Die Akte Atlantis: Der platonische Kontinent
Die Legende um das versunkene Inselreich

Die seriöse Wissenschaft hat schon so manche Theorie über das versunkene Inselreich zu Fall gebracht. Sie sagt aber auch: Platon schrieb kein reines Märchen. Nun wollen Atlantologen mit einer Ethik-Charta den Ruf ihrer Zunft retten.

Da liegt es, das versunkene Land: 15 Meter unter dem Meeresspiegel und dadurch selbst für Hobbytaucher gefahrlos zu erreichen. Elf Sockel antiker Kolumnen, geschmackvoll verfallen, markieren einen Säulengang, der zur großen Sonnenscheibe führt. Ganz in der Nähe ragt noch eine fünf Meter hohe Pyramide aus dem Meeressand. Putzergarnelen strecken ihre filigranen Fühler aus den Poren des Gesteins, das von einer dünnen Algenschicht überzogen ist. Korallen gibt es noch keine. Besonders fantastisch wirkt die archäologische Stätte in der tiefblauen Stille, wenn Adlerrochen darüber hinwegschweben. Das findet zumindest ein Mann mit dem Künstlernamen „Foots“, der diese Installation vor der Küste der karibischen Cayman-Inseln ersonnen und erbaut hat. Im vergangenen Juli versenkten Taucher mithilfe von Kränen die „Lost City of Atlantis“, und Foots, der seit seiner Kindheit, wie er sagt, „von Mythen und Ruinen fasziniert“ war, ist jetzt so glücklich wie die örtlichen Hotelchefs. Bewusst ließ er sich nicht von der exakten Überlieferung inspirieren, die Attraktion für Tauchtouristen ist seine ganz persönliche Vision des sagenhaften Kontinents.

Mit seiner Begeisterung ist der semmelblonde Bildhauer nicht allein. Seit der griechische Philosoph Platon die Geschichte vor 2366 Jahren in die Welt setzte, ist der Mythos Atlantis nicht totzukriegen. Legionen von Atlantologen haben das untergegangene Inselreich schon auf dem ganzen Erdball vermutet. Im Lauf der Jahrhunderte faszinierte die Story mal weniger, dann wieder mehr; derzeit ist das Atlantis-Fieber wieder deutlich im Steigen. Neue angebliche, mit modernem High-Tech-Gerät unterstützte Ortungen häufen sich, und vermeintliche Vorboten eines nahenden Klimawandels lassen die Metapher Atlantis immer öfter auftauchen. Natürlich war New Orleans, im vergangenen Jahr von den Auswirkungen des Hurrikans „Katrina“ heimgesucht, das „neue Atlantis“, wie die „New York Times“, BBC und CNN unisono betonten.

„Eine merkwürdige Kombination von Schatzsuche-Fantasien und Fiktionen einer nationalen oder legendär fremden Uridentität“ befeuere den Mythos, sagt der Innsbrucker Althistoriker Reinhold Bichler: „Die Geschichte der Suche nach Platons prähistorischer Hochkultur ist auch ein Stück Kultur- und Ideologiegeschichte. Zu welchen politischen Konstellationen und wirtschaftlichen Konjunkturen das Fieber steigt oder sinkt, ist auch für uns Historiker interessant. Das ist ein reiches Feld für ernsthafte wissenschaftsgeschichtliche Forschung.“ Doch was nützt es, dass auch der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet in seinem eben erschienenen Buch „Atlantis – Geschichte eines Traums“ (Verlag C. H. Beck, 2006) die Geschichte des geheimnisvollen Kontinents eine „Antihistorie“ nennt? „Die Woge der realistischen Interpretationen brandet immer wieder von Neuem an unsere Ufer“, sagt Vidal-Naquet.

Was war Atlantis nicht schon alles: Platons Nachfahren verstanden die Geschichte gern als Anregung einer neuen literarischen Gattung, des utopischen Romans. Sie parodierten und paraphrasierten den Stoff und ließen sagenhafte Reiche auch anderswo entstehen und untergehen. Theopomp ersann das transatlantische Land Meropis, Euhemeros die Insel Panchaia.

Im 16. Jahrhundert verlegte der Philosoph Francis Bacon die Insel Bensalem, sein wissensdurstiges „Nova Atlantis“, in die Südsee und wollte damit die Wissenschaften animieren. Die Rationalisten der Französischen Revolution wiederum sahen Atlantis fernab der Geburtsstätten großer religiöser Mythen rund um das Mittelmeer – in Sibirien. Esoterische Theosophen und Anthroposophen wie Helena Blavatsky fantasierten von einem Wunderland mit Hubschraubern und Außerirdischen und luden den Mythos rassistisch auf.

Arisches Atlantis. Ob Helgoland oder nicht – Atlantis sei jedenfalls germanisches Nordland, die Nazis somit Atlanter, postulierten die NS-Ideologiehüter Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg. Adolf Hitler selbst glaubte an die Welteislehre Hanns Hörbigers, des Vaters der berühmten Schauspieler Paul und Attila. Immer wieder nähere sich ein Himmelskörper aus Eis der Erde, umkreise sie einige Zeit als Mond und falle dann herab, behauptete Hörbiger. Bei einem dieser Einschläge sei auch Atlantis zerstört worden. Der kalte und lange Winter des Jahres 1942 jedenfalls war Hitler Beweis genug dafür, dass Luna ihm schon bald auf den Kopf fallen könnte. Für „unübertroffen“ indes hält Althistoriker Bichler die New-Age-Bestrebungen, Atlantis als Bewusstseinszustand zu begreifen und – wie etwa der Berliner Soziologe Dieter Kamper 1989 – mit einer Selbsterfahrungsgruppe auf Segeltörns, über dem dort unten vermuteten Inselreich schaukelnd, den Atlantis-Schock aufzuarbeiten, der sich in ökologischem Selbstzerstörungsdrang manifestiere.

Doch was hat Platon in seinen um 360 v. Chr. entstandenen Werken „Timaios“ und „Kritias“, in denen damalige Geisteskapazunder wie Sokrates und Kritias Dialoge führen, denn wirklich erzählt? Eine im Grunde simple Geschichte: Jenseits der Säulen des Herakles (womit in der Antike die Straße von Gibraltar gemeint war) gab es – aus Platons Sicht vor etwas mehr als 9000 Jahren – ein hoch zivilisiertes Inselreich namens Atlantis, größer als Asien und Libyen zusammen.

Meeresgott Poseidon hatte das Land unter zehn Königen aufgeteilt, Atlas und seine Nachfahren beherrschten den größten Teil mitsamt der Hauptstadt. Allein dieser Teil des Reiches verfügte über gigantische Streitmächte mit zehntausend Streitwagen, 1200 Schiffen und hunderttausenden Hopliten (schwer bewaffnete Kämpfer), Bogenschützen und Schleuderern. Atlantis war überaus fruchtbar und artenreich, sogar Elefanten gab es. Architektur und kulturelles Leben waren beeindruckend. Überdachte Kanäle und konzentrische Ringe aus Wasser und Land umgaben die Metropole, deren Zentrum ein Poseidontempel aus Silber und Gold bildete. In Bädern und Sportanlagen konnte sich das gehobene Volk von der regen Handelstätigkeit im Hafen erholen. Doch Hybris und Expansionsgier brachten das Reich zu Fall; es scheiterte just an einem von Platon als idealen Staat beschriebenen Ur-Athen: Eine Naturkatastrophe ließ Atlantis schließlich im Meer versinken, das siegreiche Ur-Athen übrigens auch.

Und woher wussten die Figuren des Philosophen aus Athen von Aufstieg und Fall dieses Superreiches? Vom Hörensagen: Kritias habe die Story, so legt es Platon seiner Figur in den Mund, von seinem Großvater erfahren, dieser wiederum von Dropides, einem Freund des Staatsmannes Solon. Der Athener nämlich war ein weit gereister Mann und ließ sich im ägyptischen Neith-Tempel der Stadt Sais von einem Priester die Inschriften einer Säule übersetzen, auf der alles stand. Da die große atlantische Flut das Land am Nil verschont hatte, blieben die Ägypter als einzige Hüter der Überlieferung übrig.

Fades Athen. Es ist nicht nur Platons mehrfache Betonung der Authentizität seiner Atlantis-Erzählung, die den Stoff heute noch so schillern lässt. Im Grunde nämlich, so argumentieren Altphilologen, hätte sich auch das siegreiche, ebenfalls fiktive Ur-Athen einen Platz in unserem kollektiven literarischen Gedächtnis verdient. Doch im Vergleich zum exzentrisch gezeichneten „Verlierer“ Atlantis wirkt die vorgriechische Metropole wie ein langweiliger Tugendstaat, den zu orten sich noch dazu erübrigt; Platons philosophisches Konzept des idealen Staates ist der breiten Öffentlichkeit so gut wie unbekannt.

Atlantis-Suche aber zahlt sich aus. Die Aussicht auf nachhaltigen Entdeckerruhm, den schließlich auch Heinrich Schliemann nach seinem zuvor angezweifelten Fund der Ruinen Trojas ernten durfte, lässt weltweit Lokalitäten wie Pilze im feuchtwarmen Wald aus dem Boden schießen. Was bei den jeweiligen Mutmaßungen zeitlich oder räumlich nicht ins Bild passt, ist schnell weg erklärt. Die beliebtesten Argumente: absichtliche Verfremdung durch Platon, Fehler bei der Übersetzung der ägyptischen Quellen, Stille-Post-Effekte bei der Überlieferung. Die tatsächliche Identifizierung kreisförmiger Anlagen und Ruinen unter dem Meeresspiegel würde zudem einen Sieg über die etablierte Lehrmeinung bedeuten. Und die lautet: Platons Atlantis hat es in der von ihm beschriebenen Form nie gegeben.

„Die Atlantologen beachten die Eigenart dieser Texte zu wenig“, sagt der Göttinger Altphilologe Heinz-Günther Nesselrath. „Platon ist aber kein Historiker, der getreulich eine Überlieferung beschreibt, sondern seine Dialoge sind ein politisches Gleichnis“ (siehe Interview Seite 119). Einige Historiker wie Reinhold Bichler und sein französischer Kollege Vidal-Naquet gehen sogar noch weiter und sehen in Platons Atlantis-Erfindung einen Zerrspiegel seiner Stadt; gleichsam eine „Parabel des Untergangs Athens unter Perikles“, wie der Autor Richard Ellis die Interpretationen auf den Punkt bringt.

Dennoch: Während einer Atlantis-Konferenz auf der Kykladeninsel Milos wurden im vergangenen Juli in einem mehrtägigen Sitzungsmarathon 48 teils neue Hypothesen verhandelt. Dabei zeigte sich, wie ein Beobachter der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb: „Ebenso faszinierend wie der Untergang von Atlantis ist der Untergang von Atlantis-Theorien.“ Im Wirrwarr der Mutmaßungen und Behauptungen sind aberwitzige kaum noch von plausibel klingenden zu unterscheiden. Wer das versunkene Reich etwa mit Platons Text in der Hand finden will, „braucht im Mittelmeer erst gar nicht zu suchen, denn es heißt ja, Atlantis liege jenseits von Gibraltar“, sagt Altphilologe Nesselrath.

Schlammvulkane. Doch ausgerechnet im mediterranen Raum ballen sich die meisten, von selbst ernannten Atlantologen lokalisierten Orte. Und wer genug Wind um seine Vermutungen macht, dem ist auch kurzfristige Medienpräsenz sicher. Vollmundig erklärte der amerikanische Architekt Robert Sarmast vor zwei Jahren, er habe östlich von Zypern in 1600 Meter Tiefe mithilfe von Sonargeräten und ferngesteuerten Kameras Spuren der atlantischen Akropolis entdeckt. Zu sehen sind auf den Bildern seltsam erscheinende Erhebungen des Meeresbodens. Doch leider kennt der Hamburger Meeresgeologe Christian Hübscher die Gegend gut; er hat sie mit einem Forschungsschiff ebenfalls untersucht. Sarmasts Akropolis sei ein so genannter Schlammdiapir, eine vulkanartige Erhebung in der rissigen Salzschicht, die sich bildete, als das Mittelmeer vor knapp sechs Millionen Jahren trockenlag. Darunterliegende feuchte Sedimente bahnen sich so ihren Weg ins Freie. Hübschers vernichtendes Urteil: „Da unten ist nur Schmodder.“

Für Streit im Elfenbeinturm sorgte auch die Theorie des atlantisgläubigen Schweizer Archäologen Eberhard Zangger. Dieser vertrat schon Anfang der neunziger Jahre die Meinung, Troja könnte Atlantis sein. Die Vermutung beruhte auf einigen Ähnlichkeiten zwischen der Atlantis-Geschichte und Homers „Ilias“. Der mittlerweile verstorbene Tübinger Archäologe und Troja-Chefausgräber Manfred Korfmann hieß den Schweizer dafür einen „Däniken“ (nach dem umstrittenen Bestsellerautor Erich von Däniken); Zangger besorgte sich eine einstweilige Verfügung.

Ebenfalls im Mittelmeerraum vermutet der Physiker Ulrich Hofmann sein Atlantis. Es war „identisch mit dem Atlasgebirge Nordafrikas“, meint er. Die Atlanter seien Vorfahren der heutigen Berber gewesen. Seit er diese Hypothesen 2004 in seinem Book on demand „Platons Insel Atlantis“ darlegte, will er noch einiges Neue in Erfahrung gebracht haben – Genaueres mag er allerdings noch nicht verraten. Es gehe jedenfalls „um ein Areal von der Größe Berlins, in dem Hinweise auf orthogonale Kanäle zu sehen sind“. Das Quellenmaterial für seine Analysen kauft der Physiker via Internet ein: Es sind Satellitenaufnahmen des US Geological Survey. Für Expeditionen auf eigene Faust fehlt dem Atlantologen das Geld, doch würde er sich wünschen, dass die klassische Archäologie sich mit seinen Ergebnissen ernsthaft auseinander setzte: „Die blocken aber sofort ab, das Thema wurde leider in der Vergangenheit zu spekulativ und unsolide behandelt.“

Zur Scheu der renommierten Ausgräberzunft vor dem Thema Atlantis dürften indes auch Forscher wie Gernot Spielvogel beitragen. Der Geologe und Leiter eines Atlantis-Instituts in Überlingen am Bodensee behauptet seit Kurzem, Atlantis bei den Azoren tatsächlich gefunden zu haben. Er will sogar schon „über den Resten der Stadt“ getaucht haben, nur liege sie zu tief, um sie bloß mit Anzug und Flasche zu erreichen. Zum Beweis legte Spielvogel deutschen Medien angeblich von Menschen bearbeitete Steine aus der Zeit von Atlantis vor – und Reste jenes Planetoiden, der das Sagenreich seiner Ansicht nach ausgelöscht habe. Um seine zwei Millionen Euro teure Expedition zur ringförmigen Metropole in der Tiefsee zu finanzieren, bietet Spielvogel das kostbare Material – „ein Fund, der das Potenzial hat, Geschichte zu schreiben“ – online zum Kauf an. Hundert Euro kostet ein Gramm; die Tephra-Breccie „aus der Ringanlage“ wiegt 895 Gramm und wird nur komplett veräußert.

Atlantis-Charta. Spielvogels Behauptungen haben die Zunft „aufgerüttelt“, wie der Hamburger Atlantologe Siegfried Schoppe sagt. Der Wirtschaftswissenschafter, gemeinsam mit seinem Sohn ebefalls mit einer eigenen Hypothese im Spiel (siehe Interview diese Seite), gehört zu den Initiatoren einer vor wenigen Wochen zur Diskussion und anschließenden Ratifizierung versandten „Charta der Atlantis-Forschung“, in der die Gemeinde zumindest auf dem Papier ihre Ansprüche zurückschraubt. Die wichtigsten Punkte der neuen Branchenethik:

• Die Existenz von Platons Atlantis muss als „eine offene Frage“ behandelt werden; das Werk darf nicht „wortwörtlich für wahr“ gehalten, „der historische Gehalt von Mythen“ nicht überstrapaziert werden.

• Das Auftauchen von Außerirdischen, Flugscheiben, prähistorischen Atombomben oder Energiekristallen verträgt sich nicht mit einer Forschung „auf dem Boden der Wissenschaft und ihrer Methoden“. Ebenso künftig unerwünscht: Sensationshascherei, Geldmacherei, Parapsychologie und sonstige metaphysische Schwärmerei sowie Missbrauch durch politische Ideologien oder rassistische Motive.

• Gleichwohl muss jeder das Recht haben, Platon zu interpretieren; Andersdenkende sind zu respektieren, denn „eine lebendige Wissenschaft besteht niemals nur aus ihren Koryphäen“.

Platons Quellen. Auf dieser Basis ließen auch Philologen und anerkannte Archäologen mit sich reden, so hoffen die Atlantologen. Doch diese beschäftigen sich ohnehin schon seit geraumer Zeit mit der Geschichte. Denn sie wissen: Was Platon seinen Zeitgenossen auftischte, ist alles andere als ein reines Märchen. Für unzählige Details der Erzählung gibt es mögliche, aber auch gesicherte Quellen.

Allein die Positionierung des Imperiums knapp jenseits von Gibraltar erscheint dem Altphilologen Nesselrath plausibel. Die Karthager, alles andere als Freunde der Griechen, wachten damals über ihre Handelswege und Monopole. Dies habe zu allerlei Falschinformationen und Gerüchten über das Meer da draußen geführt, mit denen sie andere fernhalten wollten, argumentiert der Antike-Kenner. Da wurde etwa ausgestreut, die Meerenge sei unschiffbar und von gefährlichen schlammigen Untiefen geprägt – so wie der Philosoph es schließlich auch in seinen Dialogen beschrieb. Nesselrath: „Platon machte sich diese Meinung zu eigen und folgerte daraus, dass dort irgendwann einmal etwas untergegangen sein muss.“

Auch Architektur und Zivilisationsstand sind für Althistoriker Bichler „geeignet, eine Vielfalt von möglichen Vorbildern in Erinnerung zu rufen“: die Kriegshäfen von Syrakus und Karthago etwa oder Herodots Schilderung der Hauptstadt des Mederreichs, Ekbatana (heute das iranische Hamadan). Platon hat von all dem gewusst; manches, wie beispielsweise die Stadt Syrakus auf Sizilien, hat er sogar selbst gesehen – und anschließend in seinem Werk „kolossal übersteigert“ (Bichler).

Die Suche nach Platons Inspirationen ist in der Tat eine faszinierende Reise durch die gesamte den Griechen damals bekannte Welt. Und dabei führt der Weg reichlich oft nach Ägypten. Am Nil mag auch das Rätsel, wen der Philosoph mit dem illustren Volk der Atlanter gemeint haben könnte, einer Lösung harren. Auf Tempelinschriften, Reliefs und Papyrusrollen existieren die einzigen Hinweise auf einen immer noch mysteriösen Völkerbund, der um 1200 v. Chr. das Mittelmeer aufrollte – bis Pharao Ramses III. den so genannten Seevölkern Einhalt gebot. In seinem noch erhaltenen Tempel Medinet Habu ist der ägyptische Sieg abschreckend eingemeißelt: Den Angreifern wurden die Penisse abgeschnitten.

Spanische Spuren. Aber wer waren die Seevölker? Und wie konnte Platon Kenntnis von ihnen erlangen? Die Vermutungen über ihre Identität reichen von Illyrern, Phöniziern, biblischen Philistern und Bewohnern Anatoliens bis zu Kriegern aus dem Westen. Waren sie die Atlanter? Naturgemäß unterstützen einige Atlantologen diese Annahme, zumal sie wissenschaftlich seriös noch gar nicht widerlegt werden kann. „Das Thema ist noch relativ unerforscht“, sagt Altertumsforscher Bichler. So glaubt der deutsche Physiker Rainer Kühne, die Seevölker seien ident mit der eisenzeitlichen Tartessos-Kultur in Südspanien. Atlantis, das bei Platon über ebenso reiche Metallvorkommen verfügt wie Tartessos, liege also im Mündungsgebiet des Guadalquivir; auch Kühne erblickt, wie viele Kollegen, in den ihm zur Verfügung stehenden Satellitenaufnahmen Andeutungen konzentrischer Ringe.

Kompletter Unfug scheint die Seevölker-Theorie nicht zu sein. Auf dieser historischen Folie könne „die Geschichte ernsthaft diskutiert werden“, attestierte der renommierte Tübinger Frühgeschichtler Gustav Adolf Lehmann schon vor Jahren. Er hält es immerhin für möglich, dass Platon von den ägyptischen Aufzeichnungen Wind bekommen hat. Jetzt muss nur noch die tatsächliche Identität der Seevölker festgestellt werden.

Wesentlich weiter fortgeschritten ist die Erforschung der Anregungen für das pompöse Untergangsszenario, das Platon in seinen Dialogen entwirft. Zahlreich waren die Naturkatastrophen im frühgeschichtlichen Mittelmeer, und an deren Mythologisierung herrschte ebenfalls kein Mangel. Zudem war der Philosoph generell für solche Auslöschungsmotive empfänglich; sein gesamtes Weltbild beruhte auf dem zyklischen Aufstieg und Fall der Zivilisation. So war es nahe liegend, dass irgendwann einmal der Vulkanausbruch von Thera, der schleichend auch den Niedergang der minoischen Kultur auf dem nahen Kreta bewirkte, als Quelle identifiziert werden würde (siehe Kasten auf Seite 122). Wieder einmal sind es Umwege über Ägypten, die erklären könnten, wie Platon von dem 1200 Jahre zurückliegenden Ereignis erfahren haben mag.

Doch es gab noch andere Naturkatastrophen, die zeitlich und räumlich viel näher lagen. Im Winter des Jahres 373 v. Chr., nur 13 Jahre vor Abfassung der später weltbewegenden Dialoge, erschütterte ein Erdbeben die nordpeloponnesische Stadt Helike – ein bedeutendes Handels- und Kulturzentrum etwa 200 Kilometer westlich von Athen, noch dazu mit einem stattlichen Poseidon-Tempel. Wie Helikes Ende ablief, beginnen die Archäologen jetzt zu rekonstruieren; die Stätte wurde erst 2001 entdeckt, die City liegt noch verborgen. Ausgrabungsleiterin Dora Katsonopoulou vermutet folgendes Szenario: Ein Teil der Küstenlinie kippte ins Meer, die Flutwelle raste über den Golf von Korinth, brach sich am anderen Ufer und raste wieder zurück. So dürfte der Stadtkern zuerst zertrümmert und dann dauerhaft überflutet worden sein.

Der Aufschneider. Dass Platon von den Folgen des Tsunami nahe seiner Heimatstadt unterrichtet war, gilt selbst für die Atlantis-skeptische Fachwelt als gesichert; dass er Elemente der kurzen Überlieferung in seinem Werk verwendete, ebenfalls. „Ich glaube tatsächlich, dass diese Flutwelle ihn inspiriert hat“, sagt Altphilologe Nesselrath.

Der Göttinger kann sogar den mutmaßlichen Überbringer der Nachrichten nennen: Herakleides Pontikos. Der Platon-Schüler, der das zerstörte Helike mit eigenen Augen gesehen und auch beschrieben hatte, genoss das Vertrauen seines Meisters und durfte ihn sogar während einer Sizilienreise vertreten. Allfällige mündliche Berichte, so darf gemutmaßt werden, sind durchaus spektakulär ausgefallen; Pontikos galt als Aufschneider und trug in Athen den Spitznamen „Pompikos“. Gegen das, was sein Lehrherr aus dem Katastrophenrapport machte, war aber selbst „Pompikos“ chancenlos.

Von Klaus Kamolz