Evolution: Schöpfungsgeschichten

In den USA versuchen christliche Fundamentalisten mit dubiosen Methoden, die Religion wieder in den Naturwissenschaften zu etablieren. Die „Kreationisten“ haben auch Anhänger in Österreich.

Rudolf Öller war „wie vom Donner gerührt“. Nach dem Lehramt in Biologie und Physik und einem in Tübingen absolvierten Genetik-Studium mit Schwerpunkt Evolutionsbiologie hatte der Mittelschullehrer aus Vorarlberg bei einer Lehrertagung in Wien eine Begegnung der seltsamen Art: Ein Kollege aus Oberösterreich beschuldigte ihn, er gehöre zu jenem Klüngel von „Verbrechern, welche Schüler mit der Evolutionstheorie verderben“. Diese durch Charles Darwin (1809–1882) begründete Theorie sei nichts weiter als eine „Erfindung von Atheisten“.

Öller, für den die Evolutionstheorie längst „ausgemachte Sache“ war, wusste zunächst gar nicht, worum es ging. Erkundigungen, die er bei Kollegen des schimpfenden Lehrers einholte, ergaben lediglich, dass dieser „einer von den Evangelikalen“ sei. Um Näheres über deren Auffassung zu erfahren, kaufte Öller das Buch „Grundlage zu einer neuen Biologie“ des US-Autors Ernest Wilder-Smith, eines der führenden Kreationisten. Diese seit gut 100 Jahren in den USA verbreitete Bewegung versucht, die durch die Wissenschaft mehr und mehr belegte Evolutionstheorie, wonach sich die auf der Erde lebenden Arten über Jahrmillionen aus ursprünglich einfachsten Biomolekülen entwickelt haben, durch die biblische Schöpfungsgeschichte zu ersetzen oder sie zumindest als eine unter mehreren unbewiesenen Theorien hinzustellen.

Seit der Präsidentschaft des „wiedergeborenen Christen“ George W. Bush fühlen sich die Kreationisten im Aufwind, umso mehr nach der US-Wahl Anfang November, bei der Bush laut Umfragen vor allem den Moral- und Werte-Bonus für sich nutzen konnte. Da jedoch in den USA Staat und Religion kraft Verfassung streng getrennt sind, kommt die kreationistische Lehre gern im wissenschaftlichen Mäntelchen daher und tarnt sich als „Creation Science“ (Schöpfungswissenschaft), wie auch Öller bemerkt. Der heute 54-jährige Mittelschullehrer unterrichtet am Gymnasium Blumenstraße in Bregenz (übrigens laut jüngsten Rankings Gymnasium Nummer eins in Vorarlberg) Biologie, Physik und Informatik und betreibt nebenbei eine vom Unterrichtsministerium unterstützte Biologie-Website (www.bio.vobs.at).

Damit folgt Öller dem offiziellen Lehrplan und steht auf dem Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse, was gelegentlich zu Auseinandersetzungen mit Kollegen führt, die kreationistische Auffassungen vertreten. Doch so weit verbreitet und so dogmatisch wie in den USA sei die kreationistische Bewegung in Europa ganz gewiss nicht, meint Öller.

Intelligenter Schöpfer. So beschloss etwa der Vorstand des ländlichen Schulbezirks Dover im US-Bundesstaat Pennsylvania im vergangenen Monat, den Biologie-Lehrplan für die neunte Schulstufe radikal zu ändern: Künftig soll nicht nur die Evolutionstheorie, sondern auch eine an den Universitäten weit gehend unbekannte Theorie des „Intelligent Design“ (ID) gelehrt werden. Denn, so die Begründung des Schulvorstands, die Komplexität des Universums könne nicht von selbst entstanden sein, sie lege das Vorhandensein eines „intelligenten Schöpfers“ nahe.

Der Beschluss rief in den USA heftige Proteste hervor. Kritiker wittern hinter der ID-Fassade den Plan, Bibelglauben durch die Hintertür als wissenschaftlichen Ansatz einzuführen. Und es ist nicht der erste Versuch dieser Art. Schon seit zwei Jahren enthalten Biologiebücher im Schulbezirk Cobb County im US-Bundesstaat Georgia einen warnenden Beihefter mit dem Hinweis, bei der Evolutionstheorie handle es sich um bloße Theorie und keinesfalls um wissenschaftlich erhärtete Tatsachen. Ein Gesetzesentwurf im US-Bundesstaat Missouri sieht sogar vor, ab dem Jahr 2006 Lehrer zu entlassen, die Evolution und „Intelligent Design“ im Unterricht nicht gleichwertig behandeln.

Lange Zeit erschienen derlei Aktionen als kuriose Auswüchse einer christlich-fundamentalistischen Weltanschauung im amerikanischen Hinterland. Doch aktuelle Umfragewerte untermauern die Brisanz der Entwicklung: 90 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als gläubig, mehr als 60 Prozent halten die biblische Schöpfungsgeschichte für buchstäblich wahr. Darunter finden sich viele evangelikale Christen, die Abtreibung und Homosexuellenehe strikt ablehnen und angewidert das Gesicht verziehen, wenn es heißt, sie seien evolutionsbiologisch mit Affen verwandt.

In diesem Kulturkampf steht den bibelfesten Christen ein anderes Amerika gegenüber, das die angesehensten Universitäten der Welt beherbergt, alljährlich die meisten Nobelpreise einheimst und die verfassungsrechtlich festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche penibel aufrechterhält. Doch kreationistisches Gedankengut gewinnt kontinuierlich an Boden: Bis 2006 soll in Florence im Bundesstaat Kentucky ein Museum eröffnet werden, das die Geschichte des Lebens vom DNA-Molekül bis zu den Dinosauriern erzählt – auf der Basis platter Bibelexegese. In den Touristenläden am Grand Canyon wird ein Büchlein feilgeboten, das die Sintflut für die Zerklüftung des Gebirgsmassivs verantwortlich macht. Im ganzen Land gibt es Studienzentren für die Propagierung des biblischen Weltbilds, in Pamphleten und Predigten wettern Kreationisten gegen „verblendete Theorien“ wie Urknall, Evolution oder Geophysik. Und sie haben einflussreiche Anhänger: Der Darwinismus, schimpfte Tom DeLay, Mehrheitsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus, im Jahr 1999, sei schuld am Schulmassaker von Littleton, weil er Kinder lehre, „dass sie nichts als bessere Affen aus der Ursuppe“ seien.

Haarsträubend. Nicht alle streng bibeltreuen Theorien wirken so offenkundig haarsträubend wie jene, dass Mensch und Dinosaurier vor dem Sündenfall als Vegetarier im Garten Eden einträchtig nebeneinander lebten. So behauptet etwa der Privatgelehrte John Woodmorappe dank sorgfältiger Lektüre des Alten Testaments und akribischer eigener Berechnungen in einem populärwissenschaftlichen Buch, dass die Arche Noah genau 140 Meter lang, 23 Meter breit und 13,5 Meter hoch gewesen sei und exakt 7428 Säugetiere, 4602 Vögel und 3724 Reptilien mitgeführt habe. Nach 371 Tagen Irrfahrt habe die Arche auf dem Berg Ararat aufgesetzt. Kein Wunder, dass kürzlich ein amerikanischer Geschäftsmann verkündete, auf Satellitenfotos die Überreste der Arche auf besagtem Berggipfel ausgemacht zu haben.

Immerhin bestreiten die Kreationisten nicht, dass unser Universum mehrere Milliarden Jahre alt ist; auch die Evolution leugnen sie insofern keineswegs, dass Arten entstehen und vergehen. Doch dahinter, so die Kernthese, stecke ein großer Plan, den eine höhere Intelligenz ausgeheckt haben müsse. Philip Johnson, ehemaliger Juraprofessor an der Universität von Berkeley und einer der führenden Köpfe bei der Suche nach dem intelligenten Gott, nennt ID deshalb „den Keil, den wir in den Materialismus treiben“.

Das Problem dabei: Dem Gedankengebäude fehlen die experimentell falsifizierbaren Pfeiler – Maßstab aller Naturwissenschaft. Statt sich auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung einzulassen, beschränken sich die Galionsfiguren der Bewegung darauf, auf einige ungeklärte Fragen im evolutionären Erklärungsmodell hinzuweisen – etwa, wie es während der „kambrischen Explosion“ vor 540 Millionen Jahren zu einem unverhältnismäßig starken Anstieg der Artenvielfalt gekommen ist. Wo Paläontologen wissenschaftlichen Klärungsbedarf sehen, der keineswegs die Evolution infrage stellt, erkennen ID-Vertreter sehr rasch ein intelligentes Wirken. Damit jedoch degradieren sie die höhere Instanz, die sie ins wissenschaftliche Weltbild integrieren wollen, zum Lückenbüßer. Stephen Meyer, Leiter des in Seattle ansässigen Discovery Institute, dem führenden ID-Think-Tank, vertröstet auf die Zukunft: „Sobald wir nur beginnen, Hinweisen auf Design in der Naturgeschichte nachzugehen, wird sich ein Standpunkt entwickeln.“

Anthropisches Prinzip. Auch manche Positionen durchaus renommierter Wissenschafter erinnern an die ID-Theorie. Laut dem Princeton-Physiker Freeman Dyson sei der Kosmos darauf angelegt, menschliches Leben hervorzubringen. „Starkes anthropisches Prinzip“ nennt sich diese Hypothese, die den Menschen von einem unscheinbaren Seitenarm der Milchstraße wieder in den Mittelpunkt des Universums rückt, mit einem quasi metaphysischen Scheinargument: Hätten die Naturkonstanten – von der Gravitation bis zu den Energien des Kohlenstoffatoms – nur geringfügig andere Werte, hätte irdisches Leben nie entstehen können.

Dabei gibt es durchaus seriöse Bemühungen, Naturwissenschaft und Religion zu verbinden. Vergangene Woche verkündete die Internationale Theologenkommission des Vatikans in einem von der Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ veröffentlichten Orientierungspapier, Urknall- und Evolutionstheorie seien mit der katholischen Lehre durchaus vereinbar. Nach einer solchen Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft strebt auch der heute 92-jährige US-Milliardär Sir John Templeton, dessen 1987 in Pennsylvania gegründete Templeton-Stiftung die naturwissenschaftliche Erforschung religiöser Grundfragen fördert.

Mittlerweile versorgen solvente Gönner auch die ID-Bewegung fast ebenso generös mit Geldern. Doch sind ihre Ziele nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur. Sie wollen, wo immer möglich, Zweifel an der Evolutionstheorie verbreiten – und offene Fragen vorschnell mit dem Ideenkonstrukt eines intelligenten Wesens vor dem Anfang aller Zeit beantworten. Zu diesem Zwecke betreibt das Discovery Institute in Washington ein Büro, das bei führenden Politikern der Republikaner hohes Ansehen genießt. Und in vielen Bezirken der USA sind Aktivisten des Instituts unterwegs, um Schulräte in der Überzeugung zu bestärken, dass der Biologieunterricht künftig mit Religion angereichert werden müsse.

Ableger dieser Bewegung existieren freilich auch in Europa, darunter auch in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Den Vorarlberger Biologielehrer Öller würde es deshalb „nicht wundern, wenn es irgendwann auch an unseren Schulen zu einem Backlash kommt“.