Der Weg in den Holocaust: Vor 70 Jahren begannen die ersten Massendeportationen

Zeitgeschichte. Vor 70 Jahren wurden die ersten Massendeportationen von Wiener Juden nach Ostpolen organisiert. Was Adolf Eichmann bei diesem NS-­Experiment lernte, setzte er später für die Vernichtung von sechs Millionen Menschen ein.

Am Nachmittag des 19. Oktober 1939 nahm Adolf Eichmann in der Uniform eines SS-Offiziers am Bahnhof des ostpolnischen Städtchens Nisko Aufstellung und richtete an die 1000 Männer, die aus Mährisch-Ostrau in plombierten Waggons dorthin transportiert worden waren, fast biblische Worte: „Wenn ihr baut, werdet ihr ein Dach über dem Kopf haben. Wenn ihr bohrt und Wasser findet, werdet ihr Wasser haben.“ Dabei deutete er in die Ferne, in die schlammigen Auen am Ufer des San. Es folgte eine kleine Pause, dann ein Lächeln: „Sonst heißt es sterben.“

Der Zynismus des ehrgeizigen SS-Obersturmführers, der den Juden „eine neue Heimat“ versprochen hatte, wurde durch eine Zeugenaussage im Eichmann-Prozess in Jerusalem im Jahr 1961 bekannt. 5000 Juden aus Wien, Mährisch-Ostrau, Kattowitz und Prag waren innerhalb von zwei Wochen in die polnische Sumpflandschaft nahe der sowjetischen Grenze verschleppt und ausgeladen worden – bis heute im öffentlichen Gedächtnis ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte.

Nisko war der Auftakt. Die Erfahrungen, die Eichmann mit der Logistik der Deportation, Täuschung der Opfer, Drohungen und falschen Versprechungen gegenüber den Judenräten, psychischer Demütigung der Gefangenen, Gewalt und versuchter Geheimhaltung erwarb, mündeten zwei Jahre später in die industriell betriebene Massenvernichtung. Adolf Eichmann, 1906 in Solingen im Rheinland geboren, verschlug es 1914 mit seiner Familie nach Linz, wo der Vater den Posten des kaufmännischen Direktors der Tramway- und Elektrizitätsgesellschaft innehatte. Er besuchte jene Grundschule, in die vor ihm schon Adolf Hitler gegangen war. Er kam nicht recht voran und verließ die Schule ohne Abschluss. Der Vater, der sich inzwischen selbstständig gemacht hatte, besorgte dem nicht besonders viel versprechenden Sprössling eine Stelle als Vertreter bei einem Erdölunternehmen. 1932 heuerte Eichmann bei der NSDAP und der SS an. 1934 absolvierte er eine militärische Ausbildung in einem bayrischen SS-Lager. Noch im selben Jahr bewarb er sich im Sicherheitsdienst der SS und wurde in die Abteilung Gegnerbekämpfung gesteckt, wo er sich mit einem ausgeklügelten Karteikartensystem hervortat.

1935 wurde er ins Judenreferat versetzt, doch erst 1938, nachdem die Nationalsozia­listen in Österreich einmarschiert waren, ging es mit seiner Karriere rasant aufwärts. Im ehemaligen Palais Rothschild im vierten Wiener Gemeindebezirk war Eichmann nun für die Vertreibung der Wiener Juden verantwortlich. In weniger als 18 Monaten schaffte er es, dass 150.000 österreichische Juden das Land verließen. Eichmann nannte das „forcierte Auswanderung“ und die von ihm erfundene Methode „laufendes Band“. Das sah so aus, dass ausreisewillige Juden, die noch etwas besaßen, Haus, Bankkonto oder Schmuck, in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung von Schalter zu Schalter geschickt wurden und am Ende ohne einen Groschen, aber mit einem Fetzen Papier entlassen wurden, das sie verpflichtete, innerhalb von zwei Wochen das Land zu verlassen. Eichmanns Effizienz war in Berlin positiv aufgefallen. Sein Eifer, mit dem er in der Zentralstelle vor allem die Transporte nach Palästina überwachte, dafür sogar ein paar Brocken Hebräisch lernte und etliche Denkschriften zum „Judenproblem“ verfasste, war im Apparat bekannt.

Deutsche und Prager Judenräte, die unter Kuratel der neuen Herrschaft standen, wurden zum Lokalaugenschein nach Wien geschickt und genötigt, das Wiener Modell zu übernehmen. Die hiesige jüdische Kultusgemeinde hatte Eichmann bereits so weit eingeschüchtert, dass sie seinen Anordnungen widerstrebend folgte. Eichmann besaß die Macht, jemanden mit einem Federstrich in Gestapo-Haft oder ins Konzentrationslager zu schicken. Im Herbst 1938 meldete er stolz nach Berlin, er habe die Wiener Judenschaft „vollständig in der Hand (…) und die Herrschaften auf den Trab gebracht“. 1939 wurde er mit dem Aufbau einer entsprechenden Zentralstelle in Prag betraut.

Der Plan
Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen in den Morgenstunden des 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg, die bisherigen Fluchtländer machten ihre Grenzen dicht. Die Verfolgung der Juden wurde weiter verschärft. In Wien mussten sie sich auf Listen registrieren lassen, durften nur noch zu bestimmten Tagesstunden einkaufen; das Betreten von Parkanlagen und Kinobesuch wurde ihnen verboten. Vielen Wienern genügte das nicht. Im gutbürgerlichen neunten Wiener Bezirk hatte laut NSDAP-Ortsgruppe die Propaganda des „Führers“ gegriffen: „Die Bevölkerung verweist immer darauf hin (sic!), dass doch nur die Juden die Schuld am Kriege sind und auch entsprechend behandelt werden sollen.“ Die Ortsgruppe verlangte daher, „die männlichen Juden“ in Bergwerke zu schicken „oder eine Evakuierung nach Polen (vorzunehmen), da es gleichgültig ist, ob dort 2,5 oder 2,7 Millionen Juden leben“.

An der zweiten Option hatte Adolf Eichmann, damals 33 Jahre alt, bereits zu arbeiten begonnen, nachdem es im Bereich der Auswanderung nicht mehr viel zu tun gab. Am 10. September besprach er beim Frühschoppen mit seinem Vorgesetzten, SS-Obersturmführer Walter Stahlecker, in Prag die Möglichkeiten, die sich durch den erfolgreichen deutschen „Blitzkrieg“ in Polen ergeben würden. In die durch die Kämpfe entvölkerten Gebiete könne man massenhaft Juden abschieben.

Im Oktober 1939 wurde Adolf Eichmann befördert und beauftragt, die Abschiebung von Juden aus Schlesien „in östliche Richtung“ zu organisieren. Adolf Hitler und der Chef des Sicherheitsdienstes, Reinhard Heyd­rich, hatten eine ethnische „Flurbereinigung“ im Sinn: Die eroberten und an das Deutsche Reich angeschlossenen polnischen Gebiete sollten laut Heydrich von „Judentum, Intelligenz, Geistlichkeit und Adel“ ­bereinigt und „germanisiert“ werden. Ins deutsch besetzte Rumpfgebiet von Krakau ostwärts, das spätere Generalgouvernement, sollten alle verschickt werden, die unerwünscht waren: Juden, Zigeuner, Polen. Ein „Reichsghetto“ sollte es werden.

Eichmann war nun pausenlos im Einsatz. Dem Wiener Gauleiter Josef Bürckel versprach er vollmundig „die restlose Lösung der Judenfrage in Österreich“. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) wurde sogleich angewiesen, eine Transportliste von 1000 bis 1200 Handwerkern zu erstellen. In Mährisch-Ostrau scharte er seine Bekannten aus der Wiener Zentralstelle um sich: den 26-jährigen Rolf Günther (1942 wie Eichmann Teilnehmer an der „Endlösungs“-Konferenz in Wannsee); Theo Dannecker (1943 und 1944 in Eichmanns Sonderkommandos in Bulgarien und Ungarn im Einsatz); Anton Brunner (ab 1941 in Wien für die Deportation von 48.000 Juden mitverantwortlich) – die so genannten „Eichmann-Männer“, wie der Wiener Historiker Hans Safrian seine grundlegende Studie über die Exekutoren des Holocaust nannte.

Die „Mustertransporte“ (Eichmann) wurden bis ins kleinste Detail am Schreibtisch geplant. Das Organisationsschema wurde später für die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager übernommen. Ein Transport wurde mit jeweils 1000 Menschen und anteilsmäßiger Bewachung durch Schutzpolizisten festgelegt, „die jede Fluchtgefahr mit der Waffe zu verhindern haben“. Anzahl und Gewicht der Koffer, Art und Weise des Handgepäcks und Konfiszierung des gesamten Vermögens vor der Deportation wurden vorgeschrieben. Die „Fahrkarten“ waren von den Kultusgemeinden zu bezahlen.

Die Durchführung
Um die Abtransporte „möglichst unauffällig“ und reibungslos zu gestalten, machte Eichmann die Juden selbst für die „ordnungsgemäße“ Durchführung verantwortlich. Benjamin Murmelstein, Rabbiner und zentraler Funktionär der Wiener Kultusgemeinde, sagte über diese zynische Strategie später, die Täter hätten damit den Eindruck erzeugt, „dass die Juden einander selbst deportierten“. Auf die polizeilichen Abmeldungen musste die IKG „Transport“ als Zielort stempeln. Ihr wurde auch vorgeschrieben, an Holzlatten bei jedem Waggon mit Reißnägeln die Deportationsnummern zu befestigen und „hinter den Tafeln die Juden in drei Gliedern antreten“ zu lassen. Die Eichmann’sche Leidenschaft für Nummern und Zahlen sollte sich später bei stundenlangen Lagerappellen zu einem Martyrium entwickeln.

Es war bereits vorgesehen, bei künftigen Transporten „auf Alter oder Geschlecht der Juden keine Rücksicht“ zu nehmen, auch wenn vorerst „nur Vollarbeitsfähige“ erwünscht waren. Lebensmittel, Werkzeug, Baumaterial und medizinische Ausrüstung hatten von jüdischen Betrieben bereitgestellt zu werden. Jüdische Baumeister mussten Baupläne für Baracken vorlegen, von denen die SS gleich die Hälfte strich, „da die Juden in den Baracken zweischichtig“ unterzubringen seien. Die IKG wurde für die „Einwaggonierung“ verantwortlich gemacht. In ihrem letzten Rundschreiben vor der Abfahrt hieß es, wer nicht erscheine, würde „durch ­Polizeiorgane aus der Wohnung geholt ­werden“.

In der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde herrschten Angst und Unsicherheit. Amtsleiter Josef Löwenherz misstraute dem so genannten „Judenreservat“, wie das Vorhaben von den NS-Stellen genannt wurde. Er bestand darauf, nur Freiwillige auf die Liste zu setzen. Die Judenräte saßen in der Falle. Auf ihre Aufforderung hin meldeten sich 830 Männer, 300 von ihnen wurden als körperlich zu schwach ausgeschieden. „Dass sich überhaupt Freiwillige meldeten, zeigt, dass die Juden nicht ahnten, was sie erwarten würde. Viele zogen eine ungewisse Zukunft dem Terror in NS-Wien vor“, schreibt Doron Rabinovici in seinem Buch „Instanzen der Ohnmacht“.

Um möglichst nahe an die Vorgabe der tausend heranzukommen, setzte Eichmanns Büro weitere Namen auf die Transportliste der Wiener Juden. Dem Organisator ­drohte indes die Zeit davonzulaufen: Noch hatte Eichmann keinen Endbahnhof für seine Transporte und keinen Ort für
ein Lager. Am 12. Oktober flog er über ­Krakau nach Warschau, orderte einen Mercedes und einen Lancia zur Erkundungsfahrt. Am 15. Oktober telegra­fierte er: „Eisenbahnstation für Transporte ist Niesko (sic!) am San.“ Unterdessen hatte auch schon der Chef der Berliner Kriminalpolizei angefragt, „wann er die Berliner ­Zigeuner schicken“ könne. Eichmann antwortete, es wäre am einfachsten, „jedem Transport einige Waggons Zigeuner anzuhängen“.

Am 18. Oktober fuhren die ersten Züge ab: 875 Juden von Kattowitz und 901 von Mährisch-Ostrau. Der erste Wiener Transport mit 912 Männern wurde nachts am 20. Oktober 1939 am Wiener Aspangbahnhof abgefertigt.
Benjamin Murmelstein hatte auf Befehl Eichmanns den ersten Transport für die IKG nach Nisko begleiten müssen, wohl um die Deportierten zu beruhigen. In einem ­Interview für Claude Lanzmanns Film ­„Shoah“ beschrieb er die Deportationen als „Serienversuch aus einem Laboratorium. (…) bei jedem Versuch wird notiert (…) das ist Forschungsarbeit, wissenschaftlich studierte Endlösung.“ Da die ganze Welt dazu schwieg, sei klar gewesen, dass weitere Versuche folgen würden.

Das erste Experiment führte nach Nisko, einem kleinen Bauerndorf etwa 200 Kilometer östlich von Krakau. Am Nachmittag des 19. Oktober war der erste Transport aus Mährisch-Ostrau angekommen. Zu Fuß wurden die Männer auf eine sumpfige Wiese getrieben. Ihr Gepäck wurde auf Pferdewagen geladen, doch die Pferde wurden ausgespannt, die Männer mussten die Wagen selbst ziehen. Auf freiem Feld mussten sie zum Zählappell antreten: Anwälte, Kaufleute und Männer, die älter als 40 Jahre waren. Etwa 250 Juden wurden ausgesondert und von einem Polizeitrupp kilometerweit durch die Landschaft gejagt, hin zur sowjetischen Grenze. Die anderen wurden angetrieben, die Baracke für die SS noch vor Einbruch der Dunkelheit aufzustellen. Die Deportierten verbrachten die erste Nacht unter freiem Himmel.

Die 1000 Wiener Juden trafen zwei Tage später ein. Nur 150 wurden von der Lager-SS als brauchbar ausgewählt, alle anderen mit Schüssen davongejagt und ihrem Schicksal überlassen. So geschah es auch mit den nachfolgenden Transporten. Die Habseligkeiten der Juden und ihre Barschaft teilten die SS-Männer unter sich auf. Viele der Deportierten hatten sogar schon Frauenkleider in ihre Koffer gepackt, da ihnen versprochen worden war, ihre Familie würde später nachkommen. Im Lager behalten wurden 300 tschechische und polnische sowie 200 Wiener Juden. Es war ein außerordentlich kalter Winter, die Temperaturen fielen an manchen Tagen auf minus 40 Grad. Die Londoner „Times“ berichtete am 16. Dezember 1939 ahnungsvoll über Nisko und „den Weg in die Vernichtung“.

Fotos vom Lager aus dieser Zeit sind bis heute nicht bekannt, auch wenn die SS-Schergen Gefallen daran hatten, die Männer in ihrem erbärmlichen Zustand abzulichten. Der tschechische Karikaturist Leo Haas, der später nach Theresienstadt kam und gegen Kriegsende britische Pfundnoten fälschen musste, fertigte einige Zeichnungen aus dem Lagerleben an, das „Café ­Royal“ etwa, die ironisierte Sehnsucht der Juden nach ihrem Kaffeehaus.

Am Ende waren von 5000 Deportierten rund 4000 Menschen ins Niemandsland getrieben worden, von der örtlichen Bevölkerung oft noch buchstäblich ihres letzten Hemds beraubt. Die meisten flüchteten über die sowjetische Grenze, versuchten, in Lemberg oder in Dörfern an der Grenze ihr Leben zu fristen. Die Mehrzahl wurde von den Sowjets dann in Straflager nach Sibirien deportiert. Manche kamen frei, wenn sie sich bereit erklärten, in den Reihen der Roten Armee zu kämpfen. Als die Deutsche Wehrmacht 1941 in der Sowjetunion einmarschierte, fielen diejenigen, die es geschafft hatten, noch in Freiheit zu leben, wieder in die Hände der Nationalsozialisten – zu diesem Zeitpunkt war das bereits ein Todesurteil. Nach Wien sollten nach dem Krieg nur 50 von ihnen zurückkommen.
Der Abbruch

Bereits während der Organisation der zweiten Transporte hatte Gestapo-Chef Heinrich Müller aus Berlin Eichmann per Telegramm angeordnet, die „Abschiebung“ von Polen und Juden brauche „eine zentrale Leitung“, für die Transporte müsse daher „eine Genehmigung der hiesigen Dienststelle vorliegen“. Eichmanns Mitarbeiter wurde auf Nachfrage, ob die vorbereiteten Transporte noch stattfinden könnten, beschieden, jeglicher Abtransport von Juden habe zu unterbleiben. Eichmann flog nach Berlin, um sein Unternehmen zu retten. Er hatte wenig Erfolg. Über das Verbot des nächsten Transports aus Mährisch-Ostrau setzte er sich hinweg, „um das Prestige der hiesigen Staatspolizei zu wahren“. Über zwei weitere Transporte aus Wien und Kattowitz musste er die Gestapo-Zentrale in Berlin informieren.

Den Befehl zum Abbruch der Aktion gab der Chef der SS, Heinrich Himmler, in den ersten Novembertagen. Gegenüber dem auf weitere Deportationen drängenden Wiener Gauleiter Josef Bürckel begründete er das Verbot weiterer Juden­deportationen mit „technischen Schwierigkeiten“. Der Grund für das abrupte Ende des Experiments Nisko ist eindeutig: Die oberste NS-Riege hatte zu diesem Zeitpunkt andere Prioritäten, als Juden aus den von Eichmann „betreuten“ Gebieten zu entfernen. Auf dem aktuellen NS-Rasse-Programm standen: die „Germanisierung“ des besetzten Polen und die Schaffung von „Lebensraum“ für zigtausende Baltendeutsche und „Volksdeutsche“ aus dem nun von den Sowjets okkupierten Raum. Das Projekt hieß „Festigung des deutschen Volkstums“, Adolf Hitler hatte damit Himmler beauftragt. Himmler stoppte daraufhin Eichmanns hochfliegende Deportationspläne, weil er von Juden geräumte Wohnungen nicht in Wien und Böhmen brauchte, sondern im Gebiet um Posen, wo künftig „Volksdeutsche“ leben sollten. Allein bis Mitte Dezember 1939 ließ er rund um Posen beinahe 90.000 Menschen – politisch aktive Polen und Juden – wegschaffen.

Das Lager in Nisko wurde im Frühjahr 1940 aufgelöst. Von den ursprünglich 5000 deportierten Juden kehrten knapp 500 zurück, 198 von ihnen nach Wien. Eichmann hatte zu diesem Zeitpunkt schon die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklommen. Er war nun dafür zuständig, Juden in großem Maßstab in Ghettos zu konzentrieren. Im Jänner 1941 wurde er „wegen seiner umfangreichen Erfahrungen“ beauftragt, „eine endgültige Lösung der Judenfrage in Europa“ auszuarbeiten. Nachdem sich die Idee, die Juden auf Madagaskar im Indischen Ozean anzusiedeln, als völlig unrealistisch erwiesen hatte, war Eichmann als Handlungsreisender des Todes in Auschwitz, Minsk und Chelmno unterwegs.

Die großen Judendeportationen aus dem deutschen Reich begannen im Frühjahr 1941, es folgte die Einrichtung von Vernichtungslagern und Gaskammern; die ersten „Probevergasungen“ fanden im September 1941 statt: in einer Gaskammer in Auschwitz und in Gaswägen in Chelmno. Die Ermordung in Gaswägen hatte Eichmann selbst verfolgt. Vor Gericht in Jerusalem sagte er, das sei „das Entsetzlichste gewesen, was ich in meinem Leben bis dahin gesehen habe“.

Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie entwickelte daraufhin unter tatkräftiger Mithilfe Eichmanns die industrielle Vernichtung in den Gas­kammern. Am 15. Dezember 1961 wurde Adolf Eichmann der Verbrechen gegen die Menschheit und das jüdische Volk für schuldig befunden und zum Tod durch Strang verurteilt.

Mitarbeit: Franziska Dzugan