„Ein Prozess komplizierter Kränkungen“

Der in Wien lebende Gerhard Amendt ist Professor für Soziologie und Direktor des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen. 3600 geschiedene Väter ließ er in der bislang größten Studie zu diesem Thema befragen. Fazit: Die Bedrohung der Väterlichkeit wird in der Regel von diesen Männern als sehr groß empfunden. Die Erkenntnisse zu dieser Studie publizierte Amendt in seinem Buch „Scheidungsväter“, 240 Seiten, Verlag IGG, 21,50 Euro.

profil: Es kursiert das Klischee, dass Väter oft ihre Vaterschaft erst dann entdecken, wenn eine Scheidung oder Trennung bereits stattgefunden hat.
Amendt: Das ist nicht nur ein Klischee, das ist schlichtweg Unsinn. Man muss sich aber natürlich anschauen, wie sich so ein Paar im Vorfeld arrangiert hat. Wenn das sehr rollenspezifisch aufgeteilt war – der Mann sorgt sich um Karriere, Geld und Auto, während die Frau sich ganz bewusst ausschließlich um die Familie kümmert –, dann ist die Scheidung für so einen Mann natürlich ein viel größerer Bruch.
profil: Das heißt: Solche Väter wissen dann manchmal gar nicht, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen?
Amendt: In unserer Studie, der bislang größten zu diesem Thema, mussten wir beobachten, dass das vor allem in den unteren Schichten ein großes Problem ist.
profil: Eine ähnliche Problematik besteht wahrscheinlich aber auch im konservativen Bürgertum, weil dort noch eher das traditionelle Rollenmodell gepflogen wird.
Amendt: Natürlich. Diese Problematik ist überall dort zu finden, wo das von Rocco Buttiglione (designierter EU-Justiz- und Innenkommissar, Anm.) zitierte Modell „Die Frau ist zu Hause bei den Kindern und der Mann muss in Ruhe sein Geld verdienen“ praktiziert wird. Wenn aber bereits vor der Trennung ein liberales Partnerschaftsmodell gepflogen wurde, läuft es auch nach der Scheidung viel leichter.
profil: Wie definieren Sie ein „liberales“ Modell?
Amendt: Jeder trägt den anderen Bereich mit gleicher Verantwortung mit – und zwar nicht aus Verpflichtung, sondern aus freiem Willen. Er kümmert sich um die Kinder, weil es ihm ein Bedürfnis ist. Sie ist nicht berufstätig, um ein paar Euro zu verdienen, sondern weil es ihr ein echtes Anliegen ist. Je mehr Herz und Motivation Männer und Frauen in die Auflösung der klassischen Rollenverteilung investiert haben, desto leichter werden sie auch eine Trennungssituation bewältigen.
profil: Welche Erkenntnisse Ihrer Studie haben Sie besonders überrascht?
Amendt: Das alte Vorurteil, dass Männer nicht reden wollen, wurde durch diese Studie in hohem Ausmaß revidiert. Sie wollen reden, auch über ihre Gefühle. Aber sie wollen auch die Gewissheit, dass sie dabei ernst genommen werden, dass man sie nicht verhöhnt und auch dann respektiert, wenn sie Schwäche zeigen. Raten Sie mal, wie viele Scheidungsväter psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen!
profil: Höchstens 20 Prozent?
Amendt: Das hätte ich auch vermutet, es sind aber erstaunlicherweise 30 Prozent. Das beweist, wie sehr Scheidungsmänner das Gespräch jenseits der Rechtsberatung suchen. Sozial Schwächere nehmen vor allem Sozialeinrichtungen der Gemeinde in Anspruch, wie zum Beispiel das Jugendamt, und machen dort in der Regel sehr unerfreuliche Erfahrungen. Das ist sozialpolitisch ganz schlimm.
profil: Wo liegen für Sie die Hauptursachen, dass es nach so genannten „einvernehmlichen“ Scheidungen häufig zu Schlachten kommt, die auf Kosten der Kinder ausgetragen werden?
Amendt: Die Leute sind sich oft nicht im Klaren, dass mit einer Scheidung in jedem Fall ein Absinken des Lebensstandards einhergeht. Wir konnten nachweisen, dass in der Regel innerhalb des ersten Jahres der Ärger losgeht. Die Frau sagt: „Ich will mehr Geld.“ Zahlen die Männer mehr, verwenden die Frauen die Kinder nicht als Druckmittel. Zahlen sie zu wenig, beginnt jene Dynamik einzusetzen, die oft in der Verweigerung des Besuchsrechts gipfelt. Die Konsequenz daraus wiederum ist, dass die Männer auch die Zahlungsvereinbarungen zu boykottieren beginnen.
profil: Wie könnte der Staat beziehungsweise die Familienpolitik eingreifen, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?
Amendt: Eine Gesellschaft, die sich das Kindeswohl auf ihre Fahnen schreibt, sollte in diesem kritischen ersten Jahr den Geschiedenen Pflichtkonsultationen vorschreiben. Es kann dabei nicht um Schuldzuweisungen à la „Männer sind Opfer, Frauen sind Täter“ gehen, sondern um eine andere Dynamik: Wir wissen, wo die Konflikte liegen, wir können aber etwas dagegen tun.
profil: Es ist aber auch eine Tatsache, dass manche Scheidungsväter von sich aus den Kontakt zu den Kindern abbrechen.
Amendt: Laut unserer Studie tut das jeder Fünfte. Aber nicht, weil er von sich aus die Flinte ins Korn wirft, sondern weil er nach monate- oder gar jahrelangen Querelen sagt: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich tu mir das nicht mehr an.“ Das ist die Mehrheit. Die Mehrheit durchlebt einen Prozess komplizierter Kränkungen, an deren Ende die Resignation steht.
profil: Welche Nebenwirkungen haben Sie bei den Männern festgestellt, die diese Prozesse durchlebten?
Amendt: Für viele Männer ist es die traumatisierende Lebenskrise schlechthin. Wir haben psychiatrische Fälle beobachtet, manche reden von ihrer fünfzehn Jahre zurückliegenden Scheidung noch immer so, als wäre sie erst gestern passiert. Wir diagnostizieren Depressivität, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, Verlust der Arbeitsmotivation, Isolation. Viele leben in der Fantasie und Hoffnung, dass sie irgendwann wieder mit ihrer geschiedenen Frau zusammenkommen werden – selbst wenn diese Frauen längst wieder in neuen Lebensgemeinschaften leben. In achtzig Prozent der Fälle wird die Scheidung ja von den Frauen betrieben.