Benjamin Murmelstein: Der bespuckte Held

Claude Lanzmann, der Regisseur von „Shoah“, setzt dem umstrittensten jüdischen Funktionär der NS-Zeit ein Denkmal: Benjamin Murmelstein. Der Wiener Rabbiner war Organisator der Auswanderung und Judenältester in Theresienstadt.

Benjamin Murmelstein starb 1989 in Rom. Der Vorsitzende der dortigen Kultusgemeinde, Elio Toaff, verweigerte das Totengebet in der Synagoge und wies eine Grabstelle am Friedhofsrand zu.

Lange davor, 1975, war Murmelstein auf einer Hotelterrasse mit Blick auf die ewige Stadt vier Tage lang dem französischen Dokumentarfilmer Claude Lanzmann Rede und Antwort gestanden: Warum hatte er mit Adolf Eichmann kooperiert? Warum hatte er sich der Logik der Nationalsozialisten unterworfen? Warum hatte er als Judenältester in Theresienstadt Transporte nach Auschwitz abgehen lassen? Warum hatte er überlebt, als einziger Judenältester?

+++ Monumente der Moral: das Werk und die Methode des Shoah-Aufklärers Claude Lanzmann +++

Es ist ein erschütterndes Dokument über das Verhalten eines jüdischen Funktionärs unter nationalsozialistischer Herrschaft. Wer sich damit beschäftigt, begibt sich in das „Epizentrum des Verbrechens“, sagt der Schriftsteller Doron Rabinovici (siehe Interview hier).

Der Regisseur von „Shoah“, Claude Lanzmann , hat daraus eine Dokumentation gemacht, die in den kommenden Tagen in Cannes der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Fast 40 Jahre lang war das Material gesperrt gewesen. Das Thema war tabu. „Dunkelstein“, ein Theaterstück von Robert Schindel, das sich Murmelstein zum Vorbild nimmt, wurde bis heute nicht aufgeführt.

Zwischen Hammer und Amboss
profil konnte das ungeschnittene elfstündige Interview anschauen: ein 70-Jähriger, der bisweilen stumm mit dem Kiefer mahlt, seinen Stiernacken zum Angriff senkt, irritiert durch dicke Gläser schaut und in seinem schweren Anzug schwitzt, ein Koloss aus der Vorzeit. Ostjüdischer Sing-Sang. Einmal ist Murmelstein nahe am Weinen, meist aber sehr selbstbewusst. Immer wieder leitet er seine Antworten mit einem Rückgriff auf die Mythologie ein, seinem Lebensgerüst und Rückzugsraum. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike wird ihm zum Sinnbild für die Gefahr des Zurückblickens, für das, was er im Begriff ist zu tun: „Sie sind die letzte Gefahr die sich mir bietet“, sagt Murmelstein zu Lanzmann.
Eigentlich sei es das Schicksal eines Judenältesten gewesen, erschossen zu werden. Doch er lebe und schleppe eine Kette hinter sich her. Noch immer. Er fühle sich schuldig, ohne gesündigt zu haben. So büße er im Exil wie die frommen Chassiden. Er sei derjenige zwischen Hammer und Amboss gewesen, der alle Schläge abbekommt.

Ein ungerechter Gott muss ihn dazwischengeschoben haben. Fotografien aus den 1930er-Jahren zeigen einen korpulenten jungen Mann mit melancholischem Blick und energischem Kinn. Der innere Widerstreit war Murmelstein in die Wiege gelegt worden. 1905 als Sohn einer orthodoxen, kinderreichen Unternehmerfamilie in Lemberg geboren, kam Murmelstein nach dem Ersten Weltkrieg zum Studium der Philosophie nach Wien. Zur selben Zeit schloss er an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt die Ausbildung zum Rabbiner ab. Er wurde Gemeinde-rabbiner in der Brigittenau und schrieb zur Aufbesserung seines Gehalts populäre religiöse Schriften und dicke Wälzer über das Judentum. Im Grunde war er ein belesener Intellektueller, ein brillanter Theologe, ein Konservativer, der nie Eingang in die arrivierten Kreise des angestammten Wiener Judentums fand.

Als die Nazis kamen, wurde der junge Familienvater ins Zentrum der Geschichte katapultiert. Auf Drängen seiner Schicksalsgenossen übernahm Murmelstein die Auswanderungsstelle der jüdischen Gemeinde. Sein Gegenspieler war SS-Untersturmführer Adolf Eichmann, mit dessen Karriere es bis dahin nicht recht vorangegangen war. Die Austreibung der Juden war Eichmanns Chance. Murmelstein war ihm in den Ohren gelegen, dass nichts weitergehe, wenn die Juden gezwungen würden, sich an zehn verschiedenen Ämtern anzustellen. Eichmann bestimmte, dass ausreisewillige Juden, die noch etwas besaßen, ein Haus, ein Bankkonto oder Schmuck, nun in der Zentralstelle von Schalter zu Schalter geschickt und am Ende ohne einen Pfennig, aber mit einem Fetzen Papier entlassen wurden, der sie verpflichtete, innerhalb von 14 Tagen das Land zu verlassen.

„Eichmann hat bei mir Auswanderung studiert“, sagte Murmelstein. Die Zentralstelle habe sich „zu einer Art Golem“ entwickelt, die zumindest das Wegkommen ermöglichte. In Berlin fiel die Eichmann-Methode „laufendes Band“ positiv auf. Dazu machte Eichmann als „Judenexperte“ auf sich aufmerksam. Murmelstein musste für ihn etliche Denkschriften zum „Judenproblem“ verfassen und zweimal in der Woche NS-Professoren in jüdischer Tradition und Geschichte unterweisen.

Im Herbst 1938 meldete Eichmann der Zentrale in Berlin, er habe die „Wiener Judenschaft vollständig in der Hand (…) und die Herrschaften auf den Trab gebracht“.

Seine Beziehung zu Eichmann habe „ins Unernste geschlagen, indem ich gesprochen habe, wie mir der Schnabel gewachsen war“, erzählt Murmelstein. Als er einmal mit anderen Judenräten in Berlin vorsprechen musste, habe Eichmann ihm befohlen zu bleiben, unter vier Augen noch mit ihm zu reden. „Irgendwie hat mich der Teufel geladen, denn die Leute reden sofort: ,Was hat der Murmelstein mit dem Eichmann?‘ Daraufhin habe ich ihm einfach gesagt: ,Sie müssen mich entschuldigen, Herr Sturmbannführer. Ich habe die Flugzeugkarte gelöst.‘“ Murmelstein erzählt das voll Stolz. Natürlich habe er Angst gehabt. Schon in der Pogromnacht 1938 habe er den brutalen Eichmann kennengelernt, der um drei Uhr morgens mit einem Schlageisen und einem SS-Trupp im Tempel in der Seitenstettengasse alles kurz und klein schlug.

Murmelstein war gerissen genug, um Schikanen bei der Ausreise zu mildern. Er trickste, täuschte und verhandelte, wurde erpresst und selbst getäuscht. Manchmal hatte er nur ein paar Tage Zeit, um Menschen außer Landes zu bringen, und sorgte dafür, dass Wertsachen und Wohnungen innerhalb von Stunden verkauft wurden. Murmelstein ging seine Aufgabe mit einer gewissen Kühle an. Er traf eigenmächtige Entscheidungen. An eine 90-jährige Frau wollte er „keine Schiffspassage mehr verschwenden“. Er trat herrisch und jähzornig auf. Er zog Hass auf sich. Doch: von 1938 bis November 1941 konnten rund 128.000 Juden aus Wien flüchten.

„Ein Serienversuch aus einem Laboratorium"
Im Oktober 1939 begleitete Murmelstein die ersten Transporte von Wiener Juden in den Osten, in das polnische Städtchen Nisko. Sie sollten sich in den schlammigen Auen des San eine neue Existenz schaffen, Häuser und Brunnen bauen oder eben „sterben“, wie Eichmann den versammelten Juden mitteilte und sie – ohne Behelfsunterkünfte und Nahrung – ihrem Schicksal überließ. Nisko war der Auftakt. Die Erfahrungen, die Eichmann mit der Logistik der Deportation, der Täuschung der Opfer, Drohungen und Versprechungen gegenüber den Judenräten, der psychischen Demütigung der Deportierten und der Geheimhaltung erwarb, mündete zwei Jahre später in die fabrikmäßig betriebene Massenvernichtung.

Nisko war auch für Murmelstein ein Lehrstück. Es war „ein Serienversuch aus einem Laboratorium (…) bei jedem Versuch wird notiert (…) wissenschaftlich studierte Endlösung“, sagte Murmelstein im Interview mit Lanzmann.

Er machte sich keine Illusionen. 1941 gingen Deportation und Auswanderung nebeneinander her. Alles, was Murmelstein tat, hatte eine helle und eine dunkle Seite. Die Wiener Juden mussten essen. Wer essen wollte, musste in der Lebensmittelkartei gemeldet sein. Doch die Kartei diente auch der Erfassung für die Deportationen. „Meine Tätigkeit war hoffnungslos. (…) Die Marionette musste weiterhüpfen“, gab er Lanzmann gegenüber zu.

Als 1942 die Transporte in den Osten in Viehwaggons abgingen, waren die übrig geblieben Funktionäre der Kultusgemeinde für die „Einwaggonierung“ zuständig. Es habe ausgesehen, „als ob die Juden einander selbst deportierten“, sagte Murmelstein: „Wir mussten dabei sein. Wir konnten nicht scharf protestieren. Mildern konnten wir.“

Er fühlte sich für Ruhe und Ordnung zuständig. Er glaubte, so könne er noch am ehesten dafür sorgen, dass sich die Juden untereinander helfen. Er wollte die Hilflosesten, Alte und Kinder, von den Deportationslisten herunterkriegen. In dieser Zeit hörte Murmelstein auf, in den Tempel zu gehen. Er fühlte sich zu schmutzig und unrein. Sein Glaube war auf eine harte Probe gestellt.
Im Jänner 1943 wurde Murmelstein selbst auf die Reise geschickt. Er kam nach Theresienstadt. Es bestand aus einem Ghetto, das im Laufe des Krieges als Durchgangslager für Auschwitz und andere Vernichtungslager diente, und einem Gestapo-Gefängnis. Mit Theresienstadt hatten die Nationalsozialisten großen Propagandaaufwand getrieben. Es sollte gegenüber dem Ausland als vergnügliches Judenreservat erscheinen, als „Reichsaltersheim“. Unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ wurden später Filmaufnahmen aus Theresienstadt bekannt, in denen die Juden dabei zu sehen waren, wie sie Sport trieben, sich vor ihren Häusern sonnten, angeregt in Kaffeehäusern plauderten, Konzerte und Theateraufführungen besuchten – „ein singendes, klingendes Ghetto, mit dem Auschwitz kaschiert werden sollte“, so Murmelstein.
Bald nach seiner Ankunft in Theresienstadt begannen die Dreharbeiten. Er bekam mit, dass Krüppel und Kranke deportiert wurden. Neben Gesundheitsangelegenheiten war Murmelstein im Ältestenrat auch für „Stadtverschönerung“ zuständig. Er machte bei der Camouflage mit. „Solange man mit Theresienstadt Propaganda treibt, kann man es nicht verschwinden lassen“, sagte er.

Im Herbst 1944, als die letzten Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz gingen, wurde der Judenälteste verhaftet und ermordet. Nun war sein bisheriger Stellvertreter Murmelstein allein für das Ghetto verantwortlich. Er griff rigoros durch und kappte die Vorteile für prominente Juden und ihre Seilschaften, etwa Extra-Essensrationen für deren Frauen und Kinder. Er ließ Pakete von Hilfsorganisationen beschlagnahmen, deren Empfänger oft schon deportiert worden waren und die sich Lebenstüchtige mit erschwindelten, erpressten Vollmachten zugeeignet hatten. Er versuchte, den Handel von Konserven gegen Gold zu unterbinden und Lebensmittel an die Bedürftigen zu bringen. Er verordnete eine 70-Stunden-Woche, um der SS zu beweisen, dass das Ghetto funktionierte. Es habe die Gefahr einer Liquidierung des Lagers bestanden, sagte Murmelstein. Und er weigerte sich, Transporte zusammenzustellen. Auch Reklamationen für Deportationslisten ließ Murmelstein nicht mehr zu. „Wir Juden stellen keine Transporte zusammen“, sagte er, und „wer immer jemanden herausreklamiert, kann das tun, aber nur, wenn er selbst als Ersatz geht“. Murmelstein bewahrte freilich selbst Experten wie Ärzte und Krankenschwestern vor der Deportation. Nach der Befreiung hieß es, er habe selbstherrlich gehandelt, er habe Leute willkürlich einsperren lassen, seine Geliebte geschützt, sich sexuelle Gefälligkeiten erweisen lassen. Murmelstein hatte keine gute Nachrede. Schon in Wien soll Murmelstein gern in Stiefeln aufgetreten sein, Untergebene zusammengeschrien und geohrfeigt haben. Er war in Zeiten des Hungers fett geworden, hatte sich einen Leibpanzer zugelegt. Auch das nahm man ihm übel.

„Ich habe Theresienstadt gerettet"
Am 5. Mai 1945 wurde das Lager vom Internationalen Roten Kreuz übernommen. Murmelsteins Demission wurde im Lager teilweise gefeiert. Als er Lanzmann davon erzählte, dass auch die Fleckfieberbaracke gegen seine Warnungen geöffnet wurde und eine Epidemie ausbrach, wurden seine Augen nass.

19.000 Menschen überlebten Theresienstadt. „Ich habe Theresienstadt gerettet. Vielleicht ist das Megalomanie“, sagte Murmelstein. Wenige Wochen nach der Befreiung wurde Murmelstein wegen Kollaboration angezeigt. Nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft in Prag wurde die Anklage gegen Murmelstein fallen gelassen, der einzige überlebende Judenälteste war rehabilitiert.

1947 zog Murmelstein nach Rom. Glücklich wurde er dort nicht. Er gab ein kurzes Intermezzo als Rabbiner in der jüdischen Gemeinde in Triest, doch wollte er sich „nicht von einem Geldsack schurigeln lassen“, sagte er kurz vor seinem Tod.

Wieder zurück in Rom ernährte Murmelstein seine Frau und seinen einzigen Sohn, der 1936 zur Welt gekommen war, als Hausierer. Er handelte mit Glühbirnen, später mit Möbeln. Er empfand es als grobe Beleidigung, als er von Lanzmann gefragt wurde, ob er reich sei. Reichtum hätte er unter seinen Bedingungen nur mit unlauteren Mitteln erwerben können, sagte Murmelstein.

Für Studien suchte er öfter die Bibliothek im Vatikan auf, was zu dem Gerücht führte, er habe sich taufen lassen. 1961, als der Eichmann-Prozess in Jerusalem vorbereitet wurde, bot sich Murmelstein als Zeuge an, doch er wurde nicht geladen und war schwer enttäuscht. 1975 gab er Lanzmanns Drängen nach und stellt sich einem langen Interview. Als Lanzmann zehn Jahre später sein Monumentalwerk „Shoah“ herausbrachte, kamen die Murmelstein-Bänder darin nicht vor. Es war seine letzte große
Enttäuschung. Andererseits: Murmelstein war Intellektueller. Er wusste, er war aus der Zeit gefallen. Und die Zeit war noch nicht reif gewesen für das, was er zu sagen hatte.