Hillary Clinton: Mrs. President h. c.

Hillary Rodham Clinton hätte US-Präsidentin werden können – und vielleicht wird sie es ja noch. Ein Eintrag ins Buch der Geschichte ist ihr sicher.

Hillary Rodham Clinton war nicht die erste Frau im Amt der Außenministerin der USA – das war Madeleine Albright. Hillary Rodham Clinton wurde auch nicht die erste Präsidentin der USA – 2008 setzte sich schließlich wieder ein Mann durch. Barack Obama siegte bei den Vorwahlen der Demokraten denkbar knapp und zog am Ende ins Weiße Haus ein. Und dennoch hat Hillary wie keine andere das Bild der Frau weltweit verändert.

Ihr Lebens- und Karriereweg durchlief alle Stationen der Befreiung, die ihr Geschlecht durchfechten musste, ehe ihr am Ende niemand mehr mit der uralten Begründung die Macht streitig machen konnte, sie sei eine Frau.
Hillary Diane Rodham wurde 1947 als Tochter eines Textilgroßhändlers und einer Hausfrau in Chicago geboren, und es dauerte nicht lange, bis sich ihre Begabung zeigte. Sie brillierte in allen Fächern, engagierte sich in der Schulzeitung und machte sich schon als Teenager in der Politik nützlich – als Wahlhelferin für republikanische Kandidaten, denn ihr Elternhaus war konservativ.

"Mutter des Jahres"
Erst als Studentin wandte sie sich wegen des Vietnam-Kriegs und der Bürgerrechtsbewegung den Demokraten zu. Sie hatte 1968 als Teilnehmerin des Parteitags der Republikaner rassistische Tendenzen ausgemacht und sich von der politischen Heimat ihrer Eltern losgesagt.
Hillary Rodham verband ihr Jusstudium in Yale mit politischer Arbeit als Freiwillige im Dienst von Kindern und Armen. 1971 lernte sie Bill Clinton kennen, der wie sie in Yale Jus studierte. Hillary zog es nach Washington, Bill nach Arkansas, wo er Abgeordneter werden wollte. Sie folgte ihrem Herzen und nicht ihrem Verstand, sagte sie später. So landete sie in Arkansas und willigte nach mehreren Anträgen ein, Bill zu heiraten.
Jetzt war sie Ehefrau, und das bedeutete, was Hillary befürchtet hatte: einen teilweisen Verlust ihrer eigenständigen Identität.
Bill erklomm die politische Leiter vom Staatsanwalt bis zum Gouverneur, Hillary gab, wohl oder übel, die Gattin und First Lady, auch wenn sie als Partnerin einer Anwaltskanzlei mehr verdiente als ihr Mann. 1984 wurde sie zur „Mutter des Jahres in Arkansas“ gewählt.

Hillary lehnte sich gegen die Lähmung auf, die ihr die Rolle als Politikergattin auferlegen sollte. Als Bill 1993 das Amt als US-Präsident antrat, war sie die erste First Lady der Geschichte mit einem postgradualen Uni-Abschluss. Sie machte an Bills Seite Politik, was ihr den Beinamen „Lady Macbeth“ eintrug, und scheiterte mit ihrer Idee einer Gesundheitsreform.

Zu diesem Zeitpunkt war Hillary Clinton längst eine Identifikationsfigur für moderne Frauen. Sie war klug, gebildet, selbstbewusst. Sie ertrug die Demütigung der Lewinsky-Affäre und stand zu ihrem Ehemann, der sie mit einer Praktikantin betrogen hatte, die kaum älter war als ihre Tochter. Es herrschte kein Zweifel daran, dass der Part der hintergangenen Gattin nicht ihre letzte öffentliche Rolle sein würde.

Im Jahr 2000 wurde Hillary Clinton zur Senatorin des Staates New York gewählt. Bill trat 2001 als Präsident ab. Hillary siegte 2006 neuerlich und galt als logische Kandidatin für das Weiße Haus – bis sie 2008 gegen Barack Obama verlor. Die „New York Times“ hatte die „brillante, wenn auch gelegentlich harsch klingende“ Hillary als Kandidatin empfohlen: wegen ihres „beständigen, mächtigen Intellekts“ und ihrer „neuen Offenheit, sich zu erklären“. Niemand bezweifelte, dass Hillary Clinton alles hatte, was eine US-Präsidentin haben sollte. Dass ihre Kandidatur scheiterte, war ein historischer Zufall. Hillary blieb es versagt, als erste Frau die Position des „mächtigsten Mannes der Welt“ einzunehmen. Den Weg bis dorthin hat sie dennoch geebnet.

Ihre starke Persönlichkeit und ihr scharfer Verstand haben alle Hindernisse überwunden, die Frauen vorfinden: die traditionellen Rollenbilder, die unsichtbaren Machtstrukturen, die Vorurteile – auch die Babypause und die Mutterschaft. Hillary ertrug die Debatten über ihre Frisuren und über die Frage, ob ihr Image zu wenig weiblich sei, so lange, bis alle Welt das Interesse daran verloren hatte. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN im Mai dieses Jahres sagte sie: „Wenn ich Brillen tragen will, trage ich Brillen. Wenn ich meine Haare nach hinten frisieren will, kämme ich sie nach hinten. Irgendwann verdient all das nicht mehr viel Zeit und Aufmerksamkeit, und wenn sich andere darum sorgen wollen, lasse ich sie das gern tun.“

Clinton werkte vier Jahre lang als Außenministerin, reiste dabei mehr als ihre Amtsvorgänger und blieb auch bei desaströsen Rückschlägen wie der Veröffentlichung der geheimen Botschafterdepeschen („Cablegate“) erstaunlicherweise unangefochten.

Hillary Rodham Clinton ist 65 Jahre alt und hat angekündigt, nicht noch eine Amtszeit als Außenministerin zur Verfügung zu stehen. Wenn im November 2016 der nächste US-Präsident gewählt wird, ist sie 69. Ob Clinton kandidiert, weiß niemand, vielleicht nicht einmal sie selbst. Sie würde in jedem Fall über mehr politische Erfahrung verfügen als alle möglichen Bewerber, natürlich auch die männlichen. Ein klein wenig Herablassung der Grande Dame gegenüber den Greenhorns wäre dann angebracht.

Hillary Rodham Clinton

- Erste Studentin (inklusive der männlichen
Studenten), die am Wellesley College die Abschlussrede hielt

- Erste Frau als vollwertiger Partner der Anwaltskanzlei Rose Law Firm

- Erste Frau im Aufsichtsrat des US-Einzelhandelskonzerns Wal-Mart

- Erste First Lady mit postgradualem Universitätsabschluss

- Erste First Lady mit eigener Berufskarriere zum Zeitpunkt der
Übersiedlung ins Weiße Haus

- Erste First Lady, die sich für ein öffentliches Amt bewarb

- Erste Frau als Senatorin von New York

- Erste Ex-First-Lady als Kabinettsmitglied eines US-Präsidenten