Biologie: Der mit den Tieren sprach

Der berühmte österreichische Zoologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dessen Geburtstag sich diese Woche zum 100. Mal jährt, gilt als Begründer der modernen Verhaltensforschung. Viele seiner Erkenntnisse prägen die Wissenschaft bis heute – auch wenn Teile seines Werks schon zu Lebzeiten überholt waren.

Ich möchte Konrad Lorenz sein“, antwortete der britische Schriftsteller W. H. Auden, als ihn der „Sunday Telegraph“ im Dezember 1963 nach seinen Tagträumen fragte. Es war die Zeit, als Lorenz sein Buch zur Naturgeschichte der Aggression mit dem Titel „Das so genannte Böse“ veröffentlicht hatte und sich auf dem vorläufigen Zenit seiner Karriere befand.

Konrad Lorenz, der in Wien geborene Zoologe und Verhaltensforscher, der am 7. November seinen 100. Geburtstag hätte, wurde damals international gefeiert – und erhielt mit einiger Verspätung jene Anerkennung, die ihm versagt geblieben war, als er in den späten dreißiger Jahren seine eigentlichen Pionierleistungen im Bereich der Tierpsychologie vollbrachte.

In Zusammenhang mit „Das so genannte Böse“ wurden Lorenz fünf Ehrendoktorate verliehen, und einige der weltweit renommiertesten wissenschaftlichen Vereinigungen wählten ihn zum Mitglied – darunter die Royal Society, die National American Academy of Sciences, die Königliche Akademie der Wissenschaften in Schweden oder der Orden Pour le Mérite. Herbert von Karajan verschlang Lorenz’ Werke ebenso wie Yehudi Menuhin, Richard Neutra oder Albert Schweitzer. Und regelmäßig waren im Seewiesener Lorenz-Institut Reporter zu Gast, die über Lorenz und seine Forschungen berichteten. Sein Porträt zierte die Titelblätter von Magazinen wie „Newsweek“ und „Time“.

Großer Mahner. In späten Lebensjahren nutzte Lorenz, der 1973 mit dem Medizin-Nobelpreis für „Entdeckungen, betreffend die Verhaltensforschung“, bedacht worden war, seine Popularität, um als Mahner gegen Umweltgefahren oder die drohende Überbevölkerung aufzutreten, die er als Begleiterscheinungen der Zivilisationsgesellschaft sah. Bei der Verhinderung der Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg gab sein persönliches Engagement den entscheidenden Ausschlag.
Als Konrad Lorenz 1989 starb, gedachten Schüler und Weggefährten eines der wohl einflussreichsten Wissenschafters des 20. Jahrhunderts. Für Antal Festetics etwa war sein wissenschaftlicher Ziehvater „nicht nur der größte Österreicher, sondern auch der größte Biologe unserer Zeit“ und „der Darwin unseres Jahrhunderts“. Und Günther Nenning vertrat in profil die Meinung, Österreich habe eine Vaterfigur verloren: „Da wir keinen Konrad Lorenz mehr haben, brauchen wir jetzt ein eigenes nationales Gewissen.“

Wie aber ist das Werk von Konrad Lorenz heute zu bewerten, aus der Distanz von fast 15 Jahren, die seit seinem Tod vergangen sind? Was bleibt von jenem Forscher, der nahezu im Alleingang alle grundlegenden Konzepte der vergleichenden Verhaltensforschung entwickelt hat? Immerhin erkannte Lorenz die Erblichkeit von Verhaltensweisen, beschrieb erstmals Phänomene wie die Prägung im Detail und revidierte das Wissen um tierische Instinkte von Grund auf. Durch seine brillante Öffentlichkeitsarbeit verhalf er der jungen Wissenschaft der Ethologie zu weltweitem Durchbruch. „Konrad Lorenz war gleichsam die ,Kronen Zeitung‘ der Verhaltensforschung, er erkannte den Zeitgeist und formulierte als Erster aus, was viele andere dachten“, konstatiert Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau.

Tatsächlich war aber schon bald nach seinem Tod nicht mehr allzu viel über den Verhaltensforscher, sein Leben und Werk, zu hören: Die wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten, die er provoziert hatte, waren zum Teil schon zeit seines Lebens merklich leiser geworden und bald nach seinem Tod ganz verstummt. Und die mediale Aufmerksamkeit, die einige seiner Schüler in den achtziger Jahren noch für sich beanspruchen konnten, hatte sich inzwischen längst anderen Personen und Trends zugewandt.

Obsolete Konzepte. Einer der Gründe dafür ist, dass Lorenz vom Habitus her eher den Forschertypus des 19. Jahrhunderts verkörperte, auch wenn das manche seiner Anhänger, wie kürzlich der Zoologe Günther Pretzmann, als „Blasphemie“ bezeichnen. Während auch in den biologischen Wissenschaften spätestens seit 1945 mit experimentellen und quantifizierenden Methoden gearbeitet wurde, gingen Lorenz’ Entdeckungen – wie jene von Darwin – auf bloße Beobachtung zurück. Nicht zuletzt deshalb war er einer der letzten großen Naturforscher. Doch Untersuchungen in der Tradition von Lorenz sind aus der Mode gekommen, weil sie zu langwierig und aufwändig sind. Für moderne Forscher, deren wissenschaftliche Produktivität an der Anzahl der Publikationen gemessen wird, sind mehrjährige Beobachtungen reine Zeitverschwendung.

Dass der Name Konrad Lorenz nach seinem Tod allmählich aus den Zitationsdatenbanken der Wissenschaft verschwand, hat noch einen anderen Grund: Etliche seiner Theorien und Konzepte haben sich mittlerweile als überholt, wenn nicht gar falsch erwiesen. So glaubte Lorenz bis zuletzt, dass Tiere aus Gründen der Arterhaltung handeln würden, obwohl spätestens seit Mitte der sechziger Jahre klar war, dass es so etwas wie einen Arterhaltungstrieb nicht gibt: Nicht die Art, sondern das Einzelwesen wurde als Einheit der Selektion erkannt, wobei manche Evolutionsbiologen sogar so weit gingen, den Genen selbst ein egoistisches Interesse zuzugestehen.

Auch in einigen anderen Punkten irrte Lorenz gewaltig: So glaubte er, es gebe eine natürliche Tötungshemmung, die jedes Lebewesen davon abhalte, seine Artgenossen umzubringen. Gelegentliche einschlägige Fälle bei Tieren hielt er für pathologisch. Sein Erklärungsansatz: Der Brudermord schade dem Fortbestand der Art. Überlegene Wölfe, so der Verhaltensforscher, ließen zum Beispiel sofort vom tödlichen Biss ab, wenn der Unterlegene sich nicht mehr wehre und dem Sieger seine Kehle anbiete. Kriege unter Affen hielt Konrad Lorenz für schlechterdings unmöglich. Heute weiß man, dass Affen sich sehr wohl untereinander bekriegen, Kannibalismus und Kindsmord vorkommen und das Töten von Artgenossen eine durchaus gängige evolutionäre Strategie sein kann.

Platte Theorien. Ähnlich verhält es sich mit der so genannten Domestikationsidee, die nach wie vor zu den bekanntesten und populärsten Ideen von Lorenz zählt, obwohl sie auf völlig falschen Voraussetzungen basiert. Lorenz verglich domestikationsbedingte Ausfallserscheinungen bei Haustieren mit vermeintlichen Zivilisationsschäden beim Menschen, die er als Folge von Selbstdomestikation sah. Für beide Phänomene machte er den Fortfall natürlicher Selektionskräfte verantwortlich. Lorenz beklagte den „Harmonieverlust“ von biologischen Bauplänen und wählte als negative Beispiele das Hängebauchschwein, den Mops und den Glotzaugenfisch.

Er sah Analogien beim Großstadtmenschen und attestierte diesem „Verhausschweinung“. Die erwähnten Tiere passten natürlich gut in sein populäres Erklärungsschema – und eigneten sich dazu, unsportliche und weniger attraktive Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Lorenz hätte als Beispiele für die Eigenschaften hochgezüchteter Haustiere auch die Eleganz eines Rennpferdes oder die Instinkte eines Jagdhundes anführen können, was jedoch weniger gut zum Konzept der „Verhausschweinung“ gepasst hätte.

Freilich waren nicht alle Ansätze von Konrad Lorenz derart spekulativ. Vieles, was er vor allem in jungen Jahren leistete, hat durchaus heute noch Bestand. So ist die Erkenntnis, dass es angeborene Verhaltensweisen gibt, deren Strukturen man ähnlich anatomischen Strukturen stammesgeschichtlich vergleichen und analysieren kann, heute gängiges Wissen. Dazu kommt, dass Bücher wie „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ nach wie vor zu den besten Einführungswerken in die Verhaltensbiologie zählen.

Nachlass. Manche Ideen von Konrad Lorenz erleben heute sogar wieder eine regelrechte Renaissance. In seinem umfangreichen Nachlass gibt es unter anderem stapelweise Aufzeichnungen seiner jahrzehntelangen Beobachtungen an Fischen. Einen Teil davon wertete der Biologe Kurt Kotrschal gemeinsam mit der japanischen Lorenz-Schülerin Keiko Okawa aus und veröffentlichte sie Jahre nach Lorenz’ Tod in einem angesehenen Fachjournal. Vom renommierten britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ wurde diese bislang letzte wissenschaftliche Publikation von Lorenz prompt mit einer wiederentdeckten Skizze von Rembrandt, einem unbekannten Sonett von Shakespeare oder einer frühen Aufnahme der Beatles verglichen.

Und obwohl sich an der Forschungsstätte in Grünau die Arbeitsmethoden seit Lorenz grundlegend geändert haben, gibt es auch dort nach wie vor Strategien, die auf den Institutsgründer zurückgehen. So praktizieren die Grünauer Forscher die von Lorenz betriebene Handaufzucht von Wildtieren – nicht nur bei den Graugänsen, sondern auch bei Raben, Waldrappen und in naher Zukunft sogar bei Wölfen. „Wir machen das aus denselben Gründen, aus denen auch Lorenz es gemacht hat, um vertraute Tiere zu bekommen, mit denen man stressfrei und auch experimentell arbeiten kann“, so Kotrschal.

Auch Langzeituntersuchungen an Graugänsen, mit denen Lorenz in den fünfziger Jahren begann, werden in Grünau weitergeführt. Die Fragen, die von Lorenz gestellt wurden, werden heute freilich mit moderneren Methoden und meist vor einem evolutionsgeschichtlichen Hintergrund untersucht – etwa, wie Hormone Verhalten und Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Kotrschal, der eine durchaus kritische Distanz zu Lorenz hat, hält einige von dessen Ansätzen nach wie vor für aktuell. Auf der unmittelbar fachlichen Ebene würde zwar einiges dem modernen Erkenntnisstand nicht standhalten, „doch Konzepte wie jenes der Erbkoordinationen, bei dem es um stark genetisch determinierte Verhaltenselemente geht, stimmen nach wie vor“, so Kotrschal.

Angeborenes Verhalten. Und auch wenn er zu viel genetischen Determinismus ablehnt, führt Kotrschal als weiteres Verdienst von Lorenz an: „Kein Sozialwissenschafter würde heute noch leugnen, dass es auch beim Menschen angeborene Komponenten des Verhaltens gibt. Lorenz hatte diese Idee vielleicht nicht als Erster, aber er hat sie ausformuliert und verbreitet.“

Tatsächlich zeigt sich, dass man mit dem Lorenz’schen Ansatz, Verhaltensaspekte zu untersuchen, selbst in der modernen Humanmedizin Fortschritte erzielen kann. Der Ethologe John Dittami von der Universität Wien erforscht die Zusammenhänge zwischen neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Creutzfeldt-Jakob und bestimmten Verhaltensmustern. So gibt es bei Patienten mit beginnender Demenz oft einen Verlust der Tagesrhythmik, den man durch Verhaltensbeobachtungen leicht feststellen kann. Und Tiere, die Winterschlaf halten – wie Ziesel und Murmeltiere –, leiden im Frühjahr unter einer mit Alzheimer-Patienten durchaus vergleichbaren Demenz, die sie jedoch immer wieder kompensieren können. Die alten ethologischen Ansätze helfen zu verstehen, wie Vergesslichkeit entsteht und wieder schwindet. Dadurch sollen in Zukunft solche Erkrankungen nicht nur früher diagnostiziert, sondern auch besser verstanden und effizienter therapiert werden können.

Dass es trotz seiner Reputation und seiner in Teilbereichen anhaltenden Aktualität bald still um Lorenz wurde, hängt auch mit seiner von ihm selbst unbewältigten NS-Vergangenheit zusammen. Er hat sich später dafür zwar mehrfach entschuldigt, aber niemals die Notwendigkeit gesehen, sich mit dieser Vergangenheit umfassend auseinander zu setzen. Nicht zuletzt deshalb wurde das Thema immer wieder aufgebracht – etwa anlässlich der Verleihung des Nobelpreises, bei der Diskussion um Hainburg oder bei der Publikation zivilisationskritischer Schriften wie „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“.

Trotz aller Kritik hat auch die breite Öffentlichkeit vermutlich durch keinen anderen Biologen des 20. Jahrhunderts mehr über Tiere – und das angebliche Tier im Menschen – erfahren als durch Konrad Lorenz. Sein eigenes Resümee, das er in seiner kürzlich wiederentdeckten Autobiografie am Ende seines Lebens zog, liest sich erstaunlich nüchtern: „Mein verehrter Lehrer Hochstetter sagte bescheiden, er habe den Karren der Wissenschaft eben ein wenig weitergezogen. Es mag auch bei mir bei diesem Vorgang des Weiterziehens ein paar kleine Rucke nach vorwärts gegeben haben, aber die waren so klein und folgten so zwangsläufig aus dem, was vorherging, dass ich sie kaum als Entdeckungen bezeichnen mag. Alles, was ich entdeckte, hatte schon vorher einer entdeckt.“

Benedikt Föger hat gemeinsam mit Klaus Taschwer die neue Biografie „Konrad Lorenz“ im Wiener Zsolnay Verlag publiziert.