Burgfrieden: Die wahre Größe Troias

Nach 25 Jahren ziehen deutsche Archäologen aus dem legendären Troia ab. Die ­Forschergruppe, geleitet von einem Österreicher, will nun eine große Bilanz ­ihrer umfangreichen Grabungen präsentieren – und erklärt schon jetzt, wie der Schauplatz von Homers „Ilias“ wirklich aussah und welche Bedeutung die mythische Metropole hatte.

Zuletzt fühlten sich die Experten, rein wissenschaftlich betrachtet, ein wenig in ihrem Aktionsradius eingeengt. Im vergangenen Sommer reparierten sie einen Zaun, stutzten Hecken, kratzten wucherndes Grünzeug von Steinmauern. Zu den Kernaufgaben von Archäologen gehört derlei Kosmetik nicht unbedingt, findet Ernst Pernicka – schon gar nicht in einer der weltweit bedeutendsten Fundstätten, im legendären Troia. Doch genau von solchen Aktivitäten sei die abgelaufene Grabungssaison streckenweise dominiert gewesen, berichtet Pernicka.

Der 63-Jährige ist gebürtiger Wiener, zählt zu den international renommiertesten Fachleuten für historische Metall­kunde, hat eine Professur am Tübinger Zentrum für Archäologie inne und war in dieser Funktion bis Jahresende Grabungsleiter von Troia – jenem berühmten 35 Meter hohen Siedlungshügel im Nordwesten der Türkei, der seit Homers gewaltigem Epos „Ilias“ im Gedächtnis der Menschheit verankert ist. Die Forschungen an dem Ort nahe den Dardanellen ­waren traditionell von deutschen Wissenschaftern getrieben. Doch nun endet ­diese Ära: Nach exakt zweieinhalb Jahrzehnten respektive 140 Jahre nach den ersten Spatenstichen durch Heinrich Schliemann (siehe Kasten unten) beschloss Pernicka, heuer nicht mehr um eine Grabungslizenz anzusuchen.
Dass in jüngerer Vergangenheit seitens der türkischen Kulturverwaltung statt strikt archäologisch orientierter Forschung immer mehr Renovierungsarbeiten eingefordert wurden – immerhin soll jährlich rund 500.000 Touristen eine möglichst schmucke Ruine präsentiert werden –, war einer der Gründe dafür. Allmählich versiegende Fördermittel der deutschen Troia-Stiftung gelten als weitere Ursache. Drittens erleben die wissenschaftspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei gerade eine massive Belastungsprobe, was derzeit breiten Niederschlag in internationalen Medien findet (siehe auch Kasten am Ende). Und schließlich, so Pernicka: Zahlreiche wirklich große Entdeckungen in Troia seien bereits gemacht.

"Fülle an Ergebnissen"
Was vor allem auf die intensiven Arbeiten der Wissenschafter in den vergangenen 25 Jahren zurückzuführen ist, die es nun erlauben, eine Forschungsbilanz der Grabungen am wohl berühmtesten Burghügel der Welt vorzulegen. „Ein Vierteljahrhundert vor Ort“, so Pernicka, habe eine wahre „Fülle an Ergebnissen“ erbracht. In diesem Zeitraum wandten die Spezialisten präzise Analytik wie geophysikalische Prospektion an, um die Dimension der Besiedelung auszuloten, führten Materialuntersuchungen an Metallfunden und Keramikproben durch, verfrachteten Tierknochen und Pflanzenreste ins Labor, um Einsichten in lokale Ernährung und Ökologie zu gewinnen. Die Auswertungen der Daten werden vermutlich noch Jahre in Anspruch nehmen und sollen schließlich sechs Bände füllen – doch ein schlüssiges und authentisches Bild von der tatsächlichen Beschaffenheit und historischen Bedeutung Troias lässt sich schon jetzt mit hoher Genauigkeit zeichnen.

Heute sechs Kilometer von der Küste entfernt, lag Troia in der Bronzezeit nahe an einer Meeresbucht und damit strategisch äußerst günstig. Die Stadt bestand aus dem etwa 20 Hektar umspannenden Burgareal auf einem erhabenen Plateau, der so genannten Oberstadt, sowie einer Unterstadt, die sich wohl über gut 30 Hektar erstreckte und mehreren tausend Menschen Platz und Wohnraum bot. Die Existenz dieser Unterstadt war über Jahre ­einer der zentralen Streitpunkte in Fachkreisen – nicht zuletzt deshalb, weil damit die Frage nach der wahren Ausdehnung und folglich auch nach der ökonomischen und politischen Bedeutung Troias verknüpft war. Während eine Fraktion der Altertumswissenschafter eine weiträumige Besiedelung vehement bestritt und die Stadt tendenziell in die Kategorie Provinznest einordnete, vertrat die Forschergruppe um den früheren Grabungsleiter (und Pernickas Vorgänger) Manfred Korfmann die These, dass Troia zumindest eine regionale Metropole gewesen sein müsse – was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht habe, dass fremde Streitmächte ein lohnendes Ziel darin sahen, dass demnach Angriffe und Belagerungen wie von Homer beschrieben durchaus nicht abwegig erschienen.

Inzwischen zeigen punktuelle Bohrungen sowie Funde spätbronzezeitlicher Häuser und Gräber eindeutig, dass die lange umstrittene Unterstadt tatsächlich existierte und dass das Areal zudem gut befestigt sowie mit massiven Mauern und Gräben bewehrt war.
Auch die Besiedlungsdauer Troias lässt sich heute relativ gut eingrenzen. Die Stadt hatte ihre Blüte nach gegenwärtigem Kenntnisstand von Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends – der Frühbronzezeit – bis ins sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Anders als lange gedacht war Troia nie vollends verwaist, sondern mehr oder minder dauerhaft bewohnt. Allerdings wurden Gebäude und Infrastrukturen in verschiedenen Epochen mehrfach zerstört, beispielsweise durch Naturereignisse und Brände, aber wohl auch durch Feindeshand. So kennen die Forscher ein spätbronzezeitliches Terrassenhaus im Bereich des so genannten Heiligtumsbezirks, das um 1180 vor Christus von den Flammen vernichtet wurde. Die Ursache für das Feuer ist in diesem Fall zwar unklar – zeitlich würde das Ereignis allerdings perfekt ins Handlungsfenster der „Ilias“ passen: Homers Action-Drama spielt um 1200 vor Christus.
Die jeweiligen Siedler bauten ihre Gebäude stets auf den Trümmern früherer Zivilisationen auf, weshalb Troia gleichsam in Schichten über dem Gelände ausgebreitet liegt. Insgesamt zehn solche Siedlungsschichten aus den einzelnen Epochen haben die Wissenschafter bis heute nachgewiesen. Warum die Stadt dann letztlich doch aufgegeben wurde, lässt sich zwar nicht mit Gewissheit beantworten. Sicher ist jedoch, dass sich in der Region um 500 nach Christus schwere Erdbeben ereigneten, vermutlich gefolgt von Seuchen.

Selbst wenn es ihnen mitunter inzwischen widerstreben mag – besonders an einer Frage kommen die Forscher nie vorbei: Wie historisch korrekt war Homer? Und hat die in der „Ilias“ entworfene Handlung einen realen Hintergrund?

Keinerlei historische Aufzeichnungen
Homer, dessen Lebensgeschichte weitgehend im Dunkeln liegt, verfasste das erste große Epos des Abendlands nach gängiger Auffassung um 700 vor Christus – zu einem Zeitpunkt, als Troia mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr bewohnt war. Doch möglicherweise gab es die Story schon lange vor Homer, und zwar als mündliche Überlieferung, die vielleicht, konserviert in den rigiden Versen der Sängertradition, durch die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte bis zu dem mutmaßlich blinden Dichter reiste. Das ist eine Version, die sich der Schweizer Gräzist und Homer-Experte Joachim Latacz gut vorstellen kann.

Dass die „Ilias“ ohne Abstriche als Geschichtsbuch zu lesen ist, glaubt freilich kein Historiker mehr, doch denkbar wäre, dass Homer das reale Troia als Kulisse für seine Handlung benutzte – gekannt haben dürfte er die Region jedenfalls, wie sich aus durchaus zutreffenden Beschreibungen von Landschaft und Topografie ableiten lässt. Auch seine Namensgebung fußt auf historischen Fakten: Öfter als „Troia“ nennt er die Stadt „Ilios“. Aus hethitischen Aufzeichnungen wiederum weiß man von Geschäftsbeziehungen der Hethiter zu ­einer Stadt namens „Wilusa“, und da der Anlaut „W“ auch oft weggelassen wurde, ähnelt der Klang verblüffend der Homer’schen Diktion. Aus Troia selbst existieren leider keinerlei schriftliche ­Aufzeichnungen – von einem Siegel mit Hieroglyphen abgesehen.

Auch dass kriegerische Auseinandersetzungen stattgefunden haben dürften, gilt aufgrund ­diverser archäologischer Befunde als erwiesen – Indizien dafür sind etwa Brandspuren aus dem 13. Jahrhundert vor Christus, jener Phase von Troia, in der die „Ilias“ spielt. Allerdings gab es wohl nicht die eine große Schlacht, wie der Mythos sie darstellt. Vielmehr wird die Stadt wiederholt und mit wechselnden Erfolgen angegriffen worden sein, und Homer, so die Annahme, dürfte sich die Freiheit genommen haben, die Fehden literarisch zu einem Großereignis zu verdichten.
Aus all dem resultiert immer wieder die Frage nach der geopolitischen Bedeutung Troias. Da sich feindliche Mächte offenkundig die Mühe machten, die Stadt zu attackieren, kann der Ort wohl nicht nur ein „Piratennest“ gewesen sein, wie skeptische Forscher sarkastisch unterstellten. Eine Vielzahl von Funden deutet ebenfalls darauf hin, dass hier zumindest zeitweise äußerst wohlhabende Leute lebten. Schon in der frühen Blüte Troias fertigten die Menschen verzierte Keramikgefäße, teils mittels Töpferscheiben. Zudem verarbeiteten sie Textilien, Kupfer und Bronze. Die Metallkunst muss beachtenswert gewesen sein: Die Troianer stellten sehr früh Klingen, Rasiermesser, Sägen, Äxte oder Gefäße aus Bronze her.

Naturgemäß produzierten sie wohl kaum bloß für den Eigenbedarf, sondern handelten die Güter auch. Heute darf angenommen werden, dass Troia zwar nicht gerade ein New York der Bronzezeit war, aber zumindest eine wichtige Handelsdrehscheibe, ein „regionales Machtzentrum“, wie es Pernicka nennt. Die Dimension dürfte in etwa mit der griechischen Metropole Mykene vergleichbar gewesen sein.

Touristisches Ziel
Über Existenz und Einfluss der mythischen Stadt spekulierten übrigens nicht erst die Pioniere der Archäologie im 19. Jahrhundert, sondern bereits interessierte Zeitgenossen in der Antike. Zu den jüngeren Erkenntnissen der Tübinger Forscher zählt, dass Troia von den Römern als Wallfahrtsort, als eine Art touristisches Ziel geschätzt wurde. Pernicka spricht gar von einer frühen Form des Massentourismus, der die Region auch entsprechend prosperieren ließ. Die Ausflügler der Antike, die den Szenen der „Ilias“ nachspürten, fanden freilich noch eine bewohnte Stadt vor. Kaiser wie Augustus, Vespasian und Hadrian ließen auch umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchführen – etwa Theater sanieren, Straßen pflastern und Gräber instand setzen.

Heute sind es die türkischen Kulturbehörden, welche die Erhaltungspflichten des Hisarlik, wie der Burghügel in der Landessprache heißt, einmahnen und sie oftmals ausländischen Archäologen aufbürden – und derlei Aktivitäten mehr oder minder direkt mit der Erteilung von Grabungslizenzen verknüpfen, die nicht auf Dauer gewährt werden. So musste Ernst Pernicka, wie alle Leiter von Ausgrabungen in der Türkei, jedes Jahr aufs Neue um die entsprechenden Genehmigungen ansuchen – bis er sich nun entschloss, weitere Einreichungen zu unterlassen.
Obwohl sich die Tübinger künftig nicht mehr um die Grabungsleitung bemühen wollen, trachten sie dennoch danach, in neuer Konstellation – vermutlich unter türkischer Patronanz – noch Analysen durchzuführen. So will Pernickas Kollege Peter Jablonka, ebenfalls ein österreichischer Wissenschafter, der in Tübingen forscht, zusätzliche Belege für die Dimension der Unterstadt von Troia sammeln.

Infobox I
Die Spurensucher: Seit fast eineinhalb Jahrhunderten fahnden Forscher nach historischen Beweisen für Homers „Ilias“.

Im Frühjahr 1870 startete der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann (1822 bis 1890), der einiges Vermögen angehäuft hatte, erste Grabungen auf dem Burghügel Hisarlik – zunächst mangels Lizenz illegal. Schliemann, der zuvor schon in Griechenland nach Spuren von Homers „Ilias“ gesucht hatte, stieß rasch auf alte Besiedlungsschichten. Drei Jahre später, also vor genau 140 Jahren, gab er offiziell bekannt, Troia entdeckt zu haben. Ebenfalls 1873 legte er jene fast 9000 Artefakte frei, die heute als „Schatz des Priamos“ bekannt sind: darunter ein Golddiadem, ein Ohrgehänge, eine Schale aus Gold und weitere Schmuckstücke. Die Datierung in die Zeit des mutmaßlichen Troianischen Krieges war indes falsch – der Schatz ist rund 1000 Jahre älter.

Die Idee, nach Beweisen für Homers Schauplätze zu suchen, gab es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Vor Schliemann legte Frank Calvert, Hobbyarchäologe und US-Konsul in der Türkei, kleine Teile der Burg­anlage auf dem Hisarlik (zu Deutsch „burgbewehrt“) frei. Schliemann verwies immerhin auf Calverts Vorleistungen.
Nach Schliemanns Tod setzte dessen Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld die Grabungen für zwei Jahre fort. Zwischen 1932 und 1938 folgte eine Grabungsserie unter Leitung des US-Forschers Carl Blegen – auch aufgrund der finanziellen Potenz der Amerikaner. Dann herrschte für 50 Jahre Ruhe auf dem Burghügel. Erst 1988 setzte der Tübinger Prähistoriker Manfred Korfmann die Arbeiten fort. Nach dessen plötzlichem Ableben übernahm Ernst Pernicka 2006 die Leitung. Bis zum Vorjahr waren jährlich zwischen Juli und September internationale Wissenschafterteams in Troia stationiert, um Grabungen zu tätigen und bisherige Befunde mit moderner Analytik auszuwerten.

Infobox II
Grabungskämpfe: Seit Monaten schwelt eine Debatte um ausländische Forschung in der Türkei – und die Rückgabe legendärer Funde.

An deftigen Formulierungen fehlte es nicht. „Aggressive Kampagnen“ ortete die „New York Times“, „Newsweek“ unterstellte „archäologische Erpressung“, und der „Economist“ bemerkte, ein wenig nobler, ­eine „Welle kultureller Expansion“. Die unfreundlichen Worte betrafen den Umgang der türkischen Kulturpolitik mit ihren Wissenschaftspartnern, allen voran Deutschland, weil hier die Beziehungen besonders weit zurückreichen – gerade aufgrund von Fundstätten wie Pergamon und Troia, die in der Türkei liegen, aber stets von Deutschen beforscht wurden.
Seit Monaten schwelt eine heftige Debatte, die nun durch Ernst Pernickas Rückzug neue Munition erhielt. Im Kern geht es um merkliche Ambitionen der türkischen Verwaltung, berühmte Grabungen zusehends unter die Kontrolle nationaler Forscher zu bringen und den Ausländern eher die Aufgabe zu übertragen, die Funde für touristische Zwecke aufzupolieren – woran mehr oder minder explizit die Lizenzerteilung geknüpft wird. Einerseits gibt es durchaus Verständnis für das neue wissenschaftliche Selbstbewusstsein, zumal auch die Türkei auf gut ausgebildete Archäologen verweisen kann, andererseits monieren Fachleute, den legendären Pergamon-Altar etwa gäbe es ohne die deutschen Grabungspioniere längst nicht mehr, weil er gerade noch davor gerettet worden war, in örtlichen Kalkbrennereien zu landen – dennoch gab es in der Türkei Stimmen, die eine Rückgabe des Altars, der sich in Berlin befindet, thematisierten.
Ein weiteres bedeutendes Stück, eine Sphinx aus Hattusa, der Hauptstadt der Hethiter, wurde im Juli 2011 tatsächlich retourniert – als „Geste“, wie es aus Deutschland hieß. Zwar unausgesprochen, aber für Feingeister unschwer erkennbar seien weitere Grabungslizenzen mit der Rückgabe verquickt worden.