Bank Austria und die Causa Madoff: Schleppende Ermittlungen

Bank Austria und die Causa Madoff: Schleppende Ermittlungen

Vor fünf Jahren kollabierte das Betrugssystem von Bernard Madoff. Seither schleppen sich in Wien Ermittlungen gegen die Bank Austria und deren langjährige Geschäftspartnerin Sonja Kohn dahin. Jetzt wurde auch noch der Staatsanwalt ausgewechselt.

Es braucht nicht allzu viel Geduld, um das Onlinearchiv der UniCredit Bank Austria AG nach Begriffen wie Bernard Madoff, Sonja Kohn, BA World Wide Fund oder Primeo Fund zu durchstöbern. Das Resultat ist in allen Fällen gleich: „Keine Ergebnisse gefunden!“ Auch Destinationen wie British Virgin Islands oder Cayman Islands sind dem System völlig fremd.

Geschäftsverbindungen
Keine Ergebnisse also. Das ist bemerkenswert. Immerhin erzählen diese Stichwörter eine Geschichte, die weit in die Vergangenheit des Geldhauses zurückreicht. Zwischen 1994 und 2007 hatten die Bank Austria und deren Geschäftspartnerin, die Wiener Kauffrau Sonja Kohn, diskrete wie einträgliche Geschäftsverbindungen zum US-amerikanischen Finanzjongleur Bernard Madoff unterhalten.

Im Dezember dieses Jahres jährt sich der Kollaps von Madoffs weltumspannendem Schneeballsystem zum fünften Mal. Am 11. Dezember 2008, wenige Monate nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, fiel Madoffs Brokerhaus „Bernard L. Madoff Investment Securities“ unter der Last seines jahrelangen Loch-auf-Loch-zu-Spiels auseinander. Kurz darauf wurde er verhaftet und 2009 wegen schweren Betrugs zu 150 Jahren Haft verurteilt. Begnadigung ausgeschlossen.

65 Milliarden Dollar
Madoff hat weltweit tausende Investoren, darunter Banken, Versicherungen, Hedgefonds, Hollywoodgrößen, aber eben auch österreichische Privatanleger, um insgesamt 65 Milliarden Dollar (zu heutigen Kursen rund 49 Milliarden Euro) geprellt. Und das unter den Augen der – vorgeblich – ahnungslosen US-Wertpapieraufsicht SEC und seiner eigenen Leute. Selbst seine langjährige persönliche Sekretärin Eleanor Squillari will über all die Jahre nicht bemerkt haben, was da in Madoffs Büro im New Yorker „Lipstick Buildung“ tatsächlich vor sich ging. Wie Madoff seine Geschäftspartner täuschen konnte, ist bisher ebenso wenig geklärt wie der Verbleib der ihm überantworteten Milliarden.

Bank Austria und das System Madoff
Faktum ist, dass die Bank Austria und Frau Kohn (Gründerin des zwischenzeitlich kollabierten Wiener Bankhäuschens Bank Medici) das System Madoff jahrelang mit dem Geld gutgläubiger Anleger alimentierten. Die Bank Austria und Kohn sollen bei Investoren im In- und Ausland in Summe drei Milliarden Dollar aufgebracht und über Investmentfonds-Strukturen wie „Primeo“ und später „Herald“ zu Madoff verschoben haben, wovon umgerechnet 350 Millionen Dollar von österreichischen Privatanlegern stammten. Es könnte auch deutlich mehr Geld im Spiel gewesen sein. So genau lässt sich das nach wie vor nicht sagen. Denn die, die es wissen, reden nicht.

Faktum ist auch, dass etwa die Bank Austria den „Primeo“-Anlegern jährlich Provisionen abknöpfte, für angebliche „Beratungsleistungen“; wobei diese aus steuerlichen Gründen über Offshore-Vehikel in der Karibik abgerechnet wurden. Die „Fondsgesellschaft“ Primeo Fund Ltd. hatte ihren Sitz auf den Cayman Islands, die „Beratungsgesellschaft“ BA Worldwide Fund Management Ltd., kurz BAWFM, war auf den British Virgin Islands registriert (siehe Kasten „Falsche Darstellung).

Über die Jahre kam da so einiges zusammen. Nach profil-Recherchen verbuchte BAWFM allein zwischen 1998 und 2007 „Management“ und „Performance Fees“ in einer Größenordnung von 60 Millionen Dollar. 80 Prozent behielt die Bank ein, 20 Prozent waren der als „Subberaterin“ engagierten Sonja Kohn, genauer deren New Yorker Gesellschaft „Eurovaleur“, zugedacht.

Faktum ist weiters, dass die Bank Austria ihren Kunden zu keinem Zeitpunkt mitteilte, dass die ihr übertragenen Gelder tatsächlich für Madoff bestimmt waren; mehr noch, dass die eigentlich zwingend vorgesehenen Kontrollmechanismen nur bedingt griffen. profil liegen zwei Berichte der internen Revision aus den Jahren 2001 und 2003 vor, die jeweils an den Vorstand adressiert und bereits Gegenstand medialer Berichterstattung waren. In beiden wird ausdrücklich auf das Fehlen „schriftlicher Vereinbarungen“ mit Madoff und auf das damit einhergehende „Haftungsrisiko“ hingewiesen. Und doch geschah nichts.

Faktum ist schließlich, dass die Verbindungen zwischen Bank, Kohn und Madoff seit nunmehr vier Jahren die Rechtssysteme mehrerer Länder beschäftigen. In den USA will die mit der Vertretung der geschädigten Anleger betraute Kanzlei Baker Hostetler Milliarden von Bank Austria und Sonja Kohn vor Gericht erstreiten. In Großbritannien interessiert sich das Serious Fraud Office für Kohns Rolle in dem Spiel, in den USA das FBI, in Liechtenstein sind Untersuchungen wegen mutmaßlicher Geldwäsche anhängig. In Wien haben verprellte Investoren zahlreiche Zivilklagen eingebracht. Sie wenden ein, dass die Bank Austria die Existenz des „Managers“ Bernard Madoff rundheraus verheimlicht hätte – in sechs Fällen konnte die Bank den Vorwurf entkräften, in anderen Verfahren wiederum liegen zumindest erstinstanzliche Urteile zu Lasten der Bank vor.

Vor allem aber ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien seit 2009 gegen ehemalige Verantwortliche der Bank Austria auf der einen Seite, gegen Sonja Kohn und die Bank Medici auf der anderen. Die Verdachtsmomente wiegen schwer: Betrug, Untreue, Bilanzfälschung sowie Verstöße gegen das Investmentfondsgesetz. Auffallend: Die Ermittlungen richteten sich bisher nur gegen die einst zweite Garnitur der Bank. Das frühere Top-Management war zu keinem Zeitpunkt in der Ziehung.

Und noch etwas fällt auf: Die Staatsanwaltschaft Wien hat bisher ein überaus gemäßigtes Tempo an den Tag gelegt. In den vergangenen vier Jahren wurde der Akt zwar immer umfangreicher, ein echter Durchbruch wurde jedoch nicht erzielt. Immerhin verfügt die Justiz seit Ende vergangenen Jahres über ein Gutachten des Sachverständigen Erich Pitak, das er im April dieses Jahres um eine zweite Expertise ergänzte. Beide Gutachten liegen profil vor.

Pitak hatte im Wesentlichen zwei Aufträge: Er sollte einerseits die Frage klären, ob die Bank Austria tatsächlich jene behaupteten Leistungen erbrachte, für welche die „Primeo“-Anleger Gebühren und Provisionen zahlen mussten. Pitak schreibt dazu: „Bei der klar überwiegenden Zahl der in die … Gestionierung des Primeo Fund eingebundenen Konzernmitarbeiter kann angenommen werden, dass ihnen aus Marktvergleichen bekannt sein musste, dass zwei Prozent per anno Beratungshonorar (plus etwai-gem Perfomancebonus) nur für einen kontinuierlichen Auswahlprozess mit Detailanalysen gerechtfertigt wäre, und dass für eine einmalige Managerentscheidung zugunsten Madoffs … eine Beratungsfee von zwei Prozent per anno krass überhöht ist.“ Das Resümee des Gutachters: „In der gesamten Aktenlage habe ich keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass BA Worldwide Fund Management nach der Entscheidung, Bernard Madoffs Unternehmen BMIS zu beauftragen, tatsächlich ihrer … geschuldeten Leistung als Investmentberater … nachgekommen wäre.“

Soll heißen: Die Bank verrechnete Leistungen, die sie so nie erbrachte. Allerdings schränkt Pitak ein, dass er dies „nicht mit absoluter Sicherheit“ belegen könne.

Zweitens sollte der Sachverständige prüfen, ob das Verschweigen der Achse Madoff in den Verkaufsprospekten gegen gesetzliche Bestimmungen verstieß. Seine Antwort: Grundsätzlich war die Bank im Sinne des Investmentfondsgesetzes nicht verpflichtet, Madoff namentlich zu nennen, wenngleich in einzelnen Prospekten „unrichtige vorteilhafte Angaben“ gemacht wurden.

Die Bank Austria und Sonja Kohn waren bisher eifrig bemüht, sich in der Opferrolle zu inszenieren – wohl auch vor dem Hintergrund der zivil- und strafrechtlichen Unwägbarkeiten. Man sei auf Madoffs „perfide Phantom-Transaktionen“ (so die Bank in einer ihrer Klagebeantwortungen) hereingefallen. Kohn wiederum gab bei einer Einvernahme im April 2009 die Unwissende. Ihr sei „unbegreiflich, wieso die Machinationen von Madoff unentdeckt bleiben konnten“. Auch wisse sie nicht, wie Madoff diesen Betrug aufgezogen habe: „Ich kann hier eigentlich nur raten. Ich denke, dass im Madoff-Unternehmen Personen involviert gewesen sein müssen, die die Transaktionen manipulativ verwaltet haben.“

Und trotzdem: Nach Auffassung von US-Juristen sollen Kohn und eine Reihe früherer Bank-Austria-Manager Teil eines kriminellen Netzwerks gewesen sein, das von Madoff über Jahre mit diskreten Kick-Back-Zahlungen versorgt wurde – die Rede ist von einem Betrag von zumindest 55 Millionen Dollar.

Am 14. Dezember des Vorjahres, setzte der New Yorker Anwalt Timothy Scott Pfeifer, Partner der Kanzlei Baker Hostetler, ein zwölfseitiges Schreiben nach Wien ab. Empfänger: der seit 2009 für den Fall zuständige Staatsanwalt Michael Radasztics. Pfeifer hielt sich gar nicht erst mit Floskeln auf. In dem profil ebenfalls vorliegenden Dokument bekräftigt der Anwalt die Vorwürfe, die Baker Hostetler seit Jahren gegen die Bank Austria und Sonja Kohn erhebt (der Verständlichkeit halber wird die folgende Passage ins Deutsche übersetzt): „Über ein Jahrzehnt nutzten die Bank Austria und deren ranghohe Angestellte die BA Worldwide Fund Management Ltd. als Schwarzgeldfonds … Es gibt Indizien, dass diese Manager sich verschworen haben, um von Madoffs Betrug zu profitieren, indem sie zumindest 55 Millionen Dollar durch ein weitläufiges System schleusten.“

Pfeifer listet in dem Brief insgesamt elf Österreicher auf, die Teil der „BA-Madoff-Group“ gewesen sein sollen. Und regt vorsorglich an, die strafrechtlichen Ermittlungen auf weitere Personen auszuweiten, darunter ein ehemaliges Vorstandsmitglied. Aus medienrechtlichen Erwägungen nennt profil vorerst keine Namen.

Eine Affäre mit Schauplätzen in den USA, Großbritannien, Liechtenstein und Österreich. Eine Vielzahl an Beschuldigten, undurchsichtige Geldflüsse über Offshore-Konstruktionen und ein Schaden, der in die Milliarden geht.
Vier Jahre lang hat Staatsanwalt Radasztics sich durch tausende Seiten an Gerichtsakten gearbeitet. Doch seit wenigen Wochen ist er den Fall los. Die Staatsanwaltschaft hat eine neue Referentin abgestellt. Warum, ist unklar.
Klar ist nur: Mit Anklagen ist bis auf Weiteres nicht zu rechnen.