„Es ist der Trieb, der einen dazu drängt“

Der Liechtensteiner Rechtsanwalt Herbert Batliner über seinen Jagdinstinkt, die geheimen Tricks von Kunstsammlern, den boomenden Kunstmarkt und seine Gründe, der Wiener Albertina 500 Gemälde als Dauerleihgabe zu überlassen.

profil: Auch andere Museen von Rang wie etwa die Eremitage in St. Petersburg haben sich um Ihre Sammlung als Dauerleihgabe bemüht. Warum kam die Albertina zum Zug?

Batliner: Ich habe mich für die Albertina entschieden, weil ich eine sehr enge Beziehung zu Österreich habe. Wien ist eine Stadt, die ich oft besuche und mit besten Erinnerungen verknüpfe. Nachdem mich verschiedene große ausländische Museen angefragt haben, habe ich der Albertina bewusst den Vorzug gegeben, nicht nur weil ich Direktor Klaus Albrecht Schröder kenne und schätze, sondern weil die Albertina ein Weltmuseum besonderer Art und Anerkennung ist.

profil: Es gäbe in Wien auch ein Museum Moderner Kunst, in welches Ihre Sammlung inhaltlich sogar besser passen würde.

Batliner: Wohin ich meine Sammlung gebe, ist eine persönliche Entscheidung. Albertina-Direktor Klaus Schröder war für mich der einzige österreichische Ansprechpartner, in den ich das entsprechende Vertrauen setzen kann. Wir kennen uns schon seit rund zwanzig Jahren.

profil: Was musste er Ihnen versprechen, um die Sammlung zu erhalten?

Batliner: Wir haben einen Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen ausgearbeitet. Versprechen musste er mir unter anderem den Abschluss einer Versicherung, die Übernahme allfälliger Restaurationsarbeiten sowie die gegenseitige Absprache betreffend Ausstellungsmodalitäten. Somit bleibt die Batliner Art Foundation nach wie vor in Ausstellungen eingebunden. Zusätzlich haben wir einen gemeinsamen Ausschuss eingerichtet, der jährlich zwei- bis dreimal zusammentritt, um weitere Details zu erörtern.

profil: Der Bestand Ihrer Sammlung umfasst rund 500 Werke so illustrer Künstler wie Pablo Picasso, Claude Monet, Marc Chagall, Paul Cézanne oder Alberto Giacometti. Wie viele davon werden in Wien zu sehen sein?

Batliner: Primär entscheidet dies die Albertina. Natürlich habe ich ein Einspruchsrecht, zum Beispiel für den Fall, dass ich Bilder für meinen Privatgebrauch einsetzen möchte. Ich erachte es allerdings als nicht sehr praktikabel, immer wieder Bilder für den Privatgebrauch anzufordern.

profil: Ist die Dauerleihgabe zeitlich befristet?

Batliner: Als zeitliche Befristung haben wir das Jahr 2017 festgelegt. Danach kann der Vertrag gekündigt und eventuell neu verhandelt werden.

profil: Ist die Dauerleihgabe an die Person Schröder gekoppelt?

Batliner: Sollte Schröder aus der Albertina ausscheiden, muss das nicht unbedingt Konsequenzen haben. Wir von der Batliner-Sammlung sind unter den grundlegenden Voraussetzungen an einer Vertragsverlängerung interessiert.

profil: Sie sind Treuhänder und Jurist. Warum haben Sie begonnen, Kunst zu sammeln?
Batliner: Ich bin aus der Defensive heraus zur Kunst gekommen. Als junger Anwalt stand mir in einer Causa ein beträchtliches Honorar zu. In der Folge hat mein Klient die Bezahlung des Honorars mit einem Bild abgegolten. Damals hat mich eine Honorierung in dieser Form eigentlich gestört. Das Bild hat mich aber zunehmend interessiert, und zwar weil ich ein großer Pferdefreund war und bin. Es handelte sich um ein Jugendwerk von Toulouse-Lautrec mit dem Titel „Das weiße Pferd“. Ich besitze es heute noch. Gerade vor einigen Monaten wurde ich von einer großen Galerie angefragt, ob ich es nicht verkaufen möchte, was ich jedoch unter allen Umständen ablehnte.
profil: Was unterscheidet die Psyche eines Käufers von jener des Museumsbesuchers? Welcher Reiz liegt darin, Kunst zu besitzen?
Batliner: Viele Menschen machen sich über die Motive von Sammlern falsche Vorstellungen. Für mich ist Kunst keine Frage der äußeren Wertvermehrung, sondern der inneren Wertschöpfung. Kunst zu besitzen ist ein Lebenselixier. Es gibt mir Kraft, die Bilder zu betrachten und aufzunehmen.
profil: Innere Wertschöpfung könnte man auch als Museumsbesucher erzielen.
Batliner: Es ist, so glaube ich, zutiefst menschlich, dass man Dinge, die einem gefallen, auch besitzen möchte.
profil: Mit über 500 Werken ist Ihre Sammlung längst viel zu groß geworden, um rein privat genutzt werden zu können. Warum sammeln Sie dennoch weiter?
Batliner: Der Punkt, an dem man gesättigt ist, wird sicherlich nie erreicht. Es liegt ebenfalls in der Natur des Menschen, dass er begehrlich ist. Wenn man die Voraussetzungen und die Möglichkeit hat, sich etwas anzuschaffen, dann sollte man es tun, sofern es die Lebensfreude steigert. Man spricht unter Sammlern oft von einem Virus. Damit kann ich mich nicht ganz einverstanden erklären. Es ist der Jagdtrieb. Man geht auf die Jagd, hat schon viele Trophäen zu Hause hängen, aber trotzdem erfreut der neuerliche Pirschgang. Es ist einfach der Trieb, der einen dazu drängt. Ich empfinde das als etwas Schönes.
profil: Lassen Sie sich gelegentlich eine Arbeit aus dem Depot holen, um sich das Bild schnell ansehen zu können? Wäre das überhaupt machbar?
Batliner: Es gibt eine Liste der gesammelten Werke. Nach Einsichtnahme in diese Liste entscheide ich, wo und wie ich in meinem Privatbereich solche aufhänge. Die Zeit ändert uns, und so ändert sich auch der Geschmack.
profil: Welche Form der Befriedigung ziehen Sie aus dem Anschauen von Bildern?
Batliner: Es ist eine Befriedigung in jeder Hinsicht. Sonst gäbe es ja keinen Grund dafür, warum Menschen Kulturgüter pflegen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Man muss sich mit Kunst beschäftigen. Mich euphorisieren Farben. Deshalb habe ich viele Bilder aus der Fauve-Zeit, aus denen die Freude regelrecht herausspringt und sich dann auf mich überträgt. Wenn ich von einer Auslandsreise zurückkomme, ist es üblich, mich in meiner eigenen „Galerie“ umzusehen und mich daran zu erfreuen.
profil: Folgt Ihre Sammlertätigkeit einer strengen Konzeption, oder kaufen Sie, was Ihnen gefällt und gerade am Markt ist?
Batliner: Begonnen habe ich mit dem Ankauf von Bildern aus dem Impressionismus, später Postimpressionismus und dann der Klassischen Moderne. Heute sammle ich aber auch zeitgenössische Kunst, die mich vor zwanzig Jahren noch nicht interessiert hätte. Ich habe keine strenge Konzeption, sondern lasse mich treiben.
profil: Historische Malerei interessiert Sie nicht?
Batliner: Ich schätze all diese Bilder, aber sie entsprechen nicht meinem Geschmack. Es gibt einen Unterschied zwischen Arbeiten, die ich bewundere, und Werken, mit denen ich leben möchte. Die Welt der alten Meister ist einfach nicht die Welt, in der ich leben will.
profil: Erwerben Sie bestimmte Werke auch, um eine Lücke in Ihrer Sammlung zu schließen?
Batliner: Nein, ich habe als Sammler kein buchhalterisches Interesse.
profil: Warum boomt der Kunstmarkt derzeit so stark wie noch nie?
Batliner: Es ist wie mit den Aktienkursen: Die Preise beziehungsweise der Markt sind volatil. Der Weltwirtschaft geht es gut, es ist derzeit sehr viel Geld vorhanden, und vor allem Interessenten aus Russland kaufen bedenkenlos fast alles, was auf dem Kunstmarkt ist. Der Kunstmarkt ist wie jeder andere Markt von Angebot und Nachfrage gelenkt.
profil: Sind 140 Millionen Dollar für ein Bild von Jackson Pollock gerechtfertigt?
Batliner: Wenn der betreffende Käufer es haben will und die finanziellen Möglichkeiten dazu hat: Warum soll er es um diesen Betrag nicht kaufen? Es ist seine Entscheidung. Ich habe den Großteil meiner Bilder zu einer Zeit gekauft, als der Markt noch nicht annähernd dort war, wo er jetzt schon seit über einem Jahrzehnt ist. Manches, was in den sechziger und siebziger Jahren noch erschwinglich war, ist heute fast unerreichbar.
profil: Haben Sie sich je für Gustav Klimts restituiertes „Adele“-Bild interessiert?
Batliner: Nein, ein Kaufpreis von 120 Millionen Dollar würde bedeutend über meinen Verhältnissen liegen.
profil: Sammler treten bei Auktionen in einen direkten Konkurrenzkampf. Wie gehen Sie bei Auktionen vor? Setzen Sie sich ein Limit?
Batliner: Ich habe bei drei Auktionen nicht erreicht, was ich wollte. Natürlich setzt man sich als Käufer Limits, aber man gerät während der Versteigerung in eine Art Euphorie, die gefährlich ist. Es gibt ein Bild von Salvador Dalí, das mir schon immer gut gefallen hat und das ich unbedingt haben wollte. Während der Telefonauktion habe ich mein Limit um das Dreifache erhöht – und es trotzdem nicht bekommen.
profil: Worüber Sie am nächsten Morgen, als die Euphorie nachgelassen hat, vermutlich erleichtert waren.
Batliner: Ja und nein. Ich habe dieses Bild heute noch vor Augen und werde es sicher nie vergessen können. Der Bieter nach mir hat bereits den Zuschlag erhalten. Aber das habe ich halt nicht wissen können.
profil: Sind Sie bei Auktionen anwesend, oder erledigen Sie Ankäufe telefonisch?
Batliner: Ich war immer wieder selbst auf Auktionen, aber man muss aufpassen, dass durch persönliche Anwesenheit der Preis eines Bildes nicht nach oben getrieben wird. Ich kenne einen Kunsthändler, der mit einem Auktionator eine Vereinbarung hat: Solange er die Brille aufbehält, bietet er mit. Wenn er sie abnimmt, steigt er aus. So kann außer dem Auktionator niemand erkennen, wer der Käufer ist. Der hohe Bekanntheitsgrad eines Käufers kann aber auch den gegenteiligen Effekt auf den Preis haben. Auf einer Auktion in New York wollte ich einmal einen Picasso erwerben. Neben mir saß ein sehr bekannter Kunstsammler. Er sagte zu mir: „Steigern nicht Sie, lassen Sie mich für Sie steigern. Wenn die Leute sehen, dass ich steigere, werden sie schnell aussteigen, weil sie wissen, dass ich jedenfalls immer höher bieten werde.“ So habe ich das Bild dann paradoxerweise günstiger bekommen.
profil: Als Treuhänder sind Sie Finanzprofi. Betrachten Sie Kunst als Investition?
Batliner: Kunst wird heute vielfach als Investition gesehen. Es gibt sogar eigene Kunst-Fonds, in die man sich einkaufen kann. Das interessiert mich überhaupt nicht. Wenn ich ein Bild kaufe, dann nur, weil ich es für mich haben will. Es soll nicht Teil eines Fonds sein, dessen Manager es nach zwei oder drei Jahren wieder verkaufen.
profil: Das Ankaufsbudget der Albertina ist lächerlich gering. Müssen private Sammler in Zeiten eingefrorener Subventionen die Rolle des Staates übernehmen und Museen mit Dauerleihgaben bestücken?
Batliner: Sammler sollen die Aufgabe der öffentlichen Hand nicht übernehmen, aber ergänzen. Der Private hat andere Mittel und vor allem ganz andere Entscheidungsmöglichkeiten: Er kann viel schneller entscheiden als die öffentliche Hand. Außerdem gibt es weltweit wenig öffentlich-rechtliche Institutionen, die ihre Museen mit substanziellen Ankaufsbudgets ausstatten. Mir wurde gesagt, dass das Ankaufsbudget des Centre Pompidou in Paris jährlich 70.000 Euro, jenes der Bayerischen Staatsgemäldesammlung 40.000 Euro betragen soll. Private Sammler investieren üblicherweise bedeutend höhere Summen. Dazu kommt die raschere Entscheidungsmöglichkeit bei Auktionen. Es ist bemerkenswert, dass die meisten Museen der Welt aus ehemaligen Privatsammlungen entstanden sind, so auch die Albertina in Wien.
profil: Von Leihgaben profitieren nicht nur die Museen, sondern auch die Sammler: Der Wert einer Privatsammlung steigt, wenn sie in einem renommierten Haus zu sehen ist.
Batliner: Ich gebe meine Sammlung nicht als Dauerleihgabe, um den Wert meiner Bilder zu steigern. Die Bilder sollen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, damit diese sich eine Vorstellung von der Leistungskraft eines Künstlers machen kann. Es ist auch eine Verantwortung der Sammler, dass Werke bekannter Künstler nicht in Privatgemächern hängen und somit nur von ein paar wenigen Menschen gesehen werden können. Es ist eine Verantwortung auch dem Künstler gegenüber, ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
profil: Die Albertina ist eine grafische Sammlung. Passt Ihre Gemäldesammlung überhaupt in dieses Haus?
Batliner: Diese Frage muss Direktor Schröder beantworten. Für mich passt sie sicherlich in die Albertina, sonst hätte ich mich ja nicht für sie entschieden. Die Albertina hat bis jetzt großartige Ausstellungen gezeigt, sei es von Picasso, vom deutschen Expressionismus oder von der Biedermeierzeit. Warum soll Direktor Schröder die Kunst der Zeichnung nicht aus ihrer Isolation befreien?
profil: Aufgrund Ihrer Leihgabe verändert sich das Profil der Albertina nachhaltig. Haben Sie die kulturpolitische Dimension Ihrer Entscheidung mitbedacht?
Batliner: Nein, das ist nicht meine Aufgabe.
profil: Weil Sie sich von den lokalen Medien ungerecht behandelt fühlten, zogen Sie Ihre Sammlung 2005 überraschend aus dem Salzburger Museum der Moderne ab. Machen Sie Ihr Engagement in Wien ebenfalls vom Verhalten der Medien abhängig?
Batliner: Aus Salzburg habe ich mich zurückgezogen, weil das dortige Museum zu klein war. Salzburg ist eine wunderschöne kulturelle Stadt, aber Weltmuseen wie die Albertina in Wien, das Metropolitan Museum und das Modern Art Museum in New York oder die Eremitage in St. Petersburg bieten eine ganz andere Dimension. Die Albertina hat jährlich einen Besucherstrom zwischen 600.000 und 800.000 Menschen, das Museum in Salzburg hingegen von 20.000 bis 30.000. Damit ist dort das Potenzial erschöpft. Mir ging es um den Standort für meine Sammlung und nicht um die Medienberichterstattung, die auch in Wien keinen Einfluss auf meine Entscheidungen haben wird.

Interview: Peter Schneeberger