Gaza: Krieg und Spaß auf 360 Quadratkilometer

Die Welt besteht in Gaza aus 360 Quadratkilometern, die ­gelegentlich von einem Krieg ­heimgesucht werden. Über­raschenderweise kann man in dieser Situation auch Spaß ­haben. Doch warum sagen die Palästi­nenser, dass ihre Lage nie schlimmer war als jetzt?

Die bisher letzte größere Militäroperation in Gaza liegt sieben Monate zurück. Die israelischen Streitkräfte nannten sie „Operation Wolkensäule“ und beendeten sie nach acht Tagen mit einer Opferbilanz von ungefähr 200 Toten. Der bisher letzte größere Krieg fand im Winter 2008/2009 statt, Israel taufte die dreiwöchige Invasion des Küstenstreifens damals „Gegossenes Blei“. Auf palästinensischer Seite starben weit über 1000 Menschen, auf israelischer Seite waren es 13.

Gaza bleibt bis auf Weiteres ein Kriegsschauplatz, dafür garantiert die Feindschaft zwischen der islamistischen Hamas und dem Staat Israel. Wenn wieder einmal eine Schlacht vorbei ist, kehrt in dem Flecken Land, der kleiner ist als Wien, dennoch keine Normalität ein. Wie man das, was in Gaza als Friedenszeit gilt, nennen soll, ist umstritten. Die Palästinenser sprechen von „Besatzung“, Israel weist das zurück. Es sei lediglich eine Blockade. Der UN-Menschenrechtsbeauftragte Richard Falk, ein US-Rechtsprofessor, ortet eine „kollektive Bestrafung“ der Bevölkerung durch Israel, weshalb er vergangene Woche des Antisemitismus bezichtigt wurde.

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Ob sie nun bestraft, besetzt oder blockiert werden – niemand will rein nach Gaza, und keiner kommt raus. Wer hier wohnt, muss sich damit abfinden, dass seine Welt nur 360 Quadratkilometer groß ist. Das gilt für das ganze Leben und auch für jenes der Kinder und der Enkel. Wie kommen die Menschen damit zurecht?

„Ich schreie zu Gott!“
Abdelkarim Abu Mahdi ist 76 Jahre alt, und wenn er an seine Heimat denkt, fliegt er ihr in Gedanken entgegen. „Ich schreie zu Gott!“, ruft er theatralisch: „Ich würde dahin zurückkehren und alles hier zurücklassen!“ Doch das, was er sein Zuhause nennt, das arabische Dorf Bayt Tima, gibt es nicht mehr. Das Land, auf dem es stand, liegt jenseits des Begrenzungszauns von Gaza und ist für Abu Mahdi unerreichbar. Seine Beine tragen ihn auch nicht mehr, und so sitzt er im Wohnzimmer im Erdgeschoss seines Hauses auf der Couch und erinnert sich mit Wehmut und Zorn an die Tage vor 65 Jahren, als er nach Gaza kam.

Das war 1948. Der Staat Israel wurde auf dem Gebiet des bis dahin von Großbritannien verwalteten Palästina gegründet, hunderttausende Palästinenser flohen oder wurden vertrieben. Abdelkarim Abu Mahdi war damals zwölf Jahre alt und erinnert sich, dass er an der Hand seiner Mutter abwechselnd rannte und sich versteckte. Zwei Tage lang, dann fielen keine Schüsse mehr. Sie waren in Gaza. Sie hatten nichts mitgenommen und dachten, sie würden nur ein, zwei Tage bleiben. Dann fertigten sie Zelte an und die Männer begannen, Arbeit zu suchen. Abdelkarim half bei Bauern aus.

Er heiratete Khadija, seine um zwei Jahre ältere Cousine, deren Familie gemeinsam mit seiner geflüchtet war. Den Brautpreis werde er zahlen, sobald sie wieder zuhause wären, so lautete die Abmachung.
Khadija Abu Mahdi hat in Gaza fünf Söhne und zwei Töchter zur Welt gebracht. Allen hat sie abends beim Einschlafen von einer Heimat erzählt, die sie bis heute nicht kennengelernt haben. „Ich fühle mich hier nicht wohl“, sagt sie in einer Mischung aus Melancholie und Trotz, während ihre Finger mechanisch mit einer ­Gebetskette spielen.

Wann ist es ihr und ihrer Familie in Gaza am schlechtesten gegangen? „Jetzt“, sagt Khadija, und alle im Raum nicken und stimmen zu. Das ist eine auf den ­ersten Blick überraschende Antwort, denn im Moment ist nicht Krieg, und auch die Armut war schon einmal schlimmer. Die palästinensische Seele empfindet Leid anders, als man es erwarten würde.
Die gesamte Familie Abu Mahdi kennenzulernen, ist eine zeitraubende Angelegenheit. Abdelkarim und Khadija haben insgesamt 58 Kinder, Enkel und Urenkel. Alle wohnen unter einem Dach, einem stattlichen Haus im Flüchtlingslager Jabaliya, nördlich von Gaza-Stadt. Die einstigen Lager sind längst nicht mehr von Städten oder Stadtteilen zu unterscheiden, und das Heim der Abu Mahdis ist im Lauf der Jahrzehnte auf fünf Stockwerke angewachsen. Es steht in einer engen, staubigen Straße, die an einen Friedhof grenzt.

„Wir haben keine Wahl. Die Besatzung regiert das Land“
Finanziert hat es anfangs Abdelkarim, später übernahmen es seine Söhne. Einer von ihnen, Abdelgaber, ist heute 53 und hatte viele Jahre einen Job in Israel, oder, wie er es nennt: „im besetzten Palästina“. Er verlegte Stromkabel für diejenigen, die seine Eltern vertrieben hatten, aber er war froh, ein Einkommen zu haben: „Wir haben keine Wahl. Die Besatzung regiert das Land.“

Als 2005 Israels Premier Ariel Sharon entschied, die jüdischen Siedlungen in Gaza aufzulösen und die Armee aus dem Gebiet abzuziehen, verstärkte die Hamas den Raketenbeschuss auf Israel. Im Jahr darauf siegte die radikal-islamische Partei bei den Parlamentswahlen, vertrieb in einem Bürgerkrieg die bis dahin regierende Fatah-Partei und übernahm die alleinige Kontrolle. Israel erklärte Gaza im September 2007 zum feindlichen Gebiet.

Die Blockade von Gaza begann. Abdelgaber und zwei seiner Brüder verloren wie tausende Palästinenser ihren Job in Israel. Abdelgaber ist bis heute arbeitslos. Missmutig steckt er sich eine Zigarette an.
Das Einkommen der Abu Mahdis ist in den vergangenen Jahren geschrumpft wie das der meisten Familien in Gaza. Die Wirrnisse der großen Politik schlagen sich im Alltag der Menschen nieder – meist zu deren Nachteil, aber nicht immer: Einer von Abdelgabers Brüdern arbeitete unter der Fatah-Regierung als Polizist. Als die Hamas die Macht übernahm, gehörte er zu jener Gruppe von Beamten, die nicht mehr zum Dienst ging. Sein Gehalt bezieht er jedoch heute – sieben Jahre später – immer noch. Da die internationale Gemeinschaft den Boykott der Hamas-Regierung unterstützt, werden die sich verweigernden Ex-Polizisten weiter aus PLO-Geldern bezahlt.

Ein weiterer Bruder Abdelgabers kommt ins Wohnzimmer. Er ist Englischlehrer an einer der vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten betriebenen Schulen. Das bringt ein wenig Geld. Dazu bezieht die Familie seit Jahrzehnten alle drei Monate ein „Notpaket“ der UN: Speiseöl, Zucker, Mehl, Milchpulver und Reis.
So schlagen sich die Palästinenser durch: mit einem, zwei oder drei Einkommen pro Großfamilie, dank der Hilfe der unzähligen privaten und staatlichen Organisationen aus dem Ausland, die Gaza nach Armut und anderen Problemen durchforsten wie kaum eine andere Weltgegend – und dennoch mehr schlecht als recht. In 60 Prozent der Haushalte ist die Lebensmittelversorgung prekär oder bereits unzureichend.
Zwar gibt es in Gaza fast alles zu kaufen – Autos, Handys, Möbel, Fleisch, Obst und Gemüse –, doch die wenigsten können es sich leisten. Die Bauern bleiben auf ihren Waren sitzen und lassen ihre Felder brachliegen. Nur die illegalen Einfuhren durch die Tunnels an der Grenze zu Ägypten florieren, und eine schmale Oberschicht lebt gut dabei.

Gemessen an der Misere ist die Stimmung in Gaza erstaunlich gelassen und lebensbejahend. Abends genießen die Leute die lauen Temperaturen und vertreiben sich die Zeit mit Tee Trinken, Wasserpfeife Rauchen und Backgammon. Jeden Freitag versammeln sie sich vor TV-Geräten in Gasthäusern und Hotels zu „Arab Idol“, der arabischen Version der Castingshow „American Idol“. Ihr Favorit ist Mohammed Assaf, ein 22 Jahre alter Kandidat aus dem Flüchtlingslager Khan Yunis, der zweitgrößten Stadt im Gazastreifen. Sein Spitzname: „Asaroukh“ – die Rakete. Die Jungen sind ausgelassen, klatschen, voten. Nur Alkohol gibt es keinen. Der Hamas mit ihrer strengen Auslegung des Islam passen solche westlichen Unterhaltungsformate gar nicht, doch sie hat es bisher nicht gewagt, den Spaß zu verbieten.

Das Meer gewährt einen freien Blick bis zum Horizont, und das ist in Gaza alles andere als selbstverständlich. Seit dem Abzug der Israelis sind Soldaten und Checkpoints aus dem Stadtbild verschwunden und der Küstenstreifen ist zumindest nicht mehr in sich geteilt. Die Blockade wird von Israel gelegentlich gelockert, wenn auch nie entscheidend. Die Fischerboote dürfen seit vergangenem Mai wieder sechs Seemeilen aufs Meer hinausfahren, anstatt wie vorher nur drei.

Und dennoch stimmen viele Palästinenser in Gaza überein: So aussichtslos wie jetzt war die Lage noch nie.

Cola und Kriegsanekdoten
Im Haus Abu Mahdi wird Coca-Cola in schönen Gläsern mit Stiel gereicht. In ­Anekdoten ziehen die Kriege vorüber. Die Erste Intifada etwa, die 1987 hier in Jabaliya ihren Ausgang nahm, nachdem ein israelisches Armeefahrzeug ein Auto ­gerammt und dabei vier Palästinenser ­getötet hatte. Israelische Soldaten hatten damals das Haus der Familie wegen des Rundum-Blicks vom Dach als bevorzugten Aussichtspunkt ausgesucht. Sie hätten in den Wassertank gepisst und auf Passanten gespuckt, behauptet die Familienrunde. Um die Soldaten wieder loszuwerden, errichteten die männlichen Familienmitglieder eine Mauer auf dem Dach, sodass die Aussicht versperrt war. Die Soldaten rissen sie wieder nieder.
Kriege sind für die Menschen in Gaza wie Dürre für Afrikaner. Sie wissen, dass wieder einer kommen wird, und sie werden versuchen, auch den nächsten unbeschadet zu überstehen. Nur einmal ist das der Familie nicht ganz gelungen.

Am 28. Oktober 2006, einem Samstag, war Ayman, eines von zehn Kindern von Abdelgaber, zur Schule gegangen. Zum Mittagessen kam der Zehnjährige wieder nach Hause, danach traf er Freunde und Geschwister vor dem Haus an einem Mäuerchen beim Friedhof, um zu spielen. Gegen drei Uhr Nachmittag rissen Schüsse und der Lärm von Einschlägen in der Hausmauer Aymans Onkel Hayy aus dem Schlaf. Er rannte nach unten. Ayman war von einem Projektil aus einem israelischen Panzer am Kopf getroffen worden.

Er wurde in ein Auto gepackt und in eine Klinik gebracht, doch die Ärzte konnten wenig tun. Er musste dringend in ein israelisches Spital. Ein Onkel rannte zum palästinensischen Gesundheitsministerium, ein anderer zum palästinensisch-israelischen Verbindungsbüro, ein Dritter besorgte das ärztliche Attest. Zwei Stunden vergingen, dann hatten sie alle Papiere beisammen, und um Mitternacht erreichte der Rettungswagen mit Ayman den Grenzübergang Erez.

Abdelgabers Miene verfinstert sich. „Ich durfte ihn nicht begleiten, weil ich sein Vater war“, sagt er bitter und zündet sich wieder eine Zigarette an. Aymans Onkel Abdel Hayy fuhr mit. Sechs Tage lang bemühte sich Abdelgaber um eine Erlaubnis, das schwerstverletzte Kind besuchen zu dürfen. Dann war es so weit. Im Krankenhaus empfing ihn der Arzt mit der Frage, ob Ayman sein einziger Sohn sei. Da wusste der Vater, dass Ayman nicht überleben würde.

Es war das einzige Mal, dass die Familie in die Nachrichten über den Nahostkonflikt geriet. Sonst hatte sie Glück gehabt und konnte sich aus dem Schlimm-sten heraushalten. Großvater Abdelkarim durfte als einziger Sohn seiner Eltern nicht am bewaffneten Kampf teilnehmen, auch später schloss sich niemand aus der Familie dem Widerstand an.
Bei den Wahlen stimmte nur Aymans Mutter für die Hamas. Inzwischen bereut sie es: „Sie versprachen, die Wirtschaft in Gang zu bringen, aber nichts ist geschehen.“ Das Leben sei zum Stillstand gekommen, klagt sie. Schließlich spricht sie aus, was alle in Gaza denken: „Das Schlimmste ist, dass zur Besatzung auch noch die Spaltung gekommen ist.“

Die Spaltung – damit meinen die Palästinenser den Umstand, dass seit 2006 der Hamas-regierte Gazastreifen und das Fatah-regierte Westjordanland einander feindlich gegenüberstehen. Das palästinensische Volk, das der historische PLO-Führer Yasser Arafat geeint hatte, ist zerbrochen. Alle bisherigen Versöhnungsversuche schlugen fehl.

Diesen Schmerz haben sich die Palästinenser selbst zugefügt. Es ist eine Familienangelegenheit. Darunter leiden sie am meisten.