Emir Kusturica: "Lasst mich euer Monster sein"

Emir Kusturica: "Lasst mich euer Monster sein"

Der umstrittene serbische Filmemacher Emir ­Kusturica über seine Faszination für Kriegsverbrecher, die ­Ahnungslosigkeit von Angelina Jolie und seine Rolle als nationalistischer Provokateur.

Von Claas Relotius

Als er in die Hotellobby geschlurft kommt, sieht er aus wie ein müder Bär. Am Abend zuvor ist Emir Kusturica mit seiner Band, dem No Smoking Orchestra, in einem Budapester Club aufgetreten. Er hat Schlagzeug gespielt, gesungen, getanzt und sich zwischendurch für großserbische und antiamerikanische Parolen bejubeln lassen.

Nationalistische Provokationen sind fester Bestandteil der Auftritte jenes Mannes, der das osteuropäische Kino seit Mitte der achtziger Jahre prägte wie kaum ein anderer, seinen bislang letzten Film aber bereits vor mehr als fünf Jahren gedreht hat.

Einen großen Teil seiner Zeit verbringt Kusturica in „Küstendorf“: So nennt er selbst jene Siedlung nahe der Grenze zu Bosnien-Herzegowina, die ursprünglich als Kulisse für den Streifen „Das Leben ist ein Wunder“ (2004) errichtet wurde und heute eine Art traditionelle serbische Mustergemeinde mit angeschlossenem Veranstaltungszentrum darstellt. Einen kroatischen Journalisten, der Kusturica dort auf sein Verhältnis zu Jugoslawiens ehemaligem Präsidenten Milosevic und dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic ansprach, verjagte der Filmemacher eigenhändig aus dem Dorf, nicht, ohne den Fragesteller zuvor verprügelt zu haben.

profil: Herr Kusturica, Sie haben sich in Küstendorf gerade selbst zum Bürgermeister auf Lebenszeit ernannt. Wie lebt es sich als Alleinherrscher?
Kusturica: Sehr gut. Es gibt keine Wahlen und keine Demokratie in meinem Reich. Ziemlich totalitaristisch, oder? Trotzdem würde ich sagen, dass ich ein relativ liebenswerter Diktator bin. Das behaupten aber wohl alle Diktatoren von sich selbst.

profil: Beschreiben Sie Küstendorf doch bitte.
Kusturica: Das Dorf liegt umringt von Bergen irgendwo im Niemandsland Serbiens, und es ist komplett unabhängig von der Außenwelt. Es gibt ein paar Geschäfte und Restaurants, wir betreiben Fischzucht und bauen Gemüse an. Von McDonald’s und Coca-Cola keine Spur, man kommt sich vor wie in einer verrückten Parallelwelt.

profil: Ihre Idealwelt?
Kusturica: Vielleicht. Für die Dreharbeiten habe ich 50 Häuser aus Pinienholz restaurieren und in die Berge transportieren lassen. Natürlich bestimme ich als Bürgermeister, wer darin leben darf. Küstendorf ist mein persönliches Utopia: ein traditioneller serbischer Ort, der sich der Globalisierung widersetzt.

profil: Sie sind doch Weltbürger, haben jahrelang in den USA und Frankreich gelebt. Verbinden Sie mit dem Begriff Globalisierung nur Schlechtes?
Kusturica: Natürlich, was soll gut daran sein? Ich will nicht, dass unsere kulturelle Vielfalt stirbt. Ich bin für ein Europa der Regionen, in dem jede Kultur ihre Eigenheiten behält. Außerdem bedeutet Globalisierung für mich, dass wir dem Warenuniversum Amerikas verfallen. Vor lauter verlockenden Dingen, die es zu kaufen gibt, weiß der Mensch immer weniger, wo ihm der Kopf steht. Früher ging man in die Kirche, um zu Gott zu beten, heute rennt man zum nächsten Einkaufszentrum wie die Kuh zum Futtertrog.

profil: Das allein Amerika in die Schuhe zu schieben ist doch sehr plakativ.
Kusturica: Aber die Amerikaner haben irgendwann das Patent für die Erzeugung von Bedürfnissen entwickelt. Erst zeigten sie all die Verlockungen im Fernsehen, dann boten sie die Dinge im wahren Leben an. Und schon war der Mensch süchtig danach. Die Sowjets konnten im Rüstungswettstreit mithalten, aber wenn es darum ging, Marken zu entwickeln und die Menschen abhängig zu machen, haben sie versagt.

profil: Sie veranstalten in Küstendorf jeden Winter ein großes Filmfestival, um die Kultur des Balkans zu feiern. Wollen Sie dem kommerziellen Blockbuster-Kino damit auch eine Art osteuropäisches Independent-Kino entgegensetzen?
Kusturica: Ja, warum nicht? Hollywood bekommt schon viel zu viel Aufmerksamkeit. Bei uns wird Hollywood im wahrsten Sinne des Wortes zu Grabe getragen. In diesem Jahr haben wir feierlich die Filmrollen von „Stirb Langsam 4“ beerdigt, dem schlechtesten Film aller Zeiten.

profil: Warum verachten Sie Hollywood?
Kusturica: Weil es ein riesiger Zirkus ist. Dieser ganze Starkult geht mir auf die Nerven. Ich bin in einem der ärmsten Stadtteile Sarajevos aufgewachsen, wo man Kinder wie mich als „Indianer“ oder „Zigeuner“ beschimpft hat. Für mich war das nie eine Beleidigung, denn ich wusste, dass alle in der Stadt Angst vor den Zigeunern hatten. Aber ich war immer Außenseiter, ich habe mich deshalb auch später nie als Star gefühlt. Wenn ich Menschen auf dem roten Teppich sehe, möchte ich noch heute lieber Teil einer Gang sein, die Steine auf diese Leute schmeißt, anstatt selbst über den Teppich laufen zu müssen. Hollywood ist nicht mehr authentisch, Hollywood ist viel zu rund. Das Sinnbild für Hollywood ist heute der Arsch von Angelina Jolie.

profil: Als Jolie Anfang des Jahres ihr ­Regiedebüt „In the Land of Blood And ­Honey“ in Belgrad vorstellen wollte, drohten Sie damit, sich nach Südamerika abzusetzen.
Kusturica: Weil ihr Film eine einzige Katastrophe ist. Er ist das typische Beispiel für den missratenen Versuch eines Hollywood-Stars, der nach Europa kommt, um einen Film über europäische Geschichte zu drehen. Ich will nicht schlecht über sie als Person reden. Wenn ich in Cannes bin, dann sehe ich, wie Brad Pitt ihr die Tür aufhält. Sie ist eine hübsche Frau. Aber sie sollte keine Filme über Themen drehen, von denen sie keine Ahnung hat. Haben Sie den Streifen gesehen?

profil: Ja. Er handelt von der Beziehung eines serbisch-orthodoxen Soldaten und einer bosnisch-muslimischen Künstlerin, die während des Bürgerkriegs in Jugoslawien zwischen die Fronten geraten.
Kusturica: Wobei Jolie die Rollen von Gut und Böse klar verteilt: Die Bosnier sind die Opfer, während die Serben Zivilisten erschießen, Babys aus Fenstern schmeißen und Frauen vergewaltigen. Das ist wie in einem Western, hier sind die unschuldigen Indianer und dort die skrupellosen Cowboys. Wer einen Film über einen Bürgerkrieg dreht, der muss doch beide Seiten beleuchten, dem Drama wenigstens eine Shakespear’sche Dimension geben und kann einen solchen Konflikt nicht in Schwarz-Weiß-Malerei auflösen. Einen Film zu drehen ist, wie ein Haus zu bauen: Man muss genau wissen, welchen Stein man auf den anderen setzt. Jolie ist keine gute Architektin.

profil: Das allein hätte Sie wohl kaum zu der Überlegung veranlasst, medienwirksam die Flucht vor ihr zu ergreifen.
Kusturica: Das Drehbuch dieses Films ist nicht nur unfassbar dumm, sondern auch politisch gefährlich, weil es vorgibt, sich an historischen Ereignissen zu orientieren, dabei aber die Geschichte falsch erzählt. Es beruht auf einer historischen Lüge.

profil: Leugnen Sie, dass es die systematischen Vergewaltigungen, Konzentrationslager und Massenerschießungen durch die serbische Armee gegeben hat?
Kusturica: Nein. Aber ich verstehe auch nicht, warum sich alle Welt bis heute nur auf die Verbrechen der Serben stürzt. Ich hätte mir gewünscht, dass auch die Verbrechen bosnischer Politiker und Soldaten gezeigt werden. So ist der Film nichts weiter als jene probosnische und imperialistische Propaganda, die man in Westeuropa und in den USA seit Jahren zu hören bekommt.

profil: Den umgekehrten Vorwurf müssen Sie sich von bosnischer Seite gefallen lassen. Ihrem mehrfach prämierten Film „Underground“, der ebenfalls vom Jugoslawien-Krieg handelt, wird bis heute eine zu serbienfreundliche Haltung unterstellt.
Kusturica: In Bosnien gibt es viele Menschen, die Lügen über mich erzählen.

profil: Stört es Sie nicht, in den vergangenen Jahren häufiger aufgrund politischer Haltungen im Gespräch zu sein als aufgrund Ihrer Arbeit als Regisseur?
Kusturica: Nicht mehr. Eine Zeit lang habe ich mich damit abgestrampelt, all diese Lügen richtigzustellen. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: Okay, hier bin ich. Denkt und redet über mich, was ihr wollt. Macht mich und meine Filme schlecht. Lasst mich euer Monster sein. Es interessiert mich nicht mehr. Man stellt mich als Nationalisten dar. Wie soll jemand wie ich, dessen Familie die unterschiedlichsten Ursprünge hat, denn Nationalist sein?

profil: Mit Ihrer Band No Smoking Orchestra besingen Sie den mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Eine Zeile in dem Song „Wanted Man“ lautet: „Wer Dabic nicht mag, der kann uns mal.“ Dabic ist bekanntermaßen der Deckname, unter dem Karadzic bis zu seiner Verhaftung untergetaucht war.
Kusturica: Wir besingen ihn nicht. Wir nehmen bei jedem Konzert einen anderen Namen. Mal ist es Dabic, mal ist es aber auch Chavez, und mal ist es auch Gaddafi. Der Song handelt von Aussätzigen. Und Karadzic war ohne jeden Zweifel ein Aussätziger, spätestens seit er untergetaucht war. Mich haben solche Typen immer in den Bann gezogen.

profil: Sie sind fasziniert von einem Mann, der für Kriegsverbrechen wie das Mas­saker von Srebrenica verantwortlich gemacht wird?
Kusturica: Noch einmal: Ich glorifiziere Karadzic überhaupt nicht. Ich habe ihn auch nie getroffen, wie einige westliche Medien behaupten. Aber mich fasziniert, wie er es geschafft hat, sich eine neue Identität zuzulegen, sogar als Arzt zu arbeiten und jahrelang wie ein ganz normaler Bürger unter Leuten zu sein, obwohl ihn die ganze Welt gesucht hat.

profil: Mehr noch als durch die Texte Ihrer Band provozieren Sie derzeit durch den Bau einer weiteren millionenschweren Fantasiestadt namens Andricgrad, die im September am Ufer der Drina eröffnet wird.
Kusturica: Sie ist benannt nach meinem Idol, dem berühmten Nobelpreisträger Ivo Andric, dessen Buch „Die Brücke über die Drina“ ich dort verfilmen möchte. Im Gegensatz zu Küstendorf wird diese Stadt deshalb nicht aus Holz, sondern komplett aus authentischem Stein bestehen, wenn sie fertig ist.

profil: Und sie wird nicht auf serbischem, sondern auf bosnischem Boden erbaut. Eine historische serbische Stadt ausgerechnet in Visegrad, jenem Ort, der vor dem Krieg vor allem von Muslimen bewohnt wurde. Wollen Sie die Geschichte nachträglich umschreiben?
Kusturica: Nein, dieser Vorwurf ist Propaganda bosnischer Politiker. Er stammt von all den Klageweibern, die sich noch immer nicht von der Kriegsvergangenheit lösen können und mal wieder gegen mich hetzen. Sie sagen, ich würde ein Potem­kin’sches Dorf errichten, hinter dem mein serbischer Größenwahn steckt. Ich baue dort ein Kino, ein Theater, ein Hotel, ein Einkaufszentrum. Was ist daran nationalistisch?

profil: Beim Werben für das Projekt haben Sie die Stadt, genau wie Küstendorf, als ein ideales Mini-Serbien beschrieben. Die Stadt beherbergt ausschließlich eine serbisch-orthodoxe Kirche. Eine Moschee sucht man vergebens.
Kusturica: Weil es an diesem Ort nie eine Moschee gegeben hat, genauso wenig wie eine katholische Kirche.

profil: Während des Kriegs wurden im Rahmen ethnischer Säuberungen Tausende bosnische Muslime von diesem Ort vertrieben, Hunderte Menschen in der Drina ertränkt. Auch von serbischen Kriegsverbrechen an diesem Ort erzählt Andricgrad nichts.
Kusturica: Ich wollte eine Stadt erschaffen, die so ist, wie Ivo Andric sie einst beschrieben hat. Wissen Sie, warum es auf dem ganzen Balkan bis heute kaum öffentliche Plätze gibt? Weil die griechische Tradition der öffentlichen Plätze, an denen sich das Volk trifft, unter der Herrschaft der Osmanen abgeschafft wurde. Andrics Buch handelt von dem Leben in Visegrad, bevor die Osmanen kamen. Ich will den Menschen zeigen, wie diese Zeit war, und nicht, was während des Kriegs dort geschehen ist.

profil: Einige Ihrer Geldgeber für das Projekt leugnen die Kriegsverbrechen der serbischen Armee bis heute. Haben Sie nicht das Gefühl, mit den falschen Leuten Geschäfte zu machen?
Kusturica: Nein, denn Andricgrad ist ein guter Ort, der für etwas Gutes stehen soll. Der Schriftsteller Andric dachte weltoffen und völkerverbindend, und in genau dieser Tradition soll auch Andricgrad stehen. Es soll eine multikulturelle Stadt sein. Ein Treffpunkt und ein Leuchtfeuer für alle Menschen dieser Region.

profil: Sie haben die längste Zeit Ihres Lebens im Vielvölkerstaat Jugoslawien verbracht. Heute leben die verschiedenen Ethnien dort weitgehend voneinander getrennt. Ein brüchiger Frieden?
Kusturica: Man muss sich nichts vormachen: Die Beziehungen sind noch immer vergiftet. Die ganze Region bleibt ein ­Pulverfass. Die muslimische Elite in Bosnien hat den Ausgang des Kriegs nie akzeptiert. Wenn wir eines Tages wieder einen Krieg erleben, dann von dieser Seite.

profil: Als prominenter Serbe gießen Sie damit zusätzlich Öl ins Feuer.
Kusturica: Ich sage nur, was ich denke. Und ich denke, dass viele Machthaber in Bosnien nie einverstanden waren mit der politischen Lösung, die nach dem Krieg gefunden wurde. Das Land ist wirtschaftlich am Boden, die Unterstützung westeuropäischer Staaten schwindet. Selbstverständlich wird die Zivilbevölkerung nie wieder Krieg wollen, und hoffentlich wird es auch nie dazu kommen. Aber ich glaube, dass einige Machthaber durchaus ein Interesse daran hätten.

Emir Kusturica, 58, wuchs in Sarajevo, der heutigen Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, auf. Im Zuge der Balkan-Kriege wandelte er sich immer mehr zum serbischen Nationalisten, eine Entwicklung, die darin gipfelte, dass er sich 2005 christlich-orthodox taufen ließ und den Vornamen Nemanja annahm. Für seine Filme, etwa „Underground“ oder „Schwarze Katze, weißer Kater“, wurde er als Regisseur mit ­einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal mit der Goldenen Palme in Cannes.