Die letzten Tage von George W. Bush: Der Abgang eines tragischen Verlierers

Die letzten Tage der Präsidentschaft von George Walker Bush: Martin Kilian über den Abgang eines tragischen Verlierers.

Nett war er gegen Ende. Er half seinem Nachfolger, wo er nur konnte. Hilfsbereit zeigte er sich, und er ging sogar in sich. Derart friedlich neigte sich die Regentschaft des George W. Bush vergangene Woche in Washington ihrem Ende zu: Während die Nation kollektiv die Augen rollte und dem scheidenden Präsidenten keine Träne nachweinte, inszenierte der Texaner seinen Abschied, ohne wirklich Fehler einzugestehen oder Selbstkritik zu üben – und geriet damit erst recht zu einer tragischen Figur.

Was immer auch seine Intentionen waren und wie immer auch er sich im Amt aufgeführt hatte: In seiner letzten Amtswoche bewies George W. Bush einmal mehr, dass er der falsche Mann am falschen Ort war, ein Zufall der Geschichte, die ihn vor acht Jahren aufgrund einer höchst umstrittenen Entscheidung des obersten Bundesgerichts ins Weiße Haus gespült hatte. Nicht dass die Amerikaner gegen Ende für diesen selt­samen Präsidenten Abscheu oder gar Hass empfunden hätten; ausgelaugt und müde nahm die Nation Abschied von einem, den sie längst aufgegeben hatte, der ihr indes schwere Nachbeben in Form der Wirtschaftskrise und zweier Kriege beschert hat.

Der Ausgemusterte, sichtlich gealtert in den Jahren im Weißen Haus, drehte noch einmal Ehrenrunde auf Ehrenrunde, als wolle er die Amerikaner trotzig daran erinnern, dass sie ihn einst bejubelt hatten; über 90 Prozent betrug seine Zustimmungsrate in den Monaten nach 9/11, nun dümpelt sie bei 30 Prozent. Sowohl in seiner letzten Fernsehansprache am Donnerstag vergangener Woche als auch in seiner letzten Pressekonferenz am Tag zuvor gab sich der unpopuläre Mann als jemand, der dem Urteil der Geschichte in Ruhe entgegensehen könne. Popularität, so suggerierte er mehr als einmal, bedeute ihm wenig, das Festhalten an seinen Prinzipien angesichts aller Widerstände hingegen viel.

Und doch umgab den abtretenden Präsidenten die Aura des Surrealen: Zwar habe sich Bush im Sonnenuntergang seiner Präsidentschaft „wie ein wandelnder Beichtstuhl“ gebärdet, so der amerikanische Kommentator Dana Milbank, die Beichte indes zeugte von beträchtlichem Realitätsverlust. „Schauen Sie, ich habe eine Rezession geerbt, dieses Problem hat lange vor mir begonnen“, wies Bush in seiner Pressekonferenz jegliche Verantwortung für den Kollaps von Wirtschaft und Finanzen von sich.

Gleichfalls als Ammenmärchen empfand der Präsident den Vorwurf, mit Guantanamo und Folter wie auch mit dem Einmarsch im Irak die Reputation Amerikas besudelt zu haben. „Ich stimme den Bewertungen, wonach unser moralisches Ansehen beschädigt wurde, überhaupt nicht zu“, wiegelte er ab – und bezeichnete die nie gefundenen irakischen Massenvernichtungswaffen lapidar als „Enttäuschung“. Derart also wappnete sich George Walker Bush gegen das Verdikt der Geschichte, die von ihm Regierten freilich atmeten durch, stand doch endlich der Abschied des seltsamen Mannes an.

„In acht Tagen ist der für die Bürgerrechte schlimmste Präsident Geschichte“, jubelte Anthony Romero, der Direktor des Bürgerrechtsverbands ACLU, während sich Bushs Republikanische Partei vom vormaligen Spitzenmann in einer Endlosschleife distanzierte. Der so Gescholtene wird diese Enttäuschungen hinzunehmen wissen. Denn wieder und wieder hat Bush betont, für ihn – und hoffentlich für die Geschichte! – zähle, dass er die Fackel der Freiheit hochgehalten und nach 9/11 eine neuerliche Terrorattacke auf amerikanischem Boden verhindert habe.

Mag sein, die Reputation des Texaners ist dennoch kaum mehr zu retten. Indigniert verlangte etwa der unabhängige Senator Bernie Sanders aus Vermont vom Nationalen Porträtmuseum in Washington, die Bildlegende unter dem soeben aufgehängten offiziellen Porträt des Präsidenten müsse geändert werden. Dort hieß es, Bushs Präsidentschaft sei „durch eine Serie von katastrophalen Ereignissen“, darunter 9/11, gekennzeichnet gewesen, „die zu den Kriegen in Afghanistan und Irak“ geführt hätten. Dies, so Senator Sanders, sei eine Lüge, da 9/11 nichts mit dem Irak zu tun gehabt hätte. Prompt willigte das Museum daraufhin ein, die Bildlegende umzuschreiben. Und Bush erhielt womöglich einen Vorgeschmack auf das Urteil der Geschichte.