Franz West: Gezerre um den Nachlass

Franz West: Gezerre um den Nachlass

Um den Nachlass des im Vorjahr verstorbenen Bildhauers Franz West herrscht skurriles Gezerre. Eine Ausstellung im Wiener ­Museum moderner Kunst veranschaulicht die Gründe dafür.

In den letzten Jahren seines Lebens war Franz West kaum je allein in der Öffentlichkeit anzutreffen. Flanierte der Wiener Künstler durch Galerien, umschwirrte ihn meist ein Grüppchen wechselnder Personen, das bisweilen maliziös mit der Bezeichnung „Hofstaat“ bedacht wurde. Aus seinem nächsten Umfeld bezog der vielfach ausgezeichnete Bildhauer und Collagekünstler ebenso Inspiration wie aus philosophischen Texten, die er sich zumeist ausschnitthaft erarbeitete.

So weiß etwa die Kunsthistorikerin Eva Badura-Triska zu berichten: „West forderte Leute aus seinem Umkreis heraus, Dinge mit ihm gemeinsam zu erarbeiten. Seine Kunst ist durch eine besondere Offenheit und die permanente Suche nach einem Dia­log gekennzeichnet“, so die Kuratorin, die dem im 66. Lebensjahr an Gelbsucht verstorbenen Wiener nun eine groß angelegte Nachlass-Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok) ausrichtet (siehe Kasten). Der Künstler Andreas Reiter Raabe, der mit West 20 Jahre lang befreundet war – seine Arbeiten sind aktuell in der Wiener Galerie Charim zu sehen –, erinnert sich: „Die Kollaboration, der Austausch mit anderen Künstlern – das war für West wie Eigenblutdoping. Es war, als hätte er sich dadurch selbst unentwegt erneuert.“

Austausch, Gedanken, Erinnerungen
West zählt heute zu den international bedeutendsten österreichischen Künstlern. Bekanntheit erlangte er einst mit seinen „Passstücken“, mit denen er das Publikum zu hantieren einlud, mit seinen Diwans und Stühlen sowie mit anarchisch ­wuchernden, knallbunten, wurstartigen Skulpturen. Weniger bekannt, dafür signifikant für Wests Arbeitsmethode sind die so genannten „Reflektoren“, kleine Objekte, die der Künstler bei Treffen mit Bekannten auf den Tisch legte – und die das Gespräch in Gang bringen sollten. Auch hier offenbart sich Wests Vorliebe für den unaufhörlichen Austausch von Gedanken und Erinnerungen.

Die Liste der Personen, mit denen er künstlerisch zusammenarbeitete, würde wohl das Telefonbuch einer mittelgroßen Gemeinde füllen. Darunter finden sich international bedeutende Namen, Kunstmarkt-Stars wie Anselm Reyle oder der ebenfalls im Vorjahr verstorbene Aktionsextremist Mike Kelley. Mit heimischen Größen – darunter Heimo Zobernig, Peter Kogler und der Künstlergruppe Gelitin – werkte West ebenfalls an gemeinsamen Kunststücken; aber auch nahezu unbekannte Kollegen zogen die Aufmerksamkeit des Netzwerkers auf sich. Viele von Wests Kunst-Kollaborateuren schienen aus dem Nichts zu kommen und, nach Erledigung der gemeinsamen Arbeit, wieder dorthin zu entschwinden.

Nicht zuletzt tauschte Franz West mit zahlreichen Kollegen Kunstwerke aus – und baute so über die Jahre eine überaus heterogene Sammlung auf. Auf Renommee achtete er auch hier, seinen künstlerischen Kooperationen vergleichbar, allenfalls am Rande: West besaß Werke von Maria Lassnig, Michelangelo Pistoletto, Martin Kippenberger und Jason Rhoades, aber ebenso Objekte von No-Names. Einen Ausschnitt davon präsentierte West der internationalen Kunstöffentlichkeit 2011 in jenem Pavillon, den er auf der ­Biennale Venedig installierte. Damals übersiedelte er seine Atelierküche, in der sich im Lauf der Jahre viel Kunst angesammelt hatte, kurzerhand in die weitläufigen Räumlichkeiten des Ausstellungsgeländes.

„Franz West agierte und dachte fernab von Hierarchien“, schildert Künstlerkollege Andreas Reiter Raabe. „Er schleuste Künstler geradezu in den Betrieb ein. So waren plötzlich Leute bei einer Ausstellung dabei, die ursprünglich gar nicht eingeladen waren. Das hatte etwas Anarchisches.“
Doch so sehr der einstige Schüler Bruno Gironcolis Freunde um sich scharte, so wenig wollte er die Meisterrolle übernehmen. „Ich finde es schlecht, wenn sich Leute wie der Nitsch, die sich wirklich als Meister sehen, ein autoritäres System aufbauen“, notierte West einmal. Den Beleg dafür erbrachte er 2007 im Rahmen einer Schau im Kunstraum Innsbruck. Er bestückte die Ausstellung vorrangig mit Arbeiten befreundeter Künstlerkollegen, ­seine eigenen Werke standen wahllos im Raum. Auf Fotos wirkt die Ansammlung wie ein exzentrischer Flohmarkt, nicht wie die Einzelschau eines renommierten Bildhauers. Freilich war der heitere Kunsttrödelmarkt nach ihm benannt: „Franz West. Soufflé, eine Massenausstellung“. Im Kunstbetrieb zählt schließlich der Name. Reiter Raabe, der gemeinsam, auf Augenhöhe, mit West Hängelampen produzierte, stellt klar: „Man darf da nichts verwechseln: Natürlich werden diese Lampen als Werke von Franz West gelesen – und nicht als meine.“ An Reiter Raabes Mitautorschaft ändert dies freilich nichts.

Heftige Konflikte
In anderen Fragen, die Wests Nachlass betreffen, herrscht indes seit geraumer Zeit ein skurriles Gezerre. „Einer der interessantesten Beiträge Franz Wests zum internationalen Kunstdiskurs ist die skeptische Reflexion des Originalbegriffs. Allerdings kann da die Frage nach dem Schöpfer hoch kompliziert werden“, analysiert Edelbert Köb, der bis 2010 Mumok-Chef war und nun das Archiv Franz West betreut, dessen wissenschaftliche Leiterin wiederum Mumok-Kuratorin Badura-Triska ist. Das Archiv umfasst inzwischen rund 5500 Katalognummern; irgendwann, so der Plan, soll ein Werkverzeichnis publiziert werden. Was sich bereits jetzt nicht einfach gestaltet: West soll wiederholt Arbeiten aus seiner Frühzeit verleugnet beziehungsweise nicht wiedererkannt haben, erklären Kunsthändler und Sammler. West dagegen stritt dies stets vehement ab.

Andererseits kursierten daneben offenbar West-Fälschungen: Der Künstler soll gerüchteweise sogar fremde Arbeiten spaßeshalber als seine eigenen deklariert haben. Die Etablierung einer „unabhängigen Einrichtung, die Zuschreibungen wissenschaftlich zu klären versucht“, sei daher dringend angeraten, fordert Köb. Das Werk des Künstlers soll dereinst, so der Plan, vom Archiv in Kooperation mit der Privatstiftung Franz West, die kurz vor dessen Tod gegründet wurde, betreut werden: „Eine Zusammenarbeit von Archiv und Stiftung wäre ideal: Während sich Ersteres um die Forschung kümmert, könnte die Foundation ihr Augenmerk auf Wests Ausstellungspräsenz legen.“

Dass Wests Witwe, die Künstlerin Tamuna Sirbiladze, mit den Aktivitäten der Stiftung alles andere als glücklich ist und ihr pure Geschäftemacherei vorwirft, zählt längst zu den offenen Geheimnissen innerhalb der Wiener Kunstszene. Freilich möchte sich auch Sirbiladze nicht offiziell zur Causa äußern.

Zwischen den Protagonisten scheinen aktuell heftige Konflikte zu toben und Gerichtsprozesse anhängig zu sein – die Beteiligten wollen sich dazu freilich nicht äußern. Ines Turian, Wests einstige Mitarbeiterin und Mitglied des Stiftungsvorstands, meint nur: „Leider ist es völlig normal, dass nach dem Tod eines derart wichtigen Künstlers unterschiedliche Vorstellungen davon existieren, wie mit seinem Werk in Zukunft umzugehen ist.“
Für Spannung scheint weiterhin gesorgt. Franz Wests einstiger Hofstaat wird sich wohl noch länger heftig hadernd aufreiben.

Infobox

Kasseler Rippchen mit Chou-Chou
„Franz West zelebrierte nicht die Einzelschöpfung. Ein Kunstwerk war für ihn immer ein Baustein in einem Beziehungsgeflecht“, erklärt Eva Badura-Triska, Kuratorin der Mumok-Ausstellung, „seine Werke suchen den Dialog mit den Rezipienten und werden selbst oft in ­einen solchen mit anderen Arbeiten gesetzt – wie bei den Kombi-Werken, die das Mumok ins Zentrum rückt.“ Gemeinsam mit West begann man kurz vor dessen Tod, die Schau zu erarbeiten. „Wäre West noch am Leben, wäre die Ausstellung letztlich eine Arbeit von ihm geworden“, meint Badura-Triska. Zumindest die Auswahl von rund 30, zwischen 1982 und 2012 entstandenen Objekten konnte man mit dem Künstler noch persönlich besprechen. Daraus wird deutlich, wie der Bildhauer seine Kunst stets neu arrangierte, häufig gemeinsam mit jener von Kollegen: „Kasseler Rippchen“ heißt etwa eine Installation, in der sich Objekte zahlreicher internationaler Künstler treffen, „Chou-Chou“ eine Arbeit, in der West ein knallrosa Wandobjekt mit Stühlen in derselben Farbe kombinierte. Die jüngste Arbeit, ein riesiges Gebilde in Wurstform, wurde von der Franz West Privatstiftung posthum fertiggestellt.

„Franz West. Wo ist mein Achter?“, Museum moderner Kunst ,
Museumsquartier, Wien, Eröffnung: 22.2., 19 Uhr, bis 26. Mai,