Fahrstühle in Wien: von der Erde zum Mond

Fahrstühle sind praktisch, manchmal auch lebensgefährlich. In Wien gibt es ­einige der ältesten Exemplare der Welt. Bis 2013 müssen alle Aufzüge dem ­aktuellen Stand der Sicherheitstechnik entsprechen.

Es war eine dramatische Inszenierung. In einem New Yorker Luxuskaufhaus ließ sich der junge Ingenieur Elisha Graves Otis im Jahr 1853 auf einer Plattform hochhieven und dann das Hanfseil kappen. Noch im Entsetzensschrei der Zuschauer wurde der Sturz durch eine Feder an der Laufschiene blockiert. Otis’ spektakuläre Vorführung gilt als Geburtsstunde des modernen Aufzugs.

Ohne Aufzüge sähen Städte anders aus. Indem sie die Eroberung der Höhe mühelos machten, verschoben sie die begehrten Wohnungen aus der Beletage von unten nach oben ins Penthouse; Wolkenkratzer wurden durch sie erst möglich. In Wien fährt einer der ersten Lifte der Stadt bis heute. Seine Kabine erinnert an die Kapsel, in der Jules Verne seine Romanhelden „Von der Erde zum Mond“ schießen ließ, seit 114 Jahren versieht der an offen laufenden Seilen hängende Fahrstuhl in einem Jugendstilbau neben dem Naschmarkt rumpelnd seine Dienste. Damit zählt er wohl zu den ältesten ganz regulär und ohne Aufsehen funktionierenden Fahrzeugen der Welt.

Kein Lift ohne Kabineninnentür
Größere Aufmerksamkeit wird dem faszinierenden Oldtimer erst jetzt zuteil: Wie Zigtausende Lifte in Wien wird auch dieser denkmalgeschützte Aufzug im prachtvollen Jugendstilbau, den Otto Wagner 1898 neben seinem „Majolikahaus“ an der Ecke Linke Wienzeile/Köstlergasse errichten ließ, demnächst einem mit Hochdruck durchgeführten Sicherheitsprogramm unterzogen. Bis zum März 2013 müssen alle Aufzüge in Wiener Wohnhäusern mit ­Notrufsystem sowie ­einem Antrieb ausgerüstet werden, der punktgenau hält und verhängnisvolle Stolperstufen zwischen Ausstieg und Aufzugskabine vermeidet. Vor allem aber: Kein Lift darf mehr ohne eine Kabineninnentür fahren.

Die türlosen Kabinen hatten seit Jahrzehnten dazu geführt, dass das Unfallrisiko hierzulande fünfmal höher war als in Frankreich und Deutschland. Während die Aufzüge in diesen Ländern bereits seit den 1970er-Jahren nachgerüstet wurden, war in Österreich der Einbau der so genannten „türlosen Fahrkorböffnung“ bis zu Beginn der 1990er-Jahre möglich. Effekt: Obwohl Aufzüge das sicherste Verkehrsmittel sind (beim Stufensteigen passieren mehr Unfälle), kam es in den 80.000 Wohnhausaufzügen, von denen 30.000 noch vor zehn Jahren ohne Kabinentür fuhren, regelmäßig zu Todesfällen.

Aufzugsgesetz als Notbremse
In Wien starb im Jahr 2002 qualvoll ein kleiner Bub, in den folgenden Jahren wurden zwei Frauen von Papiercontainern erdrückt, die während der Fahrt an der Mauer geschrammt und umgestürzt waren. 2007 zog die Bundeshauptstadt mit einem neuen Aufzugsgesetz die Notbremse. Es schrieb die Beseitigung der höchsten Gefahrenquellen innerhalb von fünf Jahren vor und wird für Wiener Verhältnisse auffallend strikt durchgezogen. Die Frage, wie viele Lifte bereits behördlich gesperrt wurden und wie vielen bei Fristablauf im Frühjahr 2013 eine Sperre droht, beantwortet Reinhold Eder von der Baupolizei nicht. Laut TÜV könnten zumindest 100 betroffen sein. ­Allein in Wiens Gemeindebauten fielen knapp 2000 der mehr als 7000 Aufzüge in die höchste Gefährdungsstufe und mussten nachgerüstet werden. Von den Bundesländern sind bisher nur Salzburg und Kärnten mit verpflichtenden Sicherheitschecks für Wohnhausaufzüge nachgezogen.

Die problematischen Aufzüge ohne Innentüren stammen aus der Massenproduktion der Wiederaufbauzeit ab den 1950er-Jahren. Die eindrucksvollen Lifte in Wiens Gründerzeithäusern hatten Kabinentüren, doch wurden auch sie reihenweise durch graue Einheitsanlagen ersetzt – eine Folge der Tatsache, dass Aufzüge zu den am wenigsten gewürdigten und „am meisten unterschätzten Erfindungen“ gehören, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor Kurzem feststellte. Österreichs Beitrag zur Entwicklung der Lifte wird im Übrigen Maria Theresia zugeschrieben. Die mollig gewordene Kaiserin ließ sich im Westflügel von Schloss Schönbrunn einen „Fliegenden Stuhl“ einbauen. Laut zeitgenössischer Schilderung konnten mit ihm „10 und mehr Personen durch die Stockwerke durch ein einziges Rad, welches von einem Menschen betrieben wird, auf und ab bewegt“ werden. Der Ausdruck „Fahrstuhl“ soll hier seinen Ursprung haben.*

Der Zwang zur sicherheitstechnischen Nachrüstung und der steigende Wert von Innenstadtimmobilien haben in Wien zu einer Art kleiner Gründerzeit für Aufzüge in Altbauten geführt. Da alle traditionellen österreichischen Lifthersteller in internationalen Unternehmen aufgegangen sind, füllen junge Mittelstandsunternehmen wie Flügel & Klement und Liftwerk die Marktnische mit eleganten Stahl-Glas-Konstruktionen und Stil-Modernisierungen. Der 110 Jahre alte Lift im Rüdigerhof, einem markanten Bau von Oskar Marmorek nahe dem Naschmarkt, wurde bis hin zum Originalblau und den Messing-Schubknöpfen detailgenau erneuert: Die Knöpfe stellten früher den direkten elektrischen Kontakt her, mittlerweile sind Mikroprozessoren eingebaut. Die alten Lifte fahren mit 40 Zentimetern pro Sekunde halb so schnell wie heutige Wohnhausaufzüge, Freud-Schüler Wilhelm Reich maß ihnen dennoch besondere Wirkung zu. In seiner Orgasmus-Studie schrieb er 1927: „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärtsfahrenden Lift … verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind.“

Jeannot Simmen/Uwe Drepper: "Der fahrstuhl - die Geschichte der vertikalen Eroberung", München 1984