Empörung über Zerstörungsaktion im Wiener Jüdischen Museum

Die Zerstörung der Dauerausstellung im Jüdischen Museum Wien hat die Avantgarderolle des Hauses nachhaltig beschädigt – und auch den Nimbus von Direktorin Danielle Spera.

Für Montag dieser Woche hat Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde und Aufsichtsratsvize des Jüdischen Museums Wien, zu einer außerordentlichen Sitzung geladen. Thema: die in 7,5 Tonnen Glasscherben geschlagene bisherige Dauerausstellung sowie der infolge der Vernichtungsaktion international schwer in Mitleidenschaft gezogene Ruf des Hauses. „Die Rolle als Avantgarde, die das Jüdische Museum Wien hatte, ist beschädigt“, konstatiert Programmdirektorin Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum Berlin, das im Vorjahr von 750.000 Menschen besucht wurde, gegenüber profil.

In einem offenen Brief, den Experten und Wissenschafter aus halb Europa unterzeichneten, werden die zerborstenen gläsernen Hologramme zu den „bemerkenswertesten Präsentationen jüdischer Geschichte in der Welt der Jüdischen Museen und weit darüber hinaus“ gezählt. Dass Wien die zentrale Ausstellung neu angehe, sei durchaus verständlich. Die 1995 gestaltete Schau sei ein „Meilenstein“ gewesen; dass sie bei der Sanierung des Museums zerstört wurde, erfülle sie allerdings mit Sorge, konstatieren Museums­direktoren unter anderem aus Paris, Brüssel, Berlin, Frankfurt und München.

In Wien machte man als wahren Grund der Empörung sofort eine Intrige aus. Wilfried Seipel, ehemaliger Direktor des Kunsthistorischen Museums, spricht von einer „Kampagne“. Dani­elle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums Wien, antwortete der internationalen Kollegenschaft, ihr Vorgehen ­lasse „die Spekulation zu“, sie wollten eine Personalentscheidung rückgängig machen.

Tempo. Spera war im vergangenen Juli neu bestellt worden. Wiens Vizebürgermeisterin Renate Brauner hatte sich für die populäre ORF-Moderatorin starkgemacht, um dem mit sinkendem Interesse kämpfenden Haus „durch ihre Bekanntheit öffentliche Präsenz zu verschaffen“, so Brauner damals. Spera kommt der Vorgabe mit Elan nach – und macht sich auch selbst zum Exponat. Schulen dürfen sie zu „Director’s Visits“ laden. Um Lesern des Celebrity-Magazins „First“ das Jüdische Museum nahezubringen, ließ sie sich in beigestellter Designermode vor Artefakten ablichten, die der Zerstörung durch den Nationalsozialismus entgangen waren. Es gelang ihr, für die Renovierung des Museumsstandorts am Judenplatz 350.000 Euro an Sponsorgeldern zu requirieren.

Das Tempo, das Spera vorlegte, um das Stadtpalais Eskeles – Sitz des Museums in der Dorotheergasse – zu renovieren und inhaltlich umzugestalten, wurde nun zum veritablen Problem: In internen Sitzungen war klar ausgesprochen worden, dass allein für Konzeption und Realisierung der neuen ständigen Ausstellung zwei Jahre benötigt würden. Nach Speras Plan sollte der Kraftakt samt gewaltiger technischer Erneuerung in nur einem halben Jahr in die Tat umgesetzt werden. Der Organisation sachgemäßer Demontage der in Stahltraversen verankerten gläsernen Hologramme wurde dabei offensichtlich zu wenig Bedeutung geschenkt. Dass nur deren komplette Zerstörung als Option blieb, versuchen die Verantwortlichen mit einem undatierten Brief jener Glaserwerkstatt zu untermauern, die das Werk in einer Blitzaktion an einem Freitagnachmittag vollbrachte. Spera gegenüber profil: „Ich weiß, ich habe mit größter Sorgfalt gehandelt.“

Der internationale Aufschrei, welcher der Demontage folgte, gilt dem Verlust von Unikaten. Georg Haber, ehemaliger Geschäftsführer des Hauses: „Wir waren vom Erfolg der Hologramme selbst überrascht. Selbst aus den USA kamen Besucher, weil es Derartiges weltweit nur hier gab.“ Haber ist überzeugt, dass der Abbau der Exponate möglich gewesen wäre, dass man diese hätte archivieren müssen. Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny übt sich in Schweigen. profil ließ er übermitteln, er „bedauere, dass offenbar unabsichtlich Hologramme beschädigt wurden“. Demnach ist er über den tatsächlichen Sachverhalt nicht informiert.

Beirat.
Das Konzept, Objekte und damit Geschichte durch Hologramme nur schemenhaft sichtbar werden zu lassen, hatte die Chefkuratorin des Hauses, Felicitas Heimann-Jelinek, entworfen. Ihr Ansatz: „Wir können Geschichte nicht rekonstruieren. Wir sollten offen sagen, dass wir sie nur interpretieren und nicht mehr.“ Das gilt bis heute als Innovation im Umgang mit der zentralen Problematik, wie jüdische Geschichte dargestellt werden könne. Heimann-Jelinek hatte Fotos der Zerstörung an Museumsexperten weitergegeben – daraufhin wurde ihr ein Großteil der Neukonzeption des Hauses entzogen, woraus nun zugleich eine Bauverzögerung von zwei Monaten resultiert. Ein Gespräch mit der Chefkuratorin, lässt Prokurist Peter Menasse verlauten, sei „nur in meinem Beisein möglich“.

Spera begegnete der internationalen Empörung nicht eben souverän. Den Kollegen in halb Europa schlug sie vor, man möge für ein Treffen zwei Delegierte nominieren. Diese schrieben zurück, man sei keine Bürgerinitiative und empfehle einen wissenschaftlichen Beirat. Die Homepage des Museums zeigt Spera vor einem unansehnlichen Plexiglas-Duplikat der Hologramme. Dieses war allerdings verdreht montiert worden, sodass die darauf schillernden Flaggen Österreichs und Israels liegend wehten. Ein anderes Duplikat wurde zwecks Ansicht der angeblich obsoleten „veralteten Technologie“ kurz in der Museumsdependance gezeigt. Mokanter Titel der Schau: „Geschichte einer österreichischen Aufregung“. Die Unterzeichner des offenen Briefs werten die Reaktionen der Museumsdirektion in Wien als Versuch, die Angelegenheit „ins Lächerliche zu ziehen“.