Die Bräute Allahs

Wieder waren es Frauen, die sich in Moskau in die Luft sprengten. Meist werden die „Schwarzen Witwen“ unter Drogeneinfluss in den Tod geschickt – oder einfach ferngezündet.

Ihr Kopf ist noch intakt. Der Kopf eines Kindes. Ein ­rundes, pausbäckiges Gesicht, niedriger Haaransatz und eine Stupsnase. Sie ist nur 18 Jahre alt geworden, meinen die Leichenexperten vom russischen Sicherheitsdienst. Solange man ihre Identität nicht festgestellt hat, heißt sie beim FSB einfach „Gürtel-Schahidin“.

Die junge Frau hat sich am vergangenen Montag um 7.52 Uhr im Frühverkehr der Moskauer Metrostation Lubjanka selbst in die Luft gesprengt. Um 8.37 Uhr folgte ihr eine zweite Gotteskriegerin an der Metrostation Park Kultury. Die Sprengstoffgürtel der Frauen waren mit Nägeln gefüllt, um größeren Schaden anzurichten. 39 Menschen starben bis Redaktionsschluss. Die Fahnder haben auf Videos der Sicherheitskameras drei Helfer ausgemacht, zwei weitere Frauen, einen Mann.

„Die Schwarzen Witwen sind zurück!“
, dröhnten die russischen Fernseh­nachrichten. Der russische Geheimdienstchef Alexander Bortnikow sieht eine „klare Verbindung der Täterinnen zum Nordkaukasus“. Der russischen Informationspolitik ist zwar langjähriger Erfahrung nach nicht zu trauen, doch auch unabhängige Experten kommen zu dem Schluss: „Es könnte sich bei dem Doppelattentat um einen Racheakt der islamistischen Rebellinnen handeln“, meint Alexander Tscherkassow, der Kaukasus-Experte der Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

Der Führer der Rebellentruppe „Emirat Kaukasus“, Doku Umarow, drohte am 14. Februar auf einem Video den Russen mit neuen Anschlägen: „In diesem Jahr erwarten uns noch große Erfolge.“ Am 3. März wurde der wahhabitische Ideologe Said Buratsky von russischen Spezialtruppen getötet. Daraufhin wurde auf der Rebellenwebsite Kavkazcenter.ru zum Dschihad aufgerufen: „Lasst des Scheichs Märtyrertum eine Einladung sein und lasst uns aufhören, nur darüber zu sprechen. Lasst es uns tun!“
Am 29. März waren es wieder junge Frauen, die Ernst gemacht haben.

Gerade unter den kaukasischen Selbstmordbombern hat es seit der Jahrtausendwende oft „Gotteskriegerinnen“ gegeben. Manche sehen dies als logische Folge der postsowjetischen Geschlechterverteilung: Die Männer befehlen und trinken, die Frauen handeln. Als feministischer Akt kann der Kamikaze-Einsatz der Frauen freilich nicht verstanden werden. Eher als Akt höchster Verzweiflung.

„Von zehn Schahidinnen handelt nur eine aus Überzeugung, will um jeden Preis Rache üben und dafür sterben. Die übrigen neun sind ein Bluff … Der gesamte religiöse Hintergrund, all die Ideale des Dschihad, des heiligen Kriegs der Moslems, sind in Tschetschenien völlig auf den Kopf gestellt worden“, schreibt die russische Journalistin Julia ­Jusik in „Die Bräute Allahs“. „Nichts ist davon übrig geblieben außer Schmutz, Erpressung, Entführung, sexuelle Gewalt und Psychopharmaka, unter deren Einfluss man die Frau in den Tod schickt.“ Jusiks Geheimdienstquellen stellten ihr die Obduktionsergebnisse von verschiedenen Selbstmordbomberinnen zur Verfügung: In sieben Fällen fand man Überreste von Drogen.

Handelt es sich um drogenabhängige Frauen, die sich aus Kummer um ihre im Kampf gefallenen Männer selbst opfern? Oder sind diese weiblichen Bomben nicht vielmehr die letzten „Wunderwaffen“ einer völlig destabilisierten Gesellschaft nach einem der blutigsten Separationskriege der Neuzeit?

Tschetschenische Frauen posierten prominent schwarz verhüllt und mit ihren Bomben­gürteln im Dubrowka-Musicaltheater in Moskau, das am
23. Oktober 2002 von islamistischen Terroristen besetzt wurde. Von den 850 Geiseln starben 129, darunter viele Kinder, bei der Stürmung des Theaters durch russische Spezialtruppen. Sämtliche Attentäter kamen ebenfalls um. Damals wurde der Begriff der „Schwarzen Witwen“ erstmals verwendet, weil die Frauen angeblich ihre Männer im Krieg gegen Russland verloren hatten.

Die meisten Tschetscheninnen haben Angehörige im Krieg verloren. Nicht alle wurden deshalb zu Terroristinnen. Die Ursachen und Gründe sind vielfältiger – und sie wirken insgesamt wie ein explosiver Cocktail.

Drahtzieher. In der postsowjetischen kaukasischen Gesellschaft gibt es hinsichtlich der Geschlechterrollen einige Verwirrung. Kaukasische Frauen arbeiteten zu Sowjetzeiten oft Vollzeit. Durch die Zerrüttung der gesellschaftlichen Strukturen in den Separationskriegen in den neunziger Jahren grassiert im Kaukasus heute eine Wiederbesinnung auf reli­giös-konservative Geschlechterrollen. Die Frauen werden oft ins Haus abgedrängt. Eine Teilnahme am Dschihad kann für manche durchaus Mittel zur Selbstbefreiung oder auch Selbstbestimmung werden.

Dies freilich ist eine fürchterliche Illusion. Die Rebellengruppen sind strikt hierarchisch organisierte Männerclubs. Bei einigen Anschlägen in Moskau in den vergangenen Jahren wurden die weiblichen Bomben „ferngezündet“ – vielleicht weil ihre männlichen Drahtzieher ihnen nicht zutrauten, sich selbst zu sprengen.

Selbst wenn Frauen als Teil der kämpfenden Truppe auftreten, entscheiden die Männer. Am 1. September 2004 schickte Islamisten-Chef Schamil Bassajew seine Kämpfer nach Beslan, wo sie die Schule Nummer 1 besetzten. Unter ihnen waren auch Frauen. Als zwei von ihnen sich dagegen wehrten, hunderte Schulkinder tagelang ohne Wasser im Turnsaal gefangen zu halten, wurden sie von ihrem Kommandanten im Nebenzimmer erschossen.

Mittlerweile hat sich die Islamistenszene internationalisiert. „Tschetschenien hat sich ein wenig stabilisiert, die Islamisten breiten sich in den nördlichen Kaukasus aus“, meint Tscherkassow von „Memorial“. „Es gibt Araber und Russen unter ihnen. Wie Said Burjatski.“ Der zum Islam konvertierte Russe hat seit zwei Jahren eine neue Generation von lebenden Bomben trainiert, die jetzt über Moskau gekommen sind.

Ob die beiden „Gürtel-Schahidinnen“ von Burjatski persönlich trainiert wurden, ist bisher nicht bekannt. Dass eine der jungen Frauen sich in der Metrostation Lubjanka in die Luft sprengte, ist allerdings kein Zufall.
Die Lubjanka ist das Hauptquartier des FSB, des vormaligen Geheimdiensts KGB. Dessen Vorläufer, der NKWD, hatte im Februar 1944 das gesamte Volk der Tschetschenen und Inguschen aus ihren Dörfern heraus auf Viehwaggons verladen und nach Zentralasien deportiert. Das haben die Enkeltöchter den Russen bis heute nicht verziehen.

Mitarbeit: Andrej Iwanowski