„Dann ist es uns entglitten“: Reinhold Messner über das Drama seines Lebens

Extrembergsteiger Reinhold Messner über kopflose Aufstiege, unglaubwürdige Bergfilme und den Tod seines Bruders.

Interview: Horst Christoph, Theresa Steininger

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Die Nanga-Parbat-Expedition von 1970, bei der Ihr Bruder Günther Messner tödlich verunglückte, gab Anlass zu endlosen Diskussionen. Ihnen wurde vorgeworfen, schuld am Tod Ihres Bruders zu sein. Warum wollten Sie, dass aus der Geschichte ein Spielfilm wird?
Messner: Weil diese Geschichte einen Spielfilm trägt, als einzige von all meinen Erlebnissen. Es ist meine Geschichte, aber das ist sekundär. Es ist eine menschliche Geschichte, eine Brüdergeschichte, und es geht um die Verantwortung Dritten gegenüber. Ich kann für mich verteidigen, dass ich eine Felswand hochsteige und herunterfalle. Aber es gibt Menschen, vor allem Angehörige, die keine Bilder dafür haben, dass einer am Ende der Welt einfach verschwindet. Diese Menschen müssen so etwas emotional aufarbeiten können, sie müssen Bilder dafür bekommen. Meine Geschwister und ich haben unsere Kinder zum Nanga Parbat und zur Rupal-Wand gebracht, damit sie sich Bilder machen konnten von dem, was dort geschehen ist. Jetzt, mit dem Film, ist das leichter zu verstehen. Ich bin sehr gespannt, wie meine Brüder auf den Film reagieren, sie haben jetzt noch mehr Möglichkeiten, mit dem Verlust ihres Bruders zurechtzukommen.

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Sie haben den Film also für Ihre Brüder gemacht?
Messner: Nein, ich habe dem Regisseur Vilsmaier dabei geholfen, diese Geschichte zu erzählen, habe gelegentlich eingegriffen und erklärt, wie man einen Pickel richtig hält, ansonsten konnte ich von ihm nur lernen. Wir haben versucht, nicht mit unglaubwürdigen Tricks zu arbeiten, wie es in dem Film „Vertical Limit“, der am K2 spielt, geschieht. Da sitzt man drin und sagt, das ist alles nicht möglich, ich kann nicht über einen 20-Meter-Spalt springen und mich drüben an einer senkrechten Wand anhalten. Bei uns dagegen ist alles Gezeigte im Grunde möglich, wenn auch vieles reduziert ist – die Zeitdauer, der Hunger, die Kälte, die Verzweiflung.

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In der Diskussion darüber, was damals passierte, als Sie und Ihr Bruder die Expedition verlassen und zu zweit die Nanga-Parbat-Überschreitung unternommen hatten, beanspruchen Sie mit diesem Film nun die Deutungshoheit für sich.
Messner: Das ist richtig. Das heißt: Die Deutungshoheit haben die Bilder, nicht ich. Sie sind stärker als jedes Geschwätz von Leuten, die nicht dabei waren. Die haben behauptet, ich hätte meinen Bruder am Gipfel in die Rupal-Wand zurückgeschickt, um allein die Überschreitung fortzusetzen. Erst als die Überreste Günthers auf der Diamir-Seite, also im Abstieg, aufgetaucht sind, hat sich das als Lüge erwiesen. Die Behauptung, ich hätte den eigenen Bruder entsorgt, um eine Sensation, nämlich die Nanga-Parbat-Überschreitung, zu liefern, war unmenschlich, das würde niemand auf der Welt tun. Solange aber mein Bruder nicht gefunden war, stand ich unter Beweisnotstand, später dachte ich, lass sie reden. Der Film hat damit nichts zu tun. Was genau auf der Diamir-Seite passiert ist, weiß nur ich, das kann man mir glauben oder nicht. Das ist mir heute auch nicht mehr so wichtig.

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Sie sind allein in die Rupal-Wand eingestiegen, Ihr Bruder kletterte Ihnen dann nach, ohne dass das ausgemacht war. Sie sagen, Sie seien damals ein Fanatiker gewesen und erst mit der Zeit zum professionellen Bergsteiger gereift. War Ihr Bruder womöglich der noch größere Fanatiker?
Messner: Der größere Fanatiker war ich.

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Warum ist er Ihnen dann nachgestiegen, ohne Seil, ohne Proviant, fast kopflos, möchte man sagen, wenn man den Film sieht.
Messner: Kopflos war, dass wir, als wir einander dann trafen, nicht zurückgingen. Das war der Auslöser der Tragödie. Bis dahin hatten wir das im Griff, jeder für sich. Aber dann ist es uns entglitten. Natürlich kann man es erklären: Wir waren jung, er 23, ich 26, es ging um das damals größte bergsteigerische Ziel der Welt, und wir wussten, es wird flacher, es ist nur mehr eine Frage der Ausdauer, nicht mehr der Kletterkunst. Da haben wir uns eben in jugendlicher Euphorie hinreißen lassen.

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Und der kleine Bruder wollte mit dem großen mithalten?
Messner: Man muss das in einer Entwicklungskette sehen: Wir gingen klettern, wir kletterten auf hohem Niveau. Ich war älter, das spielte eine große Rolle, ihm fehlten diese paar Jahre. Er war auf die Expedition ursprünglich nicht eingeladen, kam erst durch Zufall und durch mich hinein. Wir waren dort eine Seilschaft, der Expeditionsleiter wollte uns trennen, aber wir weigerten uns und blieben beisammen. Bis zum letzten Moment, als ich in meinem Ehrgeiz erkannte, dass ich angesichts eines bevorstehenden Wetterumschwungs, wenn ich schnell bin – und nur allein bin ich schnell –, die letzte Chance habe, die Überschreitung zu schaffen. Ansonsten würden wir erfolglos heimfahren. Und da bin ich mit vollem Risiko losgegangen.

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Und ohne Absprache mit Ihrem Bruder, der Ihnen nachgeklettert ist.
Messner: Er hat sich ausgegrenzt gefühlt. Er hat nichts gesagt, aber er hat sich offensichtlich geärgert. Und dann hat er seine Entscheidung getroffen, gegen meine Ratschläge.

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Sie sagten vorhin, die Entscheidung, nicht umzudrehen, nachdem Sie sich getroffen hatten, sei kopflos gewesen. Was ist Ihnen damals überhaupt durch den Kopf gegangen?
Messner: Ich wusste, dass wir keine Seilschaft bilden konnten, wir hatten ja kein Seil. Ich wusste, dass ich meinem Bruder beim Abstieg nicht helfen konnte, und die Hoffnung auf Hilfe von unten war gleich null, alle wussten ja, dass das Wetter umschlagen würde.

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Vilsmaiers Film steht in der großen Tradition des Bergfilms. Es gibt offensichtlich eine Renaissance dieses Genres.
Messner: Das sehe ich anders. Über „Vertical Limit“, den fürchterlichen Film, der fünfmal so viel gekostet hat wie unserer, haben wir schon gesprochen. Dann gibt es „Cliffhanger“ mit Sylvester Stallone, auch eine unglaubliche Geschichte. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit, und wenn man sich an diese gehalten hätte, wäre das ein wirklicher Reißer geworden. „Mount St. Elias“ ist ein Skifilm, und sonst gibt es nur den Eigerfilm „Nordwand“, der für mich bis zum Ende sehr gut war.

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Im deutschen Sprachraum geht die Tradition doch viel weiter zurück: zu Regisseuren wie Arnold Fanck, Leni Riefenstahl, Luis Trenker.
Messner: Mir haben junge Leute geraten: „Sag ja nicht, du machst einen Bergfilm, niemand geht in einen Bergfilm“ – das sei das schlimmste Etikett, das es gebe. Diese Filme der dreißiger Jahre sind mit den Werten, die damals vermittelt wurden – dem Heroischen, der Kameradschaft bis in den Tod, der Führerschaft, Befehl und Gehorsam –, nur mehr historisch und kritisch anschaubar. Und statt dem etwas entgegenzusetzen, gab es in den fünfziger Jahren kitschige Heimatfilme, die den Bergfilm endgültig diskreditierten.

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Das Kürzel des heroischen wie des sentimentalen Bergfilms ist immer der Gipfel. Um den geht es auch bei Ihnen, allerdings nur eine halbe Minute lang.
Messner: Eben. Da gibt es keine Fahnenschwingerei. Ich hoffe, wir haben alle Moral weggelassen, einfach eine Geschichte erzählt, nicht böse oder gut, ohne erhobenen Zeigefinger. Da gibt’s die gebrochene Figur des Expeditionsleiters, da prallt die Haltung der dreißiger Jahre mit meiner 68er-Generation zusammen. Vielleicht ist das die Brücke zu einer neuen Form von Bergfilm. In diesem Film ist nichts Heroisches. Es gibt nichts Ärmeres als die Menschen in diesem Film.