Bin Ladens neue Front: Das Kopten-Massaker von Alexandria

Das Kopten-Massaker von Alexandria wird als Beweis für eine weltweite Christenverfolgung herangezogen. Tatsächlich ist es wohl in erster Linie auf den brutalen Kampf der Al Kaida gegen den eigenen Bedeutungsverlust zurückzuführen.

Der letzte Satz klang wie eine beiläufige Bemerkung - aber in ihm versteckte sich ein Aufruf zum Kampf: Als Osama Bin Laden im vergangenen September aus seinem Versteck irgendwo in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze die Moslems der Welt aufforderte, für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan zu spenden, beendete er seine Botschaft mit einer kryptischen Frage: "Wer wird Wafaa Constantine und Camilla Shehata zur Seite stehen?“

Constantine und Shehata?
Die beiden Namen sagten der Öffentlichkeit im Westen wenig bis gar nichts. Radikale Islamisten im ganzen Nahen Osten waren jedoch sofort im Bilde, wen Bin Laden meinte: zwei ägyptische Frauen, die angeblich von koptischen Christen entführt wurden und seither in entlegenen Klöstern gefangen gehalten werden.

An der Geschichte ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts dran. Dennoch wurde sie zum Auslöser für eine Serie von blutigen Anschlägen im Nahen Osten, deren vorläufiger Höhepunkt das Neujahrsmassaker an koptischen Christen in Ägypten war. In der Silvesternacht hatte sich ein Attentäter vor der Heiligen-Kirche in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria in die Luft gesprengt, als die Gläubigen gerade aus der Mitternachtsmesse strömten. 23 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

In der islamischen Welt wurde die Verschwörungstheorie um Constantine und Shehata von moslemischen Scharfmachern dazu missbraucht, blutige Anschläge heraufzubeschwören. Im Westen ist seither das Wort von der "Christenverfolgung“ in aller Munde - mit der gesamten Bedeutungslast, die es in 2000 Jahren Religionsgeschichte angesammelt hat.

"Aus dem Blut der Märtyrer (auch der von Alexandria) wachsen immer wieder neue Christen hinzu“, hieß es nach dem Attentat in einem Beitrag auf der Website von Radio Vatikan, der die ägyptischen Kopten dafür pries, dass sie "zu ständiger Zeugenschaft ihrer Hingabe an Jesus Christus, bis zur Hingabe des Blutes, bereit“ seien. Eine "Jagd wie zu Kaiser Neros Zeiten“, konstatierte die "Kleine Zeitung“.

Bereits vor dem Anschlag hatte Papst Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsbotschaft die Christen als "derzeit die am stärksten unterdrückte und gequälte Minderheit“ bezeichnet und von einer regelrechten "Christianophobie“ gesprochen.

Verschwörungstheorien.
Inzwischen sickert das Thema bereits in die Niederungen der Tagespolitik. Der österreichische Europaparlamentarier Ernst Strasser (ÖVP) ruft nach einer "effizienten EU-Strategie zum Schutz der Religionsfreiheit … auch außerhalb der Union“. Die bayerische CSU fordert eine "Neuausrichtung der Entwicklungshilfe“. Es dürfe "keine finanzielle Unterstützung für Länder geben, in denen Christen ihre Religion nicht ungehindert ausüben können“.

Die EU als Schutzmacht, die sich ausschließlich um die Minderheitenrechte einer einzigen Glaubensgemeinschaft kümmert? Das wäre wohl tatsächlich ein Schritt in Richtung jenes Weltkriegs der Religionen, den manche Apokalyptiker jetzt schon toben sehen.

Tatsächlich ist die Lage der Christen in vielen Teilen der Welt prekär (siehe Karte rechts). Zwar werden sie seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in den meisten vormals sowjetisch dominierten Ländern nicht mehr unterdrückt. Dafür sind sie in der islamischen Welt, in der ihr die Religionsausübung von vielen Staaten seit jeher schwer oder gar unmöglich gemacht wird, zunehmend auch Zielscheibe von Gewalt durch Extremisten.

Die Hintergründe können dabei je nach Region und Situation durchaus unterschiedlich sein. Der von Bin Laden aufgebauschte Fall der beiden "moslemischen Märtyrerinnen“ Shehata und Constantine, der letztlich zum Anschlag von Alexandria führte, ist dafür symptomatisch.

Die 25-jährige Camilla Shehata aus der oberägyptischen Nilstadt Deir Mawas war im vergangenen Sommer ihrem Mann, dem örtlichen Priester, davongelaufen. Bei den Kopten ist Scheidung nicht erlaubt, bei ihren Priestern schon gar nicht.

Shehata sei zum Islam konvertiert, um sich scheiden lassen zu können, behaupten Moslems. Dann sei sie von den ägyptischen Behörden "entführt“ und an die koptische Kirche ausgeliefert worden, von der sie seither in einem Kloster weggesperrt werde.

Stimmt alles nicht, sagen die Kopten. Camilla sei nie konvertiert. Sie sei freiwillig in den Schoß ihrer Gemeinde zurückgekehrt. Eine vorübergehende Ehekrise, nicht mehr. Im Internet tauchte sogar ein Video auf, das eine Frau zeigte, die sich als Camilla Shehata bezeichnete und ruhig erzählte, dass alles in Ordnung sei. Die Frau sei gar nicht Camilla gewesen, behaupten die Moslems. In der Öffentlichkeit gesehen hat sie seitdem niemand, was bei Familienmüttern in ländlichen ägyptischen Regionen aber auch nicht ungewöhnlich ist. Der nahezu analoge Fall der heute 53-jährigen Wafaa Constantine hatte sich bereits 2004 ereignet, ihr Priester-Ehemann soll zwei Jahre danach an Diabetes gestorben sein.

Verschwörungstheorien wie diese sind das bevorzugte Elixir, aus dem die Islamisten ihre Propaganda kochen. Der Al Kaida kam die Affäre um die ägyptischen Christinnen sehr gelegen.

Sündenböcke.
Selbst ihrem aktivsten Arm, dem Ableger im Irak, droht derzeit die Geschäftsgrundlage abhandenzukommen. Die einst verhassten US-Besatzer ziehen ab und sind schon heute kaum mehr sichtbar. Die irakischen Sunniten, zu deren Beschützern sich das Terrornetz aufgeschwungen hatte, mussten zwar nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein hinnehmen, dass sie unter der schiitischen Mehrheit nur mehr die zweite Geige spielen, Verfolgungen sind sie aber nicht ausgesetzt. Die arabischen Christen lassen sich hingegen, zumindest für simplere Gemüter, immer noch als "fünfte Kolonne“, als "Agenten“ und "Erfüllungsgehilfen“ der westlichen und jüdischen "Kreuzzügler“ verteufeln.

Bereits knapp nach dem Hilfsaufruf von Osama Bin Laden für Shehata und Constantine nahm ein Kommando des "Islamischen Staats im Irak“ - eines Ablegers der Al Kaida - in der assyrisch-christlichen Kirche der Mutter der Erlösung in Bagdad 120 Menschen als Geiseln. Die Gotteskrieger ermordeten 60 Kirchenbesucher und veröffentlichten eine Erklärung, in der sie die Freilassung "unserer Schwestern im Glauben“ verlangten, "die in ägyptischen Klöstern des Unglaubens und Kirchen des Polytheismus gefangen gehalten werden“. Gemeint waren Constantine und Shehata.

Wenig später kündigte der irakische Arm von Al Kaida an, die Aktionen zur Freipressung der "moslemischen Schwestern“ fortzuführen und nach Ägypten auszudehnen. Zu Weihnachten explodierten vor den Häusern von Christen in Bagdad Bomben und Sprengsätze - dann vor der Kirche in Alexandria.

Der Neujahrsanschlag ist also zunächst auf den brutalen Kampf von Al Kaida gegen den eigenen Bedeutungsverlust zurückzuführen und weniger auf die Unterdrückung der Christen durch das ägyptische Regime - wobei Letztere natürlich auch eine Rolle spielt. Die rund acht Millionen koptischen Christen stehen unter doppeltem Druck - unter jenem des autoritären Regimes von Langzeitpräsident Hosni Mubarak und unter jenem der schleichenden Islamisierung der Gesellschaft. Das eine bedingt das andere.

Das jahrzehntelange Versagen der Regierung bei der Modernisierung und Demokratisierung der Gesellschaft war ein idealer Nährboden für das Gedeihen fundamentalistischer Bewegungen, die unter der frustrierten Bevölkerung immer mehr Anhang finden. Jetzt, da sie nicht mehr aufzuhalten sind, macht das Mubarak-Regime zunehmend Zugeständnisse an die Islamisten.

Dazu gehört es, die Diskriminierung der "ungläubigen“ koptischen Christen aufrechtzuerhalten. Obwohl sie laut Verfassung als gleichberechtigte Staatsbürger gelten, sind ihnen Karrieren im Staatsdienst versagt. Der Bau von neuen Kirchen wird von den Behörden entweder nicht erlaubt oder behindert. Auch Lehrpläne und Schulbücher, in denen Christen als Ungläubige diffamiert werden, wagt das Regime nicht anzurühren.

Belagerungsmentalität.
So schrieb der Blogger Mustafa Fathy nach dem Massaker von Alexandria geschockt: "Wir lernten: Christen riechen schlecht. Christen lagern Gewehre in ihren Kirchen, weil sie Moslems töten wollen. Als ich älter wurde, traf ich Christen, die gut rochen, ich ging in ihre Kirchen und sah keine Gewehre. Ich entschuldige mich bei jedem Christen dafür, dass ich in einer Gemeinschaft erzogen wurde, die einem in frühen Jahren so viel Schlechtes über das Christentum beibringt.“

Unter diesen Umständen entwickeln viele Kopten selbst eine Belagerungsmentalität. Jeder Kirchenausbau, jede Fixierung eines neuen Kreuzes vermag blutige Glaubenskämpfe zu entfachen. Im vergangenen November kam es in der Kairoer Vorstadt Omraniya zu Straßenschlachten zwischen Christen und Moslems, nachdem die Behörden den Umbau eines koptischen Kulturzentrums zur Kapelle untersagt hatten. Zwei Christen starben, Dutzende Angehörige beider Konfessionen wurden verletzt.

Vor genau einem Jahr schossen radikalisierte Moslems in der oberägyptischen Gemeinde Nagaa Hammadi in eine Menge von Christen, die gerade aus der Weihnachtsmesse kamen. Sechs von ihnen sowie ein moslemischer Wachmann starben. Das Urteil über die drei Täter soll am kommenden Sonntag gesprochen werden. Den Mord begründeten sie mit "Rache“ für die angebliche Vergewaltigung eines zwölfjährigen moslemischen Mädchens durch einen Mann christlicher Konfession in einem Nachbardorf. Bischof Kirollos, der als Oberhaupt der örtlichen Diözese die Messe zelebriert hatte, wollte jedoch einen anderen Hintergrund sehen: "Alles dreht sich um die Religion. Es ist ein Religionskrieg, um die Christen in Ägypten zu eliminieren.“

Bislang wurde dieser Krieg allerdings auf der Ebene lokaler Streitigkeiten ausgefochten. Die Frage, die seit dem Anschlag von Alexandria alle umtreibt, lautet: Hat die Al Kaida nun auch in Ägypten Fuß gefasst?

Möglich ist es, sicher nicht. Die gegen die Kopten eingesetzte Bombe war eher primitiv konstruiert. Die Instruktionen für ihren Bau und für die Tatausführung könnten sich die Planer über das Internet besorgt haben. Sicherheitsexperten sprechen schon lange vom "Franchising“, mit dem sich das Terrornetz in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit hält. Fanatisierte Moslems, egal wo in der Welt, bekennen sich zur Al-Kaida-Ideologie, treten über das Internet in Kontakt mit der schattenhaften Organisation und planen Asnchläge auf eigene Faust. Gelingt einer, ist der Effekt gewaltig.

Im Fall von Alexandria bewirkte er bei vielen Moslems aber auch das Gegenteil dessen, was sich Bin Laden offenbar erhofft hatte: eine Solidarisierung mit den Christen. In Europa boten angesichts der Drohung mit weiteren Anschlägen die drei größten niederländischen Moslem-Vereinigungen an, koptische Kirchen zu bewachen. "Wir wollen sie gegen die Bedrohung durch Al Kaida schützen“, hieß es in einer Erklärung. In Deutschland nahm der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, am Donnerstag vergangener Woche demonstrativ am Weihnachtsgottesdienst der koptischen Gemeinde in Düsseldorf teil.

Selbst in Kairo demonstrierten Moslems gemeinsam mit Kopten gegen die Gewalt, der Scheich der Al-Azhar-Universität machte dem koptischen Papst Shenouda III. persönlich die Aufwartung, um ihm sein Beileid auszusprechen. Und Tausende ägyptische Facebook-User änderten ihr Profilbild. Statt der üblichen Porträtfotos prangt nun die grafische Darstellung eines Halbmonds, der ein Kreuz zu umarmen scheint. Unterzeile: "Wir trauern.“