China: Konjunkturen der Zuversicht

Zwanzig Betriebsräte auf Tuchfühlung mit dem Niedriglohn-Ungeheuer: Die meisten verloren ihre Angst, ein paar aber fürchten sich jetzt mehr als zuvor. Eine Reportage aus China, Teil 2.

Arnulf Gressel, 29, ist ein launiger Redner. Rasante Einführungsvorträge gehören zu seinem Job. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der schlaksige Salzburger im Außenhandelscenter der Wirtschaftskammer in Peking, wo sich Politiker, Konzernlenker und Investoren die Klinke in die Hand geben.
Für sie wirft Gressel Statistiken an die Wand, die das 1,3-Milliarden-Land fassbar machen sollen, beantwortet Fragen und fädelt Kontakte ein. Die Abordnung, die ihn vor vier Wochen im Beijing Sunflower Tower heimsucht, bugsiert ihn ein wenig aus der Routine: Zwanzig Betriebsräte auf Tuchfühlung mit dem Angstmacher China sind ihm noch nicht untergekommen. „Ausgezeichnet!“, ruft er und klatscht in die Hände: „Was wollen Sie wissen?“

Sozialsystem, Lohnpolitik, Streiks, Arbeitsrecht, Marktchancen, Justizreformen, Verkehr, Alltagsleben, Gesundheit, Umwelt, Korruption: Die Frage hätte wohl besser gelautet, was die Gäste nicht interessierte. Sie waren angereist, um jenem feuerspeienden Niedriglohn-Ungeheuer ins Auge zu blicken, mit dem ihre Dienstgeber sie seit Jahr und Tag ängstigten: Schneller, fleißiger, flexibler sollten sie sein, dabei maßvoller in ihren Forderungen. Dann gebe es eine Chance, ihre Jobs zu halten.

Solche Töne hatten sie im Ohr, als sie sich auf ein bettelarmes China gefasst machten, auf Millionenstädte voller Radfahrer, auf ein Land, in dem Menschen für einen Hungerlohn jedes Unbill ertragen. Nun ist die Reisegruppe eine Woche lang unterwegs gewesen, hat in Shanghai, Suzhou und Nanjing die Werke heimischer Industriebetriebe besucht und überall das Gegenteil von dem gesehen, was sie erwartet hatte: In den urbanen Zentren stauten sich Autokolonnen, dazwischen eingeklemmt ein paar Radfahrer. In den sauber gekehrten Fabriken sahen sie Arbeiter an Maschinen hantieren, die ihren zu Hause bis auf die letzte Schraube glichen.
Sie bekamen eine Ahnung von der Volksrepublik mitten in ihrem atemberaubenden Prozess der Industrialisierung. „Alles läuft hier parallel, Plan- und Marktwirtschaft, unbegrenzte Möglichkeiten und sämtliche Verwerfungen“, formuliert es Dennis Tamesberger, Wirtschaftsexperte der Arbeiterkammer Oberösterreich. In den Millionenmetropolen – von denen es im Land ganze 125 gibt – stehen die Himmel voller Kräne. Auf China entfallen 45 Prozent des weltweiten Betonbedarfs, 27 Prozent der Nachfrage an Eisen und Stahl. Shanghai will bis 2015 das größte U-Bahn-Netz der Welt haben, das größte Busnetz – mit 1.100 Linien – hat es bereits. „Man schaut am Abend aus dem Fenster auf eine Baustelle, am nächsten Tag ist das Haus zwei Stockwerke höher“, sagt der chinesische Guide, den der Einfachheit halber alle „Richard“ nennen.

Das ist die eine Seite Chinas. Auf der anderen stehen die Wanderarbeiter, die in schwindelerregender Höhe Stahlteile zusammenschweißen und oft um ihr Entgelt betrogen werden. Über ihren Kampf um gerechte Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen berichtete profil in der vergangenen Woche (siehe profil 16/2012). So widersprüchlich China sich zeigt, so widersprüchlich fallen die Resümees aus, mit denen die Arbeitnehmervertreter von ihrem Reality Check zurückkehren: Für die meisten wird die Billigfabrik der Welt ihren Schrecken verloren haben. Ein paar wenige werden das Fürchten erst so richtig gelernt haben.

Beim Viskoseproduzenten Lenzing AG hatte die Angst bereits vor zehn Jahren Hochkonjunktur, erzählt Konzernbetriebsrat Rudolf Baldinger: „Inzwischen ist sie verflogen, weil wir gesehen haben, dass uns nichts weggenommen wird.“ 2007 stellte der oberösterreichische Konzern um 200 Millionen US-Dollar eine Fabrik in den Hongshan-Industriepark bei Nanjing, einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern und einer Million Uni-Absolventen jährlich. Lenzing gehört zu den größten heimischen Investoren in China. Inzwischen erzeugen hier 800 Mitarbeiter an drei Produktionslinien 140.000 Tonnen Fasern im Jahr. Bis 2015 soll der Ausstoß auf 250.000 Tonnen fast verdoppelt werden. Am europäischen Markt ist Lenzing die Nummer eins, in China rangiert es auf Platz sechs – noch. Das soll sich ändern, sagt Mark Stubbs, britischstämmiger General Manager von Lenzing in Nanjing: „Wir verfolgen einen aggressiven Expansionsplan.“

In den Werkshallen in Nanjing dampft und zischt es, als wäre das Reich der Mitte bereits dem Viskoserausch erlegen. Ganz falsch ist das nicht. Der chinesische Fasermarkt wächst jährlich um 15 Prozent. Das ist der Grund, warum Betriebsrat Baldinger durch eine chinesische Fabrik stapfen kann, die frappant an das Stammwerk in Lenzing erinnert – „nur dass hier alles neu ist“ – und trotzdem gute Laune hat: „Wir sind ja nicht wegen der niedrigen Löhne hier, sondern wegen der Absatzchancen.“ Lenzing zahlt den Arbeitern Gehälter, die 100 Prozent über dem Mindestlohn liegen. „Das reicht für ein Leben ohne Luxus“, sagt Frank Zhang, Vorsitzender der lokalen Gewerkschaft. Wenn die Mindestlöhne steigen, muss der Viskosekonzern mit den Ist-Löhnen nachziehen, um die Belegschaft zu halten. Trotzdem denkt man nicht daran, nach Bangladesch zu ziehen, wo Arbeit noch viel billiger zu haben ist.

Das wäre auch nicht so einfach. In der Betriebskantine treffen die Lenzing-Mitarbeiter auf ihre Kollegen der Linz Textil AG. Der oberösterreichische Spinnerei- und Webereikonzern hatte sich 2007 von der China-Euphorie der Lenzing AG mitreißen lassen und auf demselben Industrieareal eine hochtechnologische Spinnerei errichtet. 45 Mitarbeiter verarbeiten hier im 3-Schicht-Betrieb täglich 20 Tonnen Fasern, ein Zehntel des Ausstoßes der Lenzing-Fabrik von nebenan. Florian Kuntner, Neffe des gleichnamigen, verstorbenen Wiener Weihbischofs, leitet die Niederlassung in Nanjing.

Auch chinesische Spinnereien lieferten ordentliche Qualität, die Konkurrenz sei enorm, klagt er. Nach drei harten Anfangsjahren rechnete er durch, was es kostete, die Anlage abzubauen: „Es war unerschwinglich.“ Der chinesische Staat lasse Unternehmen ungern ziehen. Im Industriepark macht die Geschichte einer australischen Firma die Runde, die sämtliche Maschinen liegen und stehen ließ, um bloß wegzukommen: „Die sind richtiggehend geflüchtet.“

Für das Gros der Konzerne ist das ohnedies nicht die Hauptsorge. Weitaus quälender ist für sie die Frage, woher zusätzliches Personal kommt und wie es gehalten werden kann. Der Deutsche Andreas Kozack leitet die Kompressionstechniksparte in den asiatischen Niederlassungen der Hörbiger-Gruppe. Der Konzern beschäftigt weltweit 6700 Mitarbeiter, 450 davon in einem Werk in Shanghai. Unter den Betriebsräten, die Kozack durch die Fertigung lotst, sind Hörbiger-Mitarbeiter aus Wien-Simmering. An den Maschinen hängen die Fotos ihrer chinesischen Kollegen. Auf jeder sind zwei angelernt, fällt einer aus, springt der andere ein.

Nichts fürchten Personalverantwortliche mehr als das chinesische Neujahr. „Da wird kollektiv nachgerechnet, was man geleistet hat und was herausgesprungen ist, und wenn man enttäuscht ist, kommt man nicht mehr“, seufzt Hörbiger-Manager Kozack. Um über diese Klippe zu kommen, sei man dazu übergegangen, Boni für das abgelaufene Jahr erst im April auszuzahlen. Das ist zwar hart an der Nötigung, aber wirksam. Auch Bus-Shuttles, Kantinen­essen und ansehnliche Titel sollen die Mitarbeiter zum Bleiben animieren. „Wenn auf der Visitenkarte Manager steht, ist das 200 Yuan Monatslohn wert“, sagt Kozack.

300 bis 400 Euro verdient ein Hörbiger-Arbeiter in China. Das ist nicht schlecht, aber nicht genug für einen jungen Menschen, der vorwärtskommen will. Gesellschaftlicher Aufstieg funktioniert oft nur über Beziehungen und Heirat. Männer mit Eigentumswohnung haben bei der Brautschau bessere Chancen. Wer zur Miete wohnt, kann der Auserwählten nur eine „nackte Hochzeit“ bieten. Im Ballungsraum Shanghai verschlingt die Miete für eine 60-Quadratmeter-Wohnung bis zu 3000 Yuan, so viel, wie ein Arbeiter in einem Monat verdient. Wohngemeinschaften sind deshalb weit verbreitet.

Yang Yun stammt aus Shangdong, einer Provinz an der Ostküste. Er arbeitet seit vier Jahren bei Hörbiger und ist damit fast schon ein Veteran. Er habe im Internet lange nach einer gut bezahlten Stelle gesucht, diese sei die beste gewesen, erzählt er. Jobhopping ist inzwischen so etwas wie ein Volkssport: Um das Gehalt höher zu schrauben, wird alle eineinhalb Jahre der Dienstgeber gewechselt. Das Klagelied der Fluktuation erklingt allerorts. Im AVL Technical Center in Shanghai, einer Auslandstochter des steirischen Messtechnik-Unternehmens AVL List, hat Geschäftsführer Bernhard Bodlos einen durch leidvolle Erfahrung geschärften Blick für Lebensläufe: „Ist man für einen Akademiker die erste Firma, ist die Chance hoch, dass man ihn nach einem Jahr verliert. Ist man schon die dritte, kann es sein, dass er ein paar Jahre bleibt.“

„Manchmal springen Leute noch während der Probezeit ab, und das wegen 50 Yuan“, stöhnt auch Teddy Zhao, Personalchef von SKF Automotive Technology in Shanghai. Dabei gehört er selbst zu den Jobhoppern. Bis vor eineinhalb Jahren war er beim taiwanesischen Elektronikfertiger und Apple-Zulieferer Foxconn für Ausbildung zuständig. Das Unternehmen, das in China 1,2 Millionen Menschen beschäftigt, war durch eine Serie von Arbeiterselbstmorden in Verruf gekommen. Dar­auf angesprochen, lächelt Zhao schief: „Es ist uns jedes Mal schlecht gegangen, wenn ein Selbstmord Schlagzeilen gemacht hat.“ Reporter, Kameraleute und Betriebsfremde hatten zu Foxconn keinen Zutritt.

Bei seinem jetzigen Arbeitgeber SKF führt man die Besucher ganz selbstverständlich durch die Fertigungshalle. Martin Farthofer ist Maschinenschlosser beim Wälzlagerhersteller SKF in Steyr. Seit der Konzern in Asien produziert, geht in Oberösterreich die Sorge um. In Shanghai stand der 30-jährige Oberösterreicher mit Schutzbrille, Helm und leuchtender Warnweste in der chinesischen Niederlassung der Konzerngruppe und blinzelte ungläubig um sich. Ein paar Schriftzeichen stachen ins Auge, auffallend viele Frauen an den Maschinen. Das war auch schon alles, was ihn fremd anmutete: „Wenn man mir jetzt sagt, wir sind in Frankreich, glaube ich es.“

Und doch fährt Farthofer, so wie seine Kollegen von Hörbiger, eher entspannt nach Hause: „Das Arbeitstempo kann mit unserem nicht mithalten, bei Forschung und Entwicklung haben wir die Nase vorn.“ Ähnlich sieht es Martin Molnar, Hörbiger-Betriebsrat in Wien-Simmering und dort in der Abteilung Forschung und Entwicklung beschäftigt: Im Werk in Shanghai gebe es Mitarbeiter, die den ganzen Tag mit einem Beserl herumgehen und alles sauber machen: „Das zahlt bei uns niemand mehr. Mir kommt das vor wie bei uns vor fünfzehn Jahren.“

Die Miba Precision Components gehört zum Reich des oberösterreichischen Autozulieferers Miba AG. Das Werk in Suzhou, einer 10-Millionen-Stadt in der Nähe von Shanghai, die wegen ihrer pittoresken Kanäle „Venedig des Ostens“ genannt wird, wurde 2007 eröffnet. Geleitet wird es von einem aufgeräumten Chinesen namens Anthony Wang. Der Manager mit dem Habitus internationaler Kaderschmieden will das Geschäft kräftig ausweiten: „Wir sind ein kleiner Fisch in einem riesigen Fluss“, sagt er und lacht genießerisch. Die Liste seiner Kunden ist schon jetzt reputierlich: Audi, GM, Peugeot, VW, Magna, Hörbiger.

In der Fabrik in Suzhou räumt ein Mann Teile in eine Holzkiste. Manches, was hier manuell gemacht wird, erledigen andernorts Maschinen. „In fünf Jahren schaut es ganz anders aus“, sagt ein für den Sinter-Bereich zuständiger Manager auf dem Gang durch das Werk. Johann Forstner, Anwendungstechniker und seit drei Jahren freigestellter Miba-Betriebsrat in Oberösterreich, jagt das keinen Schrecken ein, weil großteils für den Binnenmarkt produziert wird. Dass einfache Teile der Fertigung künftig von Laakirchen nach Suzhou abwandern könnten, nimmt er sportlich: „Es gibt genug Hightech-Komponenten, die China auch in den nächsten Jahren nicht herstellen wird können. Diesen Vorsprung müssen wir nützen.“

Forstner kann sich an China richtig begeistern, „weil hier alles so energiegeladen ist“. Das Reich der Mitte schwinge sich zu seiner alten Größe auf. Statt darauf zu starren, auf welchen Feldern man es besiegen könne, sollte Europa sich fragen, was es – für beide Seiten sinnvoll – beitragen könne, meint auch Ingrid Stipanovsky, Eurobetriebsrätin beim Pharmakonzern Novartis. Stichworte: Urbanisierung, Gesundheit, Ökologie. Die Superreichen des Landes brechen ihre Zelte in Peking ab, weil die Luft selbst bei Kaiserwetter kaum zu atmen ist. In Shanghai wird erst ein Drittel der Abwässer geklärt. Die Regierung will den Autoverkehr eindämmen und erneuerbare Energien fördern. Das eröffnet neue Märkte. 106 Milliarden Dollar flossen 2010 an Direktinvestionen aus dem Ausland nach China, 25,3 Millionen US-Dollar kamen aus Österreich.

Doch nicht alle teilen den Enthusiasmus. Andreas Brandstätter und Harald Wagner, Betriebsräte bei DSM in Linz, fiel beim Besuch der Beijing Novartis Pharma Ltd. die Lade her­unter. Ihr eigenes Unternehmen, das aus Teilen der alten Chemie Linz AG entstand, erzeugt – neben diversen Chemikalien – Vorprodukte für Pharmafirmen: „Wir haben gesehen, dass die Leute in China viel mehr können, als wir gedacht haben. Jetzt fragen wir uns, wie lange es unsere Fabrik noch gibt.“ Zurzeit ringen die Betriebsräte um eine neue Gehaltsordnung. Junge Kollegen sollen um weniger Geld eingestellt werden, keine gesicherte Gehaltsentwicklung mehr haben und so den Druck auf jene erhöhen, die bereits länger hier arbeiten. Das wolle das Management. Den Arbeitnehmervertretern, die dagegen anrennen, drohe es mit Werksschließungen in Europa.

Kein Vorsprung ist für die Ewigkeit.
Die jungen Chinesinnen und Chinesen hungern nach Aufstieg. „Teenager zu sein ist hier keine Gaudi“, konstatiert Außenhandelsexperte Gressel: „Mit zwölf ist es mit Sport und Spaß vorbei.“ Dann beginne das Strebern für den Gaukau-Test, jenes Multiple-Choice-Verfahrens, das entscheidet, auf welcher Uni man landet. Und davon wiederum hänge ab, wie hoch man auf der Karriereleiter komme. Viele Familien legen zusammen, damit der Nachwuchs in Europa oder Amerika studieren kann. Die Regierung fördert Auslandserfahrungen mit Stipendien.

Schon prophezeien China-Kenner, das werde sich schon bald auch in der Forschung und Entwicklung bezahlt machen – eines der letzten Terrains, auf denen Europa sich unschlagbar wähnt.