FALK-Landinsel: Die Linzer Tabakfabrik soll zum Kreativquartier werden

Mit der Tabakfabrik erwarb die Stadt Linz ein architektonisch einmaliges Areal. 80.000 Quadratmeter Nutzfläche sollen hier zu einem Quartier für Kreative umgewandelt werden. Kann das kolossale Projekt glücken?

Die Tür am Ende der steilen Eisentreppe ist einzig mit dosierter Gewalt aufzubekommen. Chris Müller hastet um die Ecke, deutet auf Blitzableiter, die kreuz und quer über Teerpappe verlaufen, und hält mit einem triumphierenden „Na?“ vor einer Mauer. „FALK“ steht da, in einem von der Zeit ruinierten Gelb. Er weiß, nun kommt das „Boah!“ der Besucher.
Von allen Lieblingsorten, die Chris Müller in dem berühmten, in den 1930er-Jahren errichteten Industriekomplex entdeckt hat, ist ihm der zugige Ort am Dach des Pfeifentabaklagers der liebste. Wie ein Schauspieler auf offener Bühne läuft er die Reihe der vier Riesenbuchstaben ab, die an eine Pioniermarke unter den Leichtzigaretten erinnern und im Lauf der Jahrzehnte ihren Sinn eingebüßt haben: „Falk the line!“, kalauert Müller. Das Wortspiel hat er auch auf ein T-Shirt drucken lassen. Es passt gut zu der wagemutigen Mission, die der Oberösterreicher mit bewegter Vergangenheit als freischaffender Künstler, Dokumentarfilmer und Intendant des längst legendä­ren Hausruck-Theaters Anfang 2012 übernommen hat.

Objekt von Spekulanten
Als die Austria Tabak nach 160 Jahren Zigarettenproduktion den Linzer Standort 2009 zusperrte, wurde der Industriekomplex vorerst zum Objekt von Spekulanten. Die Stadt kaufte das Areal schließlich um 17 Millionen Euro zurück und bestellte Chris Müller zum künstlerischen Leiter. Mit klarer Mission: Er soll das Grundstück – mit Rückendeckung der in Linz durchgängig regierenden SPÖ – vor rücksichtslos wirtschaftlicher Ausschlachtung bewahren. 88.000 Quadratmeter Fläche sollen „den Linzerinnen und Linzern zurückgegeben werden“, erklärt Müller.
Für eine Stadt dieser Größenordnung eine kolossale Aufgabe.
50.000 Quadratmeter davon stehen seit 1981 unter Denkmalschutz, eine Fläche, die in etwa dem Wiener Museumsquartier entspricht. Das ist aber auch schon der einzige Vergleich, den man in Linz gelten lassen will. Das Gelände der Tabakfabrik, auf dem sich mehrere Gebäude um einen Freiraum scharen, sei gewiss keine Kopie des Wiener Kulturtankers, sagt Gunter Amesberger, Direktor für Stadtentwicklung: „In Linz geht es um die Reintegration eines Stadtquartiers, in dem, ganz im Geiste von Peter Behrens, Arbeit und Kreativität zusammenfließen sollen.“

Peter Behrens, 1868 als Sohn eines wohlbestallten Gutsherrn in Hamburg auf die Welt gekommen, war ein künstlerisches, handwerkliches und intellektuelles Multitalent: Maler, Chefdesigner bei AEG, eine Größe des Münchner Jugendstils, Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und Kopf eines Architekturbüros, in dem Zelebritäten wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier verkehrten. Mit der AEG-Turbinenhalle in Berlin (1908) hatte sich Behrens als internationaler Industriearchitekt empfohlen. Obwohl er auf baulichem Gebiet Autodidakt war und man in akademischen Kreisen die Augenbrauen hochzog, wenn sein Name fiel, ging der Zuschlag für den Ausbau der Linzer Tabakfabrik weiland an ihn.
1850 war die Zigarettenerzeugung in das Areal der damaligen Wollzeug- und Teppichfabrik Linz aufgenommen worden, zunächst mit dem Ziel, der entlassenen Arbeiterschaft wieder zu Lohn und Brot zu verhelfen. Die Rauchwarenerzeugung entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte allerdings derart prächtig, dass der Linzer Standort 1928 zur größten und modernsten Zigarettenfabrik Mitteleuropas aufsteigen sollte. Bis zu drei Milliarden Zigaretten, drei Millionen Kilogramm Pfeifentabak und 900.000 Kilogramm Zigarettenschnitt-Ware sollten hier im Jahr erzeugt werden. 1929 wurde das Vorhaben in die Tat umgesetzt, allerdings verzögerte sich der Baufortschritt in den spannungsgeladenen 1930er-Jahren beträchtlich. Am
12. November 1935 wurde die neue Tabakfabrik Linz schließlich eröffnet.
In den folgenden Jahrzehnten blieb das Tabakterrain Schauplatz wechselvoller Geschichte: Ständestaat, NS-Regime, Nachkriegsaufschwung. Als Aktiengesellschaft im hundertprozentigen Eigentum der Republik Österreich avancierten die Austria Tabakwerke zum Dividenden-Renner; allein in dem Jahrzehnt zwischen 1984 und 1993 flossen 4,3 Milliarden Schilling an den Bund. Dass die Zigarettenfabrik dennoch aufgeben musste, sei das Ergebnis von „Verantwortungslosigkeit, Unverfrorenheit und parteipolitischer Arroganz“, sagt Ex-Vorstandschef Beppo Mauhart.

Vor drei Wochen reiste der 1995 geschasste Generaldirektor zu einer Buchpräsentation in seiner einstigen Wirkungsstätte. Die Sozialforscher Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler stellten an dem Abend eine soziologische Studie vor, die sich mit jenen Menschen befasst, für die mit dem Ende der landläufig „Tschickbude“ apostrophierten Institution eine Welt zusammengebrochen war, deren gesamtes Sozialleben sich einst rund um die Fabrik abgespielt hatte.

Keine Zukunft ohne Geschichte
Als Mauhart über den ehemaligen ÖVP-Finanzstaatssekretär Johannes Ditz äußerte, dieser habe öffentlich „zum Halali“ auf das Unternehmen geblasen und sich wie ein „Politkommissar kommunistischer Staatswirtschaften“ gebärdet, saßen etliche Betroffene unter den Zuhörern. Vielen blieb dabei der Mund förmlich offen stehen, als ihr Ex-Chef detailreich ausbreitete, wie man ihn seinerzeit als Vorstand diffamiert und zum Rücktritt gedrängt habe: „Es war hart an der Grenze zur Nötigung.“ Bis heute versteht Mauhart nicht, warum man einen Konzern, der in Europa eine führende Rolle hätte spielen können, kaputt gemacht hat. Eine mögliche Sicht der Dinge – aber keine unumstrittene.

2001 fiel das Unternehmen unter der schwarz-blauen Regierung an den britischen Gallaher-Konzern, der es an Japan Tobacco International weiterveräußerte. Das Versprechen der Politiker, die Jobs blieben erhalten, schließlich sei die Produktion hochprofitabel, erwies sich, wie so oft, als haltlos. Es traf die Belegschaft wie ein Blitzschlag, als die Maschinen abgeschaltet und weggeschafft wurden. Der japanische Eigentümer hatte das Interesse am Standort Linz verloren.

Chris Müller kann sich für das Gelände viel vorstellen, nur keine Zukunft ohne Geschichte. An dieser Stelle zitiert der künstlerische Leiter gern den französischen Schriftsteller André Malraux: „Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“ Dass der ehemalige Oberboss vor seinen Ex-Mitarbeitern sein Herz ausschüttete, zählt für Müller zur nötigen Aufarbeitung der Ereignisse. 160 Jahre lang war die Fabrik mitten in der Stadt „verbotene Zone“. Als „blinden Fleck auf der Karte“ bezeichnet Stadtplaner Amesberger das einstige Werkgelände: „Von außen kamen höchstens Architekturstudenten herein, die sich den Stahlskelettbau anschauten.“

Nun soll der Charme des Heruntergekommenen Jungarchitekten, Web-Designerinnen und andere Creatives anziehen. Ilona Roth von der Tanzinitiative RedSapata schlug bereits im Februar ihr Quartier in der Tabakfabrik auf; der Raum, den Roth am Linzer Hauptplatz gemietet hatte, war baufällig geworden. „Der neue Vertrag gilt für ein Jahr“, sagt Roth, sie gehe aber davon aus, dass die Kulturinitiative ohnehin länger bleibe. Für Tanzkünstler bietet die Location traumhafte Arbeitsbedingungen: „Es ist ein Erlebnis der besonderen Art, keine Wände als Begrenzung zu haben. Wenn wir für eine Produktion proben, können wir sogar das Theater nachbauen, in dem wir diese später aufführen werden.“

Attraktiv, lebendig, teuer
Produktionsverbände wie RedSapata sind von Förderungen abhängig und können wenig zahlen. Für renditegetriebene Immobilienentwickler stellen Mieter diesen Zuschnitts einen veritablen Albtraum dar, nicht aber für Chris Müller. Erst Künstler und Angehörige der Kreativwirtschaft machten die Gegend attraktiv, lebendig – und irgendwann wahrscheinlich auch teuer: „Wenn H&M irgendwo einzieht, wird dem Unternehmen am Anfang die Miete erlassen, weil jeder davon ausgeht, dass der Standort davon profitiert. Bei Künstlern nennt man das Almosen.“

Der Aufsichtsrat der Tabakfabrik segnete daher ein Konzept gestaffelter Mietpreise ab. Es ist der Versuch, das symbolische Kapital von Kulturinitiativen, Kunstschaffenden und Vereinen fair zu bewerten. So zahlen Unternehmen, welche die Lösehalle für eine Veranstaltung buchen, die volle Miete, 5000 Euro pro Tag; Kulturini­tiativen wird ein Zehntel davon abverlangt; Vereine erhalten einen Sondertarif von 1500 Euro.
Bei Renovierungen, Um- und Ausbauten soll ebenfalls finanzielles Augenmaß walten. Die Stadt als Eigentümerin entscheidet, wie viel Geld sie in die Hand nimmt – und wie viel davon zurückfließen muss. Flächen mit Mieten für zwei Euro pro Quadratmeter seien ebenso denkbar wie top ausgestattete Büros um zwölf Euro pro Quadratmeter, sagt Chris Müller: „Der Mix muss sich herauskristallisieren. Es wäre doch verrückt, alles auf einen 10-Euro-Standard auszubauen – und dann steht ein Großteil vielleicht leer.“

Masterpläne und gigantische Computermodelle sucht man hier vergebens. Die Stadt hat sich auf ein Experiment mit offenem Ausgang verständigt – und räumt diesem entsprechend Zeit ein. „Das Gelände ist eine Jahrhundertchance, im Grunde jedoch für Linz zu groß. So etwas plant man umsichtig und langsam. Man kann auf einen Schlag auch viel verpfuschen“, so Stadtplaner Amesberger.
Vor zwei Wochen gab der Stadtrat 4,9 Millionen Euro für die nächste Baustufe frei. Im kommenden Jahr sollen 75 Kreative einziehen, von Möbel-Gestaltern bis zu Interface-Programmierern. Erst danach sollen weitere Vorhaben auf die Reise geschickt werden, eines, so Amesberger, entwickle sich dabei aus dem anderen.

Reise in das Unbekannte
Die „Kultur des Ermöglichens“ reizt auch den Theatermacher und Kulturmanager Chris Müller: „Hier passiert dauernd etwas, von dem man noch nicht weiß, wo es hinführt.“ Die FPÖ brachte etwa den Vorschlag ein, eine neu zu gründende medizinische Universität in der Tabakfabrik anzusiedeln. Die Variante ist mittlerweile vom Tisch, weil der Denkmalschutz den Bau von Hörsälen und Labors nicht gestattet. Die ÖVP träumt von einem Terrain für kleine Kreativunternehmer und liegt damit im Grunde auf Linie mit der SPÖ. Einem Investor wiederum, dessen Pläne für eine gigantische Shopping Mall die Stadt abblitzen ließ, scheint niemand eine Träne nachzuweinen. „Im Moment wird die Tabakfabrik als ein über Parteigrenzen hinweg interessantes Projekt betrachtet“, konstatiert der Soziologe Meinrad Ziegler. „Angesichts der Aussage ,Wir geben den Linzern das Areal zurück‘“ sei das „fast ein wenig verwunderlich“.

Im Kampf um die kulturelle Hegemonie in der Stadt haben die Schwarzen mit dem neuen Musiktheater bereits einen Pflock eingeschlagen. Die nach verlustreichen Swap-Geschäften in Mitleidenschaft gezogenen Roten versuchen das Gleiche nun mit der Tabakfabrik. Die Entscheidung, Chris Müller mit dem Transformationsprojekt zu betrauen, war ein klares Signal: Das ist ein kulturpolitisches und stadtplanerisches Projekt, kein ausschließlich kommerzielles.

Kampf um Vorherrschaft
Im Hintergrund schwelt allerdings der Kampf um die Vorherrschaft im öffentlichen Raum. Die ÖVP spitzt bereits lange darauf, das Linzer Donauufer kommerziell zu erschließen, während die SPÖ auf einem „konsumfreien, für alle Bewohner zugänglichen“ Erholungsgebiet beharrt. Der ideologische Graben könnte auch bei der Tabakfabrik jederzeit aufbrechen. „Der schönste Blick gehört allen“, postuliert Chris Müller. Geht es nach ihm, sollen die attraktivsten Plätze auf dem Industrieareal öffentlich bleiben.

Dabei weiß er die Stadtpolitik an seiner Seite. „Wir brauchen in der Tabakfabrik keine Lofts für Gestopfte“, springt SPÖ-­Finanzstadtrat Johann Mayr bei. Mayrs Eltern hatten beide in der „Tschikbude“ gearbeitet, der Vater im Ersatzteillager, die Mutter in der Produktion, wo sie die Zigaretten vom Band nahm und in Rahmen schlichtete. Er selbst war als Baby in der unternehmenseigenen Krippe untergebracht, später im Kindergarten, noch viel später, während des Studiums, arbeitete er die Sommer über in der Zigarettenproduktion. „Nicht zuletzt durch zahllose Familiengeschichten wie meine eigene“ sei, so Mayr, die Tabakfabrik untrennbar mit Linz verbunden. Spätestens als die Maschinen ins Werk nach Hainburg transportiert wurden, sei der Stadtpolitik die Bedeutung des Standorts für die Stadtentwicklung schlagartig klar geworden.

Robert Bauer, Organisationsentwickler an der Uni Linz, verfasste im Auftrag der Stadt eine erste Vorstudie. Fazit: An dem 80.000-Quadratmeter-Projekt überhebe sich eine Stadt mit 200.000 Einwohnern, es sei denn, die Verwandlung laufe in kleinen Schritten ab. Diesen Rat nahm sich die Stadt zu Herzen. Bauer wurde neben Finanzstadtrat Mayr zu einem Mitglied der Steuerungsgruppe der Tabakfabrik ernannt.

In fünf bis sieben Jahren könnte das Areal vom Rand ins Zentrum rücken. Der im Osten des Linzer Stadterweiterungsgebiets angesiedelte Kulturspielplatz soll spätestens dann durch eine zweite Straßenbahnlinie erschlossen sein. Entlang der Achse, die im Süden vom Design-Center und im Norden von der Tabakfabrik begrenzt wird, sammeln sich Krankenhäuser und neu errichtete Wohnbauten. In die Idee einer städtischen Aorta, welche die großen Kultureinrichtungen entlang der Donau miteinander verbindet, fügt sich die Tabakfabrik wie ein Bindeglied zum Hafengebiet und weiter bis zum Stahlwelt-Museum der Voest ein.
Für Stadtentwicklung im großen Stil fiel der Industriekomplex allerdings zehn Jahre zu spät an Linz. Die Metamorphose von der Stahlstadt zur mittleren Kunst- und Kulturmetropole ist weit fortgeschritten – wenn auch nicht vollzogen. Der Kulturcharakter, den sich Linz anzueignen versucht, entfaltete sich erstmals mit Nachdruck im Hauptstadtprojekt Linz 09. Die teuren, von der öffentlichen Hand finanzierten Bauten – vom Lentos Kunstmuseum an der Donaulände über das Ars Electronica Center und den Wissensturm vis-à-vis vom Bahnhof bis zur Bruckner Universität und zum Musiktheater – sind längst fertiggestellt. „Zusätzlichen Bedarf“ kann Stadtplaner Amesberger nicht orten.

Derzeit bemüht man sich, eine Bildungseinrichtung auf das Gelände zu locken. Die Kunstuniversität, lange Zeit ein Kandidat, baut nun doch ihren jetzigen Standort am Brückenkopf aus. Neu im Gespräch: Die Master-Lehrgänge der HTL Goethestraße könnten in die Tabakfabrik übersiedeln. Fest stehen im Moment nur jene vier Säulen, auf denen das Quartier einmal ruhen soll: Kreativität, Arbeit, Soziales, Bildung.
„Bessere Architektur, besseres Design, bessere Arbeitsformen: In der Tabakfabrik soll all das stattfinden. Sie soll ein Ort werden, an dem das wahre Leben spielt“, sagt Chris Müller. Alltag ist von Kunst bekanntlich nicht immer scharf zu trennen. Als bildender Künstler begeistert sich der Oberösterreicher für das Konzept der sozialen Plastik nach Joseph Beuys. „Wegen Umbaus geöffnet“ – so könnte laut Müller das mögliche Motto des Wandlungsprozesses der Tabakfabrik lauten.

Kapuzen-Sweater und Turnschuhe
Patrick Bartos ist der erste Mieter, der in die Tabakfabrik einzog. Der Geschäftsführer von Creative.Region, einer Initiative, die der Kreativität in Oberösterreich mit Schulungen, Beratungen und Coaching auf die Sprünge helfen will, trägt Kapuzen-Sweater und Turnschuhe, und er arbeitet in einem 100-Quadratmeter-Büro, in dem der Einbauschrank auf Rollen steht und als verschiebbare Zwischenwand dient. Der studierte Jurist und Ökonom mit einem Doktorat in Kulturwissenschaften unterzeichnete einen Mietvertrag für fünf Jahre. Wenn es nach ihm geht, ist er im Juli 2011 gekommen, um zu bleiben: „Wir sind Zwischennutzer, die sich auf Dauer einrichten.“

Mitte nächsten Jahres möchte Bartos in die „Banane“ umziehen, in jenen Gebäudeteil, wo einst die Zigarettenfabrikation untergebracht war. Damit wird der Unternehmer gleichsam auch seiner eigentlichen Zielgruppe näher rücken, für die Bartos mit seinen Kolleginnen gerade einen 1000 Quadratmeter großen Co-Working-Space plant: Kreativunternehmer aus unterschiedlichen Bereichen sollen hier ebenso Büro- und Arbeitsgemeinschaften auf Zeit vorfinden wie Start-up-Unternehmen, die einer Finanzierung harren. Bartos zählt zu den Pionieren, die sich – ganz im Sinne Chris Müllers – bei der Entwicklung des Riesenareals einbringen: „Man darf es ja nicht als geschlossenes Ganzes betrachten, ein Teil davon muss fürs Experimentieren reserviert bleiben, dann kann es daneben auch so genannte corporate boxes geben. Wichtig ist, dass die Mischung gelingt.“

„corporate boxes“ sind laut Bartos eine Art Synonym für „normales Büro“. Reibereien zwischen „Corporates“ und „Crea­tives“ seien dabei nicht auszuschließen, der Konsens laute jedoch, dass aus der Tabakfabrik buchstäblich Großes werden soll: „Da wäre man doch schön blöd, wenn man die Creatives nicht wachsen lassen würde“, findet Bartos.
Selten enden die Geschichten von leer stehenden Industriebauten als Erfolgsstory einer Gentrifizierung. Bartos fällt der Zollverein Essen ein, der „im Nowhere-Land“ versande. Im Vergleich dazu habe die Linzer Tabakfabrik die eindeutig besseren Karten. Immerhin zählt Linz zu den wenigen Städten in Europa, die mehr Arbeitsplätze als Einwohner aufzuweisen haben.

„Unser Glück ist, dass diese Fabrik eine Aura besitzt, die ohne viel Werbung Menschen anzieht“, schwärmt Finanzstadtrat Mayr. Erst kürzlich sei jemand mit einem Konzept für einen so genannten EPU-Park bei ihm vorstellig geworden: „Er hat gesagt, 40 Interessenten für Einzelperson-Unternehmen hat er an der Hand, 80 könnten es locker werden.“
2013 will Chris Müller mit der Schlüsselübergabe symbolisch Ernst machen. Die Linzerinnen und Linzer sollen dann via Postwurf erfahren, dass das Areal der Tabakfabrik an sie zurückgegeben wurde. Was den Wienern die Enzis im Museumsquartier sind, sollen den Linzern die Sessel und Bänke der „Familie Binder“ werden. Die Baupläne für die via Open Design entwickelten und mit Kabelbinder zusammengesetzten Möbel sind im Internet erhältlich. Die Sitzgelegenheiten nachzubauen, ihr Design zu verändern ist ausdrücklich erlaubt.

Mit Wehmut erinnert sich Ex-Tabak-Vorstand Beppo Mauhart an das Kesselhaus im Innenhof zurück, dessen Schornstein ihm stets wie eine „riesige Skulptur“ erschienen sei: „Hoffentlich wird er nie abgerissen.“
Das wird Chris Müller wohl zu verhindern wissen. In einem Tagtraum Müllers spielt das Bauwerk eine tragende Rolle. Besucher kommen darin am Linzer Bahnhof an und steigen in ein Taxi: „Zum Hauptplatz, bitte!“ Der Fahrer dreht sich zu seinen Fahrgästen um: „Zu welchem? Pestsäule oder Schornstein?“

Bananen-Bau
Anno 1929 wurde die Errichtung der Zigarettenfabrikation in Angriff genommen. Der damals größte Stahlskelettbau des Landes, für dessen Grundkonstruktion 3000 Tonnen des massiven Materials verarbeitet wurden, schrieb Architekturgeschichte. Der Autodidakt Peter Behrens war für die Planung zuständig, sein Kompagnon Alexander Popp überwachte die Ausführung. Popp war einer der begabtesten Schüler der Wiener Hochschule für Bildende Kunst, an der Behrens 1922 die Meisterklasse für Architektur von Otto Wagner übernommen hatte. Unter den ersten Bauwerken des damals aus dem Boden gestampften Linzer Tabakareals firmiert jenes Gebäude, in dem bis 2009 Zigaretten erzeugt wurden und das als „Banane“, seiner geschwungenen Südfront wegen, bekannt ist. Das Fabrikgebäude zog Generationen von Architekturstudenten in seinen Bann, gilt es doch als einer der beachtlichsten Industriekomplexe der internationalen Moderne. Mit seinen 226 Metern Länge, 16 Metern Breite und 28 Metern Höhe kommt es auf eine Nutzfläche von insgesamt 30.000 Quadratmetern; allein die Fensterbreiten ergäben aneinandergereiht eine Strecke von rund drei Kilometern.

Buchtipps

Meinrad Ziegler, Waltraud Kannonier-Finster: Ohne Filter. Studien Verlag, 290 Seiten, EUR 28,90

Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Pustet Verlag, 220 Seiten, EUR 19

Hermann Steindl: Die Tabakfabrik Linz. Trauner Druck, 2010, 78 Seiten.