„Große Koalition ist das schlimmste Übel“

„Staberl“ Richard Nimmerrichter über seine Feinde, seine politischen Vorlieben und seine Art von Journalismus.

profil: Ich sag’s gleich: Vor 28 Jahren habe ich eine Anti-Staberl-Broschüre geschrieben, mit hässlichen Zitaten von Ihnen. Sie wurde 10.000-mal verkauft. Ich war selten Ihrer Meinung.
Nimmerrichter: Mir war immer jeder suspekt, der gesagt hat, ich bin stets Ihrer Meinung. Das ist ein unkritischer Mensch, das kann nicht stimmen.
profil: Aber Sie hatten ja auch glühende Fans. Einmal erhielten Sie einen Leserbrief im Versmaß: „Mein innigst geliebter Staberl / oft gehört Dir eins übers Schnaberl, / aber Du bringst Deine Sachen so nett, / dass ich Dir lieber ein Busserl geben tät’.“
Nimmerrichter: Das gehört zum „Musikantenstadl“.
profil: Haben Sie sich als Teil der Unterhaltungsindustrie verstanden?
Nimmerrichter: Eigentlich ja. Ich habe nie geglaubt, dass ich durch meine Arbeit irgendetwas ändere. Das war auch nicht meine Absicht. Die ganze „Kronen Zeitung“ ist ja eher auf Unterhaltung als auf Information ausgerichtet.
profil: Seit fünf Jahren sind Sie jetzt nicht mehr aktiv. Sind Sie altersmilde geworden?
Nimmerrichter: Nein, da hat sich nichts Prinzipielles geändert. Meine Arbeit erforderte ja die Existenz von Feinden. Zum Beispiel war es für mich ein furchtbarer Schlag, als Frau Dohnal von der politischen Bühne verschwunden ist. Heute wären die Bawag oder der ÖGB ergiebige Jagdgründe.
profil: Einige Ihrer Feindbilder habe ich im Archiv gefunden. Über afrikanische Staaten schrieben Sie: „Die locken laufend einen neuen Präsidenten aus dem Busch, dem sie unter Narkose die Schuhe anziehen.“ Ist das nicht rassistisch?
Nimmerrichter: Das ist eine Metapher, die nicht von mir stammt, das hab ich irgendwo gelesen.
profil: Oder: „Die Feministinnen haben irgendwann die Überfuhr verpasst.“
Nimmerrichter: So kann man es durchaus sehen.
profil: Viele Frauen werden es nicht so sehen.
Nimmerrichter: Man hat mich ja auch belehrt, man dürfe nicht „Neger“ sagen. Obwohl das Wort „Neger“ nicht diskriminierend ist, das Wort „Nigger“ ist es. Man muss sagen „Schwarzer“. Aber das ist in Österreich schwierig, weil der Terminus „Schwarzer“ schon anderweitig besetzt ist – zumindest solange es noch eine ÖVP gibt.
profil: Sie haben wenigstens nie behauptet, ein politisch Korrekter zu sein.
Nimmerrichter: Das war nie mein Ehrgeiz.
profil: Sigrid Löffler nannte Sie Anfang der siebziger Jahre in profil „Hausmaster’s Voice“. Hat Sie das gekränkt?
Nimmerrichter: Eigentlich nicht. Wenn man austeilt, muss man auch einstecken können.
profil: Reinhard Tramontana schrieb: „Grandpère terrible“.
Nimmerrichter: Auch in Ordnung.
profil: Oder ebenfalls profil: „Staberl ist das Alpha-Tier unter den Mieselsüchtigen, das alles verbellt, was anders, neu und fremd ist.“
Nimmerrichter: Mich hat nichts getroffen, außer wenn man mich ins Nazi-Eck gestellt hat. Denn ich habe bis zum heutigen Tag keine stärkere Emotion gehabt als den Hass auf das Hitler-System. Ich brauche auch kein Bedenk- und Gedenkjahr. Ich habe Hitler gesehen im Hotel Imperial, ich habe die Verzückung gesehen, besonders bei den Damen. Das war im März 1938, da war ich 17. Wer mich ins Nazi-Eck gestellt hat, den habe ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft.
profil: Sie sind doch immer sehr an der Kante entlanggeschrammt. Einmal haben Sie geschrieben: „Habe ich den Hitler überlebt, werde ich auch den Präsidenten Gross von der Israelitischen Kultusgemeinde überleben.“ Ein obszöner Vergleich.
Nimmerrichter: Wo Sie jetzt sitzen in meiner Wohnung, ist wenig später der Präsident Gross gesessen, und wir haben darüber geredet.
profil: Weitere Textprobe: „Die dritte Generation überlebender Juden hat aus der Holocaust-Geschichte eine Märtyrer-Saga gemacht.“ Eine Saga muss nicht immer stimmen.
Nimmerrichter: Ich erzähl Ihnen was: Ich habe einen Gauermann für die Gauermann-Retrospektive in der Kunsthalle Krems hergeborgt. Daraufhin schrieb ein Advokat im Namen seines Mandaten, der wolle das Bild haben, weil es seinem jüdischen Großvater geraubt worden sei. Aber ich habe das Bild rechtmäßig im Dorotheum ersteigert. Ich habe volles Verständnis für die jüdischen Opfer Hitlers, aber mir fehlt das Verständnis für die Söhne und schon gar für die Enkel. Die dritte Generation will Geld lukrieren. Ich habe für die Enkel kein Verständnis.
profil: Sie waren dann wohl auch gegen die Restitution der Klimt-Bilder an Maria Altmann?
Nimmerrichter: Wenn jemand Bilder rechtmäßig vererbt oder verschenkt, dann muss das in einem Rechtsstaat eingehalten werden. Hitler hat ja nicht nur Juden verfolgt, sondern er hat auch Verbrechen an anderen Gruppen begangen. Aber wir müssen merkwürdigerweise nur Sachen zurückgeben, wenn es sich um Juden handelt.
profil: Die Mehrzahl derer, denen man die Wohnungen ausgeräumt hat, bevor sie umgebracht wurden, waren nun einmal Juden.
Nimmerrichter: Das ist richtig. Aber trotzdem sehe ich keine moralische Berechtigung, dass der Enkel das Bild verlangt.
profil: 1946 erschien in der „Arbeiter Zeitung“ ein großartiger Text von Ihnen unter dem Pseudonym Richard Nilius. Er handelte von einem Oberleutnant Schimmeck, der darauf bestand, bloß ein Pflichterfüller gewesen zu sein. Waldheim haben Sie später verteidigt. Warum?
Nimmerrichter: Weil ich weiß, dass Waldheim kein Nazi war.
profil: Schimmeck vielleicht auch nicht.
Nimmerrichter: Mit dem Wort „Pflichterfüllung“ hab ich auch mein Problem. Ich war ja selber sechs Jahre lang mit dem Reisebüro Hitler unterwegs und dann noch zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Ich habe das nie als Pflicht empfunden, sondern als Unterdrückung, als Vergewaltigung.
profil: Sie kommen aus einer sozialdemokratischen Familie ...
Nimmerrichter: Ja, aus dem zehnten Bezirk in Wien. Mein Vater war Schutzbündler.
profil: Sie sind aber politisch nicht in diesem Lager geblieben. Warum?
Nimmerrichter: Dieser Artikel über den Schimmeck ist in der „Arbeiter Zeitung“ erschienen. Dort war Oscar Pollak Chefredakteur – einer der wenigen Journalisten, die sich der jungen Journalisten angenommen haben. Dann war ich bei „Welt am Montag“. Wir hatten dort einen Verlagsdirektor, dessen einziges Verdienst es war, dass er im Februar 1934 irgendwo aus einem Gemeindebau auf einen Heimwehr-Schädel geschossen hat. Der war völlig ungeeignet. Von dieser Erkenntnis geleitet, habe ich mich gefragt: Taugt diese ganze Ideologie etwas? Die Antwort war für mich Nein, weil sie in dem Wahn lebt, man könnte die Menschen besser machen.
profil: Und das kann man nicht?
Nimmerrichter: Nein. Man kann die Menschen nicht besser machen durch eine politische Ideologie, auch nicht durch Religion. Der Parteigründer Victor Adler stellte fast sein ganzes persönliches Vermögen für Arme und Arbeitslose zur Verfügung, während die Herren Elsner und Verzetnitsch im Penthouse der Bawag wohnen.
profil: Wenn Sie der Ansicht waren, dass Politik die Menschen ohnehin nicht ändern kann – warum haben Sie sich dann zeitlebens damit beschäftigt?
Nimmerrichter: Ich habe nie zu denen gehört, die sagen, Politik interessiert mich nicht. Wir brauchen die Politik, wir brauchen auch politische Parteien. Denn von wem wurde Hitler groß gemacht? Er hatte bei jenen den größten Zulauf, die sagten, die Politik ist pfui. Ich greife da auf Winston Churchill zurück: Die Demokratie ist eine miserable Staatsform – aber ich kenne nichts Besseres. Auch mir ist die parlamentarische Demokratie kein Ideal, aber das kleinste aller Übel.
profil: Sind Sie immer wählen gegangen?
Nimmerrichter: Ja. Ich habe immer gewählt.
profil: Verschiedene Parteien?
Nimmerrichter: Ich habe bis 1956 die Sozialistische Partei gewählt, weil ich gesehen habe, dass die damalige SPÖ die einzige Gruppierung war, die sich gegen die russische Besatzung gewehrt hat. „Die Zeitung, die sich was traut“, der Slogan der „Arbeiter Zeitung“, hat diesbezüglich wirklich gestimmt. Die Schwarzen haben gekuscht, Figl wollte sich arrangieren. Ab Mitte der fünfziger Jahre hab ich mir gedacht: Auch aus dieser Partei, die sich etwas getraut hat, ist eigentlich ein korrupter, machtbesessener Haufen geworden.
profil: Dann waren Sie Wechselwähler?
Nimmerrichter: Ja. Das finde ich auch legitim. Man soll eine politische Partei nicht als einen Hort der Ideologie ansehen, sondern nur als Anwalt materieller Interessen.
profil: Da Sie ein eher wohlhabender Mensch sind, schätze ich, dass Sie danach die ÖVP gewählt haben. Stimmt das?
Nimmerrichter: Ein wohlhabender Mensch bin ich erst durch den unerforschlichen Ratschluss des Herrn Falk geworden, mir eine Gewinnbeteiligung an der „Kronen Zeitung“ zu gewähren, die 1,43 Prozent ausgemacht hat. Die hat dann zum Schluss sechs Millionen Schilling im Jahr gebracht. Falk hatte immer die Befürchtung, dass ich zu einer anderen Zeitung gehe. Aber ich habe nicht immer ÖVP gewählt, ich habe auch gelegentlich den so verteufelten Haider gewählt.
profil: Jetzt ist es heraußen.
Nimmerrichter: Gelegentlich. Zu einer gewissen Zeit konnte ich seine Initiativen nicht mehr nachvollziehen.
profil: Ab wann?
Nimmerrichter: Mich hat zum Beispiel sein Umgang mit Grasser furchtbar gestört, den er zuerst sehr gehätschelt hat und der dann sein Intimfeind geworden ist. Er hat gesagt, Grasser sei ein Spross einer bürgerlichen Familie und habe nie Not gelitten. Er habe daher kein Herz für den kleinen Mann. Da hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis: Das war wie bei den Bolschewiken. Bei denen durfte ein Kulak oder ein Bourgeois nach der glorreichen Oktoberrevolution auch nichts mehr werden. Und das ist doch wirklich ein Blödsinn, dass jemand aufgrund seines Elternhauses nichts mehr werden kann.
profil: Das war der Bruch mit Haider?
Nimmerrichter: Das konnte kein Bruch sein, weil ich ja nie eine enge Verbindung zu ihm hatte. Das war aber gewissermaßen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
profil: Wovon machen Sie heute Ihre Wahlentscheidungen abhängig?
Nimmerrichter: Ich wähle nicht nur jetzt, sondern schon die ganze Zeit so, dass uns das schlimmste Übel – also eine große Koalition – erspart bleibt. Das ist mein politisches Credo. Mir ist alles recht: Schwarz-Grün, mir ist sogar Rot-Grün lieber als eine große Koalition. Für das BZÖ wird es ja wahrscheinlich nicht mehr reichen.
profil: Für wen stimmt man, um eine große Koalition zu verhindern?
Nimmerrichter: Vielleicht werde ich zum ersten Mal nicht wählen. Bei den Schwarzen und bei den Roten gibt es ja starke Kräfte für eine rot-schwarze Packelwirtschaft – Leitl, Pröll, Häupl. Und auch die Frau Burgstaller, die sich nicht entblödet, das sogar durch ihre Kleidung zu dokumentieren. Sie trägt immer schwarze Hosen und rote Blusen.
profil: Das sieht doch hübsch aus.
Nimmerrichter: Nur keine rot-schwarze Packelwirtschaft! Das Instrument der parlamentarischen Demokratie erfordert eine potente Opposition. Wer wäre dann Opposition? Strache und Van der Bellen?
profil: Strache interessiert Sie nicht?
Nimmerrichter: Na, wirklich nicht. Ein reiner Demagoge, ein schlechter Aufguss vom seinerzeitigen Haider.
profil: Dann kommen nur noch die Grünen infrage.
Nimmerrichter: Da bin ich subjektiv. Unlängst war in einer Zeitung ein Bild von Alexander Van der Bellen mit einer Zigarette. Ein Grüner, der eine Zigarette raucht, kommt für mich schon gar nicht infrage. Das ist eines der wenigen Dinge in meinem Leben, wo ich mich zu Intoleranz bekenne: mein Hass gegen die Raucher.
profil: Sie waren 55 Jahre lang Journalist. Drängt es Sie heute noch manchmal, Ihren Senf dazuzugeben?
Nimmerrichter: Überhaupt nicht. Ich habe nie einen missionarischen Fimmel gehabt. Meinen ersten Versuch, mich zurückzuziehen, gab es schon 1985. Dichand redete mir das aus. Ausgestiegen bin ich erst bei meinem dritten Versuch. Wobei ich sagen muss: Das Thema Bawag wäre schon sehr süffig, das sind ja kabarettreife Szenen. Der Elsner, der Zwettler, die Gewerkschaftsfunktionäre, die von all dem nichts verstanden haben. Das ist ja absurdes Theater.
profil: Klingt, als ob Ihnen das Schreiben doch etwas abgehe.
Nimmerrichter: Ich habe die Arbeit sehr gerne gemacht. In meinem Vertrag stand geschrieben, es dürfe nichts gestrichen und nichts hinzugefügt werden. Aber ich empfinde es jetzt schon so, dass eine Last von mir gewichen ist. Das habe ich mir früher gar nicht eingestanden. Ich habe immer gesagt, eigentlich ist das ja zu 99 Prozent Routine. Aber heute genieße ich die Abende im Bewusstsein, dass ich nicht morgen um 11 Uhr meinen Text abliefern muss. Jetzt frühstücke ich dann und wann sogar wieder.
profil: Fürchten Sie sich vor dem Sterben?
Nimmerrichter: Nein. Das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist ein langes Leiden. Beim Genießen kommt mir natürlich zustatten, dass ich gesund bin. Von meinen Altersgenossen bin ich ja einer der wenigen Überlebenden. Leute, die mit mir in der Schule oder beim Militär waren, gibt es nicht mehr. Wenn ich Hiobsbotschaften höre wie: Der liegt im Koma, und der ist schwer krank, fühle ich mich manchmal schuldig, dass ich gesund bin und noch lebe.
Interview: Herbert Lackne