Der Rest des Lebens

Entmutigt, orientierungslos und leseschwach: Zu viele 15-Jährige straucheln beim Übergang zwischen Schule und Beruf. Das kommt teuer.

Daniel fängt bei Siemens an und wird "Mechatroniker“. Melanie hat zwei Brüder in "elektrischen Berufen“. Sie geht zu den Wiener Linien und lernt Elektroenergietechnik. Patrick macht das Gleiche wie sie. Nicole hat eine Stelle bei der Erste Bank gefunden. Carmen, die einmal zu spät zu einem Casting kam und aus dem Rennen war, fand etwas im Elektrogroßhandel. Ein Onkel hat ihr geholfen. Nur David und Leli suchen noch. Sie wollen Kfz-Techniker werden.

So eine Klasse wie die F 3 erlebt die Mathematik-Lehrerin Sabine Prohaska nicht alle Jahre. Es ist die letzte Woche vor den Ferien, und fast alle haben eine Lehrstelle. Saskia lehnt sich zurück und spielt mit ihren Haaren: 30 Bewerbungen hat sie geschrieben, 15 Einladungen bekommen und acht Tests durchlaufen, bevor sie als Bürolehrling genommen wurde. Der Druck ist abgefallen. Im Lehrerzimmer der Polytechnischen Schule in der Wintzingerodestraße im 22. Wiener Gemeindebezirk atmet Prohaska durch: "Sie hätten die Kinder vor ein paar Monaten erleben sollen, da waren sie noch ziemlich verzweifelt.“

Die Lehrerin mit dem blonden Kurzhaarschnitt kennt die grimmige Statistik und die Schicksale dahinter. Sie weiß, dass 15-Jährige, die aus dem Bildungssystem kippen, im Leben schlechte Karten haben und ihr Job als Polytechnikum-Lehrerin darin besteht, ein nahezu aussichtsloses Blatt noch zu wenden: "Wir haben die Kinder ja nur zehn Monate hier. In Mathe fangen wir mit dem an, was man in der dritten Volksschule lernt: Rechnen ohne Taschenrechner.“

Jedes Jahr spuckt das heimische Bildungswesen 8000 "Early School Leavers“ aus. "Ungefähr die Hälfte davon sind 15-Jährige, die nach der Pflichtschule aufhören“, sagt Mario Steiner, Bildungsforscher am Institut für Höhere Studien (IHS). Die Folgen sind ein Leben lang nicht mehr abzuschütteln: Frühe Bildungsabbrecher haben ein höheres Risiko, sozial ausgegrenzt zu werden und ihre Arbeit zu verlieren. Sie verdienen weniger, zahlen weniger Steuern, konsumieren mehr Sozialleistungen und werden öfter krank. Laut einer amerikanischen Studie kostet ein Highschool-Abbrecher über die Lebensspanne gerechnet 450.000 Dollar. "Die Zahlen kann man zwar nicht eins zu eins umlegen, aber so teuer können Investitionen in die Bildung fast nicht sein, dass sie sich nicht rentieren“, sagt Steiner.

Eine andere Schule, dieselben Erfahrungen.
Gerda Reissner stapft in einem fröhlichen Sommerkleid durch die Gänge der Kooperativen Mittelschule (KMS) in der Wiener Schopenhauergasse. Jahrelang hatte sie hier Deutsch und Geschichte unterrichtet und ihren Schülern gepredigt, dass sie es schaffen, wenn sie sich nur anstrengen. Die Wahrheit konnte sie ihrer Klasse nicht sagen, nämlich dass die Kinder, die es im Leben zu etwas bringen, nebenan ins Gymnasium gehen und sie in einer "Restschule“ sitzen: "Wir haben eine No-Future-Generation nach der anderen entlassen.“

Vor einem Jahr startete Reissner das Projekt "Lebensperspektiven“, weil sie nicht mehr mitansehen wollte, wie 15-Jährige beim allerersten Schritt ins Arbeitsleben straucheln, Mädchen sich in schlechte Ehen flüchten, Burschen sich mit Drogen zudröhnen oder mit illegalen Geschäften über Wasser halten. Seither erzählt sie ihren Schülern, dass sie bei ihren Bewerbungen eine Geschichte erzählen müssen, um sich von anderen zu unterscheiden: "Sie trauen sich ja selbst überhaupt nichts zu.“

Manchmal ereignen sich vor ihren Augen kleine Wunder. Der kernige Boxfan Denis, 15, stand auf der Liste ihrer Sorgenkinder, aber ausgerechnet er hatte als Erster der Klasse eine Lehrstelle. Im September fängt er bei Interspar an. Seinen Noten kann er das nicht verdanken, nur seinem Auftreten, an dem Reissner mit ihm gearbeitet hat.

Manchmal muss sich die Lehrerin aber auch damit abfinden, dass sie keine Wunder wirken kann. Laura*, 15, hat hundert Mal geschrieben, wie gerne sie Rezeptionistin werden möchte, hat hundert Mal auf Antwort gewartet. "Höchstens fünfzig Mal“ ist etwas zurückgekommen. Es war immer eine Absage. Das Mädchen mit der Ponyfrisur verschränkt die Arme und lächelt tapfer: "Das war nicht schön.“ Der Satz könnte für vieles in ihrem Leben stehen. Als Laura sieben war, trennten sich ihre Eltern. Die Mutter zog mit ihr nach Deutschland, dann nach Serbien und wieder zurück nach Wien. Da saß sie, eine zerbrechliche Siebenjährige, in der Volksschule, und alles, woran sich Laura heute erinnert, ist ihre "entsetzliche Angst, ich weiß gar nicht, wovor“. Ihre Tante musste sich neben sie in die Klasse setzen, "sonst wäre ich gar nicht hingegangen“. Laura schaffte es mit ein paar Vierern im Zeugnis in die KMS.

Ein System, das auf frühe Selektion und Halbtagsschule setzt und bei Zweitlehrern und Förderungen spart, stempelt Menschen wie Laura zu Verlierern. Vor ein paar Jahren zog sie zu ihrem Vater. Wenn sie nach der Schule heimkam, musste sie den Haushalt machen. Jetzt liegen die schlimmen Zeiten hinter ihr - und nichts vor ihr, das nach Zukunft aussieht: "In eine Schule mag ich nicht mehr gehen.“ Vergangene Woche klopfte Reissner sanft bei Laura an, ob sie sich auch eine Bürolehre vorstellen könne: "Ja“, hat das Mädchen geantwortet. Es hat recht matt geklungen.

Ressourcenmangel, Entmutigung, Orientierungslosigkeit und schlechtes Selbstvertrauen sind laut IHS-Forscher Steiner die häufigsten Gründe für frühen Bildungsabbruch: "Viele Jugendliche landen in für sie falschen Ausbildungen, geben auf und probieren nichts mehr Neues.“ Der Eishockey- und Fußballfan Patrick, Schüler der Polytechnischen Schule 22, etwa wollte eigentlich Konditor werden, kassierte auf seine zwanzig, dreißig Bewerbungen nur Absagen und macht jetzt eine Lehre als Maler. Die Stelle hat ihm ein Bekannter verschafft. Wenn Patrick geknickt ist, dann lässt er es sich nicht anmerken: "Ich muss mal schauen, wie es mir gefällt.“

Jugendliche spielten oft "die Obercoolen und pfeifen auf alles“, doch wenn man dahinterschaute, sähe man nur Angst, sagen die Jugendarbeiterinnen Manuela Synek (Verein Backbone) und Christa Preining (Verein Wiener Jugendzentren): "Angst vor dem Druck in der Schule, Angst vor den Eltern, Angst, keine Arbeit zu finden“. Der 15-jährige Christopher, einer von Prohaskas Poly-Schülern, hat eine Lehrstelle als Kfz-Techniker ergattert - und trotzdem "Bauchkribbeln vor der Zukunft“. Man kann eine Arbeit ja wieder verlieren. Christopher glaubt, dass fast alle in seinem Alter Angst haben: "Einer meiner Freunde geht in die HTL und hat dort lauter Vierer. Der Lehrer sagt einmal den Stoff herunter, und dann muss er das schon können. So viel Druck, das ist ein Wahnsinn.“

In Wien, wo jährlich 16.000 die Pflichtschule beenden und 30 davon eine Lehre beginnen, sind an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf ansehnliche Projekte entstanden. Eines davon nennt sich "m.o.v.e. on“. Fast 500 Poly- und KMS-Schüler haben dort im abgelaufenen Schuljahr angedockt. Manche brauchten nur einen Rat oder kurzfristig Hilfe, fast jeder Fünfte musste intensiv betreut werden - bei familiären Krisen, beim Erstellen von Lernplänen, bei Jobsuche und Aufnahmetests. Sozialarbeiterin Claudia Bernatz kümmerte sich um einen 15-jährigen Schulschwänzer, der im Kampf um eine Lehrstelle als Kfz-Techniker scheiterte: "Das war eine Realitätswatsche für ihn.“ Jetzt hat sie ihren Schützling so weit, dass er beim AMS landen konnte: "Er wäre sonst in ein Loch gefallen und nicht einmal für Förderkurse zugänglich gewesen.“

Vor drei Jahren schuf die Stadt Wien eine Art "Übergangsmanagement“ - mit Koordinationsstelle, Frühwarnsystem, Betreuung und Coaching für Jugendliche. In zwei Bezirken funktioniert es flächendeckend, weitere sollen folgen. Die Bundesländer hinken - mit Ausnahme von Vorarlberg - hinterher.

Yasemin, 15, Schülerin der KMS Schopenhauerstraße, hat sich fünfzig Mal für eine Lehre als Zahnarztassistentin beworben. Bis jetzt ist dabei ein einziges Vorstellungsgespräch herausgesprungen. Das Mädchen, das neben Deutsch auch Serbisch und Türkisch spricht, war unter den drei Besten, zog aber den Kürzeren. Gerda Reissner, ihre Lehrerin, tröstet sie: "So weit vorne zu sein, das ist schon was.“ Yasemin holt das zusammengefaltete Inserat eines Zahnarztes, den sie jetzt anrufen möchte, aus ihrer Hosentasche. Vom Briefeschreiben hat sie genug: "Die meisten sagen nicht einmal ab. Das ärgert mich. Da fühlt man sich so auf die Seite geschoben.“

Früher hatte Reissner am Ende des Schuljahres "immer ein mulmiges Gefühl“, inzwischen geht sie mit dem Gedanken in die Ferien, dass es "vielleicht wieder ein paar Kinder schaffen, die früher nicht den Funken einer Chance hatten“.