Exklusiv: Alles Schimäre

Wie der Unternehmer Martin Schlaff mithalf, mit Erlösen aus dem Verkauf der bulgarischen Mobiltel die Karibik-Geschäfte der Bawag zu verschleiern.

Die Hochglanzseiten der Society-Magazine sind um eine schillernde Figur reicher. Drahtige Figur, hohe Stirn, getrimmter Oberlippenbart: Der Wiener Geschäftsmann Martin Schlaff versteht es neuerdings, 5-Sterne-Stoff für Gesellschaftsspalten zu liefern. Pretty in Pink am Life Ball, geschniegelt im Frack bei einer Premierenfeier in der Staatsoper, locker-leger und in charmanter Damenbegleitung bei Festivitäten im Wiener Rathaus.

Noch vor wenigen Monaten wäre dies undenkbar gewesen. Öffentliche Präsenz war Schlaff ein Gräuel. Der 53-jährige Milliardär legte Wert auf Diskretion. Große Deals, bei denen er still die Strippen zog, trugen ihm das Image des prestige- und vor allem gewinnbewussten Geschäftemachers ein. Sein straff geknüpftes Netzwerk bis in die höchsten Kreise von Politik und Wirtschaft war dabei ausgesprochen hilfreich. Schlaff achtete aber stets darauf, dass Leute, die von seinen ausgezeichneten Kontakten im In- und Ausland profitierten, ihm später von Nutzen sein konnten.

Eine Hand wäscht die andere.

Doch nicht alle wollen darüber reden. Der ehemalige Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner gab sich zuletzt im Untersuchungsausschuss zugeknöpft – nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Zu den Fragen der Abgeordneten Werner Kogler (Grüne) und Ewald Stadler (FPÖ), ob es zwischen dem Kauf des bulgarischen Handynetzbetreibers Mobiltel durch eine Investorengruppe um Schlaff und den verlustreichen Karibik-Geschäften der Bawag einen Zusammenhang gebe, schwieg er unter Verweis auf strafrechtliche Ermittlungen, von denen er betroffen sei.

Kogler reagierte prompt: „Der Mobiltel-Deal muss seriös und ohne Zeitdruck aufgearbeitet werden – wie es der Auftrag ist. Von einem Ende des Ausschusses, wie es die ÖVP fordert, kann keine Rede sein.“

Es war eine unbedachte Äußerung des ehemaligen Bawag-Vorstands Peter Nakowitz im Untersuchungsausschuss, die der Causa am Freitag vorvergangener Woche neue Brisanz verlieh. „Es gibt wohl niemanden, der einen Zusammenhang bestreiten würde“, rutschte es ihm heraus, als er nach Verbindungen zwischen Karibik-Geschäften und Mobiltel befragt wurde.

Das war schon mehr, als Nakowitz preisgeben wollte. Auf Nachfragen schwieg auch er beharrlich.

profil wurden nun Unterlagen zugespielt, auf deren Basis der kunstvolle Schleier über den Bawag-Verlusten 2001 gelüftet werden kann. Bislang unveröffentlichte Dokumente und Vernehmungsprotokolle zeigen, wie Schlaff den damaligen Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner aus einer Zwangslage befreite. Ohne Schlaffs Hilfe wäre die Gewerkschaftsbank bereits 2001 vor der Pleite gestanden.

Schuldenberg. Die Situation der Bawag um den Jahreswechsel 2000/2001 war prekär. Zur Abwicklung seiner Karibik-Geschäfte hatte das Institut eine Zwischenstation im steuerschonenden Fürstentum Liechtenstein eingerichtet. Ende 2000 hatten sich bei den dort ansässigen Stiftungen mit den klingenden Namen Bensor, Trevor und Biamo Kredite von über einer Milliarde US-Dollar angehäuft. 82 Millionen davon waren virulent und mussten sofort getilgt werden.

Nur woher nehmen und nicht stehlen?

Wie Martin Schlaff 2006 gegenüber dem Büro für interne Angelegenheiten (BIA) erklären sollte, traten sein Du-Freund Elsner und in der Folge auch Nakowitz mit einer delikaten Bitte an ihn heran. Ob nicht er, Schlaff, oder jemand aus seinem Umfeld eine Firma zur Verfügung stellen könnte, die bei der Bawag einen Kredit aufnähme, um dieses Geld an die maroden Stiftungen weiterzuleiten. Man wolle sich auch durch eine Art Provision erkenntlich zeigen. Schlaff gegenüber dem BIA: „Ich lehnte das zweimal ab, weil ich nicht wollte, dass meine Reputation leidet.“ Doch Schlaff wies Elsner einen Ausweg: „Es gibt einen Menschen auf der Welt, dem ich einen solchen von Elsner als Einkommen ohne Risiko und Aufwand dargestellten Ertrag vergönnte, und das ist Shloime Meier.“

Besagter Meier besaß damals ein Handelshaus in New York und betrieb Geschäfte zwischen Brasilien und den USA. Sein Interesse, so hieß es, gelte einer Charity-Einrichtung für krebskranke Kinder, der „Chai Lifeline“, für die er eine Million Dollar auftreiben wollte.

Das traf sich gut. Exakt jene Summe stellte Elsner für den Gefallen in Aussicht.

Meier nahm also für vier US-Unternehmen Kredite bei der Bawag auf. Am 5. Jänner 2001 flossen in Summe 88 Millionen Dollar über den Atlantik:

• 24 Millionen gingen an die Nu-Tech Inc.,

• 23 Millionen an die Advanced Integrated Technology Development Inc.,

• 21 Millionen an die USA Premium Inc.,

• 20 Millionen an die S&H Trading Inc.

Alle vier Unternehmen hatten ihren Sitz in New York.

Sichere Seite. Risken ging Meier dabei keine ein. Michael Hason, Steuerberater von Schlaff und Meier, erklärte bei seiner Einvernahme im Bundeskriminalamt: „Von Herrn Meier wurde mir mitgeteilt, dass seitens der Bawag sämtliche Verträge vorbereitet waren. Dazu zählte auch eine Vereinbarung ... dass diese vier US-Firmen nur dann verpflichtet sind, diese Kredite zurückzuzahlen, wenn die ausgereichten Gelder auch wiederum eingehen.“

Mit anderen Worten: Meier haftete nicht für den Kredit.

Drei Tage später, am 8. Jänner 2001, gingen die überwiesenen Gelder gebündelt an die Oakliff Ltd. auf den Bermudas und von dort weiter nach Liechtenstein.

Elsner hielt Wort: In zwei Tranchen wurde gut eine Million Dollar an Unternehmen im Dunstkreis von Meier überwiesen und dort für ihn „geparkt“, wie Hason zu Protokoll gab.

Damit war allen geholfen. Die Bawag hatte ihre Stiftungen im Trockenen, Meier konnte im Bedarfsfall den Wohltäter geben, und Martin Schlaff konnte sicher sein, dass seine Hilfe entsprechend honoriert würde.

Die Gelegenheit sollte sich bald bieten.

Noch im selben Jahr, im Herbst 2001, wurde Schlaff bei Elsner wegen eines Kredits vorstellig. Gemeinsam mit einem Konsortium wollte er den bulgarischen Handynetzbetreiber Mobiltel kaufen und benötigte dafür 680 Millionen Euro.

Die Sache hatte allerdings einen Haken. Miteigentümer der bulgarischen Gesellschaft war Michael Cherney, russischer Oligarch mit israelischem Pass und überaus schlechtem Ruf. Bestechungsvorwürfe und Aufenthaltsverbote waren nicht unbedingt angetan, ihn als seriösen Geschäftspartner zu legitimieren.

Das sahen auch Vorstand und Aufsichtsrat der Bawag so. Doch Elsner witterte die Chance, die ausstehenden 88 Millionen Dollar für die US-Kredite wieder hereinzuspülen. „Dem Vorstand war bekannt, dass Elsner einen ,guten Bekannten‘ bei der Polizei hatte“, gab Peter Nakowitz bei seiner behördlichen Einvernahme durch das Bundeskriminalamt zu Protokoll. Der „gute Bekannte“ war der damalige Chef der Wiener Wirtschaftspolizei, Roland Horngacher. „Die müssen es ja wissen, ob es sich bei Cherney um einen ehrlichen Geschäftskontakt handle“ (Nakowitz).

Am 28. November 2001 bat Elsner Horngacher in sein Büro in der Wiener Seitzergasse und ersuchte ihn um ein wohlwollendes Leumundszeugnis für Cherney. Das dafür notwendige Ansuchen diktierten die beiden Herren praktischerweise gleich Elsners Sekretärin: „Wir wurden eingeladen, mit Herrn Michael Cherney in eine größere Geschäftsverbindung zu treten. Nur der guten Ordnung halber und zur Vervollständigung unserer Dokumentation ersuchen wir Sie um Stellungnahme, ob dem aus Ihrer Sicht etwas entgegenspricht.“

Eine Kopie des israelischen Passes von Cherney wurde beigelegt, das Porto eingespart. „Dieses Schriftstück wurde nach Ausstellung von Generaldirektor Elsner an Magister Horngacher übergeben“ (Nakowitz).

Horngachers Antwort kam prompt. Am 7. Dezember 2001 „beehrt sich die Bundespolizeidirektion Wien-Wirtschaftspolizei mitzuteilen, dass derzeit keine Umstände bekannt sind, die das Nichteingehen einer Geschäftsverbindung als geboten erscheinen lassen“.

Für Elsner war es mit diesem Papier ein Leichtes, seine Bankgremien zu überzeugen. Martin Schlaff bekam den Kredit, das Bulgarien-Geschäft konnte über die Bühne gehen. Für seine Gefälligkeit wollte der Bawag-Chef allerdings eine beachtliche Abgeltung: 15 Prozent des Gewinns aus dem Mobiltel-Deal mussten an das Institut zurückfließen.

Am 2. April 2002 kam ein Schreiben aus Liechtenstein. Absender war die Amara Handels- und Finanzgesellschaft reg. Trust in Schaan, Adressat war Peter Nakowitz. Für die Amara trat ein gewisser Konrad Ackermann, ein Schweizer Wirtschaftstreuhänder, auf. Ackermann stand schon öfter in Geschäftsverbindung mit Schlaff.

Der Brief von Amara enthielt jedenfalls gute Nachrichten: Den „sehr geehrten Damen und Herren“ wurde darin erklärt, dass aus der „laufenden und sehr erfolgreichen“ Mobiltel-Akquisition über bis zu 100 Millionen Dollar verfügt werden könnte. Zitat: „Wir werden dafür sorgen, dass dieser Gewinnanteil der Kreditabdeckung folgender Firmen zugutekommen wird.“ Dann werden jene vier US-Firmen von Meier aufgelistet, denen die Bawag Kredite gewährte (siehe Faksimile).

Nun schloss sich der Kreis. Das Geld, welches die Bawag drei Jahre zuvor via New York und Bermudas an die liechtensteinischen Stiftungen überwiesen hatte, kam wieder herein: Am 29. Oktober 2004 überwies die Martin Schlaff Privatstiftung unter anderem 75 Millionen Euro – nach damaligem Kurs etwa 88 Millionen Dollar – an den „Eastern Market Telecom Fund“ (EMTF). Noch am selben Tag landete die Summe auf einem Sammelkonto bei der Bawag, um von dort gemäß schriftlicher Anweisung von Nakowitz auf die Bawag-Konten der vier US-Firmen verteilt zu werden.

Am 3. November 2004 wurden die Konten der New Yorker Firmen bei der Bawag gelöscht.

Offiziell hat es die Transaktionen also nie gegeben.

Von Martin Himmelbauer und Ulla Schmid