<i><small>Cyberama von Thomas Vašek</small></i>
Totale Kontrolle: Internet-Übermacht USA

Wie die US-amerikanische Internetindustrie das Netz beherrscht.

Europa brauche eine eigene Internetindustrie, um wettbewerbsfähig zu bleiben, erklärte neulich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Forderung ist so berechtigt wie lächerlich. Die "Prism“-Enthüllungen zeigen unter anderem in aller Deutlichkeit: Der technologische Vorsprung der USA ist gewaltig - und vermutlich uneinholbar. Als Beleg genügt schon das Faktum, dass praktisch der gesamte europäische Internetdatenverkehr über US-amerikanische Server läuft. Nicht zu reden von der Marktmacht der großen Internetkonzerne wie Google und Facebook. Man kann das auch so ausdrücken: Europa ist heute eine technologische Kolonie der USA. Die Abhängigkeit ist nahezu total. Ohne Zugang zu den amerikanischen Servern wäre Europa praktisch vom Netz abgeschnitten. Wir hätten kein Google, kein Facebook, kein Twitter. Man muss sich das einmal so drastisch vor Augen führen, um die wahre Dimension von "Prism“ besser zu verstehen: Die Europäer hängen am Tropf von US-Internetkonzernen, auf die sie de facto keinerlei Einfluss haben. Das ist eine historisch völlig neue Form der Fremdherrschaft. Früher mussten Kolonien wertvolle Rohstoffe an ihre "Mutterländer“ liefern. Heute liefert die "Kolonie Europa“ den Rohstoff Nutzerdaten an die US-Internetindustrie. Der Kolonialismus war historisch verbunden mit den Bestrebungen von Großmächten, ihren Einflussbereich auszudehnen. Heute könnte man von einem technologischen Imperialismus sprechen. Das ist das wirklich Beunruhigende an den "Prism“-Enthüllungen: Wir stehen nicht nur technisch hochgerüsteten Spionen gegenüber, sondern der Expansion einer Internetweltmacht, die praktisch das gesamte Netz kontrolliert.

Es geht nicht nur um Privatsphäre und Datenschutz. Es geht um europäische Autonomie. Was meinen Sie? Bitte schreiben Sie mir unter thomas.vasek@profil.at .