ein lukratives Geschäftsmodell. Ob sie mit ihren Prophezeiungen richtigliegen oder nicht, ist vollkommen egal.

"Wat denn nu? Ist die Krise vorbei, oder nicht?“, fragte ein Twitterant vergangene Woche. Monate-, ja jahrelang hat sie uns begleitet. Doch seit einiger Zeit ist sie aus den Schlagzeilen verschwunden. Die einen rufen bereits ihr Ende aus. Schließlich zeigen die Zahlen einen erfreulichen Trend. Zum einen wachsen die Euro-Schwergewichte Deutschland und Frankreich erstmals wieder kräftig, zum anderen konnte die Rezession in den Krisenländern etwas eingebremst werden. Italien und Spanien gelang es, die wirtschaftliche Talfahrt zu stoppen, in Griechenland drehte die Bilanz sogar ins Plus, und in Portugal ging die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit zwei Jahren zurück.

Das sei die unheilvolle Stille vor dem Sturm, meinen die anderen. Spätestens nach geschlagener deutscher Bundestagswahl im Herbst werde die Krise mit voller Wucht zurückkommen.

Hochkonjunktur haben nach wie vor die Mahner, Pessimisten und Untergangspropheten. Selbsternannte Experten, schrullige Vermögensverwalter und renommierte Wissenschafter zeichnen ein düsteres Bild. Und die Weltuntergangsszenarien fallen auf fruchtbaren Boden, wie zahlreiche Blogs und Internetforen beweisen.

Die Argumente der Schwarzmaler sind oft berechtigt und stichhaltig. Dass die Kassandren aber auch immer wieder falschliegen, ficht sie nicht an. Schließlich folgt jedem Boom irgendwann auch ein Abschwung. Und wenn die beschriebenen Szenarien vorerst ausbleiben sollten, dann kommen sie eben später, dafür aber umso heftiger.

Die schwerste Krise seit Jahrzehnten hat das Spiel mit der Angst für einige zum höchst ertragreichen Geschäftsmodell gemacht. Sie bevölkern Talkshows und Nachrichtensendungen, ihren gut dotierten Vorträgen hören Minister und andere Entscheidungsträger zu, und ihre Bücher erreichen Millionenauflagen.

Eine Auswahl.

Marc Faber

Der Mann hat erstaunlich oft Recht: Er sagte den US-Börsencrash im Jahr 1987 voraus, ebenso die Asienkrise der späten 1990er-Jahre, und im Juli 2007 sah er den Einbruch des US-Immobilienmarkts kommen. Pessimistische Prognosen wie diese haben Marc Faber eine treue Fangemeinde und den Spitznamen "Dr. Doom“ (Doktor Untergang) eingebracht. Der gebürtige Schweizer mit einer - laut eigenem Bekunden - Schwäche für Bordellbesuche, guten Wein und Mao-Memorabilia studierte Wirtschaftswissenschaften, und war, bevor er in Hongkong seine eigene Vermögensverwaltung gründete, Investmentbanker an der Wall Street.

Mittlerweile geht es der 67-Jährige etwas ruhiger an. Seit Jahren lebt er in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai. Für 40 Euro pro Monat teilt er in seinen Anlegerreports "Gloom, Boom & Doom“, die über die bloße Betrachtung der Finanzmärkte weit hinausgehen und für ihre beißende Kritik bekannt sind, seine Prognosen mit dem Rest der Welt. Und diese lassen nichts Gutes erwarten. Trotz aktuell starker Aktienmärkte in den USA und Deutschland sieht Faber die Kurse schon wieder purzeln und zieht Parallelen zum "Schwarzen Montag“ von 1987. Kürzlich wagte er sogar eine noch viel drastischere Prognose: "Der Dritte Weltkrieg wird in den nächsten fünf Jahren ausbrechen.“

Doch auch Faber ist nicht vor Irrtümern gefeit. Anfang 2008 warnte er, dass die Kreditblase in China innerhalb weniger Monate platzen werde. Bis heute ist das nicht passiert. Auch die von ihm seit Jahren prophezeite Hyperinflation in den USA will und will nicht kommen. Vielleicht ist er aber auch nur seiner Zeit voraus. Das US-amerikanische Research-Unternehmen CXO Advisory wollte es genau wissen. Deren Analysten untersuchten über 6500 Prognosen aus den Jahren 2005 bis 2012 prominenter Anlageprofis zur Entwicklung von US-Aktien. Darunter waren auch 150 Vorhersagen von Marc Faber. Das Ergebnis: In 47 Prozent aller Fälle lag er richtig. Da hätte man zur Entscheidungsfindung auch eine Münze werfen können.

Jim Rogers

Den Grundstein für seinen legendären Ruf und seinen Reichtum legte Jim Rogers in den 1970er-Jahren. Damals führte er mit dem heute noch viel berühmteren George Soros einen Fonds, der binnen knapp zehn Jahren eine Rendite von 4200 Prozent abwarf. US-Standardaktien schafften in derselben Zeit nicht einmal ein Plus von 50 Prozent. Wankelmut kann man dem passionierten Motorradfahrer nicht vorwerfen. In den 1990er-Jahren rief er einen neuen Boom für Rohstoffe aus und hält seither unbeirrt daran fest. Ebenso wenig lässt er von seiner düsteren Prognose für die USA ab. Unaufhörlich predigt er den wirtschaftlichen Niedergang seiner alten Heimat. Dieser drohe ein "Inflationsholocaust“.

Abgesehen von der mehr als geschmacklosen Wortwahl: Man kann getrost davon ausgehen, dass es dem Spekulanten dabei wohl auch um das eigene Portemonnaie - oder in seinem Fall den eigenen Geldtresor - geht. Denn die entsprechenden Lösungsvorschläge für die Inflationskatastrophe liefert Rogers gleich mit: Die Anleger sollten statt Aktien und Anleihen besser Rohstoffe kaufen. Da trifft es sich gut, dass seine Gesellschaft die passenden Indexfonds im Angebot hat. Seine Anhänger dürfte er damit nicht besonders glücklich gemacht haben. Der von ihm geschaffene "Rogers International Commodity Index“ (RICI) büßte in den vergangenen fünf Jahren mehr als ein Viertel ein. Es steht zu vermuten, dass selbst Rogers von Geldflüssen desillusionierter Anleger nicht verschont geblieben ist. "Der Rohstoffsuperzyklus ist vorbei - außer Jim Rogers ist das allen klar“, meinte jüngst ein Kommentator. Doch Fragen nach Geschäftszahlen lässt der sonst nie um markige Sprüche verlegene Rogers unbeantwortet. Er sei nicht gut im Vorhersagen kurzfristiger Marktbewegungen, entschuldigt er sich. Die langfristige Perspektive ist aber auch eine geschickte Marketingstrategie: So halten Investoren den von ihm betreuten Indexanlagen länger die Stange. Und wer ihm folgen will, setzt nun auf China. Für seine neue Heimat strotzt er nur so vor Optimismus.

Nouriel Roubini

Die akademische Welt ist voller Neider und Missgünstlinge. Unter Ökonomen etwa kursiert folgendes Bonmot: "Nouriel Roubini ist wie eine stehengebliebene Uhr - die geht auch zweimal am Tag richtig.“ Im Klartext: Richtige Prognosen verdankt er eher dem Zufall. Seiner Popularität tut dies keinen Abbruch. Roubini, der sich mit Marc Faber den Beinamen "Dr. Doom“ teilen muss, ist der Superstar unter den Wirtschaftswissenschaftern. Er gilt als der Mann, der die Wirtschaftskrise vorhersah. Das geht auf 2006 zurück, als er in einem Vortrag beim Internationalen Währungsfonds vor der Kreditblase warnte und eine Rezession prophezeite. Doch er brauchte mehrere Anläufe, bis er mit seinen Prognosen einen Treffer landete. So sagte er für 2004 einen dramatischen Börsencrash voraus, für 2005 eine heftige Wachstumsverlagerung, für 2006 einen globalen Einbruch. Erst die Rezession, die er für 2007 prognostizierte, trat dann tatsächlich ein. Die Probleme auf dem Hypothekenmarkt als Ursache für die Krise fokussierte Roubini erst spät. Zuvor galt seine Sorge vor allem dem US-Leistungsbilanzdefizit. Für 2012 prophezeite er den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone. Es kam bekanntlich anders. Europäische Zentralbanker (mit ihrem Aufkaufprogramm für Staatsanleihen) und Politiker (mit der Verabschiedung des Rettungsfonds ESM) machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Geschadet haben ihm seine Fehlprognosen nicht, im Gegenteil: Sein Marktwert hat sich im Verlauf der Krise immens gesteigert. Den macht Roubini - im Hauptberuf Ökonomieprofessor an der Stern School of Business in New York - mit seinem Beratungsunternehmen zu Geld. Roubini Global Economics Monitor, vor acht Jahren als Ein-Mann-Betrieb mit einer einfachen Website gestartet, beliefert nun Regierungen, Banken und Investoren mit Analysen. Mittlerweile kann ein Jahresabo aus Roubinis Studienschmiede zehntausende Dollar kosten.

Paul Krugman

Er gilt als einer der brillantesten Vordenker in der Wirtschaft. Durch seine Kolumnen, die er seit dem Jahr 2000 regelmäßig für die "New York Times“ verfasst, wurde er zu einem der bekanntesten Intellektuellen der USA. Doch Paul Krugman brauchte die Krise nicht, um berühmt zu werden. Schon in den 1980er-Jahren erwarb er sich mit den Grundlagen einer Handelstheorie einen exzellenten wissenschaftlichen Ruf. 2008 wurde er dafür mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt. Dem 60-Jährigen Professor der Elite-Universität Princeton gelingt es wie nur ganz wenigen Ökonomen, sein Wissen auch dem Durchschnittsbürger nahezubringen. Als bekennender Keynesianer ist er ein scharfer Kritiker der Austeritätspolitik der EU und ein Verfechter antizyklischer Finanzpolitik. Dabei spart er nicht mit apokalyptischem Vokabular. "Deutschland führt die Eurozone auf einen Todestrip“, kritisierte er. Die Depression in Irland und Griechenland gibt ihm Recht. Und US-Präsident Barack Obama werde "seinen persönlichen 11. September erleben“, wenn er seinem ersten Konjunkturpaket nicht ein weiteres folgen lasse.

Doch in der Vergangenheit hat er sich auch schon gewaltig geirrt. Schon 2009 sah er Österreich wegen des Kreditrisikos heimischer Banken in Osteuropa als Pleitekandidat. Zwei Jahre später konstatierte er: "Österreich ist, nach den meisten Maßstäben, eine sehr erfolgreiche Volkswirtschaft, mit niedriger Arbeitslosigkeit und einem Zahlungsbilanzüberschuss“. Im Mai 2012 prognostizierte er den Austritt Griechenlands aus dem Euro sowie den Zerfall der Eurozone. Das werde in den "nächsten Monaten, nicht Jahren“ geschehen, so Krugman.

Der linksliberale Wissenschafter mischt sich wie kein anderer in die politische Debatte ein. Die Krise nutzte er, um seinen Einfluss zu mehren. Mit populärwissenschaftlichen Büchern und Zeitungsbeiträgen stärkt er seine Marke. Bereits Ende der 1990er-Jahre kassierte er als Redner 20.000 Dollar pro Stunde. Heute ist es ein Vielfaches.

Max Otte

Seit Jahren tingelt er von einem Fernsehtermin zum nächsten, Journalisten fragen ihn um seine Meinung, Anleger um Rat. Max Otte, Wirtschaftsprofessor in Worms und in Princeton, einst Doktorand des heutigen Fed-Chefs Ben Bernanke, hat die Finanzkrise vorausgesagt. Im Jahr 2006, als die globale Konjunktur auf vollen Touren lief, hatte er ihren baldigen Absturz prophezeit. Sein Buch "Der Crash kommt“ verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Mit dem Absturz der Weltwirtschaft stieg Ottes Ruhm. "Ich habe von der Krise schamlos profitiert“, meint er selbst. Er gibt einen Börsenbrief heraus, in dem er verrät, auf welche Aktien er gerade setzt. Dafür kassiert er 470 Euro pro Abo und Jahr. Er gründete ein Anlageberatungsunternehmen, in dem Menschen ihr Vermögen nach seinen Methoden anlegen können, und streicht dafür üppige Provisionen ein. Und er brachte zwei Fonds für institutionelle und private Anleger auf den Markt, die ebenfalls seine Strategien umsetzen. Otte setzt dabei, wie sein Vorbild Warren Buffet, auf Papiere, die er für solide, aber unterbewertet hält. Immer wieder empfiehlt er die Flucht in Gold. Er wird dafür auch von obskuren Goldapologeten verehrt, die seit Jahren auf einschlägigen Internetforen das Ende des Papiergeldes ausrufen.

Selbst Verschwörungstheorien nicht abhold, empfahl der Deutsche seinen Landsleuten im Jahr 2009, Euroscheine mit den Länderkürzeln S, T, Y, V, P und M schnell umzutauschen. Denn diese Kürzel stünden für Scheine aus den Schuldenstaaten. Und diese wären, sollte es zu einer Abspaltung der Euro-Peripherieländer kommen, in Deutschland nicht mehr gültig. Das Gerücht war Wasser auf die Mühlen der Obskuranten und machte schnell die Runde. Doch tatsächlich sagen die fraglichen Buchstaben nichts darüber aus, wo die Scheine gedruckt wurden. Das musste denn auch Otte einbekennen: "Leider ist die Sache mit den Ländercodes banaler als damals gedacht.“ Es habe sich um eine Vermutung seinerseits gehandelt. "Heute weiß ich, dass da nichts dran ist“, erklärte der Crash-Prophet.

Roland Leuschel

Die Reputation als notorischer Schwarzseher hat sich Roland Leuschel hart erarbeitet. Seit er den großen Börsenkrach von 1987 exakt vorhersagte und dabei enorm verdiente, gilt er als Seher. Als 1990 auch noch der von ihm prognostizierte Kollaps in Japan eintrat, war sein Ruf als Crash-Prophet endgültig gefestigt. Der Nikkei verlor binnen Jahresfrist über 40 Prozent und stürzte das Land in eine der schlimmsten Krisen, von denen es sich bis heute nicht erholen konnte. Auf Europa und die USA sprang der Funke damals nicht über. Leuschel behauptet aber, dass der Niedergang schon seit 1997 im Gange sei. Die dazwischen liegenden Boomphasen sind für ihn Ergebnis verfälschter Wirtschaftszahlen. In regelmäßigen Abständen prophezeite er dem totalen Zusammenbruch der Finanzmärkte und lag ebenso regelmäßig falsch. Der Deutsche war jahrzehntelang Chefstratege bei der belgischen Banque Bruxelles Lambert, bevor er sich in die Frühpension nach Portugal verabschiedete. Gemeinsam mit dem Vermögensverwalter Claus Vogt hat Leuschel zwei Bücher verfasst, in denen die Autoren vor allem die Verschuldungspolitik der US-Notenbank unter Alan Greenspan geißeln und vor hoher Inflation warnen. Leuschel hat auch den Beiratsvorsitz in Vogts Unternehmen Aequitas Capital inne. Dort ist man mit einem Vermögen von mindestens 2,5 Millionen Euro als Kunde willkommen.

Von Altersmilde ist bei dem mittlerweile 76-Jährigen noch nichts zu spüren. Aktuell warnt Leuschel vor einer Währungsreform. Im August 2014 soll sie kommen. Wie man sich dagegen wappnet? Mit Gold und Immobilien, so Leuschel.

Mitarbeit: Elisabeth Postl