Festwochen Gmunden: Sperrzone

Karbach gilt als einer der schönsten Flecken im ­Salzkammergut und der Festwochen Gmunden. Bei der Jahrhundertflut wurde das Gebiet massiv in Mitleidenschaft gezogen. Dabei hatte ein Geologe frühzeitig vor Geröllmuren gewarnt.

Am ganzen Attersee gebe es keinen Ort wie diesen. Ein Paradies sei es gewesen. Ewig schade darum. Die Kommentare derer, die in diesen Tagen quer über den Traunsee nach Karbach am Ostufer kommen, sind einhellig. Die ambitionierten Festwochen Gmunden bewerben den Flecken als einen der schönsten Plätze im Salzkammergut. Sie bespielen unter anderem den Vierkanthof Thomas Bernhards in Ohlsdorf, das Schloss Ort und das nur per Boot oder stundenlangen Fußmarsch erreichbare Karbach. Im Vorjahr griff der Wiener ­Liedermacher Ernst Molden hier in die Saiten, auf den Holzbänken direkt am See saß auch Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny, schwärmte von der „Symbiose aus Karbach und Molden“.

Heuer wird es damit nichts. Der Spielort am Wasser ist vom Stadtamt Gmunden zur Sperrzone erklärt worden, Moldens Auftritt wurde in die Hipphalle verlegt. Statt Konzertkarten und Einkehr bei Florian Vogl (Foto), dem „skurrilsten Wirten des Salzkammerguts“ (profil im Sommer 2010), erwartet Besucher der kleinen Halbinsel eine Steinhalde. Gesperrt ist auch der Steinbruch­betrieb, der sich seit mehr als 100 Jahren in den dahinterliegenden Berg frisst.

Warnung bereits im Herbst
Bei der Flut Anfang Juni hat eine gewaltige Geröllmure den Platz verwüstet. Unter den vielen tausend vom Hochwasser und von Murenabgängen verheerten Häusern und Landstrichen ist Karbach eine marginale Größe. Doch es steht im Kleinen für die Suche danach, inwieweit Natur und wo menschliche Eingriffe Art und Ausmaß der Schäden verursacht haben. Geologe Roman Lahodynsky von der Universität für Bodenkultur in Wien hatte bereits im vergangenen Herbst ­gewarnt. Neben der Naturgewalt des Wildbaches führte er eine Reihe „künstlich hervorgerufener Gefahrenquellen“ an: landschaftliche Eingriffe, fehlende Instandhaltung von Schutzbauten und deren möglicherweise widerrechtliche Verwendung. Der Steinbruchbetrieb (die Mineral Abbau GmbH des Strabag-Konzerns, Anm.) habe Rückhaltebecken für Geröll mit Feinschlamm gefüllt, bei Hochwasser fehle ­ihnen daher jede Schutzfunktion. Am Wildbach fand Lahodynsky Schlägerungsabfall und ganze Baumstämme, die zum Abtransport per Muren oder Bacherosion liegen gelassen werden. Waldeigner sind die Bundesforste.

Die Folgerung des Geologen war eindeutig: „Angesichts der künstlichen Eingriffe und Unterlassungen sollte man im Katastrophenfall dann aber nicht von einem ‚Naturereignis‘ sprechen, da menschliches Handeln zumindest einen bedeutenden Beitrag geleistet hat.“ Gefährdet nannte er Arbeiter und Besucher all dessen, was inzwischen auf dem Mündungsplatz des Karbachs angesiedelt worden ist – die Gebäude des Steinbruchs und die Mole für Lastkähne, die den abgebauten Split und tonnenschwere Felsen über den Traunsee abtransportieren: Jagdhütte, Wirtshaus, Landungssteg eines Schiffahrtsbetriebs, Forststraße.

Halbinsel völlig vermurt
Die Gefahreneinschätzung des Geologen hatte keines der zuständigen Ämter, sondern der kauzige Pächter des Jausenwirtshauses Vogl veranlasst. Seinen Gästen gilt er als eigensinniges Original, Institutionen als Querulant. Mit dem brisanten Papier in der Hand belagerte Vogl Amtsstuben so lange, bis die Bezirkshauptmannschaft Gmunden Ende März einen Lokalaugenschein anberaumte. Die Befunde der Experten waren eindeutig. Andreas Waltenberger, Amtssachverständiger für Wasserbautechnik, stellte fest, man habe „keinen ordnungs- beziehungsweise bescheidgemäßen Zustand“ vorgefunden. Die Mineral Abbau GmbH (im Jahr 2011 schrieb die Strabag-Tochter bei 16 Millionen Euro Umsatz 0,8 Millionen Euro Verlust) müsse die Rückhaltebecken für Geschiebe halbjährlich räumen, tatsächlich sei das zuletzt vor zwei Jahren gemacht worden. Der rote Schlamm im Rückhaltebecken, der den Traunsee verunreinigt und bei Hochwasser zur Rutschbahn für Fels wird, müsse laut ausdrücklichem ­Bescheid in ein eigenes Becken hochgepumpt werden. Wolfram Bitterlich von der Wildbach- und Lawinenverbauung ortete „sehr grobe Missstände bei den Verbauungen, aber auch im Karbach selbst“. Diese sollten dringend behoben werden, „um ­einer Zunahme des Gefährdungspotenzials für den Siedlungsraum am Schwemm­kegel entgegenzuwirken“.

Klaus Stifter vom Steinbruch-Unternehmen gab zu Protokoll, im Jahr 2012 sei die behördlich verfügte Räumung des Geschiebebeckens wegen geringen Anfalls nicht notwendig gewesen. Den Schlamm werde man „entsprechend den Vorgaben abtransportieren“. Bundesforste-Revierleiter Stefan Mößler sprach ebenfalls von nicht erlaubter Schlammdeponierung und gab zu Protokoll, seines Wissens werde der Karbach selbst regelmäßig von der Stadtgemeinde Gmunden begangen. Sie sei laut Forstgesetz für den Wildbach zuständig – auf Missstände habe sie nie hingewiesen.
Der sintflutartige Regen brachte tatsächlich, was Geologe Lahodynsky befürchtet hatte: Am Sonntag, dem 2. Juni, wurden die idyllische Halbinsel völlig vermurt, die Hochwasserschutzmauer und eine Brücke zerstört sowie ein Betriebsgebäude des Steinbruchs unterspült. Wolfgang Gasperl, Chef der Wildbach- und Lawinenverbauung in Oberösterreich, hielt danach penibel fest, dass erste Sicherungsmaßnahmen vor Ort 1944 im Auftrag des NS-Reichsstatthalters und danach durch die Bundesforste sowie die Solvay-Werke erfolgten, die den Steinbruch 2005 an die Strabag-Tochter verkauften. Die Strabag sprach trotz der jüngst protokollierten Missstände und Rechtswidrigkeiten gegenüber profil von Unterstellungen, die man zurückweise. Auch Gutachter Gasperl erkennt nur noch ein Starkregen-Ereignis. Dieses habe Verbauungen zerstört und zu „sprunghafter Verschlechterung der Gefährdungssituation geführt“. Karbach sieht er ohne Schutzbauten nur noch für Bergbau nutzbar. Der Damm, den der Steinbruchbetrieb noch rasch vor der Flut aufgeschüttet hatte, hat laut Gasperl übrigens eines erreicht: „Er leitet die Stoßrichtung eventueller Muren in Richtung Süden, Zugang zum Tourismusbetrieb, ab.“ Genau diesen Weg hat die Mure genommen.

Ob an einem der schönsten Plätze des Salzkammerguts nun nur noch ein Steinbruch bleibt oder auch das Refugium samt dem aufmüpfigen Wirt Florian Vogl, der in seiner Holzlaube US-Milliardär Larry Ellison wie jeden anderen Gast duzt, ist offen. Andreas Gruber von den Bundesforsten: „Uns gehören der ganze Traunsee und die Berge rundum. Wir sondieren jetzt in den See-Gemeinden das öffentliche Interesse am Tourismus in Karbach.“ Das Interesse der Gmundner Festspielgemeinde ist dem Ort jedenfalls sicher.