Essen mit Gusenbauer - für 1518 Euro

Wie ein Ex-Sprecher der SPÖ im Auftrag der Telekom Kanzler Gusenbauer umgarnte – gern auch in der gehobenen Gastronomie um 1518 Euro.

Sie hatten einander 2001 kennen gelernt, beinahe zwangsläufig, schließlich war man in der gleichen Branche tätig. Der eine, Peter Hochegger, war damals Teilhaber einer florierenden PR- und Lobbying-Agentur. Der andere, Heinz Lederer, Kommunikationschef der SPÖ in der Ära Viktor Klima, hatte sich gerade als Berater selbstständig ­gemacht. Zehn Jahre später verkehren beide nur noch per Interview. Im Oktober 2011 erklärte Hochegger, er habe Lederer im Auftrag der Telekom Austria (TA) etwa 100.000 Euro jährlich bezahlt. Die ­Gegenleistung sei Kontaktpflege zur SPÖ-Spitze um Parteichef Alfred Gusenbauer und Klubobmann Josef Cap gewesen. Eine Woche später konterte Lederer, Hochegger wolle ihn „anpatzen“, die Summe würde nicht stimmen. Daraufhin empfahl ihm wiederum Hochegger, er möge „in seine Buchhaltung schauen“.

profil liegen nunmehr Auszüge der Buchhaltung von Heinz Lederer vor. Nach Durchsicht von Umsatzsteuerjournalen vor allem des Geschäftsjahrs 2007 ergibt sich ein klarer Befund: Peter Hochegger hat Recht. Die Telekom Austria war einer der stärksten Umsatzbringer des früheren SPÖ-Kommunikationschefs. Und dessen Dienstleistung bestand auch in der Verwertung seiner früheren Position: Lederer legte der TA Kontakte zur SPÖ, und zwar – wie aus den Buchhaltungsunterlagen hervorgeht – vor allem zu Alfred Gusenbauer.

Dass man sich als PR-Mann von Rang im Umgang mit einem Kanzler nicht lumpen lässt, war dem TA-Berater dabei wohl bewusst. So organisierte Lederer für den 2. November 2007 ein Essen im kleinsten Kreis. Die Teilnehmer: er selbst, Alfred Gusenbauer sowie Rudolf Fischer, damals Festnetz-Vorstand der Telekom Austria, mittlerweile Protagonist in den diversen Telekom-Skandalen von manipulierten Börsenkursen bis zu mutmaßlichen Zahlungen an Politiker. Das Lokal: „Kim kocht“, Wiens bestes asiatisches Restaurant, drei Hauben im „Gault & Millau“, dessen Tester regelmäßig die „Küche der Kombinationen, der Aromen, der Frische, der Überraschungen“ loben. Aktuell kostet das fünfgängige Überraschungsmenü 67 Euro plus drei Euro fürs Gedeck.

Die Gäste des 2. November 2007 müssen besonders edle Tropfen („Die Weinkarte erfreut mit großer Vielfalt“, „Gault & Millau“) konsumiert haben, um auf die Endrechnung zu kommen, die in Lederers Buchhaltung unter „Bewirtung Gusenbauer, Fischer, Kim kocht“ firmiert: 1518 Euro brutto.
Das Lokal von Haubenköchin Sohyi Kim dürfte so richtig nach Lederers und Gusenbauers Geschmack sein. Schon am 31. Mai 2007 hatte Lederer ins Restaurant hinter der Wiener Volksoper eingeladen und für „Bewirtung HBK“ (Herr Bundeskanzler, Anm.) 588 Euro bezahlt.

Dank seiner Telekom-Honorare ließen sich derartige Ausgaben leicht finanzieren. Laut eigener Buchhaltung erhielt Lederer von der TA im Jahr 2007 direkt 180.000 Euro und von Hochegger weitere 45.000 Euro. Zum Vergleich: Insgesamt nahm Lederer im Jahr 2007 rund eine Million Euro Honorarumsatz ein. Im Jahr 2008 verbuchte die Telekom in fünf Tranchen insgesamt 110.000 Euro Beratungshonorar für Lederer. Telekom-Vorstand Rudolf Fischer selbst hatte den PR-Vertrag 2002 abgeschlossen. Fischer schied im Jahr 2008 aus dem Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen zwischen Lederer und der Telekom Austria sind mittlerweile beendet.

Gegenüber profil erklärt Heinz Lederer, er habe für jeden Euro Honorar Gegenleistungen erbracht. Über 90 Prozent seiner Tätigkeit hätten darin bestanden, Marktanalysen anzustellen und das Image der Telekom als reinen Shareholder-Value-Konzern zu korrigieren. Auftrag sei es gewesen, Lehrlingsoffensiven und Frauenförderungsmaßnahmen des Unternehmens zu vermarkten. An die opulenten Essen bei „Kim kocht“ erinnert sich Lederer nur vage. Es sei möglich, dass neben Gusenbauer und Fischer noch weitere Personen anwesend waren. Bei derartigen Veranstaltungen sei es nie um Beeinflussungen oder Stimmungsmache gegangen.

Themen zur Erörterung zwischen TA-Management und ­Bundesregierung gab es 2007 ausreichend – von einer möglichen weiteren Privatisierung über die Genehmigung der Übernahme der irischen eTel bis zur Förderung von Breitband-Internet und dem Abbau unkündbarer Telekombeamter. Kein Wunder, dass die TA versuchte, sich der Republiksspitze über diverse Wege zu nähern, und sei es in kurzen Hosen: Wie von „News“ veröffentlichte Telekom-Mails zeigen, wurde angedacht, über Alfred Gusenbauers Joggingpartner, den langjährigen SPÖ-Abgeordneten Rudolf Parnigoni, an den Kanzler heranzukommen.

Die Zielperson selbst will in diesen Jahren nichts von übertriebenen Avancen mitbekommen haben. Alfred Gusenbauer gegenüber profil: „Ich habe mich von der Telekom Austria nicht betreut gefühlt.“ Als Kanzler habe er sehr häufig Abendessen mit Industrievorständen absolviert, die „vieles erzählt und intensiv informiert“ hätten. Für die Telekom sei er nie zuständig gewesen. Die zuständigen Minister Wilhelm Molterer und Werner Faymann seien „auf ihren Kompetenzen gehockt“. An das konkrete Abendessen im November 2007 habe er keine Erinnerung. Das Lokal und seine Wirtin schätze er aber sehr. Und die Starköchin schätzt ihren Promi-Gast. Bei der Nationalratswahl 2002 war Sohyi Kim sogar Mitglied in Alfred Gusenbauers Unterstützungskomitee.