Das Modell der Lehre ist ein Vorbild mit Schwächen

Das Modell der Lehre ist ein Vorbild mit Schwächen

Das Modell der Lehre, seit dem Mittelalter in Österreich üblich, gilt plötzlich international als Vorbild. Dabei hat es erhebliche Mängel.

Blaue Latzhosen und Kochhauben erleben derzeit ihre fünf Minuten Ruhm. Der irische Premier Enda Kenny hat sie schon besichtigt, der spanische Handels-Staatssekretär Jaime Garcia-Legaz ebenso, selbst EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ließ sich bei seinem Wien-Besuch neben ihnen fotografieren. Erich Foglar und Christoph Leitl, die Präsidenten des Gewerkschaftsbunds und der Wirtschaftskammer, bewarben sie in Paris. Quer durch Europa werden, von Barroso abwärts, anschwellende Lobgesänge auf das österreichische Modell der Lehre angestimmt. „Unsere Lehrlingsausbildung hat das Potenzial, sich zu einem Exportschlager zu entwickeln“, jubelte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner.

Es ist verständlich, dass sich die Regierung gerne im internationalen Applaus sonnt. In der Tat ist seit Jahren nur in Deutschland und in den Niederlanden die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen niedriger als in Österreich. Während in den Krisenstaaten Spanien oder Griechenland jeder zweite Jugendliche keinen Job hat, waren es in Österreich zuletzt vergleichsweise geringe 9,5 Prozent.

System knirscht
Doch der Mythos vom Erfolgsmodell Lehre ist bei näherer Betrachtung nur bedingt aufrechtzuerhalten, im Gegenteil: Das System knirscht an mehreren Enden. Immer weniger Betriebe bilden Lehrlinge aus – obwohl jede einzelne Lehrstelle staatlich subventioniert wird. In Wien ist nicht einmal mehr jedes zehnte Unternehmen bereit, Lehrlinge zu beschäftigen. Die Konsequenz ist in der Statistik nachzulesen: Allein seit dem Jahr 2008 gingen mit über 13.000 rund neun Prozent der Lehrstellen in Firmen verloren. „Wir steuern auf einen Kollaps zu“, warnt Egon Blum, der unter den Bundeskanzlern Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer als Lehrlingsbeauftragter der Regierung werkte und bis heute die Situation der Jugendausbildung penibel beobachtet.

Im Grunde boomt seit Jahren nur ein Bereich der Lehre: die künstlichen Lehrstellen. In derartigen Phantombetrieben, die Sozialeinrichtungen oder Länder betreiben, fängt der Staat alle Jugendlichen auf, die keinen Lehrplatz gefunden haben. Derzeit sind rund 10.000 Burschen und Mädchen in diesen Lehrwerkstätten. Das ist zwar immer noch besser als Arbeitslosigkeit – hat aber erstens mit der Idee, dass ein junger Mensch in einem Betrieb zum Facharbeiter ausgebildet wird, nichts mehr zu tun und ist zweitens nicht gerade ein Schnäppchen: Exakt 17.319 Euro kostet ein derartiger Lehrplatz pro Person und Jahr (siehe Infobox am Ende).

Das Sozialministerium argumentiert, das sei wohlinvestiertes Geld – immerhin finden zwei Drittel der Jugendlichen, die in überbetrieblichen Lehrwerkstätten ausgebildet werden, danach einen „normalen“ Arbeitsplatz. Experten raten aber, diese Sonder-Lehrplätze zumindest kritisch zu analysieren. „Die überbetrieblichen Lehrstellen wurden als Notmaßnahme ins Leben gerufen. Mittlerweile haben sie Ersatzcharakter angenommen“, bemängelt Helmut Mahringer, Arbeitsmarktexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts.

Erfolgloses herumdoktern
Mahringer will die Lehrlingsausbildung nicht krankjammern, aber: „Das System der Lehre gehört überarbeitet. Sonst ist es großen Erosionsgefahren ausgesetzt.“ An einem Problem wird seit Jahrzehnten erfolglos herumgedoktert: In Österreich werden über 200 Lehrberufe angeboten, von A wie Archivassistent bis Z wie Ziergärtner. Dennoch entscheiden sich die Hälfte der Mädchen und Burschen hartnäckig für die ewigen drei Hitberufe: Frisörin, Sekretärin, Automechaniker, was Mahringer zum Schluss führt: „Wir brauchen eine andere, modernere Ausbildung.“
Dass das System der Lehre etwas verstaubt anmutet, ist kein großes Wunder: Sie existiert seit dem Mittelalter. Seit damals wurden zwar Details der Zeit angepasst, Gesetze wie „Der Lehrling ist der väterlichen Zucht des Lehrherrn unterworfen“ wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts eliminiert. Auch die Vormundschaft über den Lehrling liegt nicht mehr beim Lehrherrn, und statt eines Lehrgelds von meist 50 Gulden für den Meister gibt es heutzutage eine Lehrlingsentschädigung für die Jugendlichen. Doch am Prinzip der Lehre – ein junger Mensch erlernt von einem Meister in dessen Betrieb drei Jahre lang einen Beruf – hat sich seit Hunderten Jahren nichts verändert.

Etwas kürzer, aber immerhin seit Jahrzehnten bleibt die Zahl der Jugendlichen, die sich für eine Lehrstelle entscheiden, konstant. 40 Prozent eines Jahrgangs wählen den Weg der Lehre – stets mehr Burschen als Mädchen und bis heute erstaunlich wenig Jugendliche mit Migrationshintergrund: Knapp zehn Prozent der Berufsschüler (und damit der Lehrlinge) sind Zuwanderer(kinder). Selbst in der AHS-Oberstufe ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit 14,2 Prozent höher.

Im Jahr 1980, vor der Krise der verstaatlichten Industrie, war der Höhepunkt der so genannten dualen Ausbildung erreicht, damals gab es 194.000 Lehrlinge. Seither geht es, mit Schwankungen, bergab. Besonders deutlich sanken die Lehrlingszahlen in der Steiermark und in Kärnten, dort gibt es heute im Vergleich zum Jahr 1990 um 25 Prozent weniger Lehrlinge. Auch die Zahl der Lehrbetriebe sinkt seither konstant, im Westen am schwächsten, in Ostösterreich am stärksten. Dabei wird mittlerweile jede Lehrstelle in jedem Betrieb staatlich gefördert. Das konnte den Abwärtstrend zwar bremsen, aber nicht aufhalten.

Christoph Peschek ist 29 Jahre alt, sitzt für die SPÖ im Wiener Gemeinderat und kümmert sich vor allem um Lehrlinge. Er kann penibel vorrechnen, dass nur noch kümmerliche 8,5 Prozent der Wiener Betriebe Lehrlinge aufnehmen. Diese Zahl findet er umso alarmierender, als er die Einpersonenunternehmen der Fairness halber aus dieser Statistik herauskalkuliert hat. Peschek: „Ein immer größerer Teil der Wirtschaft drückt sich vor der Ausbildung – und jammert dann über Fachkräftemangel.“

Gravierende Bildungsdefizite
Interessanterweise kommt sein ÖVP-Gegenüber zu einem ähnlichen Befund. Isabella Leeb ist ÖVP-Stadträtin und Lehrlingsbeauftragte und weiß aus ihrem Zivilberuf als Baumeisterin um die Schwächen des Systems Lehre: „Unser Bauunternehmen nimmt jedes Jahr zwischen sieben und zehn Lehrlinge auf. Von denen, die ich ausbilde, bleibt mir bestenfalls die Hälfte.“ Sie plädiert wie Peschek für einen Fonds, in den alle Betriebe einzahlen, aber aus dem nur diejenigen Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, auch wieder Geld her­ausbekommen.

Diese Umverteilung würde aber nur einen Teil des Problems lösen. Wie viele Unternehmer sieht Leeb die Wurzel des „Desasters“, wie sie es nennt, woanders – in den enormen Bildungslücken der Jugendlichen, die sich für Lehrstellen bewerben. Sie macht seit Jahren Tests für ihre Maurer in spe und fragt etwa: Wenn ein Zimmer fünf Meter breit und vier Meter lang ist, wie groß ist dann die Fläche? Daran scheitern viele, weil sie nicht rechnen oder die Frage gar nicht erst sinnerfassend lesen können.
Das kann zwar angesichts der katastrophalen PISA-Test-Resultate, die regelmäßig aus den Schulen gemeldet werden, niemand wirklich überraschen. Derart gravierende Bildungsdefizite sind in einer Lehre aber kaum aufzuholen.

Diese Wissenslücken liegen auch daran, dass es in Österreich keinen Schulabschluss für alle gibt. Wer seine neun Jahre Schulpflicht abgesessen hat, kann gehen – egal, ob er die dritte Klasse Hauptschule dreimal gemacht oder es bis ins „Poly“ geschafft hat. ÖGB-Präsident Erich Foglar plädiert daher vehement dafür, bestimmte Bildungsziele festzuschreiben: „Sonst schaffen wir eine Generation ohne Zukunft. 10.000 Jugendliche pro Jahrgang verschwinden irgendwo, sind weder in Ausbildung noch in der Schule.“

Bei Sozialminister Rudolf Hundstorfer rennt Foglar damit offene Türen ein, der wirbt schon länger für eine Ausbildungspflicht.
Gleichzeitig ist Hundstorfer das beste Beispiel dafür, dass der Slogan von „Karriere mit Lehre“ mehr als ein Werbespruch ist. Das heutige Regierungsmitglied begann seine Karriere als Kanzleilehrling im Wiener Rathaus.

Infobox
Garantie auf Bildung
Es war einer der wenigen Erfolge der kurzen Regierung Gusenbauer-Molterer: Im April 2008 wurde, vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise wohlgemerkt, eine Ausbildungsgarantie im Ministerrat beschlossen: Kein Jugendlicher soll ohne Arbeit oder Ausbildung sein. Das lässt sich der Staat jährlich mehrere hundert Millionen Euro kosten, von der Lehrstellenförderung (5605 Euro pro Person und Jahr, Berufsschule inklusive) bis zur überbetrieblichen Berufsausbildung um 17.319 Euro pro Person und Jahr.
Auf zweijähriges Drängen Österreichs wurde vergangenen Donnerstag von den EU-Sozialministern eine ähnliche Jugendbeschäftigungsgarantie fixiert, sechs Milliarden Euro sind vorerst dafür reserviert.