Flüchtlingsprotest in der Votivkirche: Glaube, Liebe, Hunger

Flüchtlingsprotest in der Votivkirche: Glaube, Liebe, Hunger

Cricket-Spiele, Taliban-Bomben und der Traum vom Fotografieren: warum der junge Pakistani Muhammed Mustafa Syed in der Wiener Votivkirche zu essen aufgehört hat.

Es wirkt wie ein bitterer Scherz, dass sich Muhammed Mustafa Syed an die Kälte gewöhnt haben will. Seine Hand fühlt sich an wie ein gefrorener Knochen. Der junge Pakistani ist unter den Flüchtlingen in der Wiener Votivkirche einer der Stillen. Er ist niemand, der den Blick der Presseleute sucht.
In der muffigen Kammer hinter der Sakristei, die als Kleiderablage dient, klappt er einen alten Laptop auf und sucht das Bild von seinem Elternhaus. Ein Schacht in der Erde, rundherum Schutt, mehr soll von dem Gebäude, den Bäumen davor und der Straße, auf der er als Bub gespielt hatte, nicht übrig sein. „Hier ist er als ältestes von sechs Geschwistern aufgewachsen“, sagt der Dolmetscher.
Der Vater, ein Nachfahre der alteingesessenen Sippe der Syed, wachte über Hausaufgaben und religiöse Pflichten. Der Erstgeborene zeigte ein Faible für Mathematik und Biologie, aber noch lieber war ihm Cricket. Bei jeder Gelegenheit stahl sich der Bub aus dem Haus, um mit anderen Kindern zu spielen.

Gewehre aus Holz
Es muss in seinem Leben also auch unbeschwerte Zeiten gegeben haben. Vielleicht waren es die Jahre, in denen die größte Kränkung darin bestand, an der Hand des Vaters, eines Lehrers für islamische Religion, in die Schule zu gehen und dafür geneckt zu werden. Die Buben aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan mimten große, tapfere Männer. Sie bastelten Gewehre aus Holz und zogen gegeneinander ins Feld. Mustafa träumte davon, einer von den „special military commanders“ zu werden, die ihm in den Actionfilmen imponierten. Er war 15, als das Leben Ernst machte. Die Region, in dem das Dorf seiner Kindheit lag, war zum Rückzugsgebiet militanter Taliban geworden.

Neun schiitische Familien lebten hier in ihren Häusern, erzählt er. 2007 fuhren Bewohner auf dem Weg in die Stadt in eine Straßensperre und kehrten in Panik um. Sunnitische Taliban verfolgten sie und drohten, ihre Häuser niederzubrennen. Die Männer holten Verstärkung, auch die Taliban rückten mit Unterstützern an. Die Erwachsenen kämpften mit echten Waffen. 15 Menschen verloren ihr Leben, unter ihnen zwei von Mustafas Cousins, mit denen er Cricket gespielt hatte.
Seine Familie flüchtete in die Stadt Parachinar. Mustafa hatte im Geschäft eines väterlichen Freundes fotografieren gelernt. Nun eröffnete er ein eigenes Geschäft. Er vergrößerte Schnappschüsse, knipste auf Geburtstagsfesten und avancierte zum Hausfotografen der Armee. An manchen Tagen ließen Hunderte Soldaten ein Passfoto von sich machen. Muhammed Mustafa Syed verdiente gut, er schaffte sich einen Lkw an und betrieb nebenbei auch noch ein Speditionsgeschäft.
Alles schien sich zum Guten gewendet zu haben, als die Taliban erneut zuschlugen: Sie zerstörten seinen Lastwagen und töteten den Fahrer. Sein Fotostudio wurde bei einem Bombenattentat bis auf die Grundfesten zerstört. Auch davon gibt es Fotos. 2010 versuchte der junge Pakistani in der Hauptstadt Islamabad neu anzufangen. Nach einem Monat stellte ihn der Fotograf, bei dem er Arbeit gefunden hatte, auf die Straße. Taliban hatten gedroht, seinen Laden dem Erdboden gleichzumachen, sollte er den Schiiten weiter beschäftigen. Mustafa sagt, damals habe er beschlossen, sein Land zu verlassen: „Ich habe keine Zukunft gesehen.“

"Aufenthalt, Arbeit, Menschenrechte"
Nun steht sein Name auf der Liste der Hungerstreikenden. Wie eine Papyrusrolle schlängelt sie sich von einer Säule der Votivkirche. Offiziell verweigern 40 Flüchtlinge seit Weihnachten die Nahrung. Die Caritas-Betreuer glauben, dass der harte Kern auf weniger als die Hälfte zusammengeschmolzen ist. Fragt man Muhammed Mustafa Syed, was er erreichen will, sagt er, was die meisten hier sagen: „Legalen Aufenthalt, Arbeit, Menschenrechte.“

Es ist die knappste Version der vielen Forderungen, die im Kirchenschiff herumschwirren. Auf der Homepage des „Refugee Protest Camp“ blieben von über einem Dutzend Punkten sechs übrig (siehe Infobox). Sie sind das Ergebnis der Praxis, Asylwerber in entlegenen Quartieren unterzubringen, ohne Arbeit und Zukunftspers­pektive.
Monate zuvor waren in Deutschland, Frankreich und Holland Hunderte Flüchtlinge losmarschiert, um auf öffentlichen Plätzen zu kampieren, Schulen und Kirchen zu besetzen und ihren Anliegen mit Hungerstreiks Nachdruck zu verleihen. „Es war eine Frage der Zeit, bis die Protestbewegung überspringt“, meint Christian Schörkhuber von der Volkshilfe Oberösterreich.

Getragen wird sie von Menschen, die wenig zu verlieren haben. Es ist kein Zufall, dass das Gros der Flüchtlinge, die in der Wiener Kirche ihre Schlafsäcke ausgerollt haben, pakistanische Asylwerber sind. Fast 1000 suchten 2011 um Asyl in Österreich an, aber nur einer von hundert bekommt es.

Muhammed Mustafa greift sich mit klammen Fingern an seine Kunstfellmütze und schüttelt den Kopf. Er hat die Übersicht verloren, wie es um sein Verfahren steht. Mehr als alles andere bedrückt ihn, nicht für seine Familie sorgen zu können. Seine Tochter ist zwei Jahre alt. Seine Eltern sind nicht mehr die Jüngsten. 5000 Kilometer von ihm entfernt drängen sie sich in einem Zelt am Rande der Stadt zusammen, weil das Lehrergehalt seines Vaters nicht mehr für die Miete reicht. Er weiß, dass es jetzt auch in Parachinar Minusgrade hat.
Am 25. Juli 2011 hatte Muhammed Mustafa Syed sich dort in ein Auto gesetzt und war, ausgestattet mit einem Visum für den Iran, losgefahren. Eine Woche später war er mit dreißig Menschen, die er nicht kannte, über die grüne Grenze in die Türkei marschiert und nach einem Zwischenstopp in Istanbul nach Griechenland gelangt. Bis dorthin hatten die Dienste des Schleppers gereicht. Für den Weg nach Österreich musste er einen neuen finden.

Zug nach Traiskirchen
Es ist eine kalte Septembernacht, als er in Wien aus einem Container klettert. Er steht an der Philadelphiabrücke und nimmt den nächsten Zug ins Flüchtlingslager Traiskirchen, wie man es ihm geraten hat. Von dort aus schiebt man ihn durch die Quartiere: Bad Kreuzen, Annaberg, Grafenbach. Als ihm ein Freund von demonstrierenden Flüchtlingen erzählt, ist er sofort dabei: „Ich habe gehört, dass Pakistani in Österreich keine Chance haben. Dagegen will ich etwas tun.“
Jeden Tag stecken die Flüchtlinge in der Kirche ihre Köpfe zusammen. Es gibt Spannungen, mühsam errungene Kompromisse, Zusammenbrüche. Die Caritas und das Innenministerium warfen Aktivisten vor, die Flüchtlinge für ihre politischen Zwecke einzuspannen. Die Wütenden macht das noch wütender. „Man soll uns Schutz geben oder unsere Fingerabdrücke löschen, damit wir in ein anderes Land gehen können. Sonst bleiben wir hier, bis wir sterben“, sagt einer.

Gleichzeitig bemüht sich das Innenministerium, Druck herauszunehmen. „Es gibt das Angebot auf Übernahme in die Grundversorgung, wo das rechtlich möglich ist. Konkreten Beschwerden über Unterkünfte wird nachgegangen“, sagt Sprecher Karl-Heinz Grundböck. Die Caritas signalisiert anhaltende Einsatzbereitschaft: „Wir betreuen weiter. Die Angebote – Einzelberatungen und Quartiere – liegen am Tisch. Wir können niemanden zwingen, sie anzunehmen. Aber wir schauen nicht zu, wenn Leute sterben“, sagt Caritas-Sprecher Klaus Schwertner. Der grüne Menschenrechtssprecher Klaus Werner-Lobo will dazu beitragen, „dass die Flüchtlinge politisch ernst genommen werden“.
Vor ein paar Tagen kippte Muhammed Mustafa Syed um und kam ins Spital. Seit er zurück ist, trinkt er heiße Suppe und Tee. Seine Hose sitzt jeden Tag lockerer, wenn er aufsteht, wird ihm schwarz vor den Augen. Seine Eltern dürfen das nicht wissen. Sie ließen ihn mit großen Hoffnungen nach Europa ziehen. Alle paar Wochen gehen sie in Parachinar zu einem öffentlichen Telefon, um seine Stimme zu hören. Er wird ihnen beim nächsten Mal wieder das Übliche erzählen: „Es geht mir gut. Ich habe Freunde. Ich gehe viel spazieren.“ In verzweifelten Momenten erinnert er sich daran, dass sie „viel mehr leiden als ich“.

Die Flüchtlinge in der Votivkirche stecken in einem Dilemma. Für Einzelne ist die Tür einen Spalt weit aufgegangen. Aber sie haben nicht vergessen, dass sie von geistlichen Würdenträgern, Medienleuten und der Innenministerin erst beachtet werden, seit sie in der Kirche frieren und hungern. Was passiert, wenn sie wieder essen und in ihr Leben hinaustreten?
Viele wirken erschöpft und verwirrt. Die Gruppe ist gespalten. Fast alle haben Angst, die öffentliche Aufmerksamkeit könnte schneller verfliegen, als sie ihre Schlafsäcke einrollen können.
Muhammed Mustafa Syed achtet darauf, das Gotteshaus sauber zu halten. Es sei ein „heiliger Ort“, und er glaube daran, dass die Flüchtlinge hier erhört würden. Es ist auch ein guter Platz für seinen Traum, wieder als Fotograf zu arbeiten. Eine Unterstützerin half dem jungen Pakistani, ein Fotostudio zu improvisieren. Gegenüber dem Schlaflager spannten sie ein weißes Leintuch auf und stellten einen Sessel davor. Danach bat Muhammed Mustafa Syed einen Flüchtling nach dem anderen, Platz zu nehmen. Er machte Passbilder von ihnen, so wie früher, als er noch Soldaten ablichtete. Das war ein einträgliches Geschäft. Vergangene Woche half es ihm, die Kälte und den Hunger für eine Weile zu vergessen.

Infobox

Fordernde Flüchtlinge
Was Asyl- und Menschenrechtsexperten von den Anliegen der Asylwerber halten.

"Das meiste ist grundvernünftig.“ Christoph Riedl, Leiter des Flüchtlingswerks der Diakonie, spricht über die Forderungen der Flüchtlinge in der Votivkirche. Von mehr als einem Dutzend Punkte sind auf der Homepage des „Refugee Protest Camp“ sechs übrig geblieben. Hinter einigen steht auch die Diakonie. Beispiel Grundversorgung: Sie wurde 2005 für alle Asylwerber eingeführt. In Tirol und Wien bleibt sie auch nach einer rechtskräftigen Ablehnung aufrecht, bis die Betroffenen ausreisen oder abgeschoben werden.

Anderswo, etwa in Niederösterreich, werden Menschen mit rechtskräftig negativen Asylbescheiden auf die Straße gestellt. Unter ihnen auch viele Pakistani, die nicht abgeschoben werden können, weil die Botschaft kein Heimreisezertifikat für sie ausstellt. Riedl: „Lösen ließe sich das, indem man die Grundversorgung so auslegt, wie sie gemeint war.“ Nichts anderes verlangen die Flüchtlinge in der Votivkirche. Schon seit Langem fordern Asylexperten zudem, die Sätze anzuheben: Sie liegen mit monatlich 220 Euro für Mietkosten für eine Familie, 110 Euro für eine Einzelperson, dazu 180 Euro für Verpflegung pro Erwachsenen, 80 Euro für Minderjährige weit unter der Mindestsicherung. Ein Kind muss mit 2,5 Euro am Tag überleben. „Viel wäre auch bereits gewonnen, dürften Asylwerber nach sechs Monaten arbeiten“, sagt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch. Ein Erlass des ehemaligen Wirtschaftsministers Martin Bartenstein aus dem Jahr 2004 erlaubt den Asylwerbern nur Saisonarbeit. Weil EU-Bürger bevorzugt werden, haben sie neben Ern­tehelfern und Küchenhilfen aus Polen oder Rumänien aber kaum Chancen. Dazu kommt, dass Asylwerber das Bundesland, dem sie zugewiesen sind, nicht verlassen dürfen. Verdienen sie mehr als 110 Euro, fliegen sie erst recht aus der Grundbetreuung. Probleme gibt es auch bei Minderjährigen. Sie dürfen zwar eine höhere Schule besuchen, aber keine Lehre machen. „Da kann man vielen zuschauen, wie sie über die Jahre zum Nichtstun verdammt sind und verfallen“, klagt Riedl. Zu den angeblich utopischen Forderungen zählt der Stopp von Abschiebungen nach der Dublin-II-Verordnung. Doch selbst hier haben die Flüchtlinge in der Votivkirche prominente Fürsprecher an ihrer Seite. Manfred Nowak, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte, fordert seit Jahren eine Reform des Regelwerks.

Foto: Michael Rausch-Schott für profil