Eine Figur aus Kakanien

Aus dem sonderbaren Leben des Albert Graf Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein: Vetter des britischen Königs, k. u. k. Botschafter in London, leidenschaftlich ­zugange bei Diners und höfischen Banketten und blind für das Schicksal seiner Landsleute, die vor 100 Jahren beim Untergang der Titanic ums Leben kamen.

Dem Auftritt auf gesellschaftlichem Parkett frönte er mit aristokratischer Verve, aber hätte jemand gewagt, ihn „Graf Ali“ zu rufen, wäre das von ihm wohl nicht einmal ignoriert worden. Jagdgesellschaften, die er entrierte, waren Amüsement für Herrscher. Seinem Verständnis nach dienten derlei Vergnügen der Freundschaft zwischen den Völkern – und natürlich auch dem eigenen Rang und Namen. Den Brief des britischen Königs George V. an „My dear Albert“ legte er fein säuberlich in seine Aktenmappe. König und Königin dankten darin im Sommer 1913 für die Mitteilung, „dass der Erzherzog und die Herzogin es einrichten können, im November für einige Tage Schießen nach Windsor zu kommen“.

Gemeint war die Visite des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, welche Albert Graf von Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein annonciert hatte. Dabei an anderes als das reine Jagdvergnügen auch nur zu denken wäre dem „lieben Albert“ so fern gelegen wie das Tragen seiner ordensschweren Uniform ohne die passenden Handschuhe. Er hatte eine fixe Vorstellung davon, wozu Adel verpflichte. In heiklen Angelegenheiten hieß das, Ohren steifhalten und gleichzeitig schweigen. Ganz so war es nach dem Brief angesagt, den Erzherzog Franz Ferdinand ihm vor der Reise nach Britannien schrieb: „Wie Sie ja wissen, sind mir solche offiziellen Unternehmungen mit Diners, Toasten, Empfängen, Theatern etc. etc. wo man halb krank wird und zu Tode gehetzt wird ein Greul (sic).“ Der k. u. k. Thronfolger pflegte kein besonders enges Verhältnis zu Graf Albert, einmal soll er ihn „unfähig und dumm“ genannt haben.

Durch Zufall ist der Anekdotenfundus dieses Mensdorff (1861–1945), der allseits bekannte Alfons Mensdorff-Pouilly ist ein entfernter Cousin, nun im Haus-, Hof- und Staats­archiv aufgetaucht. Vor genau 100 Jahren wäre es dem Vetter des britischen Königs oblegen, sich als k. u. k. Botschafter einmal ganz direkt für Untertanen seines Kaisers zu verwenden: nach dem Untergang des britischen Luxusdampfers Titanic im April 1912, der 1500 Menschen mit in die Tiefe gerissen hatte, unter ihnen auch 40 Angehörige der Donaumonarchie (profil 4 und 5/2012).

Diplomaten Dutzender Nationen – selbst Japaner waren an Bord gewesen – suchten in den Tagen nach der Katastrophe des 15. April 1912 nach dem Verbleib ihrer Landsleute, Londons Lord Mayor und britische Zeitungen organisierten spontan Spendenfonds. Die politische Spitze in den USA sprach vom „Schock für die zivilisierte Welt“, Britannien war bestürzt ob des Untergangs der vermeintlich unsinkbaren Titanic, zu den Opfern zählten Größen der Gesellschaft dies- und jenseits des Atlantiks.
Und was ließ sich k. u. k. Botschafter Mensdorff angelegen sein?
„Noch immer sehr heiser“, beginnt der Graf sein Tagebuch-Resümee über die Woche des Unglücks. Die nächsten Sätze dienen der Niederschrift gesellschaftlicher Obliegenheiten.
„Montag (... unleserlich) Duc and Duchess de Vendôme mit 18-jähriger Tochter bei mir. Sehr nette freundliche Leute.“ Für Donnerstagabend vermerkt Mensdorff: „diniert Duke of Marlborough“. Es folgt: „Freitag nettes Diner“.

Ans Ende der Nettitessen setzt er eine knappe, distanzierte Beobachtung. „Alles unter dem Eindruck der entsetzlichen (... unleserlich) der Titanic.“
Wie immer hat Mensdorff seine persönlichen Notizen auch dieses Mal nachträglich verfasst. Sie sind mit Sonntag, 21. April, datiert. Es ist der siebente Tag nach der Katastrophe im Nordatlantik, die Titanic-Kommission des amerikanischen Senats hat bereits zwei Tage lang im noblen Waldorf-Astoria in New York Überlebende befragt. London nimmt ebenfalls die offizielle Untersuchung des Unglückshergangs in Angriff.

Der k. u. k Chefdiplomat bleibt im prachtvollen Londoner Botschaftspalais, das er so finanziell anspruchsvoll ausstatten ließ, vergleichsweise ungerührt. Zum Drama seiner Landsleute hat der k. u. k. Generalkonsul kühl nach Wien einberichtet: „Schiffsliste ... enthält zirka 50 Personen mit kroatischen Namen, die als Dritte-Klasse-Passagiere eingeschifft waren.“ Später wird er noch kundtun, die von ihm erwirkten Spendengelder seien sehr ausgiebig, es handle sich „nur um Familien der ärmsten Klasse“.
Albert Graf Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein liegt auch in der Woche darauf die eigene Unpässlichkeit am Herzen. Sein Tagebuch von Sonntag, den 28. April 1912, beginnt wie folgt: „Noch immer mit meinem Hals zu tun. Auch meine Zähne machen mir Sorgen.“

Es folgen „Montag Diner“, „Dienstag bei Trauttmannsdorff gegessen, dann in Rheingold“. Weiter auf dem Programm steht der Besuch bei einem Lord, „immer interessant und angenehm“, „Donnerstag Walküre“, … „Vorgestern großes (… unleserlich) beim König“.

Der damals 51-Jährige mit dem geschwungenen Schnurrbart war eine echte Figur Kakaniens. Wie sehr er sich als Teil der – von Robert Musil ironisierten – kaiserlich und königlichen Welt fühlte, machte er selbst dann noch klar, als diese längst versunken war. Mit blauem Farbstift unterstrich Mensdorff Jahre später in seinen Tagebüchern Bedeutungsvolles: In der Woche des Titanic-Desasters war ihm nur der Besuch der Vendômes einen Unterstrich wert.*

Durch Heirat eines Urahnen mit einer Prinzessin von Sachsen-Coburg anno 1806 war Albert Mensdorff in die Verwandtschaft beinahe aller europäischen Höfe geraten. Dort auf Augenhöhe zu verkehren bedeutete ihm Lebenselixier. Von diversen Diners bewahrte er nicht nur die prächtigsten Menükarten mit Huîtres d’Ostende, gefolgt von Veau à l’Andalouse und Rôti vom Ortolan, in seiner Devotionaliensammlung auf, sondern auch handgezeichnete Skizzen, wer wo – und vor allem, wo er selbst – platziert worden war.

Er saß in der großen Tafelrunde nach der Krönung des russischen Kaisers Nikolaus II. im Mai 1896: Die gedruckte und wegen ihres Umfangs doppelt gefaltete Sitzordnung wies Comte A. Mensdorff den Platz am ­Tischende rechts außen zu, zwischen den Prinzen Heinrich von Liechtenstein und Fürstenberg. Zur Vergewisserung war er später auch hier mit dem blauen Stift aktiv geworden; kräftig ist ein Name unterstrichen, nicht jener des letzten russischen Kaisers, sondern der eigene.

Das Staatsbankett anlässlich der Anwesenheit des französischen Präsidenten in London im Jahr 1913 nahm der österreichisch-ungarische Botschafter auf Tisch eins wahr, als Tischdame war ihm Countess Benckendorff zugedacht, Tischnachbar waren der Prince of Wales mit Princess of Battenberg.

Als die Diners nach dem Sarajevo-Attentat auf den k. u. k. Thronfolger im Juni 1914 von Kriegsangst überschattet wurden, haute der Botschafter des Habsburgerkaisers zum ersten Mal in London kräftig und vernehmbar auf den Tisch. Gesprächspartner notierten Mensdorffs Aussage: „Man wolle in Wien unbedingt den Krieg, da Serbien ,niedergebegelt‘ werden soll.“ Darob heftigst kritisiert, mühte er sich klarzustellen, derlei offene Worte seien nicht seine Art.

Am 12. August 1914 erklärten Großbritannien und Frankreich Österreich-Ungarn den Krieg. Mensdorff hatte davor noch einmal seinen Freund König George V. (den Großvater von Queen Elizabeth) besucht. Ihn Wien warf man ihm mangelndes Rückgrat vor; er habe es nicht geschafft, die Briten von der Berechtigung des Vorgehens der Donaumonarchie zu überzeugen.
Mensdorff und Gefolge wurden ausgewiesen, die britische Admiralität stellte ihnen ein Handelsschiff zur Verfügung. Während der Fahrt nach Genua brachte der britische Marinekapitän einen Champagnertoast aus, es war am Geburtstag des alten Kaisers Franz Joseph. Mensdorff hatte jedwede Feier verboten, er sah darin eine Taktlosigkeit gegenüber der britischen Marine.
Nach dem Tod des alten erinnerte sich der neue Habsburgerkaiser Karl dennoch des Grafen Mensdorff. Zu dessen „lebhaftester Befriedigung“ schickte er ihn Anfang 1917 an die Herrscherhöfe in Nordeuropa. Mensdorff hatte die Kunde von Karls Thronbesteigung zu überbringen. „Politische Fragen wären bei offiziellen Anlässen und Reden oder sonstigen Kundgebungen zu vermeiden“, wurde er instruiert. Mensdorff tat sein Mögliches. Die Kuverts, in denen er Visitenkarten seiner Gesprächspartner sammelte, waren prall gefüllt. Viele Seiten lang berichtete er über seine Eindrücke an das k. u. k. Außenministerium, vom Hofdiner beim norwegischen König etwa: „Alle diese wenig mitteilsamen Menschen äußerten starke Sympathien für die in Norwegen wenig bekannte Monarchie. ... Alle bekunden großen und lebhaften Friedenswunsch.“
Frieden wollte auch Albert Mensdorff. Was am Ende des Ersten Weltkriegs stehen werde, hatte ihn schon vor dessen Beginn schaudern lassen: „Erschütterung des monarchischen Prinzips“ und Beförderung der „sozialistischen Gefahr“.

Auf seiner nordischen Reise wurde er nicht müde, die von Wien mitgegebene Devise zu verkünden: „Defensivkrieg, keine Eroberungen, aber Sicherung unseres Besitzes etc.“ In Kopenhagen sei er nach dem Déjeuner in kleinem Kreise beim Königspaare zur Privatconversation verweilt, meldete er, König Christian spreche „ziemlich unklar und sprunghaft“, habe aber die Vorstellung, könnte der Einfluss der Militärs auf einige Wochen ausgeschalten werden, stünden die Friedensaussichten besser.

Selbst den Spottkommentar einer Kopenhagener Zeitung auf seine Reise nahm Albert Graf Mensdorff zu seinen Akten. Er trat darin als „Graf von Spuckenhausen“ auf, der Übersetzer fühlte sich zur Bemerkung genötigt, das Pamphlet entspringe dem Gedankenkreis des spießbürgerlichen Kopenhageners der unteren Volksschichten.

Mensdorff ließ sich nicht beirren und beendete die Reise wie befohlen. Danach schrieb er für das k. u. k. Außenministerium auftragsgemäß in seinen „Dekorierungsvorschlag“, wer an den besuchten Herrscherhöfen mit Ehrenzeichen zu bedenken sei. Bei manchen ließ er offen, ob sie „Krone oder Nippe“ (Letzteres steht für Tabattieren etc., Anm.) verdienten, für Kopenhagen dachte er dem Leibkutscher Christian Rasmussen den Goldenen Verdienstorden mit Krone zu, und Leiblakei Jens Nielsen sollte eine Goldene Medaille erhalten. Letzteres wurde durchgestrichen und von einem k. u. k. Außenamtsbeamten korrigiert. Er erkannte dem Leiblakeien Nielsen den Goldenen Verdienstorden zu. Ohne Krone.
Der Vorgang ist mit März 1917 datiert. Während Mensdorffs „Dekorierungsvorschläge“ auf den Weg gebracht wurden, warteten in Kroatien Hinterbliebene der Titanic-Opfer immer noch auf versprochene Entschädigung. Mit dem Untergang der Habsburgermonarchie wurden sie in Wien endgültig vergessen.

Albert Mensdorff brachte seine Sammlung ins Familienarchiv der Dietrichsteins auf Schloss Mikulov in Tschechien und dann nach Wien. Laut Forscherin Eleonore Jenicek sah er das Kommende mit Sorge. Am Silvesterabend 1928 schrieb er in sein Tagebuch: „Was soll aus unserem ­armen Wien werden, wenn der dumme Anschluss zu Stande kommt?“ Sechs Jahre später sah er den „Coup de theatre Hitlers gegen uns in ein oder zwei Jahren“.

Er selbst besuchte die britische Königsfamilie noch regelmäßig bis 1938, in Wien lebte er zuletzt mit einem Dienerpaar, bis Ende des Zweiten Weltkriegs nahm er seine Essen in einem Club ein. Das riesige Familienschloss in Mikulov ging in den letzten Kriegstagen in Flammen auf. Laut Freunden ahnte Mensdorff eines: „Dass mit der Vernichtung dieses herrlichen Sitzes auch die glänzende Geschichte dieses ehrwürdigen Namens sein Ende haben und dessen Zukunft dahin sinken könnte.“ Kurz darauf verstarb er nach einem Schlaganfall.

* Mensdorff hat seinen umfangreichen Nachlass inklusive seiner Tagebücher im Jahre 1942 für 10.000 Reichsmark an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien verkauft, wo er allgemein zugänglich ist.