Die Evaluation der Theaterreform ist abgeschlossen

Die Evaluation der Wiener ­Theaterreform ist abgeschlossen: Der umfangreiche Bericht ­bestätigt die Reform zwar, weist aber auf zahlreiche Schwachstellen hin. Neue Verteilungskämpfe scheinen vorprogrammiert.

Manche Dissertation ist weniger umfangreich als die in den vergangenen Monaten entstandene Studie zur Wiener Theaterreform. Auf 127 Seiten werden darin maßgebliche Entwicklungen in der Wiener Bühnenlandschaft seit 2004 dokumentiert und ausgewertet – quantitativ wie qualitativ. In Auftrag gegeben wurde die Untersuchung von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny; Christian Schober und seine Mitautorinnen Andrea Schmidt und Selma Sprajcer von der Wiener Wirtschaftsuniversität erstellten die voluminöse Dokumentation. Mailath ging es vorrangig darum, sein 2003 initiiertes Renommierprojekt, die Wiener Theaterreform, die vonseiten der theoretischen Vordenker als auch aus der Szene selbst zuletzt herbe Kritik einstecken musste, evaluieren zu lassen.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung sollte Licht ins Dunkel der Förderstruktur innerhalb der Wiener Theaterszene bringen, um notwendige Diskussionen in Zukunft auf Basis von verlässlichem Datenmaterial stattfinden zu lassen. Zudem sollte geklärt werden, ob die hochgesteckten Ziele der Reform tatsächlich erreicht wurden: Ist die heimische Szene inzwischen international besser vernetzt? Gestaltet sich die Fördervergabe, wie oftmals angekündigt, transparent? Wurde das Prinzip der Gießkannen-Subvention tatsächlich aufgegeben? Steht dem Nachwuchs mehr Geld zur Verfügung?

Die profil exklusiv vorliegenden Er­gebnisse der Theaterstudie, die im Lauf dieser Woche von der Kulturabteilung im Wiener Rathaus zur Gänze online gestellt werden wird, überzeugen durch Detailgenauigkeit und Sachwissen. Mit Theaterschaffenden wurden zahlreiche Gespräche geführt, mit Sensibilität wurde die komplexe Materie bearbeitet. In den kommenden Monaten soll das vorliegende Material analysiert und kommentiert werden. Es ist davon auszugehen, dass freischaffende Künstler, Koproduk­tionshäuser und Politik in der Interpretation der Fakten nicht immer einer Meinung sein werden.

Mailath zeigt sich bereits jetzt zufrieden mit dem Ergebnis.
„Im Grunde bestätigt die Studie die Theaterreform“, so der Kulturpolitiker gegenüber profil. „Nicht wirklich überraschend ist, dass noch manches der Umsetzung harrt oder adaptiert werden muss.“ Was sich ablesen lässt: Die Reform wird von den heimischen Bühnenschaffenden grundsätzlich positiv gewertet. Tücken sind allerdings in den Details zu finden.

Was sich positiv mit Zahlen belegen lässt: Die heimische Szene ist international besser vernetzt, die Zahl der Eigenproduktionen und vor allem jene der Koproduktionen (eine Verdreifachung innerhalb der letzten acht Jahre) hat zugenommen. Irritierender Nebenaspekt dieser Entwicklung: Einzelne Künstler und Gruppen sind stärker denn je von Häusern wie brut, Tanzquartier oder Garage X abhängig. Nicht die Kunstschaffenden selbst werden von internationalen ­Festivals und Theatern eingeladen – Gastspiele und Koproduktionen erfolgen zumeist nur, wenn Künstlerinnen und Künstler fest an heimische Häuser angedockt sind. Faktisch ist damit die Freiheit der Theatermacher also eher eingeschränkt.

Konnte man in den 1980er-Jahren noch auf Fördergeld hoffen, indem man neue Räume bespielte, Off-Spaces entdeckte, so ist es nun bereits beim Einreichen für Subventionen sinnvoll anzugeben, an welchem Haus produziert werden soll; zumindest erhöht dies die Chancen, überhaupt als förderwürdig eingestuft zu werden. Die Häuser müssen ihr Programm gestalten und brauchen dafür Künstler, die Fördergeld mitbringen; diese wiederum müssen sich daran orientieren, welcher Spielort ihnen ästhetisch am ehesten entspricht. Schleichend sind so neue Abhängigkeiten entstanden.

Ein überraschender Befund ist für Evaluationsleiter Christian Schober die „geringe Anzahl an Aufführungen pro Produktion“. Ein Trend, den man als „Festivalisierung“ des Theaters bezeichnen könnte: Es wird zwar stetig mehr produziert, die Arbeiten werden aber kürzer gezeigt.

Koproduktionshäuser wie das brut oder das Tanzquartier stehen prototypisch für diese Entwicklung, die, ähnlich dem großen Berliner Vorbild HAU, Mittelbühnen zu einer Art Festivalbetrieb modelliert. Für Kunstschaffende eine durchaus knifflige Situation: Man produziert aufwändig ein Stück – und zeigt es anschließend zwei-, vielleicht dreimal.

Mit einigem Recht beklagt die Studie, dass vor allem nationale Nachspielmöglichkeiten fehlen. So absurd es klingt: Viele der ortsansässigen Koproduktionshäuser sind international besser vernetzt als national. Schuld daran sind vorwiegend strukturelle Gründe, die von der Kulturpolitik gewünschten heimischen Theaternetzwerke werden finanziell einfach zu wenig unterstützt. „Es ist skandalös, wie sehr sich der Bund in diesem Zusammenhang aus seiner Verantwortung stiehlt“, klagt etwa der Kultursprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo. Studienleiter Schober bekräftigt: „Der Gestaltungsspielraum der Bundesländer endet an den Landesgrenzen.“

Ein weiteres überraschendes Untersuchungsdetail: Die Theater sind in der Disziplin, Geld jenseits der öffentlichen Hand zu lukrieren, professioneller geworden. Vielen Institutionen gelang es, bis zu 35 Prozent ihrer Einnahmen abseits der Fördertöpfe zu erwirtschaften, wobei Sponsoringaktivitäten und Fremdvermietungen in den vergangenen Jahren verstärkt an Bedeutung gewannen. Die nach wie vor größte Schwachstelle der Mailath-Reform markiert – wie von der Szene häufig kritisiert – die so genannte Projektförderung, also jener Topf, in dem das Geld liegt, mit dem kurzfristig Projekte gefördert werden sollen. Postmigrantisches Theater soll damit ebenso abgedeckt werden wie die Finanzierung von Nachwuchsproduktionen.

Gerade die Zahlen dieser Kostenstelle scheinen alarmierend:
Wurden 2007 noch 60 Anträge auf Projektförderung eingereicht, stieg deren Zahl 2010 auf 93 – bei sinkendem Budget (2007: 2.455.900 Euro; 2010: 2.353.945 Euro). Somit sind wichtige Vorhaben der Neugestaltung der Wiener Theaterlandschaft gefährdet: die Förderung junger Kreativer und das erklärte Vorhaben, den Großteil der Subvention nicht mehr in die Erhaltung fixer Strukturen, sprich Häuser, fließen zu lassen.

Laut Evaluation ist das aktuelle Fördersystem „strukturkonservierend“: Die budgetären Mittel fließen zum überwiegenden Teil (bis zu 96 Prozent) an die immer gleichen Institutionen. Kontinuität ist notwendig, dennoch sollten Mittel in Zukunft flexibler vergeben werden können, um keine Erstarrung der Szene zu provozieren: Ein eigenes Theater scheint nach wie vor die beste Altersvorsorge zu sein. Es wird sich erst zeigen, ob der Vorsatz eingelöst wird, Intendanzen regelmäßig auszuschreiben und damit für mehr Fluktuation zu sorgen. Die Evaluation der Reform nennt keine Namen, bestätigt jedoch ein Faktum: Bei einigen Häusern sind die Eigentumsverhältnisse noch immer nicht geklärt.

„In vielen Gesprächen bildete sich ziemlich einhellig die Meinung heraus, dass die vorhandene Infrastruktur ausreicht“, so Christian Schober. Man brauche also keine neuen Häuser. Allerdings müssten Proberäume leichter zugänglich gemacht werden, lautet eine Forderung der befragten Künstler. Beklagt werden zudem eine fehlende Transparenz bei der Struktur- und Standortförderung und das Fehlen eines politischen Bekenntnisses, ob man „breit“, das heißt mit Gießkanne, oder „schmaler“ fördern möchte.

Für Diskussionsstoff wird wohl auch der Befund sorgen, dass viele kleine Häuser und Gruppen von den „Input/Output-Kennzahlen“ her effizienter als die Großbühnen agierten. Die Bezuschussung der Großbühnen durch die Wiener Kulturabteilung ist pro Besucher und Abend zuletzt auf 57 Euro angestiegen – was zum Teil auf die Umwandlung des Theaters an der Wien in ein Opernhaus zurückzuführen ist. Die kommunale Förderung bei den Mittelbühnen schlägt dagegen mit rund 25 Euro zu Buche. Verteilungskämpfe sind also vorprogrammiert.