Die Gezeichneten: Auch in staatlichen
Heimen wurden Zöglinge missbraucht

Missbrauch, Schläge und Demütigungen gab es nicht nur in katholischen Internaten. Auch in vielen staatlichen Heimen wurden Zöglinge systematisch gebrochen. Jetzt brechen sie erstmals ihr Schweigen.

Sie will weglaufen. Doch ihre Füße scheinen am Boden festzukleben. Die Fürsorgerin und die Polizei sind hinter ihr her. Aber auch sie kommen nicht vom Fleck. Ihre Verfolger erwischen sie nicht. An dieser Stelle wacht Elisabeth Gruber, 66, meistens auf. Als ihr Mann noch lebte, erzählte sie ihm so oft vom Heim, dass er nichts mehr davon hören wollte. „Hör auf mit dem Blödsinn“, bat er. Doch ihre Albträume ließen sich nicht abstellen.

Elisabeth Gruber sitzt am Wohnzimmertisch, vor sich die Notizen, die sie gemacht hat, um nichts Wichtiges zu vergessen. Sie lebt in Purkersdorf bei Wien, in demselben Einfamilienhaus, aus dem Gendarmen sie am Silvestermorgen 1958 abholten und in eine Erziehungsanstalt steckten, weil sie ein „schlimmes Mädchen“ war. Sie durfte nichts einpacken, nur noch ihren himmelblauen Wintermantel über das Nachthemd ziehen. Mehrmals steht sie auf, lässt den Hund hinaus, kocht Kaffee, holt Krapfen aus der Küche, weil die Erinnerungen sie „noch sehr aufwühlen“.

Jahrzehntelang interessierten sich weder die Justiz noch die Öffentlichkeit dafür, was Heimkinder erlebt haben. Die meisten Einrichtungen wurden in den siebziger und achtziger Jahren aufgelöst oder in sozialpädagogische Zentren umgewandelt. Protokolle und Mündelakten verschwanden im Keller. Ehemalige Zöglinge schwiegen aus Scham. Viele scheiterten als Erwachsene, wurden drogensüchtig oder kriminell. Oder sie brachen zusammen, weil eine Trennung, ein Film, eine ärztliche Untersuchung ihre Wunden wieder aufgerissen hatten.

Jetzt, da sie zwischen 50 und 70 sind, wollen sie den Terror ihrer frühen Jahre publik machen. Viele von ihnen wurden in katholischen Heimen drangsaliert, gedemütigt, sexuell missbraucht. In Deutschland schlossen sich Betroffene zu einem Verein zusammen, in Irland erschütterte der Bericht einer staatlichen Kommission die Öffentlichkeit (siehe Kasten). Auch in Österreich wird die Mauer des Schweigens brüchig. Vergangene Woche gestand Bruno Becker, Erzabt von St. Peter in Salzburg, vor 40 Jahren einen zwölfjährigen Zögling missbraucht zu haben. Er bot seinen Rücktritt an.

Doch die Übergriffe, die nun zutage treten, sind nicht einmal die Spitze des Eisbergs, sagt Zeithistoriker Horst Schreiber: „In katholischen Internaten wurden Zöglinge der Mittelschicht zugerichtet. Die wirklich brutalen Geschichten passierten aber in den geschlossenen Heimen, betrieben von Bund und Ländern. Dort wurden Unterschichtkinder, nach denen niemand gefragt hat, auf eine Art und Weise systematisch gebrochen, die an Terrorregime erinnert.“

Vorvergangenen Freitag präsentierte Jenö A. Molnár im Parlament sein Buch „Wir waren doch nur Kinder“. 16 Jahre lang war Molnár in Kinderheimen untergebracht gewesen. „Es kann sich niemand vorstellen, was das für mich bedeutet“, erklärte der Autor, sichtlich gerührt, seine furchtbaren Erinnerungen im Hohen Haus vorstellen zu können.

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Jenö A. Molnár kam am 5. August 1946 in Oberösterreich zur Welt, als Kind einer geflüchteten Ungarin und eines US-Besatzungssoldaten. 1947 wurde seine Mutter kurz verhaftet. Als sie zurückkam, war ihr zehn Monate altes Baby nicht mehr da. „Man hat mich ihr gestohlen“, sagt Molnár. Es kostete ihn sein halbes Leben, das herauszufinden.

Den Großteil seiner Kindheit verbrachte „Jöri“ im steirischen Schloss Leonstein. Lieblosigkeit, Gewalt und Sadismus prägten sein Aufwachsen. Eine acht Zentimeter große Narbe erinnert ihn noch heute an eine prügelnde Nonne. Mit 19 stand er auf der Straße, ohne Geld, ohne Papiere. Österreich erkannte ihn weder als Flüchtling noch als Staatsbürger an. Ende der sechziger Jahre ließ er sich schließlich in Deutschland nieder und fristete dort als Staatenloser eine Existenz am Rand des sozialen Abgrunds.

Seine Mutter war ein Name auf seiner Geburtsurkunde, dem einzigen Dokument, das er besaß. Vom Vater fehlte jede Spur. In Stadl-Paura, Oberösterreich, fand Jenö A. Molnár Nachbarn, die sich an den kleinen Sohn der ungarischen Lehrerin erinnern konnten, der in einem Jeep weggebracht worden war.

1986 fand er seine Mutter in einem Vorort von Salzburg. Sie schien nicht überrascht, ihrem 40-jährigen Sohn gegenüberzustehen. Sie gab ihm ein Foto: sein Vater und seine Mutter vor einem Bahnhof, sie war schon schwanger. Auf der Rückseite stand geschrieben: „Auf dem Weg und guter Hoffnung“. Sie erzählte ihm, Soldaten hätten sie 1947 ins Spital gebracht und sie dort festgehalten. Als man sie nach Hause ließ, sei er verschwunden, ihr Mann nach Amerika abkommandiert, ihre Schwester abgängig gewesen.

Bevor Jenö A. Molnár nach Deutschland zurückfuhr, gab sie ihm Geschenke, die die Großeltern in Ungarn dem verlorenen Enkelkind gemacht hatten. Als er neun war, hatte seine Oma in das Tagebuch, das sie für ihn angelegt hatte, geschrieben: „Mein lieber Alpö, ich weiß, dass du diese Zeilen eines Tages lesen wirst.“ Er war nicht vergessen worden, das machte ihn ein wenig ruhiger. 1991 hielt er den ersten Pass seines Lebens in Händen, einen ungarischen. Die Frau auf der Botschaft sah ihn an: „Herr Molnár, wie fühlen Sie sich?“ Sie hatte seine Akte vor sich liegen, zehn Zentimeter hoch. Er hätte sie ihr gerne entrissen.

17 Jahre später, wieder eine Zäsur: Jenö A. Molnár sah „Napola“, einen Kinofilm über die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten der NS-Zeit. Er bebte vor Wut, weil sich der Hauptdarsteller, statt zu kämpfen, am Ende ertränkt. Da begann das ehemalige Heimkind zu schreiben: „Es ist wie Wasser aus mir herausgeronnen. In vier Wochen war mein Buch fertig.“

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Oft beginnen die Geschichten ehemaliger Zöglinge damit, dass das Leben sie in verwahrloste, gewalttätige Verhältnisse warf und die Fürsorge sie in Besserungs- und Züchtigungsanstalten verwahrte. Dort setzten Erzieher, Ordensmänner und geistliche Schwestern alles daran, ihren Willen zu brechen. Wie viele in geschlossenen Heimen gequält, bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt, in Korrekturzellen gesperrt, sexuell missbraucht, gedemütigt, ihrer Persönlichkeit beraubt und für ihr Leben gezeichnet wurden, weiß niemand: In Deutschland ist von 800.000 die Rede. „Bei uns waren es sicherlich Zehntausende“, sagt Schreiber.

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Als Alois M. eineinhalb Jahre alt war, zog seine Mutter zu einem neuen Mann, und die Fürsorge brachte Alois ins Wiener Kinderheim „Am Himmel“. Ein halbes Jahr später kam sein Bruder nach. Die neue Frau des Vaters hatte ihm die Oberarme gebrochen und fast den Schädel zertrümmert.

Vage Bilder vom Schlafsaal, Angst vor den Klosterschwestern, viel mehr blieb Alois M. aus den frühen Jahren nicht im Gedächtnis. Mit sechs Jahren kam er in eine evangelische Anstalt bei Hainfeld. Ein Ort, den er für immer mit Stosuppen verbinden wird, in die er erbrochen hat und die er bis zur Neige auslöffeln musste. Im niederösterreichischen Caritasheim in Retz fiel er einer Erzieherin in die Hände, die es liebte, Kinder aufeinanderzuhetzen. Alois M. rangierte ganz unten, man diffamierte ihn als Bettnässer. Eines Nachts wachte er auf, weil ein anderer Bub auf ihn urinierte.

Mit acht holte ihn der Vater nach Hause, doch bald drosch die Stiefmutter wieder mit allem auf ihn ein, was ihr unter die Finger kam. Der Schularzt entdeckte die frischen Wunden am Körper des Buben. Der Bub musste ins Kinderheim in Wimmersdorf. Es war sein viertes, und verglichen mit diesem, waren alle bisherigen nur die Vorhölle gewesen.

„Wie hast du dir die Zähne geputzt?“, fragte die Direktorin am ersten Abend. Der Zehnjährige hatte noch keine Zahnbürste bekommen und sagte: „Mit dem Finger.“ Schon habe sie ausgeholt und ihm ins Gesicht geschlagen. Die Freizeitgestaltung beschränkte sich auf gespenstisch stumme Ausgänge im Hof: zwei Stunden im Kreis, eine Hand am Rücken, ein Finger der anderen Hand auf dem Mund. „Meine größte Sorge war, nicht aufs Klo zu müssen“, sagt Alois. Außerhalb der geregelten Zeiten war das verboten. Manchmal pickten die Erzieherinnen Kinder heraus und machten sie zu Aufpassern: „Die haben alle aufgeschrieben, die beim Essen geredet haben oder nach halb acht Uhr abends aufs Klo gegangen sind.“

Schläge mussten hingenommen werden. Wer sich mit den Armen schützte oder die Decke über den Kopf zog, sei an den Ohren gezogen worden, bis er blutete. Die Erzieherinnen hätten ihnen büschelweise Haare ausgerissen: „Ich habe auch noch ein paar kahle Stellen von damals am Kopf.“ Wussten sie nicht mehr weiter, sei der kräftige Gatte einer Kollegin ins Heim gekommen und habe die Buben mit Handkantenschlägen und Fußtritten traktiert.

Jede Kleinigkeit trug den Zöglingen ein Stricherl ein, das bedeutete eine halbe Stunde Strafestehen. Wer einen Teller schon vergammelter Erdäpfel hinunterwürgte, konnte sich eine halbe Stunde ersparen, sagt Alois M.: „Ich habe das manchmal gemacht, weil meine Liste immer voll war.“

Einmal stand er zwei Stunden lang frierend mit angeschnallten Skiern am Hügel hinter dem Haus und sah den anderen zu, wie sie die Piste hinunterwedelten: „Als sie fertig waren, musste ich meine Skier abnehmen. Ich durfte nicht fahren.“

In all den Jahren habe sich eine einzige Erzieherin aufgelehnt. Sie war jung, blond, rauchte heimlich und wurde nach drei Wochen entlassen: „Sie hat gesagt, das gehört verboten, was hier passiert. Wir haben sie dafür geliebt.“ Die Bewohner von Wimmersdorf schauten weg, wenn die Buben – „alle mit dem gleichen Nazi-Haarschnitt, den Nacken geschert, die Deckhaare zum Seitenscheitel gelegt“ – in Reih und Glied durch den Ort marschierten.

Neuankömmlinge wurden von den Älteren ins „Schmaucheln“ eingeführt: Sie wurden oral stimuliert, anschließend sollten sie das bei anderen praktizieren. Als Alois M. 14 war, musste er zum Vater zurück. An einem bitterkalten Jännertag rannte er wieder von dort davon. Er übernachtete in Telefonzellen und lief der Polizei in die Hände: „An diesem Tag hat mich die Stiefmutter so verdroschen, dass ich grün und blau war und nicht in die Schule gehen konnte.“

Ein neues Heim, eine neue Hackordnung: Eggenburg. „Es war das beste Heim von allen, doch die ersten vier Wochen waren auch hier die Hölle.“ Heute ist Alois M. knapp 50 und arbeitet in einer Beratungseinrichtung, wo ihm manchmal Zöglinge über den Weg laufen. Erkennt ihn jemand, sagt er: „Sie müssen mich verwechseln.“ Fragt ihn jemand nach seiner Kindheit, wehrt er ab: „Es war nichts Besonderes.“ Als sich vor einigen Jahren seine Freundin von ihm trennte, fiel er in ein schwarzes Loch: „Es war, als müsste ich wieder in ein neues Heim. Das habe ich nicht mehr ausgehalten.“ Dreimal versuchte Alois M., sich das Leben zu nehmen. Dann begann er eine Therapie.

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Anfang der achtziger Jahre erzählte ein Zögling aus Wimmersdorf einem Reporter der „Kronen Zeitung“, wie es dort zugegangen war. Im Juli 1981 wurde das Heim aufgelöst. Wie viele andere davor und danach. Doch nicht einmal dazu gibt es Zahlen. In seltenen Fällen versuchten ehemalige Insassen, noch an ihre Akten zu kommen, kaum jemals gelang es ihnen. Ihre brennendste Frage blieb oft unbeantwortet: „Warum war ich im Heim? Was hat mit mir nicht gestimmt?“

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Roland K.s Vater war ein Trinker. Die Pflegemutter schlug ihn mit dem Liguster. „Ich höre heute noch das Pfeifen der Zweige in meinen Ohren.“ Das Schlimmste aber war der unbedingte Gehorsam, den sie verlangte, und dass er nicht im Haus aufs Klo gehen durfte. „Ich musste auf den Misthaufen im Garten.“ Mit zehn stand er auf der Wiese vor dem Haus und schrie: „Ich halte es hier nicht mehr aus!“ So kam auch er nach Wimmersdorf. Er war dort einer der „Braven“, durfte als „Dienstmädchen“ im Privathaushalt der Erzieherinnen arbeiten und bekam ab und zu ein Schnitzel. Die Buben seien oft hungrig gewesen, erzählt er: „Manchmal sind wir in die Küche eingestiegen und haben etwas zum Essen gestohlen.“ Nach seiner Entlassung 1974 begann K. eine Lehre zum Industriekaufmann. Er schaute nach vorn, wenn ihn Erinnerungen quälten, verscheuchte er sie mit einem Schulterzucken: „War halt so.“ Einmal traf er in Wien zufällig eine seiner alten Erzieherinnen. „Wie geht’s dir?“, fragte sie. Er habe nicht den Mut gehabt, ihr auf den Kopf zuzusagen, wie schlimm es im Kinderheim war.

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Vor vier Jahren beauftragte der oberösterreichische SPÖ-Soziallandesrat Josef Ackerl den Linzer Sozialforscher Michael John, die Heimerziehung nach 1945 nachzuzeichnen. John sprach mit Insassen der ehemaligen „Korrektionsbaracke“ Linz-Wegscheid, studierte Akten und gestaltete aus dem Material die Ausstellung „Wannst net brav bist, kommst ins Heim …“. Sofort drohten ihm ehemalige Erzieher eine Klage wegen „kollektiver übler Nachrede“ an. Zwar kam es nie zu einem Prozess, sie erreichten trotzdem, was sie wollten: Die Ausstellung verstaubt nun in einem Keller.

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Franz Josef Stangl fand lange keine Worte für die Schrecken: Mit fünf Jahren kam er zu einer Pflegemutter, die ihn prügelte, dann zu einer neuen, die ihn auf Scheitln knien ließ. Mit elf landete er im Erziehungsheim Rosenhof in Graz. „Das bist du“, sagte die Fürsorgerin und deutete auf seine Aktenzahl: Ju.II./57/170752. Essen, einseifen, Licht abdrehen, aufstehen – alles funktionierte auf Kommando. Zweierreihe, Marsch zu den Spinden, in den Waschraum, auf den Sportplatz. Als dem kleinen Franzi die Luft ausging, riss er aus. Er wurde bald wieder eingefangen. Zurück im Heim, verprügelte er einen Zögling, der ihn verhöhnt hatte. Zur Strafe schob man ihn in die Erziehungsanstalt Steyr-Gleink ab. Damit hatte man den Buben immer gedroht: „Wenn du nicht folgst, kommst du nach Gleink.“ Dort herrschte hinter dicken Klostermauern ein ehemaliger Kampfflieger, der Priester geworden war. Unter seinem Regime zählte der Einzelne nichts. Franzi bekam die Wäschenummer 71.

Als Stangl mit 18 als „unerziehbar“ entlassen wurde, war er körperlich und seelisch zerstört. Er betäubte sich mit Alkohol, ging einbrechen, kam ins Gefängnis. 1983 machte er einen Entzug. Danach suchten ihn Panikattacken heim. Von den Medikamenten, die seine Dämonen in Schach hielten, wurde er wieder abhängig. In dieser finsteren Phase seines Lebens beschloss er, seiner Geschichte auf den Grund zu gehen. Im Herbst 2008 erschien sein Buch „Der Bastard“, ein authentischer, literarischer Bericht über die ersten elf Jahre seines Lebens.

Franz Josef Stangl sagt, er habe nur die Augen schließen müssen, schon spulte sich seine Kindheit wie ein Kinofilm vor ihm ab. In wenigen Monaten kommt sein zweites Buch auf den Markt. Es handelt von den Jahren in Steyr-Gleink. Auf dem Buchcover wird das einzige Foto sein, das er von sich besitzt. Stangl hat es aus einem Gruppenbild von seiner Erstkommunion herausgeschnitten. Ein Bild von ihm allein hätte zehn Schilling gekostet. „Die bist du nicht wert“, sagten seine Pflegeeltern damals.

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Die eigene Geschichte bleibt ein Fragment, wenn sie nicht historisch eingebettet und politisch aufgegriffen wird, sagt Stangl. Er hofft auf eine Plattform ehemaliger Heimkinder auch in Österreich, für die derzeit Sponsoren gesucht werden. „Der Staat darf die Menschen, die unter seiner Obhut zum Krüppel geprügelt wurden, im Alter nicht wieder hängen lassen. Wir wollen Aufklärung, Psychotherapie, Entgegenkommen bei den Sozialversicherungsjahren.“

Stangl ist heute 60, seine Knochen sind brüchig, einige Wirbel eingebrochen, er kann weder lange stehen noch sitzen. Der Amtsarzt attestierte ihm, chronisch krank zu sein. In Pension gehen darf er nicht: „Jetzt macht mich der Staat wieder zur Sau“, sagt Stangl. Viele ehemalige Zöglinge mussten hinter den Anstaltsmauern stupide Zwangsarbeit leisten, ohne einen Schilling Lohn. Bei der Sozialversicherung hatten sie die Heime nicht angemeldet.

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Als Elisabeth Gruber 13 war, trieb sie sich mit Buben herum. Die Fürsorge steckte das „schlimme Mädchen“ zur Strafe ins Kloster zum Guten Hirten in Obersiebenbrunn. Dort musste sie sechsmal am Tag beten. Eines Tages fiel sie in der Kirche um. Was sie damals nicht wusste: Sie war schwanger.

Im Mütterheim in Graz gab es strikte Arbeitszeiten: 7.30 bis 12 Uhr und 13.30 bis 18 Uhr. Wochenlang strickte sie mit Noppenwolle Pullover. Wenn sie sich beeilte, ging sich einer am Tag aus. Eine Strickwarenfirma ließ die frische Ware abholen. Elisabeth Gruber arbeitete bis zur Entbindung, putzte Kohlrabi, schälte Erdäpfel, wusch Salat. Gleich nach der Geburt arbeitete sie weiter. Eine alte Schwester passte auf ihren Buben auf, während sie bügelte, die immer gleiche Naht einer Schürze mit der Maschine steppte oder Taschentücher mit der Hand säumte. Mit 17 wechselte Elisabeth ins Kloster zum Guten Hirten in Wiener Neudorf. Die Gruppen dort trugen niedliche Namen: „Mohnblumen“, „Leuchtsterne“, „Gänseblümchen“. Doch auch hier verliefen die Tage mit monotonen Tätigkeiten und schwerer, körperlicher Arbeit.

Die Klosterschwestern hätten sie zwar nicht geschlagen, aber sie hätten genau gewusst, „wie sie uns kränken können“. Der geringste Verstoß reichte, um „in die Korrektur“ gesperrt zu werden. Stundenlang, manchmal Tage musste man allein in einem Zimmer sitzen und über die eigenen Fehler nachsinnen. Am Abend wurden Matratzen hinein-, am nächsten Morgen wieder hinausgeschleppt. Dreimal am Tag brachte eine Frau Essen. Es war verboten, mit ihr zu reden. Eines der schlimmsten Verbrechen, das man im Kloster begehen konnte, war eine „Wärmelei“, sexueller Kontakt zu einem anderen Mädchen: „Das kam gleich nach Mord.“

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Erwachsen geworden, fragten sich die Heimkinder, warum niemand den Terror damals stoppte. Es gab „Einschauen“, vor denen alles auf Hochglanz poliert wurde. Delegationen stolzierten durch die Gänge, schauten in die Zimmer, fragten: „Na, gefällt es euch hier?“ „Wie sind die Erzieher?“ „Schmeckt das Essen?“ Die Zöglinge, die an solchen Tagen ihr schönstes Gewand anlegten und gutes Essen bekamen, wussten, was sie zu sagen hatten. Elisabeth Gruber: „Dann gab es drei Tage lang grindiges Essen, um das gute Esssen wettzumachen. Und danach war alles wie immer.“