"Harodim": Red Bulls dubioser 9/11-Film

Der von Red Bull produzierte Thriller „Harodim“ lässt alte 9/11-Verschwörungstheorien blühen. Bedient der Film anti­semitische Vorurteile?

Ein Mann mit Mission. Der ehemalige Navy Seal Lazarus Fell bereitet sich auf seinen letzten Auftrag vor: Er täuscht sein eigenes Begräbnis vor und macht Jagd auf jenen Terroristen, der für die Anschläge auf das World Trade Center 2001 verantwortlich war. Lazarus’ Vater Solomon (Peter Fonda), Mitarbeiter des US-Geheimdiensts, zählte damals zu den Opfern. Zum Showdown zwischen Rächer und Extremist, so will es der Verschwörungsthriller „Harodim“, kommt es in einem zum Marterraum adaptierten Wiener Kellergewölbe. Zwischen Lazarus (Travis Fimmel) und dem an die Biografie Osama Bin Ladens angelehnten Terrorfürsten (Michael Desante) entspinnt sich eine Unterhaltung, in der sämtliche Gewissheiten über Anbahnung, Ablauf und Aufarbeitung des Massenmords in New York, Virginia und Pennsylvania infrage gestellt werden. Unterbrochen wird der Dialog von einem Crescendo realer Nachrichtenbilder zur Katastrophe.

„Harodim“ , inszeniert von einem gewissen Paul Finelli, der sich kürzlich noch als Schauspieler in Reinhold Bilgeris Schnee-und-Eis-Drama „Der Atem des Himmels“ durch eine Nebenrolle fror, hat auch sonst einiges mit Österreich zu tun. Das krude Geheimbund-Epos im Gewand eines simpel codierten Thrillers wurde von der Wiener Red-Bull-Tochterfirma Terra Mater produziert. In seiner ersten internationalen Kinoproduktion stürzte sich das Salzburger Getränkeimperium in ein dubioses Unterfangen, das unter anderem unterstellt, die Terrorattacken 2001 seien aus der Unterwanderung der US-Regierung durch den Geheimbund der Freimaurer resultiert. Vor allem aber insinuiert „Harodim“ durch die Namenswahl seiner Protagonisten – Solomon, Lazarus und dessen Sohn Jakob –, dass hinter der Vernichtung des World Trade Center jüdische Drahtzieher steckten.

„Es ist absurd, uns Antisemitismus vorzuwerfen, nur weil der Film mit einem dramaturgischen Kunstgriff arbeitet und mit Symbolen von Geheimbünden wie den Freimaurern oder den Illuminaten spielt“, entgegnet Terra-Mater-Produzent Walter Köhler, einst langjähriger Chef der ORF-Naturfilmreihe „Universum“ und seit 2011 Chefeinkäufer des Red Bull Mediahouse. „Der Freimaurer-Kult basiert auf dem Alten Testament. Der höchste Freimaurer jeder Loge trägt den Namen Solomon. Das ist der einzige Hintergrund der Namensgebung.“

Seinen „aufklärerischen“ Anspruch in Form kritischen Fragenstellens löst „Harodim“, benannt nach den Bewachern jener Arbeiter, die Solomons alttestamentarischen Tempel erbauten und die als Soldatenkaste zu den Gründungsmythen der Freimaurerei zählen, kaum je ein. Der Film behauptet, ein filmisches Kammerspiel mit eindeutigen Motivlagen zu sein – Rache, Wut, Trauer; Folter darf da unhinterfragt als legitimes Mittel der vermeintlichen Wahrheitsfindung dienen. In Wahrheit hat der Film einen missionarischen Sendungsauftrag; tatsächlich ist das einzig Bemerkenswerte an „Harodim“ die Dreistigkeit, mit der hier perfide Botschaften vermittelt werden: Die 9/11-Paraphrase setzt den offiziellen Lesarten der Katastrophe den Vorwurf der historischen Vernebelung und Fehldeutung entgegen – und erweist sich durch ihre tumbe Interpretation der Ereignisse rund um 9/11 selbst als Agent der Gegenaufklärung. „Wir verlangen nicht, dass man uns glaubt. Wir wollen auch nicht, dass man dem Film glaubt“, so Regisseur Finelli. „Die Botschaft des Films lautet: Sei skeptisch und wachsam!“