Des Kaisers neue Kleider

Mit der Zurückhaltung ist es vorbei – Exkanzler Wolfgang Schüssel im nie geführten, dafür aber auch schonungslos offenen Rückblicks-Interview.

profil: Herr Klubobmann Schüssel … „Klubobmann“, wie das klingt. An das muss ich mich wirklich noch gewöhnen.
Schüssel: Was glauben Sie, wie es mir geht?
profil: Irgendwie hat man ja bei dem Wort „Klubobmann“ das Gefühl, es sei der Vorname vom Cap.
Schüssel: Danke. Jetzt fühl ich mich gleich viel besser.
profil: Keine Ursache. Nun – was machen Sie denn jetzt so?
Schüssel: Ach, was soll ich sagen. Ich versuche halt, die neu gewonnene Zeit sinnvoll zu nützen. Mein Cello glüht, bei meinen Fußball-Freunden häufen sich die Bänderrisse. Ach ja, und im Schrebergartenhaus von Andreas Khol stinkt es ziemlich stark nach Jauche.
profil: Aha. Hat er schon gedüngt?
Schüssel: Er nicht. Also, zumindest nicht im Wohnzimmer.
profil: Bisher haben Sie immer betont, Sie seien ihm nicht böse, weil er Karl-Heinz Grasser als Vizekanzler verhindert hat.
Schüssel: Ach Gott. Ich habe früher auch schon einmal betont, was für ein fähiger Vizekanzler Herbert Haupt nicht ist.
profil: Ja, ja, die Wahrheit ist eben eine Tochter der Zeit.
Schüssel: Und ich habe sicherlich auch schon irgendwann einmal betont, dass ich diese depperten Khol-Aphorismen ganz super finde.
profil: Der Tiroler Andreas Khol verhindert Grasser als Vizekanzler, damit der Tiroler Günther Platter Minister bleiben kann. Und jetzt hört man, dass Platter bei einem nicht gänzlich unbizarren Heeresfest möglicherweise auf ein Foto von Grasser geschossen haben soll. Wo werden Sie Ihren nächsten Urlaub verbringen?
Schüssel: Im Ausland. Jetzt darf ich ja.
profil: Und es kann auch ruhig ein Hochwasser kommen.
Schüssel: Genau. Und mit ein bisschen Glück ist es sogar in Tirol.
profil: In den Umfragen führt jetzt wieder die ÖVP. Wären Sie nicht doch wieder für Neuwahlen?
Schüssel: Aber nein. Lassen wir Gusenbauer und sein Team arbeiten.
profil: Weil es gut für das Land ist, wenn jetzt einmal ein wenig Ruhe einkehrt?
Schüssel: Nein. Weil unser Vorsprung in ein paar Monaten noch viel größer sein wird.
profil: Sie halten also nicht viel von Ihrem Nachfolger?
Schüssel: Fallen Ihnen keine Fragen ein, bei denen nicht schon das ganze Land die Antwort kennt?
profil: Dem Vernehmen nach haben Sie überhaupt noch nie besonders viel von Personen gehalten, die nicht Wolfgang Schüssel heißen. Stimmt das denn?
Schüssel: Das stimmt so nicht. Ich meine, es ist ja völlig klar, dass nicht jeder ich sein kann. Aber wenn er sich zumindest bemüht, dann erkenne ich das schon an.
profil: Ist es im Nachhinein, auch mit dem Ergebnis der Koalitionsverhandlungen, nicht umso bitterer, gegen Gusenbauer verloren zu haben?
Schüssel: Österreich hat im Fußball auch schon einmal gegen Färöer verloren.
profil: Sie werden aber blöderweise keine Revanche mehr kriegen.
Schüssel: Deshalb muss ich mich eben mit dem absolut sicheren Wissen begnügen, dass ich sie gewinnen würde.
profil: Ein ziemlich schwacher Trost, oder?
Schüssel: Noch Fragen? Ich müsste dann nämlich dringend mit meinen Zehen spielen gehen.
profil: Was sagen Sie zu der Affäre um die Strache-Fotos?
Schüssel: Ich vermisse eine eindeutige Distanzierung von ihm.
profil: Und was würden Sie zu der Affäre um die Strache-Fotos sagen, wenn Sie doch eine Dreierkoalition mit BZÖ und FPÖ zustande gebracht hätten?
Schüssel: Er hat sich eindeutig distanziert.
profil: Verstehe.
Schüssel: Echt? Dabei sind Sie ein Journalist.
profil: Über Ihre längerfristigen Pläne herrscht immer noch Unklarheit.
Schüssel: Wieso? Ich bin Klubobmann. Au, verdammt. Jetzt hab ich mich in die Zunge gebissen.
profil: Als Klubobmann in einer Koalition mit einer Zweidrittelmehrheit haben Sie doch nichts zu tun. Das hält allenfalls ein Klubobmann Cap vier Jahre lang aus.
Schüssel: Sie werden mir immer sympathischer.
profil: Werden Sie nach Brüssel gehen?
Schüssel: Das kommt darauf an, was Brüssel mir zu bieten hat.
profil: Was hätten Sie denn gerne?
Schüssel: Ach, da wär ich flexibel. Nur so viel: So super ist der Herr Barroso wirklich nicht.
profil: Angeblich kann Sie aber in Brüssel auch keiner leiden.
Schüssel: Sie werden mir doch nicht immer sympathischer.
profil: Eine Klarstellung können Sie sich ja jetzt, da Sie nicht mehr Kanzler sind, wohl auch erlauben: Wie war das damals wirklich mit der berühmten „richtigen Sau“?
Schüssel: Viel interessanter wäre doch, wenn ich Ihnen erzähle, wer noch aller eine ist.
profil: Verstehe.
Schüssel: Allerhand. Schon wieder!