Der Kindergarten als Spielball des Föderalismus

Wenn Taferlklassler den Stift nicht halten können oder an der Sprache scheitern, sollen es die Kindergärten richten. Doch sie können bald nicht mehr.

Sieben Jahre lang hielt Waltraud K.* durch. Im Kindergarten am Stadtrand von Wien gehört sie trotzdem zu den Dienstältesten. "Wenn die Jungen erst einmal gemerkt haben, wie es in der Praxis läuft, suchen sich viele schnell einen anderen Job“, sagt die 25-Jährige. Sie selbst wird demnächst an einer Uni inskribieren.

Christa E.* arbeitet seit 16 Jahren in einem Kindergarten innerhalb des Wiener Gürtels. "Mit jedem Jahr wurde es schlimmer.“ Einen konkreten Plan für die Zukunft hat sie zwar noch nicht, aber: "Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Umstände irgendwann einmal besser werden.“

Dass Kindergärten keine Orte der Aufbewahrung, sondern der Bildung sind, ist Stoff für Sonntagsreden. Über ideologische Gräben hinweg halten Bildungspolitiker die Bedeutung der Elementarpädagogik hoch. Selbst konservative Lehrergewerkschafter pflegen da beifällig zu nicken.

Doch die Praxis ist ein Jammer.
Vergangene Woche zog eine Hundertschaft von Kindergarten- und Hortpädagoginnen mit Trommeln und Pfeifen vor das Bundeskanzleramt, um gegen Überstunden, Unterbezahlung und gesellschaftliche Missachtung zu protestieren. Ihr Unmut enzündete sich am Bildungsrahmenplan, auf den sich Bund und Länder 2009 geeinigt hatten. Seither lässt seine praktische Umsetzung auf sich warten, sagt Raphaela Keller, Obfrau der Wiener Kindergarten- und Hortpädagoginnen: "Wenn es um Qualitätsstandards geht, zeigen Bund und Länder aufeinander. Der Kindergarten ist ein Spielball des Förderalismus.“

Dabei wurde der volkswirtschaftliche Nutzen der frühen Bildung in vielen Studien ermittelt. Tenor: Wer im Kindergarten gefördert wurde, klettert die Bildungsleiter höher hinauf. "Ein Euro, den man in ein dreijähriges Kind investiert, macht sich später mit sechs bis 13 Euro bezahlt, je nachdem, was man alles hineinrechnet“, sagt Bildungsexpertin Heide Lex-Nalis. Benachteiligte Kinder profitieren besonders.

Wirtschafts- und Familienminister Reinhold Mitterlehner ließ im Vorjahr die Lage der Kinderbetreuung erforschen. Fazit: Bei der Ausbildung der Pädagoginnen, bei der personellen Ausstattung der Kindergärten und - mit Ausnahme Wiens - auch bei der Betreuungsquote hinkt Österreich internationalen Empfehlungen hinterher.

Seit Herbst 2010 gilt die Kindergartenpflicht für alle Fünfjährigen - ein richtiger Schritt, aber nicht genug, sagen Experten. Ein Jahr vor der Schule lösen sich Entwicklungsrückstände, motorische Schwächen und sprachliche Probleme nicht einfach in Luft auf. "Wir zersprageln uns und schaffen trotzdem nicht, was man von uns verlangt“, sagt Christa E.

Die Segnungen der frühkindlichen Bildung entfalten sich nur mit genügend Personal. 450 Pädagoginnen fehlen in Wien, österreichweit sollen tausend Stellen unbesetzt sein. Zwar gäbe es ausreichend pädagogischen Nachwuchs. Doch die Arbeitsbedingungen verschrecken die - mehrheitlich weiblichen - Berufsanwärter, noch bevor sie einen Fuß in einen Kindergarten gesetzt haben.

Vergangene Woche feierten drei Klassen einer Wiener Kindergartenschule - offiziell "Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik“ (BAKIP) - die bestandene Matura. Von 75 Absolventinnen wollten gerade einmal fünf in einem Kindergarten arbeiten. Wie lange sie es dort aushalten, steht auf einem anderen Blatt.

Beate J.*, Leiterin eines Kindergartens in Wien, hat schon viele Anfängerinnen kommen und gehen sehen: "Die merken nach kurzer Zeit, dass sie das, was sie in der Schule gelernt haben, nicht umsetzen können. Und weg sind sie.“ BAKIP-Schülerinnen entscheiden sich mit 14 für ihren Beruf. Die Erfahrung lehrt, dass dies zu früh ist. Absolventinnen einschlägiger Kollegs, einer zweijährigen Ausbildung nach der Matura, gehen zu 90 Prozent in einen Kindergarten.

Linda M.*, 50, arbeitet in einer öffentlichen Einrichtung. Wenn ihre Halbtagsassistentin nicht gerade das Essen herrichtet, Geschirr sauber macht oder Klos putzt, geht sie ihr zur Hand. Sonst ist die Kindergartenpädagogin mit 23 Gschrappen allein: "Es wird doch niemand glauben, dass man unter diesen Umständen die Entwicklung jedes Kindes im Auge behält“, sagt Linda M.

Im Moment ist sie mit Sprachscreenings beschäftigt. Es dauert Wochen festzustellen, ob bei allen, die nächstes Jahr in die Schule kommen, die Artikel und der Satzbau sitzen, ob sie reimen und eine Geschichte nacherzählen können: "In dieser Zeit laufen die anderen Kinder nebenbei.“

Österreich ist inzwischen das einzige Land in Europa ohne akademische Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen. Geben wird es sie erst, wenn man sich auf eine gemeinsame Ausbildung für Hauptschul- und Gymnasiallehrer geeinigt hat. Dagegen gibt es Widerstand von AHS-Lehrergewerkschaftern. Auch die Umwandlung der österreichweit 29 BAKIP in AHS-Oberstufen mit sozialpädagogischem Schwerpunkt scheitert an heftiger Gegenwehr. Die Hälfte der Kindergartenschulen ist in kirchlicher Hand. Sie fürchten, ihnen könnte der Geldhahn zugedreht werden, wenn sie ein normales Gymnasium werden.

So mutiert der Kindergarten zur Krisenzone.
Helga Hauptmann, Leiterin eines Betriebskindergartens, traut sich als eine der wenigen mit Namen an die Öffentlichkeit. "Es kann heute keine Pädagogin mehr behaupten, dass sie mit Gruppen von 25 ihre Aufgaben noch erfüllen kann.“

Zwei Pädagoginnen könnten mit 16 Kindern in einer Gruppe sinnvoll arbeiten, sagen Experten. Mathematische Früherziehung, Gewaltprävention, Portfolio-Mappen, um die Entwicklung der Kinder zu dokumentieren - die To-do-Liste wird immer länger. In Hauptmanns Betriebskindergarten haben elf Prozent der Kinder eine nicht-deutsche Muttersprache. In manchen Einrichtungen sind es 100 Prozent. "Es ist unvorstellbar, unter welchen Bedingungen Kolleginnen arbeiten“, sagt Hauptmann.

"Bei uns im Haus fehlen 100 Pädagoginnen-Stunden“, stöhnt die Wiener Kindergärtnerin Elisabeth S.* Seit die Leitung eine neue Kindergruppe eröffnete, gibt es nicht einmal mehr einen Bewegungsraum. Vor jeder Rhythmikstunde müssen Kinder ausquartiert und Möbel zur Seite gerückt werden. Zu Tischspielen und Experimenten in Kleingruppen kommt sie kaum noch.

In den Einrichtungen würden Dreijährige abgeliefert, die keine Farbe kennen, Messer und Gabel nicht auseinanderhalten könnten; Fünfjährige, die sich nicht alleine anziehen könnten, die zu Hause vor dem Fernseher versauerten, noch nie im Freibad gewesen seien, mit denen niemand spiele, denen niemand vorlese. "Wir müssen so viel Basics nachholen, dass wir gar nicht zu dem kommen, was normalerweise dran wäre“, sagt Kindergärtnerin Beate J.

Die wenigsten Eltern interessierten sich dafür, was ihre Sprösslinge tagsüber gemacht oder gelernt haben, erzählt Waltraud K.: "Viel zu viel dreht sich nur ums Essen. Was hat das Kind zu sich genommen? Wie viel?“ Beständig hält sich das Bild von der lieben Tante, die mit den Kleinen lustige Lieder singt und hübsche Dinge bastelt. Auch das nährt den Arbeitsfrust: "Man kann es noch so oft sagen: Wir sind eine Bildungseinrichtung. In die Köpfe mancher Eltern geht das nicht rein.“

Dazu kommen oft irreale Ängste. Kindergärntnerinnen berichten von richtigen Kämpfen, damit ein Bub oder ein Mädchen auch einmal einen Kleber oder eine Schere zur Hand nehmen oder auf einen Baum kraxeln darf.

Wenn die Kindergartenpädagogin Waltraud K. nach Hause kommt, quält sie die bange Frage, "wer heute wieder zu kurz gekommen ist“. Sie sei es "leid, Tag für Tag zu erleben, was alles möglich wäre und was alles auf der Strecke bleibt“. Im Herbst sind weitere Aktionen ihrer Kolleginnen geplant.


* Name von der Redaktion geändert