Binsenbergwerk: Thomas Glavinic und das größere Wunder

Binsenbergwerk: Thomas Glavinic und das größere Wunder

Gipfelnde Emotionen: Thomas Glavinic schickt den Helden seines jüngsten Romans nicht nur auf den Mount Everest, sondern lässt ihn auch an die große Liebe glauben.

Bergromane verzichten gemeinhin auf Liebesgeschichten - aus gutem Grund: Der Kampf gegen die unwirtliche und eisige Welt der Achttausender ist schon pathetisch genug. Wer braucht da noch Gefühlsschmalz-Zusätze? Abgesehen vom Heimatfilm, der meist ohnehin unterhalb der Baumgrenze angesiedelt ist, hat die Liebe im Hochgebirge eine Auszeit.

„Das größere Wunder”
Der Wiener Autor Thomas Glavinic sieht das anders. Sein neuer Roman, "Das größere Wunder“, will hartgesottene Abenteurer ebenso ansprechen wie jene gefühlige Leserschaft, die Arztromane zu schätzen weiß und an die schicksalshafte Liebe glaubt. Rosamunde Pilcher meets Reinhold Messner. Auf über 500 Seiten kippt Glavinic den Inhalt einer übervollen Wundertüte über seiner Leserschaft aus.

Jonas, der Protagonist des Romans, lebt finanziell sorgenfrei: Bereits als Kind wurde er von einem dubiosen Förderer namens Picco aufgenommen, der nicht nur mafiöse Züge trägt und keine Skrupel hat, Widersacher aus dem Weg räumen zu lassen; auch seinem vielversprechenden Ziehsohn gibt er sonderbare Zen-Weisheiten ("Antworten werden überschätzt“) mit auf den Lebensweg. Als Erwachsener sucht der Eigenbrötler Jonas die Extreme: Er wird Big-Wave-Surfer, kauft sich eine einsame Insel, legt ein persönliches Devotionalienmuseum an und macht exzentrische Reisen - so lebt er eine Zeitlang in der radioaktiv verstrahlten Zone um Pripyat. Ihm droht die totale Vereinsamung. Zum Glück begegnet er, anlässlich einer Sonnenfinsternis, der Liebe seines Lebens: Schicksalsfrau Maria ist eine berühmte Musikerin.

"Ein Leben ist nur dann geschützt, wenn es einer Sache gewidmet ist, die größer ist als der Mensch, der es lebt und der Sache dient“, heißt es in dem Roman, der zudem anhebt, metaphysische Reflexionen über die Freiheit des Menschen zu liefern. Jonas beschließt, seine Grenzen auszuloten, den höchsten Berg der Welt zu bezwingen. In seiner suggestiven Beschreibung der beschwerlichen und pannenreichen Besteigung des Mount Everest orientiert sich Glavinic stark an dem authentischen Expeditionsbericht von Jon Krakauer, der in dem Buch "In eisige Höhen“ (1997) den Massentourismus am Berg und die daraus resultierenden Gefahren schon früh drastisch beschrieben hat: den Stau an den Fixseilen, das vorschnelle Brechen von lebensrettenden Absprachen aus Gipfelgier, nicht zuletzt die vielen Dilettanten, die sich am Berg breitmachen. In beiden Büchern führt das zu einer Katastrophe und zahlreichen Toten.

"Das größere Wunder“ ist ein durchaus originelles Konstrukt, das jedoch einen Helden ins Zentrum stellt, der erstaunlich flach bleibt. Neben den Bergszenen überzeugen die Rückblenden in die Kindheit, als Jonas mit behindertem Bruder und bestem Freund erkennen muss, wie brutal die Welt sein kann. Als Erwachsener aber ist Jonas bloß ein literarisches Abziehbild, entwickelt wenig Tiefgang. Vollends entgleist der Roman jedoch, wenn der Autor beginnt, über Grundsätzliches zu reflektieren. Sollte es einen Paulo-Coelho-Preis geben, wäre Glavinic mit Kalendersprüchen wie diesem jedenfalls ein heißer Anwärter: "Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus.”