Fürchte dich nicht, Bleichgesicht!

Die Zukunft des weißen Mannes: Fürchte dich nicht, Bleichgesicht!

Machtwechsel. Das Schicksal des weißen Mannes: eine Bilanz von Robert Treichler

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Vorab eine Mitteilung in eigener Sache: Ich bin ein weißer Mann. Weitere Details zu meiner Person tun nichts zur Sache, diese zwei Parameter allerdings eine ganze Menge, denn sie bedeuten, dass dieser Text von einem Mitglied der privilegiertesten Gruppe des Planeten geschrieben wird – einer Gruppe allerdings, deren Vormachtstellung schwindet. Wir, die weißen Männer, hatten die gesamte Neuzeit lang weltweit das Sagen, und damit wird, das ist absehbar, bald Schluss sein. Insofern bin ich auch Betroffener.

Etwas weniger hübsch formuliert: Ich gehöre zu den überführten Tätern, den Profiteuren des Patriarchats, den Unterdrückern der Minderheiten, und ich werde diese Gelegenheit mutmaßlich dazu benutzen, die Verbrechen meiner Clique kleinzureden und unsere Weltherrschaft zurückzuerobern, wenigstens für die Dauer der Lektüre eines Magazinartikels.
Oder ist das vielleicht gar nicht unsere Agenda? Mal sehen.
Für weiße Männer kann es keine guten Nachrichten mehr geben. Am 4. November dieses Jahres hatte Mitt Romney bei den US-Präsidentschaftswahlen gegen Amtsträger Barack Obama das Nachsehen. Dass Romney trotz geradezu idealer Umstände – miese Wirtschaftsdaten, für die Obama geradestehen musste – keine Chance auf den Sieg hatte, lag nicht an seinem Programm, sondern an einem soziologischen Faktum: Romneys Kernwähler, der weiße Mann, kann in den USA keine Wahlen mehr entscheiden, wenn sich alle anderen Gruppen gegen seinen Kandidaten verschworen haben. Die Afroamerikaner, die Latinos und die Asiaten werden mehr, die Weißen weniger. Pro Jahr verlieren die Republikaner auf diese Weise 1,7 Prozentpunkte an Wählern.
Das ist die schlechte Nachricht für die weißen Männer. Hier kommt die noch schlechtere: Hätte Romney es doch irgendwie geschafft, gewählt zu werden, weil entweder die Angehörigen der ethnischen Minderheiten zu Hause geblieben wären oder weil sie aus irgendeiner Konfusion heraus für den reichen, weißen amerikanischen Bilderbuchmann gestimmt hätten, wäre der Vorwurf programmiert gewesen: eine Fortsetzung der dominanten, patriarchalischen Unterdrückung mittels institutionalisiertem Rassismus.

So gesehen sind Niederlagen und der damit verbundene Abgesang auf seinesgleichen noch das Beste, was der weiße Mann derzeit erwarten darf. Wie konnte es so weit kommen?

Der große Auftritt ist vorbei
Historisch hatte der Weiße seinen großen Auftritt zur Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei. Ab dem 17. Jahrhundert kamen Rassen als Kategorien in Mode, mit allen naiven bis verbrecherischen Folgen. Die weiße Rasse wurde von weißen Gelehrten als Stammrasse klassifiziert, die allen anderen übergeordnet sei. Die faktische Unterdrückung der Völker mit abweichenden Merkmalen war damit gerechtfertigt, und so erfüllte sich die Prophezeiung von deren Unterlegenheit selbst.
Doch auch nachdem der Kolonialismus, die Sklaverei und schließlich auch die Rassentheorien überwunden waren, blieb der weiße Mann der Herr der Welt – bis heute. Oder gestern. So genau lässt sich das nicht sagen. Tatsache ist, dass die Geschichte der Neuzeit und damit die Geschichte der Zivilisation, wie wir sie kennen, als Folge von Errungenschaften weißer Männer erzählt wird. Entdeckungen, Erfindungen, Kulturgüter, Demokratie und auch die Menschenrechte hat uns der weiße Mann beschert, ebenso wie Weltkriege, Genozide und den Holocaust.
Die Bilanz ist also einigermaßen durchwachsen, wobei: Angesichts der mehrhundertjährigen Gestaltung der Welt ist das auch kein Wunder. Eine Verteidigungsrede ist ohnehin müßig. Die Gegner des weißen Mannes – namentlich die ethnischen Minder­heiten, die Schwellenländer (China, Brasilien, Indien et al.) und die Frauen – haben sein Image demontiert, da ist nichts mehr zu retten.

Der weiße Mann als Hüter der Zivilisation ist so passé, dass sich eine Abwägung seiner Sünden und Wohltaten erübrigt. Der weiße Westen als ökonomischer Heilsbringer für die Weltgemeinschaft ist mittlerweile stark von aufstrebenden Märkten anderswo abhängig, und der weiße Mann als Ernährer wurde dank der Emanzipation der Frauen verabschiedet.
Das Bild des weißen Mannes ist zur Karikatur verkommen. Er hält sich für unverzichtbar, klammert sich an seine Macht und will nicht einsehen, dass er diese nicht besonderen Talenten verdankt, sondern unfairen Strukturen, die er selbst geschaffen hat. Am besten repräsentieren diese Spezies Exemplare, die ihrer Selbstüberschätzung als weiße Alphatiere bereits auf die eine oder andere Weise zum Opfer gefallen sind: Männer wie Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn, Donald Trump. Man muss keine Frau sein oder Afroamerikaner, um ihrer Lächerlichkeit gewahr zu werden.
Viele weiße Männer haben sich vom prototypischen Bild des weißen Mannes ohnehin verabschiedet. In der Gruppe der unter 29-jährigen Weißen haben 41 Prozent Obama gewählt. Für sie wirkte Romney wie ein vergessenes Gesicht aus der Schwarz-Weiß-Ära des Kinos. In der Öffentlichkeit gilt Weiße-Männer-Dominanz als abtörnend. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ titelt euphorisch: „Frauen sind die besseren Hedgefonds-Manager.“ Würde jemand die gegenteilige These vertreten, könnte er gleich die Mondlandung in Zweifel ziehen.

Hartnäckig an der Macht
Warum aber halten sich die weißen Männer dennoch so hartnäckig an der Macht, wo sie doch alle gegen sich haben, sogar einen Teil ihrer Geschlechtsgenossen? Siemens-Chef Peter Löscher urteilte 2008 über seine Chefetage: „Zu weiß, zu deutsch, zu männlich.“ Vier Jahre später sitzt mit Brigitte Ederer gerade einmal eine österreichische Frau im elfköpfigen Vorstand, die andere nicht-männliche Nicht-Deutsche, die Schweizerin Barbara Kux, zieht sich nach einer Amtsperiode wieder zurück. Die Europäische Zentralbank hat ihre 23 Spitzenposten ausschließlich mit Männern besetzt. Die Mitglieder der – geheimen – Jury, die alljährlich die Oscars vergibt, sind nach Recherchen der „L. A. Times“ zu 94 Prozent weiß und zu 77 Prozent Männer.

Im öffentlichen Diskurs hat der weiße Mann die Hegemonie längst verloren, in der Realität jedoch behalten. Warum kamen etwa bei der SPD nur drei Männer als Kanzlerkandidaten infrage? Die einfache Erklärung: weil die Männer sich das untereinander ausmachen. Jetzt kämpft Peer Steinbrück, ein Macho alter Schule, gegen seine miesen Umfragewerte bei Frauen an und versucht, diese mit einem in Aussicht gestellten Staatsministerium für Gleichstellung zu ködern. Zusatzfrage: Und warum wagte sich Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und laut „Zeit“ die „fast ideale Kanzlerkandidatin“, nicht aus der Deckung? Weil sie es ihren Wählern in Nordrhein-Westfalen versprochen hat? Na ja. Noch gibt es wenige Angela Merkels und Hillary Clintons.

Struktureller Sexismus und Rassismus wohnen in den Köpfen von Weißen und Nichtweißen, von Männern und Frauen. Bei den weißen Männern wirken sie sich am deutlichsten aus und sind auch am leichtesten anklagbar. Ein Schwarzer, der auf sein Wahlrecht verzichtet, ist ein Opfer des Systems; einer Frau, die dann lieber doch nicht kandidieren will, gesteht man zu, wohl vor dem Old-Boys-Network kapituliert zu haben. Der weiße Mann aber, der sich nimmt, was er kriegt, ist der einzig sichtbare Täter.

Tatsächlich müssen die Mythen von der Notwendigkeit des weißen männlichen Systems und dessen inhärenter Überlegenheit auch in den Köpfen von Nichtweißen und Frauen zerstreut werden. Die US-Frauenrechtlerin Anne Wilson Schaef fragt: „Wenn Männer sagen, Frauen seien schwach, und Frauen sich so benehmen, als seien sie schwach, wer will dann diesen Mythos bezweifeln?“
Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs. Der weiße Mann ist noch nicht abgetreten, aber alle rücken ihm zu Leibe. Hat er Angst? Wehrt er sich?

Das Ziel bleibt klar: Hau ab, Mann
Auf der Ebene der Staaten macht sich etwa in den USA Furcht vor China breit. Laut einer Umfrage des Pew Research Center bezeichnen 79 Prozent der Amerikaner dessen wachsende militärische Stärke als „schlecht für die USA“, 53 Prozent bewerten die steigende ökonomische Potenz Chinas als negativ. 46 Prozent der US-Bürger nehmen an, China werde die USA als Supermacht ablösen oder habe dies bereits geschafft.
Die Erstarkung der ethnischen Minderheiten hingegen macht der – noch tonangebenden – Partei des weißen Mannes, den Republikanern, zwar Sorgen, doch die passende Strategie ist schon identifiziert: Das Werben um gesellschaftspolitisch konservative Latinos und Asiaten soll den Niedergang der weißen Wählerschaft ausgleichen. Derzeit finden Einwanderer in den USA und auch in Europa tendenziell links eine politische Heimat, weil die ausländerfeindliche Politik der Rechten sie abstößt. Tatsächlich vertreten sie sowohl gesellschafts- als auch wirtschaftspolitisch eher konservative Einstellungen.

Die Forderung der Frauen nach gleichem Zugang zur Macht ist weitgehend allgemeiner Konsens. Der Weg dahin ist umstritten, die Frage der Quoten etwa spaltet die Gesellschaft. Doch das sind Verfahrensfragen, das Ziel bleibt klar: Hau ab, Mann!

Die Welt wird eine bessere sein. Wenn sich mehr Bevölkerungsgruppen von der Politik vertreten fühlen, bedeutet das einen Qualitätsanstieg der Politik. Wenn mehr Bücher und Filme von Angehörigen von Minderheiten produziert werden, bereichert das die Kultur um viele Aspekte. Wenn der ökonomische Reichtum gerechter verteilt wird, ist das ein Wert an sich.
Der weiße Mann reagiert bisher auffallend gelassen. Antifeministische Gruppen bleiben marginal. Kulturell entstehen gelegentlich Gegenbewegungen, die präfeministische Rollenbilder hochleben lassen, wie etwa die „Lads“ zur Hochblüte des Brit-Pop. Ansonsten fügen sich die Hegemonieverwöhnten brav in ihre Rolle als Buhmänner. Manchmal vielleicht etwas zu brav.

Kürzlich kam es beim Feminist Film Festival in London zu einem kleinen Eklat. Nach der Vorführung der Dokumentation „Lesbiana – eine Parallel-Revolution“ über separatistische Kommunen von lesbischen Frauen im Nordamerika der 1980er-Jahre war eine Podiumsdiskussion geplant. Diese fand allerdings erst statt, nachdem eine der Diskutantinnen die Männer im Publikum aufgefordert hatte, den Raum zu verlassen. Die Anwesenheit von Männern bei feministischen Veranstaltungen sei „politisch desaströs“. Die Männer zogen ab. Wenige Tage später erschien im „Guardian“ ein Kommentar, der den Saalverweis scharf kritisierte. Verfasst war er von einer Frau.

Weiße Männer tun gut daran, sich an ihren ohnehin unausweichlichen Machtverlust zu gewöhnen, nicht nur wegen der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, ihre Vormachtstellung verteidigen zu wollen – siehe Mitt Romney –, sondern weil sie dabei selbst einiges gewinnen können.
Die statistische Wahrscheinlichkeit, einen Job im EZB-Direktorium zu ergattern, wird zwar für weiße Männer abnehmen, und dasselbe gilt wohl für so ziemlich alle erstrebenswerten Positionen und Auszeichnungen. Übrig bleibt dann jeweils der Prozentsatz, der ihnen zusteht, und das ist kein Grund zum Lamentieren. 50 Prozent der Sitze in der EZB sind auch nicht schlecht, zumal mit diesem Machtverlust ein ordentlicher Benefit verbunden ist: Die weißen Männer werden plötzlich kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen, wenn sie einen Hedgefonds managen, als Kanzler kandidieren oder einen Oscar bekommen.
Am Ende des beschwerlichen Wegs zur Gleichstellung wartet für weiße Männer als Belohnung das Paradies. Sie werden die Verantwortung für den Planeten, den Staat und das eigene Heim paritätisch teilen. Das kann man durchaus auch als Entlastung empfinden. Das Bleichgesicht wird nicht länger Buhmann sein.
Dazu kommt noch, dass weiße Männer, weil sie selbst nie diskriminiert wurden, einen entspannten Umgang mit ihrem Selbstbild haben. Während Frauen nackte Frauenkörper zum Beispiel als Attacke auf ihr Selbstwertgefühl empfinden und befürchten, ihresgleichen werde zur Ware degradiert, sind Männern solche Ängste völlig fremd. Das deutsche Model Heidi Klum präsentierte sich bei der MTV-Award-Show im vergangenen November mit zwei männlichen Models, die Hosen trugen, bei denen der Po entblößt war. Kein Aufschrei.

Auch die Ausstellung „Nackte Männer“ im Wiener Leopold-Museum zog keinerlei Protest von Männern wegen kollektiver Entehrung auf sich. Als sich bei der Eröffnung ein Mann nackt auszog, wurde er in den Medien als „Aktivist“ bezeichnet; ein erkennbares Anliegen vertrat er allerdings nicht. Auch der überlebensgroße Nackedei, der vor dem Museum für die Ausstellung wirbt, rief keine empörten Männer auf den Plan. Es handelt sich um Mr. Big, die Pappkamerad gewordene sexuelle Fantasie aus „Sex and the City“. Der Mann, auf seine Rolle als Lustobjekt reduziert – ein Affront für alle Männer? Kein bisschen.

Weiße Männer werden es gut haben. Weniger Macht, bessere Reputation, keine Komplexe. Insgesamt also: mehr Spaß.

Robert   Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur