'Essen Chinesen wirklich Hunde?'

Am Freitag beginnen die Olympischen Sommerspiele in Peking. Die Inszenierung wird prachtvoll und gigantomanisch sein. Aber wie sieht der chinesische Alltag aus? Was bedrückt die Chinesen, wie verlieben sie sich, wo machen sie Urlaub? Und was halten sie von Österreich?

Speisen sind in China nicht Gerichte, sondern Gedichte. Ihre Namen beschreiben Aussehen, Herkunft und Zubereitungsart. Zum Beispiel „Lö-wenkopf rot-feurig gebraten“ – ohne Mähne, versteht sich. Hinter dem blumigen Namen verbirgt sich ein harmloses Faschiertes in brauner Soße. Allerdings haben die gut gemeinten Übersetzungen vieler Pekinger Restaurants ausländische Gäste lange Zeit von manchen Köstlichkeiten abgeschreckt. Wer isst schon gerne „Ameisen, die den Baum hochklettern“ – eigentlich pikante Glasnudeln mit gehacktem Schweinefleisch – oder „Tofu nach Art des Pockennarbigen“ – obwohl der nur eine besonders pfeffrige Zubereitungsart erfunden hat. Darum hat die Stadtregierung vor Beginn der Olympischen Spiele auch die Speisekarten von blumigen Bezeichnungen befreit.

Aus Rücksicht auf ausländische Touristen dürfen die Res­taurants der Hauptstadt auch kein Hundefleisch mehr anbieten. Bian Jiang, Vizesekretär des chinesischen Küchenverbandes, lächelt verständnisvoll. Auch in China mache sich die wachsende Zahl von Hundebesitzern für ein Verbot stark, sagt Bian. Außerdem kämen immer weniger Chinesen geschmacklich auf den Hund. Nicht zu bestreiten sei allerdings, dass nach den Erkenntnissen der chinesischen Medizin Hundefleisch besonders gut wärmt und hohen Blutdruck senkt. In Bians Kindheit war Fleisch auf dem Familientisch eine Seltenheit, erinnert sich der 54-Jährige. Mit zunehmendem Wohlstand verschwindet aber die Notwendigkeit, Heuschrecken, Skorpione oder Würmer zu essen. Tierquälereien wie das – in Teilen Südchinas verbreitete – Essen von lebendigem Affenhirn sollten allerdings möglichst rasch aufhören, meint Bian. Die Nahrungsaufnahme ist für Chinesen ein soziales Ereignis. Keine Verabredung ohne gemeinsames Speisen. Jeder bestellt ein Gericht, alles kommt auf die runde Tischplatte. Reis gilt in China oft als (keineswegs obligatorischer) Abfüller für den, der zum Schluss nicht satt geworden ist. Nordchinesen machen darum überhaupt einen Bogen. Sie bevorzugen Nudeln oder gedämpfte Weizenmehlbrötchen. Die Unterschiede der regionalen Küchen sind so groß wie das Land. Beliebt ist aber auch das westliche Essen. Städter frühstücken gerne Brot und Kaffee, manchmal in Kombination mit gekochtem Ei, eingelegtem Gemüse und Reissuppe. Zum Italiener oder Spanier gehen die meisten aber eher aus Prestigegründen.
Wie entspannen sich Chinesen?

Mittagsschlaf hat in China Tradition. Was westliche Psychologen erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts herausfanden, war den Chinesen schon lange klar: Ein kurzes Nickerchen entspannt nicht nur, sondern hat auch belebende Wirkung. „Die Augen schließen, um den Geist zu kultivieren“, pflegt man im Reich der Mitte bis heute zu sagen. Nicht nur in Büros, sondern auch in Läden und Behörden legen Mitarbeiter nach dem Mittag­essen kurz ihren Kopf auf die Tischplatte. Für Yue Jungang liegt die Entspannung nicht in der Ruhe, sondern in der Bewegung. Der 34-jährige Geschäftsmann betreibt neben seinem BWL-Studium das „Boxen auf Pflaumenblütenpflöcken“ (Meihuazhuang), eine chinesische Kampfsportart mit mys­tischem Ursprung. Auf einem dicht begrünten Unicampus in Shanghai trainiert Yue mit Meister Wang, im Berufsleben Fabrikarbeiter. Der Unterricht ist – wie bei allen wahren Meistern der Kampfkunst – kostenlos. „Jüngere Leute lieben oft schnelle, westliche Sportarten wie Basketball“, meint Yue, „aber die traditionelle Kampfkunst entspannt neben dem Körper auch den Geist.“

Am liebsten spielen die Chinesen übrigens nicht Tischtennis, sondern Basketball und Fußball. Das hat das US-Marktforschungsinstitut Millward Brown in einer Umfrage im Jahr 2006 herausgefunden. Öffentliche Plätze oder Schulhallen können von Sportmannschaften gegen ein geringes Entgelt gemietet werden. Das Vereinswesen steckt in China allerdings noch in den Kinderschuhen. Viele Leute nutzen die von der Regierung im Zuge des „Nationalen Fitnessplans“ aufgestellten, kunterbunten Fitnessgeräte. Fast in jedem Wohnviertel steht eines – dort drehen die Menschen in den frühen Morgen- und Abendstunden die Hüften oder machen Klimmzüge. Dabei wird munter geplaudert. Sich alleine zu entspannen ist in China nicht üblich. Man tanzt lieber gemeinsam im Park – wirklich meisterhaft nach Walzer- und Tangomusik –, spielt Karten oder singt Karaoke.

Auch Urlaub machen Chinesen am liebsten in der Gruppe. Mitte der neunziger Jahre hat der Staat neue Ferien um den 1. Mai und den Nationalfeiertag am 1. Oktober eingeführt. Das Recht auf Urlaub wird aber nicht über­all wahrgenommen. Nur die wachsende städtische Mittelschicht – etwa 30 Millionen im 1,3-Milliarden-Volk – kann sich Reisen leisten. Europa in zehn Tagen, Hongkong und Australien sind die beliebtes­ten Reiseziele. Wer in den ­Ferien zu Hause bleibt, besinnt sich aber nach wie vor der beliebtesten (und kostengünstigsten) Entspannungsmethode – und schläft.

Gehen Chinesen auch zum Psychotherapeuten?
Die Phrase „Tod durch Überarbeitung“ tauchte in den chinesischen Medien erstmals im Jahr 2005 auf. Damals starben kurz hintereinander zwei Professoren der Eliteuniversität Qinghua, Jiao Lianjie und Gao Wenhuan, danach auch noch der Unternehmer Wang Junyao – im Alter von 36, 46 und 38 Jahren. Alle drei galten als „Arbeitstiere“, waren erfolgreich und wurden bewundert. Das Lebensideal des „Höher, Schneller, Weiter“ der städtischen Gesellschaft bekam damals erste Risse. Inzwischen bestätigen Umfrageergebnisse: Das Problem hat längst weite Teile der chinesischen Mittelschicht erfasst. Die Pekinger Morgenzeitung fand heraus, dass sich 50 Prozent ihrer Leser wegen des großen Arbeitsdrucks Sorgen um ihre Gesundheit machen. Arbeitszeiten von bis zu 15 Stunden täglich sind für viele keine Seltenheit.

Der Shanghaier Psychologe Ye Bin kann davon ein Lied singen. Schwierige Beziehungen zum Chef, Angst vor Entlassung, Karriereversessenheit um jeden Preis – viele Anrufer beim von Ye geleiteten psychologischen Beratungszentrum der Shanghai-Eastern-Normal-Universität fühlen sich beruflich überfordert. Da psychiatrische Abteilungen nur in Krankenhäusern zu finden sind, greifen die meisten – wenn überhaupt – lieber zum Telefon. „Psychologische Hilfe ist bei uns immer noch mit Scham und Tabus behaftet“, sagt Ye. Zu seiner Studienzeit Ende der achtziger Jahre hatten die meisten seiner Kommilitonen das Fach nach ein, zwei Jahren aufgegeben. Die Berufsaussichten waren mager und der Beruf übel beleumundet. Die Arbeit, teure Lebensmittel und Arztbesuche, das sind laut der offiziellen Volkszeitung die drei größten Sorgen der Bevölkerung in diesem Jahr. Viele der armen Arbeiter und Bauern fühlen sich auch der Willkür lokaler Kader ausgeliefert. Die wachsende Unzufriedenheit der chinesischen Unterschicht entlädt sich immer häufiger in gewaltsamen Protesten. Die Selbstmordrate in der ländlichen Volksrepublik gehört zu den höchsten der Welt. Im städtischen China verzweifeln die Generationen oft selbst aneinander. Eltern machen sich Sorgen, dass ihre Kinder mit der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung nicht mithalten können. Vom Kindergarten an melden sie ihre Zöglinge zu Englisch-, Computer-, Geige- und Benimmkursen an. Das macht nicht nur die Kinder müde, sondern auch Papa und Mama.

Von Kristin Kupfer, Peking