Folter hinter Glas: Sowjetmoderne im Wiener Architekturzentrum

Das Architekturzentrum Wien zeigt die vergessene Moderne der ehemaligen Sowjetrepubliken. Viele der beeindruckend futuristischen Gebäude sind nun von Zerfall bedroht. Eine Spurensuche am Beispiel Georgiens.

Es scheint, als wäre ein ganzes Land in kollektive Amnesie verfallen. Tiflis, Georgiens Hauptstadt, gleicht einer gigantischen Baustelle. Kräne, Bagger, Bauschutt: Kein Stein soll hier mehr auf dem anderen bleiben. Das Gesicht der rund eine Million Einwohner zählenden Stadt verändert sich täglich, moderne Glaspaläste wachsen rasant aus dem Boden. Eine Stadt probt den Anschluss an die internationale Moderne. Aber wie wird mit dem historischen Architekturerbe umgegangen? Frédéric Chaubin dokumentierte in seinem viel diskutierten Fotoband "Cosmic Communist Constructions Photographed“ (2011) zahlreiche Sowjetbauten, die allen klischeehaften Vorstellungen von grauer, uniformer und massenhaft produzierter Architektur gehörig widersprechen: etwa der Hochzeitspalast in Tiflis aus dem Jahr 1985 mit seinen elegant geschwungenen, organischen Formen - oder das ehemalige Transportministerium von 1974, das auseinanderdriftenden Straßen gleicht. Oder das archäologische Museum von Tiflis, errichtet 1988, das wie ein gigantisches Grabmal imposant auf einem Hügel steht.

In Architekturfragen hilft kein klassischer Touristenführer. Vielleicht können ja Einheimische helfen? Jedoch: Schulterzucken im Hotel, Desinteresse der Taxifahrer. Kaum jemand in Tiflis kann beantworten, ob es bestimmte historische Bauten überhaupt noch gibt. Eine Spurensuche nach dem Sowjeterbe in Georgien ist reichlich deprimierend. Im Kaukasus wird besonders deutlich, wie sehr die Bewertung von Architektur vom politischen Klima abhängt.

Der Umgang mit Sowjetarchitektur ist ein Gradmesser für die Temperatur, die zwischen Georgien und Russland herrscht - und die ist seit Längerem schon eisig. 1991 wurde die ehemalige Sowjetrepublik selbstständig, von Beginn an befand sich die junge Nation im Clinch mit Russland, das separatistische Bewegungen in Abchasien, Südossetien und Adscharien unterstützte. 2008 brach Georgien die diplomatischen Beziehungen zum übermächtigen Nachbarn ab, nachdem Russland im August einmarschiert war, um Südossetien militärisch zu unterstützen. "Die Sowjetbauten sind mit einer Epoche verbunden, die man offiziell am liebsten auslöschen möchte“, reflektiert der georgische Architekt Lewan Asabaschwili die Lage. "Niemand zeigt Willen, diese Ära aufzuarbeiten“.

Im Gegenteil:
Das Ausmaß der Zerstörung ist in Tiflis bereits jetzt alarmierend, zahlreiche markante Gebäude aus der Sowjetära ließ man schlicht verfallen. Das Restaurant Aragvi mit seinen prächtigen Mosaiken ist abgerissen, das Hotel Iveria von 1962, lange ein Wahrzeichen der Stadt, wurde mit einer langweiligen Glasfront entstellt, das archäologische Museum ist geschlossen und verrottet, der Hochzeitspalast wurde von einem der reichsten Männer des Landes gekauft und wird nun privat bewohnt. Eine Ausnahme ist das ehemalige Transportministerium: Das vorbildlich renovierte Gebäude beherbergt nun eine Bank.

Gerade in der Schlussphase der Sowjetunion entstanden an den Rändern des monumentalen Reichs Gebäude, die von einer beeindruckend raffinierten Architekturmoderne erzählen, die ebenso von individuellem Gestaltungswillen geprägt war wie jene im Westen. Eine aufwändige Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW) nimmt nun diese vergessene Moderne unter die Lupe.

Ein umfangreiches Rechercheprojekt ging der Konzeption der Schau "Sowjetmoderne 1955-1991. Unbekannte Geschichten“ voraus: Die Kuratorinnen Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermair und Alexandra Wachter haben die 15 ehemaligen Sowjetrepubliken bereist - und mussten staunen, wie unterschiedlich sich diese Länder architektonisch positionierten. Während sich das Baltikum schon früh am funktionalen Baustil seiner skandinavischen Nachbarn orientierte, hatten Weißrussland, die Ukraine und Moldawien "kein Problem mit dem kulturellen Anschluss an die Architektur Russlands“, wie AzW-Leiter Dietmar Steiner im Vorwort zum Ausstellungskatalog erklärt. Gerade im Kaukasus konnten sich regionale Besonderheiten besonders stark durchsetzen, während Zentralasien auf modernistisch-nationalistische Architektur setzte, die in Ländern wie Kasachstan oder Turkmenistan mit protzigen Glas- und-Marmor-Orgien nach wie vor prägend ist. Eines ist all diesen einander kaum vergleichbaren Ländern allerdings gemein: Es gibt so gut wie kein Bewusstsein dafür, dass herausragende Beispiele sowjetischer Architektur zu schützen wären. Man blickt nach vorne, auf keinen Fall zurück. Architektur ist ein Instrument, um Modernität zu beweisen. Sie ist nach wie vor ein Propagandamittel.

Nirgends sieht man das so deutlich wie in Tiflis, einer Stadt der harten Kontraste. Der seit 2004 amtierende Präsident Michail Saakaschwili setzt alles daran, sich als Stadtplaner unsterblich zu machen. Seine Architektur spielt mit Symbolcharakter. Sämtliche Polizeipaläste des Landes ließ er mit einer Glasfront überziehen, um Transparenz zu versinnbildlichen. Im korrupten Georgien weiß allerdings jeder, dass auch hinter Glas weiter gefoltert wird. Saakaschwili hat sich in der verarmten Bevölkerung viele Feinde gemacht mit seinem angeberischen Dubai-Stil. Die gläserne "Friedensbrücke“ über den Mtkvari-Fluss wird im Volksmund spöttisch "Always Ultra“ genannt, erinnert sie doch an eine Damenbinde.

Auf einem Hügel mit Blick über ganz Tiflis steht eine riesige moderne Villa, errichtet von dem japanischen Stararchitekten Shin Takamatsu. Sie gehört dem politischen Herausforderer Bidsina Iwanischwili, jenem Milliardär, der bei der Wahl vor wenigen Wochen als Sieger hervorging. Es bleibt abzuwarten, was das politisch für das gebeutelte Land bedeutet. In Sachen Architektur aber scheinen der neue Regierungschef und Noch-Präsident Saakaschwili einen durchaus ähnlichen Geschmack zu haben: Glas, Stahl, neureich und protzig. Schönes neues Georgien.

Reiches Erbe
Die Ausstellung "Sowjetmoderne 1955-1991. Unbekannte Geschichten“ ist ab Donnerstag dieser Woche (bis 25.2.2013) im Architekturzentrum Wien zu sehen. Zur Schau ist ein umfangreiches Buch erschienen; am 24. und 25.11. wird zudem ein hochkarätig besetzter Kongress stattfinden, bei dem Architekten, Stadtplaner und Kulturtheoretikerinnen von Turkmenistan bis Weißrussland zu Gast sein werden, um über das architektonische Sowjeterbe zu referieren.

Infos: www.azw.at