„Was in Österreich passiert, interessiert niemanden“

Der Künstler Franz West, dessen Arbeiten das Wiener Impulstanz-Festival bereichern, über seine philosophischen Vorlieben, die Nazis in Wien-Landstraße, über das Dauerlächeln von Jeff Koons und den Vorwurf, Frühwerke aus seiner Hand zu verleugnen.

Interview: Nina Schedlmayer

profil: Demnächst kommen Ihre Skulpturen im Rahmen der Eröffnung von Impulstanz auf die Bühne. Interessiert der Tanz Sie denn?
West: Immer schon, ja – allerdings weniger das klassische Ballett, das ist mir zu spießig und erinnert mich an die Lipizzaner, es hat so etwas Dressiertes. Das Impulstanz-Festival kenne ich seit seinen Anfängen; es gefiel mir damals, weil es etwas Neues war. Dann aber fand ich, es wurde immer schlechter, schließlich interessierte es mich gar nicht mehr. Vor einigen Jahren aber ging ich wieder hin – und entdeckte spannende neue Dinge.

profil: Wie verbindet sich der Tanz mit Ihrer Kunst?
West: Die „Passstücke“, meine Skulpturen, sind ja dazu da, vom Ausstellungsbesucher benutzt zu werden. Um diesen dazu zu stimulieren, ersuchte ich Leute, den Umgang damit auf Video zu demonstrieren. Dann entdeckte ich den Choreografen Ivo Dimchev in einem Einpersonenstück, das verschlug mir den Atem. Über Karl Regensburger, den Impulstanz-Chef, kam die Zusammenarbeit mit Dimchev zustande. Anfänglich war es aber kompliziert; die Kooperation mit einem Choreografen war mir fremd.

profil: Wie lief sie denn ab?
West: Dimchev suchte Werke von mir aus und konstruierte zu jedem eine Art Story, erfand einen Ablauf – mit sieben oder acht Objekten und fünf Darstellern. Es war schwierig, das so durchzuziehen, dass es halbwegs interessant blieb – schließlich soll der Abend fünf Viertelstunden dauern.

profil: Bereits im Vorjahr verwendete Dimchev Ihre Arbeiten für eine Performance. Wie erlebten Sie das?
West: Da waren meine „Passstücke“ zum ersten Mal auf der Bühne. Wenn auf einer Bühne mit Kunst hantiert wird, die man selbst gemacht hat, ist man zunächst sehr befangen. Erst aus einer gewissen Distanz kann man das anders beurteilen.

profil: Sie haben stellvertretend für Ihre Objekte Lampenfieber?
West: Ich frage mich eben: Was macht denn der damit? Ein Regisseur muss mit solchen Situationen umgehen können. Aber ich habe ja einen anderen Beruf.

profil: Dennoch sind Sie darauf eingestiegen.
West: Schon. Irgendwie führten die „Passstücke“ ein Schattendasein. Die Kunsthändler befestigten sie mit einem U-Hakerl am Sockel, damit sie niemand beschmutzt und man sie gut verkaufen kann. Das entfernt sie aber von ihrem Sinn: Schließlich soll der Ausstellungsbesucher damit etwas machen. Manchmal gingen die Leute aber auch brutal damit um; sie dachten, nur weil man die Objekte berühren darf, könne man sie wie einen Fußball behandeln. Wenn ein Tabu wegfällt, neigen manche zur völligen Übertreibung.

profil: Ist die Möglichkeit der Zerstörung, wenn Sie dem Publikum ein Objekt zur freien Verfügung überlassen, nicht inbegriffen?
West: Das ist ein Missverständnis. Das ist, als würde jemand freigelassen werden – und die neue Freiheit furchtbar übertreiben. Als die römischen Sklaven entlassen wurden, feierten sie wilde Feste. Die zuvor gezähmte Energie wurde frei, dann gab es ein Aufbrausen, eine Explosion.

profil: Man hört, Sie beschäftigten sich lange intensiv mit Ludwig Wittgenstein. Lesen Sie seine Texte noch?
West: Wittgenstein interessiert mich überhaupt nicht mehr. Früher hatte ich ein großes Interesse am Rätsel. Als Schüler saß ich viel in Lokalen herum, wo alles ein wenig elitär war und wo man versuchte, eine intellektuelle Rolle zu spielen. Als Wiener sollte man Sigmund Freud und Wittgenstein kennen. Als Autodidakt habe ich für die Wittgenstein-Lektüre lange gebraucht und mich zunächst als minderwertig empfunden, weil ich das nicht gleich verstand. Das war ein Ansporn für mich. Aber jetzt bin ich durch mit Wittgenstein. Es gibt eben Modewellen: In den siebziger Jahren war Wittgenstein ganz stark, dann kam der Hegelianismus – das nächste spanische Dorf.

profil: Zuletzt waren Philosophen wie Giorgio Agamben sehr in.
West: Die kamen aus der alten Schule der Strukturalisten um Jacques Lacan. Das war damals eine Sensation, wurde mir aber im Laufe der Jahre auch widerlich. Jacques Rancière lese ich ganz gern, das ist eine Mischung aus Literatur und Philosophie. Nicht zu streberhaft. Agamben ist mir zu verbohrt, er will irgendwas durchsetzen, stets halb provokativ. Rancière dagegen liest sich gut.

profil: Sie lesen offenbar recht fleißig – dabei lautet Ihr lateinischer Lieblingsspruch angeblich „Mihi otium est“, auf Deutsch: „Der Müßiggang ist mir eigen“.
West: Lieblingsspruch ist das keiner, aber in der Schule – da war ich sehr schlecht, vor allem in Latein – merkte ich mir diesen Satz. Wenn man sich beim Lernen und Aufgabenmachen quälen muss, fragt man sich doch: Was ist das für ein unbekannter Luxus, dieses „otium“? Im antiken Denken war der Müßiggang das höchste Gut. Doch manche der Leute, die diesen pflegen, befassen sich eben intensiv mit Philosophie. Dann ist es wieder aus mit dem „otium“ – und die Streberei beginnt.

profil: Das Strebertum ist Ihnen sehr zuwider?
West: Leider übernimmt man das auch selbst, obwohl: ich vielleicht weniger. Dieses Zwangsmäßige, den Willen, sich zu bewähren, das kann ich nicht leiden.

profil: Beobachten Sie das auch im Kunstbetrieb?
West: Nein, ich beziehe das eher aufs Schülerdasein. Ich glaube, dass in der Kunst kaum jemand das macht, was gerade gefordert wird. Gut, manche stellen Werke her, die der Kunsthändler verkaufen kann, denn wenn dieser das nicht tut, kann er seine Galerie nicht halten. So gibt es natürlich doch genügend Opportunismen.

profil: Sie fördern jüngere Künstler sehr; bei der Biennale in Venedig zeigen Sie derzeit in einer Installation Werke einer ganzen Anzahl von Kollegen. Wie nehmen Sie die aktuelle Kunstproduktion wahr?
West: Man kann kaum noch überblicken, was es alles gibt, das Spektrum ist so groß – was ich nicht schlecht finde. Ich erlebte die Zeit von Joseph Beuys und Andy Warhol, und das war nicht immer angenehm: Viele biederten sich Beuys an. Warhol dagegen konnte man nicht so gut imitieren, das war alles so flach. Jeff Koons behauptet, er wäre sein Nachfolger, aber da bin ich mir nicht so sicher.

profil: Was halten Sie denn von Koons?
West: Ich kenne ihn persönlich ein wenig, er ist eine seltsame Person. Unlängst traf ich ihn in Venedig bei einem Essen. Er erinnert mich an Ronald Reagan, er lächelt immer, und man meint daher stets, er verstelle sich. Ich kenne mich bei ihm nicht aus.

profil: Vielleicht liegt Ihnen ja die Konsumverherrlichung in Koons’ Kunst nicht. Sind Sie nicht Sozialdemokrat?
West: Nicht mehr so sehr. Aber was Besseres gibt es eigentlich nicht, oder? Konservativer bin ich keiner, Kommunist bin ich keiner, Nazi bin ich keiner, hoffentlich. Bleibt also nicht viel. Das mit der Demokratie ist mir mittlerweile auch suspekt – wenn man sich anschaut, welche Trottel das Stimmrecht haben.

profil: Als im Jahr 2000 die FPÖ in die Regierung kam, beteiligten Sie sich an einer Protest-Plakataktion der Secession.
West: Diese Freiheitlichen sind ja wirklich indiskutabel. Es gibt so viele üble Stamm tischbrüder, auch im dritten Bezirk, wo ich mein Atelier habe. Da schaut zwar alles recht schön aus, aber in den Häusern sitzen solche Nazis, habe die Ehre! Das glaubt man gar nicht.

profil: Die Rechtsextremen werden in Österreich leider immer eine gewisse Rolle spielen.
West: Was in Österreich passiert, interessiert eh niemanden auf der Welt. Da gackert zum Glück kein Huhn danach.

profil: In Wien kursieren seit geraumer Zeit Gerüchte: Sie hätten mit Ihrem US-Galeristen Larry Gagosian ein Abkommen, dem zufolge Sie Ihr Frühwerk möglichst klein halten sollen – indem Sie bestreiten, manche Arbeiten selbst gemacht zu haben.
West: Mit Gagosian habe ich gar keine Abmachung.

profil: Es gibt Leute, die das erzählen.
West: Es gibt Leute, die Fälschungen meiner Arbeiten gekauft haben. Die behaupten jetzt, ich möchte das reduzieren. Ich kann aber die Unterschiede zwischen echten und gefälschten Werken aufzeigen. Wir haben die Polizei damit befasst, aber ein Polizist kann so etwas ja nicht beurteilen. Manche hoffen, mit irgendwelchen suspekten Blättern viel Geld machen zu können. Wenn diese wenigstens gut wären! Ich habe selbst genug schlechte Sachen gemacht, vor denen mir heute graust. Aber was mir hier untergeschoben werden soll, ist zu viel.

profil: Sie haben 2006 sogar eine Hausdurchsuchung bei einem Sammler veranlasst, den Sie der Fälschung verdächtigten. Allerdings wurde das Verfahren eingestellt.
West: Da wurden tatsächlich Fälschungen gefunden, aber man konnte aus irgendwelchen Gründen trotzdem nichts dagegen tun. Die Richter sind überlastet. Das ist eine leidige Angelegenheit. Manchmal bekomme ich etwas vorgelegt, dann sage ich, ob es von mir ist oder nicht. Eine Zeit lang war dieses Problem aktuell, aber inzwischen hat es sich beruhigt.

profil: Erst vor wenigen Tagen wurde eine Anzeige gegen Sie eingebracht, weil Sie angeblich erneut eigene Arbeiten nicht anerkannt haben.
West: Wie komme ich eigentlich dazu, kriminalisiert zu werden? Ich habe meine Arbeiten gemacht, und es gibt Werke, die nicht von mir sind – mehr ist dazu nicht zu sagen. Aber vielleicht gelingt es ja noch, mich hinter Gitter zu bringen.